Der Wechsel eines Zustands

Die letzten Wochen beschäftigte ich mich mit dem Digitalisieren der letzten erhaltenen Exemplare meiner jugendlichen Gedichtbände Gedankenwelt (1998) und Ungedanken (1999). Die kritischen Nachbetrachtungen können unter dem jeweiligen Link nachgelesen werden.

Die Entdeckung

Beim virtuellen Kramen auf meiner Festplatte kam mir allerdings noch etwas anderes unter. Ich stieß auf jene expressionistische Prosa, aus der später das system kältetrauma werden sollte. Ich habe mich wieder einmal wortverliebt.

Es muss irgendwann zwischen 1999 und 2003 gewesen sein. Der Wandel vom biederen Kreuzreim zum überladenen Wortschwall hatte bereits begonnen und ich suchte – ob bewusst oder unbewusst, lässt sich heute nicht mehr seriös behaupten – nach geordneteren Ausdrucksformen.

Das Ausgangsmaterial zu system kältetrauma war der erste Text, den ich formal radikal umgeschrieben habe und mit dem ich mich daher sehr intensiv und wiederkehrend beschäftigt habe. Ich war nun, 2026, dennoch überrascht von einer gewissen Qualität des zugrunde liegenden Textes und von dem Sog, der mich beim Lesen tatsächlich selbst noch erfasste.

[namenlos] – system kältetrauma im Zustand: expressionistische Prosa

hier, in der nacht der nackten neonsonnen, der flackernden werbesterne, hier in der nacht, in der straßenlaternen impressionistische farbflecken zaubern – sie stechen in die augen des nachtschwärmers, ich – hier in der nacht lauert das unbehagen. heute einsam, heute auf der flucht, kein ich mehr, kein es, kein sie inmitten dieser betonstahlriesen, die uns umengen. wir, die kinder dieses monsters, steine, verschluckte kiesel bloß, glattgerieben vom monströsen leib dieser mutter. wir kleinen menschen, organismenschen, organische teilchen in einem stahlverband aus steifem grautod, wir hören sie wispern, aus tiefschwarzen mäulern: „woher kommt das eis?“ und ihre höhnenden augen, vielzählend, stieren aus den mauern aus stein, aus den mauern aus fleisch, aus den gesichtern der toten und scheintoten und baldtoten; gernetod.

es ist kalt hier, atemwolken stäuben, eis breitet sich aus, auch im geist. „woher kommt das eis im geiste?“ ich stolpere durch diese nacht, tiefer hinein ins mysterium nichts. ich, so ergraut, so farbentzogen, schleiche ich mich durch düsterdunkle gassen, hier lauern rattenhafte, nadelatmer, sie fragen ständig mit gebrochener stimme, halb flüsternd, halb schreiend, fragen sie nach nichts und warten auf eine antwort aus den tiefen der kanäle, den höhen der mäste, sie glimmen des nachts, die seichte des himmels. weiter, tiefer, durch rauschwaden aus der unteren welt, wo der könig mal hauste, wo sein zepter verloren ging, das er aus knochen sich baute: ein bein, ein kopf, mein freund, es ist schrecklich still geworden.

wir, kinder, wir kinder sind die totentänzer zur melodie der hure, sie pfeift sie, diese blasphemischen lippen! wir sind die artisten auf den eisenbalken, die ewig endlich sind, ein fehltritt hier, und die zeitlosigkeit umarmt dich süßlich duftend nach vergessenen träumen. „ich nicht kind mehr“, geflüstert unter dem schwarzen nachtverbau über meinem schädel, klein und dünne schale, die kinder beginnen sich zu zerfleischen, ein gewirr aus sich selbst nicht mehr kennenden brüdern und schwestern, der gegenseitige fleischverzehr, der arm des bruders etwas zäh, das bein der schwester herrlich zart. das andere ist der feind im ich, sie zerfetzen das „das bin ich nicht“.

schnelles grau, wie morgennebel über dem roten fluß, komme nie zu spät, die glaubensmüden hasten durch sich selbst hindurch, hoffen auf einen riß im raumzeitkontinuum. im untergrund, künstlich bedunkelsonnt, hier setze ich schritt nach schritt, taste mich an der feuchtschleimigen wand entlang in nimmermeer. die poesie der unterwelt, die philosophie der hoffnungslosen, neue kunst, geboren von den u-bahn-kindern. sie sind propheten, ihre zukunftsvisionen rasen donnernd auf rotbraunen eisenbahnwaggons, beladen mit fleisch, kadavern, durchs land, rasen schwarzrotgeschmiert auf atommülltransportern durch die menschliche barriere der demonstranten. stahlkolosse auf der oberfläche, blechgeschosse durchfetzen die schutzschicht, es ist genosse angst, unser treuer freund an den blutigen fersen, er hält sich versteckt hinter den weingläsern, im weiß der leergesaugten augen.

wir, kinder, wir kinder fragen uns, wo wahrheit ist. wir stolpern durch die kalte nacht auf der suche nach ihr, glauben sie im milchigen leib der nackten hure, die den letzten schluck uns stiehlt. wo ist das leben? in ihrem feuchten atem, an abgeschlachteten litfaßsäulen, nährt uns weisheit durch die heilige spitze der nadel im fleisch, ist das leben in den büchern, die vergilbt durch die zeit gammeln, ist wahrheit existent? was ist wahrheit, fragen wir uns, kinder der hure, ist es das geschmier unserer blutigen hände an den wänden des untergrunds?

in der halle gottes hallt nichts wider, ein einsames kreuz verliert den glauben an den, den es trägt. die neuen tempel sind aus glas, stahlglas, betonstahl. die neuen tempel, der neue gott der mode, des konsums, der neue gott erschuf eine neue spirale, abwärts gewandt. wir sind statisch, denken nicht, wir sind lethargisch, lenken nicht, keiner lenkt den wagen, der auf eine mauer aus schuld zurast.

einer will, einer will ausbrechen, haltet ihn nicht fest. ich will hier raus, egal, was oder wo hier ist. ich stehe frei, keine menschen, keine seele, ich stehe frei zum abschuß, ich flüchte, ich flüchte zurück. leergefegte straßen.

„es gibt keine wiederkehr, keine rückkehr in einen sanften schoß, keine rückholung in den arm einer liebenden mutter. es gibt nur wiederholung. es gibt nur ewig neues werfen von gleichgeformten würfeln mit altbekannten zahlen.“

ein wahnsinnig gewordener rast mit einem verrosteten opel kadett im kreisverkehr gegen den uhrzeigersinn und findet keinen ausweg aus dem dilemma.

„irgendwo habe ich mich verloren, mitten auf dem weg. ließ mich fallen, ging weiter, sah nie zurück. wo suchen, was tun?“

„es sind die immergleichen fragen, die säuregleich brennen, löcher ins hirn einätzen. moral, ethik, gewissen. nichts wissen.“

wir sind marionettenhafte tänzer, steifgliedrige puppenkinder, wir tanzen zwischen den sphären von jetzt und gestern und hier und ewiglich gleichem.

„es sind die immergleichen weggefährten, die uns begleiten auf der reise ins ungewisse. was ist gut und was ist böse und gesetz.“

befremdlich heute die vorgegaukelte normalität. blätter formieren sich unter meinem blick zu schaurigen gewirren von grünschattierten gewebeformen, ich sehe, sehe sie, mein fleisch. äste wie adern undefinierter wesen, blutlos. motorengeräusche wie das geheul tollwütiger höllenhunde, die mich jagen, immerzu, mir nach! luft, ein tödliches gemisch aus gas und schweiß und abgasen und säure und angst.

ein park. abnorm.

wie die parkbank, auf der ich sitze: gedankenlos, abblätternd in farbe als selbst, keine kenntnis meiner selbst. unter dem dach zweier buchen, die es aus ihren ästen geflochten haben mit knöchernen fingern, eiskalt, kriecht die traurigkeit in meine gebeine, noch nicht tot, nur abwesend vom hier, erstarrt. die weiter vor mir entschwindet ins nichts, dieses nebelige nichts

(Hier endet der Text unvermittelt.)

system kältetrauma im Zustand: expressionistische Lyrik

Der überarbeitete Text kann hier nachgelesen werden.

Ungeachtet dessen, ob es krankhaft selbstverliebt ist, dass ich mich mit der Entwicklung meiner eigenen Texte auseinandersetze, oder ob das nur Ausdruck eines reflektierten Selbst ist, möchte ich ein paar Gedanken zur Umarbeitung teilen.

Die Formgebung

Ich empfand meinen damaligen Schreibstil nicht mehr als passend – weder zu der Persönlichkeit, die darin Ausdruck suchte, noch zu dem, was ich schriftstellerisch darstellen wollte. Durch Herauslösen der Bilder, durch Verdichtung, Strophenbildung und Unterteilung in Einzelgedichte sowie Akte habe ich versucht, den Wortschwall – nennen wir ihn flüssig – zu verdichten und in eine Form zu bringen – nennen wir sie kristallin.

Dadurch wurde das zuvor ausdrücklich sprechende Ich insbesondere im ersten Akt weitgehend durch eine distanziertere, stärker beobachtende Perspektive ersetzt. War das eine gute Entscheidung? Vergleichen wir einzelne Stellen, die sich nach der Überarbeitung noch zuordnen lassen:

hier, in der nacht der nackten neonsonnen, der flackernden werbesterne, hier in der nacht, in der straßenlaternen impressionistische farbflecken zaubern – sie stechen in die augen des nachtschwärmers, ich – hier in der nacht lauert das unbehagen.

wurde zu:

metropole in nacht getüncht
impressionistische farbflecken
flackern auf & brennen durch

ie lauernde Gefahr ist zwar verschwunden, als komprimierte Bildbeschreibung funktionieren diese drei Zeilen meiner Meinung nach jedoch gut. Der neue, hermetischere Stil sagte mir zu; er entsprach mir sozusagen.

Manches, wenn nicht vieles, hat durch die Transformation gewonnen, wie ich finde. Manches allerdings ging verloren, wurde umgedeutet oder musste der Form untergeordnet werden.

die kinder beginnen sich zu zerfleischen, ein gewirr aus sich selbst nicht mehr kennenden brüdern und schwestern, der gegenseitige fleischverzehr, der arm des bruders etwas zäh, das bein der schwester herrlich zart. das andere ist der feind im ich, sie zerfetzen das das bin ich nicht.

wurde zu:

kleine wolfsjungen fressen –
reißen andersfleisch entzwei –
zerfetzen das bin ich nicht!

Dadurch wird die ursprüngliche Bedeutung nicht nur verkürzt, sondern auch verschoben: Aus dem inneren Konflikt mit dem „feind im ich“ wird ein allgemeineres Bild des Zerfleischens des Andersartigen.

in der halle gottes hallt nichts wider, ein einsames kreuz verliert den glauben an den, den es trägt.

wurde zu:

die götterbauten sind
leergefegt – oxidierter
sakralmüll

Das einsame Kreuz, das den Glauben an den verliert, den es trägt, halte ich immer noch für ein interessantes und mehrdeutiges Bild. Es wurde für eine formal geschlossene Strophe geopfert. Formgebung bedeutet nicht nur Gewinn. Sie bedeutet auch Auswahl – und damit in diesem Fall Verlust.

Die Kreisverkehrsszene sowie „es gibt nur ewig neues werfen von gleichgeformten würfeln mit altbekannten zahlen.“ wurden zu

einbahnstraßen
keine wiederkehr
nur wiederholung
im kreisverkehr
gefangen

Die Skurrilität des Mannes im Kreisverkehr ist abhandengekommen, und das Würfelgleichnis wurde – wenn auch im Nachhinein nicht unbedingt originell – komplett gestrichen.

Hat die den Texten zugrunde liegende Idee durch die Bearbeitung gewonnen oder verloren? Ich glaube: weder noch. Sie wurde zu etwas anderem. Aus dem fließenden Wortstrom wurde eine kristalline Struktur.

Diese Umarbeitung lässt sich als Beginn jenes expressionistisch-hermetischen Schreibstils verstehen, den ich in weiten Teilen bis heute beibehalten habe. Gerade deshalb war diese Wiederentdeckung und die erneute Beschäftigung mit dem Text für mich so spannend – und hoffentlich auch für jene, die tatsächlich bis hierher gelesen haben.

Ob diese Betrachtung nun krankhaft selbstverliebt oder Ausdrucksform eines reflektierten Selbst ist, möge der Leser entscheiden.