Ungedanken

Auf den 1998 im Selbstverlag erschienenen – was so viel heißt wie selbst bezahlt und unverkauft – Gedichtband Gedankenwelt folgte 1999 Ungedanken. Ein erster Fortschritt ist damit bereits erkennbar: Ungedanken ist immerhin eine Wortneuschöpfung. 

Nach dem ernüchternden Urteil, das ich der Gedankenwelt rund 28 Jahre später ausstellen musste, war ich auf die Ungedanken gespannt. Irgendein Fortschritt sollte sich doch abgezeichnet haben. Das Vorwort, datiert mit 11.11.1999, war wieder vielversprechend – ähnlich den Lobhudeleien auf dem Cover schlecht verkaufter B-Movies. Diese Nachgedanken entstanden am 05.10.2026.

Erstes Gedicht: die erste Erwähnung von Seele. Ich war verzweifelt.

Zweites Gedicht: „Der Kerze Schimmer / taucht mein Zimmer“ Ich legte das sogenannte Buch weg und rührte es eine Woche lang nicht mehr an. Ich war verzweifelt.

War ich zu hart zu meinem jugendlichen Selbst? Nein. „Der Kerze Schimmer / taucht mein Zimmer“ ist zu jeder Tages-, Jahres- und Lebenszeit gleich fürchterlich. Nach einer Woche hatte ich mich gefangen und transkribierte das Buch unerschrocken, aber kopfschüttelnd Seite für Seite.

Es wurde nicht besser.

Immerhin fand sich nach etlichen Seiten voller Kerzen und Schimmern etwas Erheiterndes: Selbstironie. Unter dem programmatischen, hochtrabenden Titel „Und?“ zerfiel ein Gedicht direkt vor meinen Augen; der Autor trat dann vor den Vorhang und stritt mit sich selbst über sein Unvermögen:

Was war der letzte gute Reim, den ich gemacht?
In diesen Zeilen finde ich keinen.
Schwach, könnte man meinen.
Ah, da ist was:
Du hast mein Herz zum Schlagen gebracht.
Und? Jetzt höre ich nichts mehr!
Und wo kommt jetzt das Rasseln her?
Ach, das sind bloß die losen Schrauben,
die Bruchstücke verlorenen Glauben.
Glauben? Heißt das nicht Glaubens?
Seid doch ruhig, wenn ihr’s nicht besser könnt!
Jetzt hör endlich auf mit diesem Scheiß!
Ich bin ja eh nur ein Trottel, der nichts weiß!

Hochliteratur war das nicht. Immerhin wusste der Autor davon.

Bevor ich mich im nächsten Absatz mit Ausrufezeichen über den armen Leser hermachte, schrieb ich:

Doch Identität, was ist sie schon?
Nur eine Maske, was anderes nicht,
eine Maske auf einer Maske
und erst viele Masken später
zeigt sich das wahre Angesicht.

Die Maskenmetapher dürfte ungefähr einen Tag jünger sein als die Maske selbst und ist damit so tragfähig wie eine Brücke aus den letzten Strohhalmen, die ein Dichter noch entbehren kann. Darin zeigt sich aber ein Grundgedanke, der offenbar geblieben ist: Unter der Oberfläche liegt etwas verborgen, das enthüllt werden kann. Ich enthüllte zwar nichts, aber der Gedanke keimte, entwickelte sich und schlug Wurzeln.

Das Gedicht Lethargie tat dagegen bereits etwas, das ich auch heute noch mache: einen Gedanken durch Wiederholung und minimale Veränderung so lange zu umkreisen, bis die Form selbst sichtbar macht, was der Text sagen will. Die letzten beiden Strophen:

Was nun?
Nichts – nur warten.
Was tun?
Nichts – nur warten.
Bis wann?
Bis – später.

Was nun?
Nichts – nur warten.
Was tun?
Nichts – nur warten.
Seit wann?
Seit – früher?

Das ist kein großes Gedicht, natürlich nicht. Aber das Verfahren ist gleich geblieben.

Es gab jedoch – so ehrlich muss ich auch hier wieder sein – größtenteils lyrische Nullen. Im Nachhinein muss ich feststellen, dass ich die Lebenserfahrung aus persönlichen und familiären Erlebnissen in keiner Weise in eine literarisch brauchbare Form bringen konnte. Vielmehr erging ich mich in Extremitäten – ja, auch in diesem Sinne! – und schrieb über Mord, Verstümmelung, Suizid, Verwesung und Tod, weitgehend ohne Reflexion.

Schon an anderer Stelle habe ich mir sinngemäß attestiert, dass ich Jahre benötigte, um Erlebtes zu verarbeiten, zu erkennen und schließlich zu akzeptieren. Das hier war noch keine Verarbeitung. Vieles war ein vordergründiger Provokationsversuch, aber immerhin wusste ich bereits, dass ich provozieren wollte und versuchte nicht mehr, es als tiefsinnig zu vermarkten.

Auch eher unfreiwillige Komik lässt sich zitieren:

Engel müssen verdammt häßlich sein,
sonst würde man sie ja sehen.

Erstaunlich stabil geblieben ist dagegen meine Skepsis gegenüber Nationalstolz. 1999 formulierte ich sie noch mit dem philosophischen Feingefühl eines Vorschlaghammers:

Die unsinnigste, aber sehr oft mit Erfolg eingesetzte Waffe der Politik ist der
Appell an den Nationalstolz. Das kann doch nur ein Witz sein, denn welch
rational denkender Mensch würde schon stolz sein auf den glücklichen
Umstand hin, in einem bestimmten Land zur Welt gekommen zu sein.
Nationalstolz ist der gleiche Schwachsinn wie der Stolz auf seine Rasse.
Glückliche oder weniger glückliche (vom Betrachter aus) Umstände, nicht
mehr und nicht weniger.

Ich möchte außerdem auf mein Rätsel von 1999 zurückkommen und mich selbst abermals erfolglos fragen, was ich damit wohl gemeint haben könnte:

Von 11 nach 1 ist es ein langer Weg.

Keine Ahnung.

Ich schrieb über moralisch korrekten Satanismus und legte dem armen Teufel, der ohnehin schon für alles Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wird, folgende Worte in den Mund:

„Nichts ist stärker als das andere. Aber das Eine funktioniert ohne dem Anderen nicht. Es muß immer zwei Seiten geben.“

Grammatik gehörte offenbar ebenfalls zu den Dingen mit zwei Seiten, wobei diesbezüglich definitiv nur eine Seite richtig ist.

Ich schrieb über einen suizidalen Rockmusiker. 

Aber dann …

Zeitlupe.

Zeitlupe war wohl einer meiner ersten albtraumhaften Versuche im automatischen Schreiben:

Vielleicht lag es an dem dichten Rauch, der ihm das Atmen erschwerte und sich in seinen Lungen festsetzte, der dichte Rauch, der seine Augen erröten und die Tränen fließen ließ; oder es lag an der lauten Musik, die sich in ihrer Urgewalt den Weg durch seinen Gehörgang, das Trommelfell, über Hammer, Amboß und Steigbügel in sein Gehirn erkämpfte und in seinem Schädel dröhnte; oder es lag an der schwülen Hitze, die seine Poren zum Schwitzen brachte, seine Atmung beschleunigte und seinen Puls in die Höhe schnellen ließ; oder es lag an diesem immer wieder aufblitzenden grellen Licht, das seinen Sehsinn überstrapazierte und ihn langsam in den Wahnsinn trieb, dieses grelle Blitzlicht, das die Umgebung um ihn wie eine surreale Alptraumwelt erscheinen ließ, in der monstrenhafte Tänzer ihre Körper wirbeln ließen; oder es lag einfach nur an dem Bier, das, warm und schal, durch seine Speiseröhre floß, sich in seinem Magen verteilte und seine Wirkung schneller als sonst üblich entfaltete. Was es nun wirklich war oder ob es alles zusammen war, wußte er nicht, doch er wußte sehr wohl, daß es ihm nicht gut bekam.

Immerhin: Ich kann selbst heute nicht behaupten, dass ich das furchtbar finde – weder als Text meines damaligen Ichs noch überhaupt. Was ist dieses „es“ nun, und woran lag es? 

Tja.

Es steigerte sich in eine wahrlich höllische Abfolge von Visionen, ausgelöst von einer Fliege.

Nach der abermaligen Störung der Störungen entschied sich sein Körper dazu, einfach nur mehr das Empfinden der Übelkeit beizubehalten und weitere Beeinträchtigungen des Körpers vorübergehend zu unterlassen. 

Nicht aber die Fliege, welche summend um seinen Kopf kreiste, sich in den von Schweiß durchnäßten Haaren niederließ, um dort ihre kleinen Beine zu putzen, bis ein kurzes Kopfschütteln ihre Säuberungen unterbrach und sie ein paar weitere Runden um den Schädel ihres Auserkorenen drehte.

[…]

Langsam zerfloß der Schädel und das braun-rot-weiße Überbleibsel rann langsam die Schultern, den Bauch und den Rücken hinunter, lange Schlieren bildeten sich, rissen in der Mitte auseinander und der abgetrennte Rest fiel auf den Boden, auf dem sich inzwischen neue Maden gebildet und sich zu einem großen Haufen am Fuße des Barhockers aufgetürmt hatten. Als der Schädel komplett zerschmolzen war, saß nur noch die Spinne an dem Platz des nicht vorhandenen Kopfes und ihre Augen leuchteten hellrot, ihre Zangen arbeiteten und ihre Füße zuckten. Dann machte die Spinne einen gewaltigen Satz und sprang auf ihn zu, die Beine weit vom Körper weggespreizt, jedes Haar aufgestellt flog sie ihm entgegen. Wild schlug er um sich, um den Flug des todbringenden Tieres aufzuhalten, und vor lauter Panik fing er an zu schreien und schloß die Augen.

Nichts passierte.

Nach sexuellen Fantasien über eine Kellnerin nähern wir uns dem Finale: 

Wohin er auch lugte, alles war voll von überdimensionalen Insekten und Schlangen, auch das Reptil vom Hocker nebenan hatte sich bereits in seine Richtung bewegt, sich vor ihm aufgebaut und seine Nackenmuskeln angespannt; es sah so noch bedrohlicher aus, als es zuvor schon gewesen war, und ließ seine Zunge aus dem Maul schnellen. Ohne Vorwarnung sprang es ihn an, riß ihn um und umklammerte seinen Körper mit ihrem Schwanz so fest, daß er nicht mehr in der Lage war, zu atmen. Laut und schrill schrie er, wild schlug er um sich und versuchte, das Tier durch Tritte und Schläge von sich herunterzubugsieren, doch je mehr er sich anstrengte, desto fester wurde die Umklammerung. Die anderen Biester hatten sich um ihn versammelt und betrachteten ihn bei seinem Tod mit ausdruckslosen Augen, die weder glänzten noch sich bewegten. Sie starrten ihn nur an, so lange, bis die Schwärze ihn übermannte. 

Der Protagonist erwacht in einem weißen Raum und: 

Herein kam ein großgewachsener, hellhäutiger Mann, den er auf Mitte dreißig schätzte, dessen Kinn von einem ungepflegten Bart bewachsen war und dessen Augenbrauen fast so dicht wie sein wildes Haupthaar waren. Er trug weiße Hosen, die etwas zu kurz waren, und einen weißen Kittel, welcher lose an seinem mageren Körper hing, dunkelbraune Sandalen und blaue Socken, die schon etwas abgewetzt waren. Trotz seiner rüden Erscheinung strahlte der Mann Ruhe aus und er hoffte, daß er mit ihm gemeinsam gegen die Ungeheuer der Bar kämpfen würde.

Er sah, wie sich die Hand des Hageren seinem Unterarm näherte und voll Schrecken mußte er erkennen, daß er statt Fingerkuppen kleine schleimige Tentakel hatte …

Nun, es gibt Schlimmeres. Für eine Folge von X-Factor: Das Unfassbare hätte es mit entsprechender Inszenierung, passenden Schauspielern, der richtigen Kellnerin und unglaublich guten Spezialeffekten vielleicht sogar gereicht … 

Danach erging ich mich in der „Konversationsanalyse“ und versuchte, pseudowissenschaftlich menschliche Kommunikation zu zerlegen und große Teile davon als unnütz zu entlarven – wovon ich, streng genommen, bis heute nicht vollständig abgerückt bin. 

Später begegneten mir Begriffe und Gedanken, für die mir damals noch das Vokabular fehlte: Inkommensurabilität, die Grenzen sprachlicher Verständigung und die Vorstellung, dass sich manches nicht restlos in Worte fassen lässt. Noch später las ich Friedrich Nietzsche. Ludwig Wittgenstein habe ich bis heute nicht gelesen. 

Es bleibt ein schales Gefühl zurück. 

Im verklärenden Rückblick hatte ich tatsächlich etwas mehr Tiefgang erwartet und keinen derart konsequenten literarischen Untergang. Mir war natürlich bewusst, dass diese Frühwerke nicht die Erzeugnisse eines verkannten Genies waren. Ein klein wenig mehr hätte ich von mir selbst trotzdem erwartet. 

Ganz so trostlos wie nach der neuerlichen Lektüre der Gedankenwelt fällt das Urteil allerdings nicht aus. Zwischen all dem Herz, der Liebe, der Seele, dem Tod, den Messern, Maden, Engeln, Teufeln und sonstigen Zumutungen tauchen in den Ungedanken vereinzelt Dinge auf, die geblieben sind: die Lust an Wiederholung und Variation, das Misstrauen gegenüber Sprache und gesellschaftlichen Gewissheiten und die Neigung zum Grotesken. Ziemlich grotesk.

1998 wollte ich offenbar etwas sagen, konnte es aber noch nicht. 1999 wollte ich alles sagen, konnte es aber immer noch nicht. Das war vielleicht, wenn nicht das Problem, so doch ein Problem.

Die Ungedanken waren mein letzter im Selbstverlag erschienener – was so viel heißt wie selbst bezahlter und unverkaufter – Gedichtband.