Gedankenwelt
Das Vorwort meines ersten Gedichtbandes „Gedankenwelt“ ist mit 25.12.1998 datiert. Übergroße Aufgaben gestand sich mein 17-jähriges Ich zu: “Menschen zum Nachdenken animieren, Mißstände in Form von Parabeln aufzeigen und vermeintliche Wertmaßstäbe zerstören und auf dem Schutt der alten Ideologie eine neue erstehen lassen” wollte ich. Dieses Vorhaben war nicht allein aufgrund seines Anspruchs zum Scheitern verurteilt. Der Verweis auf die Benutzung „einfacher Sprache“ war wohl zurückhaltend gemeint, entsprach aber eben auch der gedruckten Wahrheit.
Ich lief mit diesem selbstgedruckten Büchlein durch die Lokale Wiener Neustadts und versuchte es zu verkaufen. Der Erfolg war enden wollend.
Jahre später vernichtete ich bis auf ein Exemplar alle noch vorhandenen Bücher, die mangels Verkaufserfolg noch einen hohen Stapel bildeten. Auch die digitalen Spuren löschte ich. Schon beim auszugsweisen Durchblättern empfand ich dieses jugendliche Machwerk als zu missglückt. Man kann es bestenfalls als emotionales Zeugnis meiner damaligen Überlegungen, wohlwollend als typische Teenager-Leidens-Lyrik und ehrlicherweise als katastrophales Ergebnis einer ersten Suche nach schriftlichem Ausdruck bezeichnen.
Dennoch haben diese Texte ihren Platz, denn alles hat einen Platz.
Heute, am 01.10.2026, schreibe ich diese Zeilen, denn ich habe in den letzten Tagen das letzte verbliebene Exemplar digitalisiert. Es schmerzte mich förmlich, es abzuschreiben; und hätte ich damals auch nur einmal mehr das Wort „Seele“ benutzt, wären es wohl mehr Seelen gewesen, als der von mir ebenfalls gern gebrauchten „Hölle“ je vom „Satan“ zugeführt worden wären – vermuteterweise, versteht sich.
Obwohl mein damaliges Ich zu Übertreibungen und zugespitzten Übertreibungen, die oftmals in einer übertriebenen Übertreibung gipfelten, neigte und wie selbstverständlich vermeintliche Erkenntnisse so gut wie immer absolut setzte, gibt es ein paar Nuancen und einen Satz – den einen Satz –, die mir auch heute noch erwähnenswert erscheinen.
Einen Satz – den einen Satz – möchte ich aus dem Jahr 1998 ins Jahr 2026 retten:
Gott starb gestern Nacht
als Vierjähriger bei einem Verkehrsunfall.
In der pathetischen Selbsterklärung „Mein Geist, mein Ich und meine Seele“ findet sich ein Gedanke, der ebenfalls rettenswert erscheint.
Meine Gedanken kann man mit einer Kette aus vielen […] Eindrücken beschreiben […]. Jedes Glied dieser Kette gleicht einem Möbiusband[…].
Zwar kann man an den Auslassungszeichen erkennen, dass um diesen Kern viel zu viel herumgeschrieben wurde, aber dennoch ist dieser Ansatz weiterhin gültig. Ich bin immer noch der Ansicht, dass jedes Wenn nach einem Dann verlangt – und beinahe jedes Dann nach einem Aber.
Unter den vielen missglückten Versuchen sticht einer dennoch heraus. Nicht wegen seiner Qualität, sondern wegen seiner Ambition. In sieben Teilen entfaltet sich der Zyklus
Die Verdammten
I. Waldmorbidum
II. Leichenfest
III. Totenballett
IV. Todessturz
V. Wiederauferstehung
VI. Zusammenkunft
VII. Zur Ewigkeit
Der Wald beginnt als Ort der Erholung, der Protagonist trifft auf lebendige Leichen und der Wald wird so zum Totenreich. Das Totenreich beginnt als Horrorvision, geht in Faszination, dann gar in Liebe über und wird nach dem Tod des Protagonisten zum ersehnten Zufluchtsort.
Doch and’rerseits bin ich fasziniert
von den lebensfrohen Toten,
die mir in der alten Schloßruine
ein unbeschreiblich’ Schauspiel boten.
Der Tod beginnt als gefürchtetes Ende und wird zum Beginn des eigentlichen Lebens. Die Verdammnis wird zur Befreiung. Die Ewigkeit wird erst zur Erlösung, zugleich aber auch zum möglichen Problem.
Doch ich habe gewisse Zweifel,
was die Zukunft wohl bringen mag,
daß ich nach einer Gewissen Zeit
die Unsterblichkeit nicht mehr ertrag’.
Gedichtähnliches wechselte sich mit kurzen Mehrzeilern ab, die als Aphorismen verstanden werden wollten.
Nichts ist ohne Sinn,
aber alles ohne Ziel.
Die ehrlichsten Gefühle
versteckt man vor den Menschen.
Wir sind Figuren in einem Spiel,
dessen Regeln wir selbst bestimmen.
Unsere Züge jedoch
werden von den Würfeln bestimmt,
die wir Schicksal nennen.
Das als Märchen konzipierte Prosastück „Die Prinzessin des Winters“ fand ebenfalls Eingang in den Band. Es ist tatsächlich spontan in einer Spelunke entstanden, nachdem ich von N. gebeten wurde, ihr ein Märchen zu erzählen. Die verschriftlichte Form ist nah am Original. Die Entstehung habe ich in „die ersten zwei&20“ verarbeitet. „Für eine Liebe, die keine hätte sein dürfen …“ war eine Widmung für N.
Einzelne auch nur ansatzweise brauchbare Verse zu finden war, wie durch obige Zitate aus „Die Verdammten“ bereits absehbar, schwierig, aber nur beinahe unmöglich. Aus dem insgesamt völlig überzeichneten – wie fast alles – Gedicht „Und die Wolken weinen doch…“ dürfen auch heute noch drei Zeilen hervorgehoben werden:
Tote Kinder singen leise Trauerlieder
[…]
und die Erde fängt an,
sich selbst zu fressen.
Ehrlichkeit, insbesondere zu sich selbst, kann mitunter schwerfallen. Jugendlichen ist bald einmal etwas peinlich; interessanterweise betrifft das jedoch selten das selbstgewählte, zumeist unkonventionelle Erscheinungsbild oder die eigene Weltanschauung – so verquer diese im Nachhinein auch gewesen sein mag. In meinem Fall waren mir natürlich auch meine Reimzwänge nicht peinlich – im Gegenteil – und die ins Groteske übersteigerten Bilder waren selbstverständliche Teile meiner jugendlichen Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung.
Aus „keller“:
enger raum und feuchte wände
von der kälte taube hände
minuten wie von stunden länge
ganz allein in dunkler enge
Aus „Der Baum meines Lebens“:
Die Blätter meines Lebensbaumes verwelken,
sterbende Äste gebrochen vom Winde der Zeit.
[…]
Die Wurzeln haben jeden Halt verloren,
der Baum ist dem Tode geweiht.
Aus „Glücksflügel“:
Uns’re Liebesfeuer war’n nie heißer,
doch diese Hitze, mußt’ ich erkennen,
ließen meinem geliebten Vögelchen,
DIE GLÜCKSFLÜGEL VERBRENNEN
Ja, auch die CAPSLOCKORGIEN waren programmatisch, damit ja keine Nuance einer vermeintlich wichtigen Erkenntnis dem Leser entgehen kann…
In dieser Nachbetrachtung stellte sich mein frühestes Frühwerk noch substanzloser heraus als angenommen. Das schmerzt durchaus, gehört aber zur Entwicklung eines Menschen – dieses Menschen, dieses Ichs.
Ich habe mich
im Ich verfangen,
kann nie mehr
aus mir selbst gelangen.