Die Tragik des Einfamilienhauses

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Vorwort

Ein Vorwort zu einem Blogbeitrag? Ja, denn es ist mir ein Anliegen, die Intention hinter und den Weg zur Wortspende genauer zu beleuchten. Eigentlich wollte ich familiäre Angelegenheiten nicht zu einem Thema auf dieser Seite machen. Ursprünglich ging es mir mit jh-web.net um die Präsentation meiner Gedichte und meiner Fotografien frei von den Zwängen jeglicher Plattformen. Ich habe die Basics von HTML autodidaktisch erlernt und nachdem das nicht mehr reichte CSS sowie PHP. Irgendwann reichte auch das nicht mehr und so wurde ein WordPress-Blog daraus.

Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht nur aktuelle Beiträge verfasse, sondern auch in der Zeit rückwärts gehe, um ältere Fotos und Erlebnisse zu erfassen. Heute ist der 17.05.2026, der theoretisch 78. Jahrestag des Geburtstags meines Vaters. Das Datum, das diesen Beitrag ziert, ist jedoch der 04.03.2020, der Tag, an dem ich Fotos vom damals abgeschlossenen Hausumbau und der neuen Einrichtung machte.

Ich begann also nachzudenken und verwob die Erkenntnisse mit einem tatsächlich aktuellen Vorkommnis im Büro. Nachdem der Text fertig war, war ich mir unschlüssig, ob dieser Beitrag überhaupt noch die Fotos benötigt, die ihn ursprünglich inspiriert hatten. Eigentlich nicht und wenn dieser Text überhaupt Fotos benötigt, dann Bilder, die vor 80 Jahren gemacht wurden, als diese Geschichte ihren Anfang nahm. Bilder von Menschen. Bilder von meiner Familie. 

Ich begann also weiter nachzudenken, ob ich diesen Schritt gehen möchte. Ich bin zu zwei Erkenntnissen gelangt: Dieser Text benötigt keine Fotos. Fotos geben dem Text eine zusätzliche emotionale Tiefe. Ein Widerspruch. So bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich – wie bereits im Text – keine lebenden Menschen zeigen werde außer mir selbst und ich aus Pietätsgründen einige der erwähnten Bilder nicht zeigen werde. Ich habe festgestellt, dass meine Beiträge, je älter ich werde, immer mehr persönliche Wahrheiten in sich tragen. Dem möchte ich mich mit einem Thema wie diesem nicht verwehren, sondern vielmehr diesen Beitrag als Beginn einer Zeit sehen, in der ich mich emotional offener zeigen kann – denn emotionale Abkapselung ist etwas, das jahrelang sowohl mein stärkstes Bollwerk als auch mein sicherstes Verlies war. 

Mein Running Gag, der mehr Feststellung als Scherz ist, besagt, dass dies ohnehin niemand lesen wird. Dennoch möchte ich den noch auf dieser schönen Erde wandelnden Menschen, die Teil dieser Geschichte sind – ob erwähnt oder bewusst oder unbewusst ausgespart – danke sagen – sollten sie dies jemals lesen.

Die Tragik des Einfamilienhauses

Unlängst hatte ich ein Gespräch mit einem Arbeitskollegen, der neu zu uns gestoßen ist. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, jedenfalls fiel der Satz: „Erben ist fürchterlich.“ 

Dieser Aussage konnte ich nur zustimmen, doch auf Nachfrage entstand ein gänzlich anderer Eindruck als ich erwartet hatte: „Weißt du, was das Schlimmste am Erben ist? All diese Rechtsanwälte und Notare, das ist echt mühsam und Steuern muss man zahlen …“ Ich meinte: „Nein. Das Schlimmste am Erben ist die Tatsache, dass dafür jemand sterben musste.“

Nun gibt es eine, aus umweltpolitischer Sicht berechtigte, Abneigung gegen Einfamilienhäuser. Das Einfamilienhaus ist, ökologisch betrachtet, die schlechteste Wohnform. All die Infrastruktur, all die Fläche – für einen Menschen, maximal eine Familie… In einem Forum einer bekannten Tageszeitung berichtete jemand nicht ohne Stolz, dass sein Einfamilienhaus inzwischen ja “fast” Passivhausstandard hätte und mit der ganzen Photovoltaik am Dach er ja “fast” energieautark wäre und er wegen der Wärmepumpe ja kein Gas verbrauchen würde und er sich überlegen würde, die benzinbetriebene Dreckschleuder durch ein umweltfreundliches Elektroauto zu ersetzen… Ja, kann man machen – um sein Gewissen zu beruhigen. 

Fakt ist, dass ein Einfamilienhaus pro Bewohner deutlich mehr Grund und Boden benötigt als ein Mehrfamilienhaus, was zu einer verstärkten Bodenversiegelung und Zersiedelung der Landschaft führt.

Fakt ist, dass der Bedarf an Baumaterialien pro Kopf wesentlich höher ist als bei Mehrparteienhäusern.

Fakt ist, dass statistisch gesehen der Energie- und Strombedarf pro Person in einem Einfamilienhaus höher ist als in einer Wohnung vergleichbarer Größe.

Fakt ist, dass etwa 85 % der Menschen, die derzeit zur Miete wohnen, das Wohneigentum in Form eines Einfamilienhauses als die ideale Wohnform angeben.

Ich besitze ein 140 m² Einfamilienhaus auf 1.200 m² Grund.

Jedem, der mich dafür wahlweise aus ökologischer Sicht verurteilt (hauptsächlich online, denn in Wahrheit wollen ja, wie die oben zitierte Umfrage von Gallup ergab, rund 85% der Österreicher ohnehin ein eigenes Haus mit eigenem Garten) oder eine Neiddebatte lostreten will (hauptsächlich offline, denn in Wahrheit wollen ja, wie die oben zitierte Umfrage von Gallup ergab, rund 85% der Österreicher ohnehin ein eigenes Haus mit eigenem Garten), entgegne ich mit folgender – wahrer – Geschichte, wie es dazu kam, dass ich mit de facto 20 Lebensjahren, ohne dafür auch nur einen Finger krummgemacht zu haben, zu den 43% der Menschen in Österreich gehöre, die ein Einfamilienhaus ihr Eigen nennen können.

Tod. Tod und Krankheit. Tod und Krankheit und Trauer führten dazu, dass ich ab den beginnenden 2000er Jahren in meinen frühen 20ern zuerst die geduldete, dann die finanzielle und dann die faktische Eigentümerschaft erlangte.

Mein Großvater mütterlicherseits, der 28-jährige Bayer Karl Grinninger, heiratete in den beginnenden Kriegswirren meine Großmutter, die 19-jährige Emma Schwarz, gebürtige Wiener Neustädterin – zur Hälfte aber sudetendeutscher Abstammung – und zwar am 21.01.1941. Am 18.02.1943 wurde Maria Grinninger geboren, meine Mutter.

Links meine Mutter und rechts meine Großmutter

Am 10.10.1943, so zumindest wurde es meiner Großmutter von reichsdeutsch-gründlichen Beamten mitgeteilt, starb mein Großvater “an der nordwestlichen Küste”. Er wollte, so erzählte meine Großmutter, immer schon Flieger werden und die einzige Chance, im nationalsozialistischen Deutschland Flieger zu werden, bestand wohl darin, sich zur Luftwaffe zu melden. Auch andere Großmütter hatten Männer und Urgroßmütter Kinder und einer von ihnen hat meinen Großvater vom Himmel geholt und er fand irgendwo am Atlantikwall den Tod statt zurück zu Frau und Kind .

Meine Großmutter und mein leiblicher Großvater

Eine fast alltägliche Geschichte in der Ostmark, verloren doch rund 250.000 bis 270.000 österreichische Soldaten und rund 120.000 bis 130.000 Zivilisten ihr Leben in diesem Krieg.

Ich empfinde ob diesem Fakt tatsächlich kein Mitleid oder Bedauern. Es ist mir gänzlich unbekannt, ob es nun wirklich nur der Wunsch zu fliegen war, der meinen Großvater antrieb, und es ist mir gänzlich unbekannt, ob nicht doch fehlgeleitete Vaterlandsliebe meine Großmutter in die Arme eines gutaussehenden deutschen Offiziers führte – immerhin wurde ab 1939  auch im ehemaligen Österreich die Mitgliedschaft im Bund Deutscher Mädel für alle „arischen“ Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren zur gesetzlichen Pflicht. Meine Großmutter war damals 17. 

Ich denke – und meine Einstellung zu jener Zeit kann man in diversen Beiträgen über meine Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern nachlesen – dass es damals kaum Jugendliche gab, die nicht von der nationalsozialistischen Propaganda betroffen gewesen wären. Vielmehr hing es von der politischen Gesinnung der Eltern ab, wie man mit den Parolen umging. So glaube ich, ohne es empirisch zu wissen, dass es gerade im ländlichen Umfeld viele Opportunisten gab, wohl auch einige Fanatisten, aber die Mehrheit überwiegend nahm, was kam. Ich möchte hier auf den spekulativen Aspekt ausdrücklich hinweisen, denn nichts liegt mir ferner, als nationalsozialistische Verbrechen oder deren Duldung zu verharmlosen.

Diesbezüglich befinde ich mich in einer Zwickmühle, die viele meiner Generation betreffen dürfte: die Großeltern können nicht mehr befragt werden, man weiß nur das, was freiwillig erzählt wurde und – im Falle des Wiener Neustädter Umfelds – waren das – im Falle meiner Großmutter – hauptsächlich Geschichten über die russische Besatzung und deren Faible für Uhren und Frauen.

Meine Großmutter hatte jedoch unzweifelhaft ein goldenes Herz, wie es so schön heißt. Entgegen den Einwendungen ihrer fünf Brüder heiratete sie 1951 den Mann, den ich als meinen Großvater kannte: Anton Kogelbauer aus Lichtenegg. Warum die Einwände gegen einen aufstrebenden Versicherungsvertreter der Wiener Städtischen Versicherung? Nun, auch mein – nennen wir ihn der besseren Unterscheidung wegen halber – Großvater hatte im Krieg gedient, aber anstelle seines Lebens nur ein Bein verloren. 

In Russland, so erzählte er, habe man ihm sein Bein zerfetzt und auf einer Strohliege in einem Frontlazarett habe man den Rest abgesägt und er hätte solche Schmerzen gehabt, dass er tauschen wollte mit jenen, die man täglich atemlos herausbrachte. Das Bein blieb in Russland, die Schmerzen nahm er mit nach Hause.

“Was willst du mit so einem Krüppel?”, soll ein nicht näher genannter Bruder meiner Großmutter gefragt haben. “So jemand wie er verdient jemanden wie mich am meisten.”

Meine Großmutter und mein „halber“ Großvater

Mein halber Großvater war vor dem Krieg “Hirterjunge” – also jemand, der auf Bauernhöfen aushalf und die Kühe hütete. Das war eine Befähigung, die nach dem Krieg nicht zu den gefragtesten Ausbildungen zählte. Er wurde in einem Invalidenheim in Wien untergebracht und durch Fleiß und – ja – Akribie bekam er eine Stelle bei der Wiener Städtischen Versicherung, einer der damals führenden Versicherungen Österreichs. 1955 wurde der sogenannte Ringturm errichtet, ein 73 Meter hohes, damals innovatives Projekt für den Wiederaufbau der Stadt Wien. Es galt als Zeichen der aufstrebenden Kapitalwirtschaft der westlichen Besatzungszonen und, um das Buch “50 Jahre Ringturm” zu zitieren, als „erhobener Zeigefinger in Richtung der rückständigen, russisch besetzten Zone auf der anderen Seite des Donaukanals“.

Mein halber Großvater, um es überspitzt zu sagen, versicherte die halbe Bucklige Welt und kam so durch die Provisionen zu einem gewissen Wohlstand. Er kaufte in den 1970er Jahren eben jenes Grundstück, auf dem nun mein ökologisch völlig desaströses Einfamilienhaus steht – um zum Ausgangspunkt der Erzählung zurückzukommen.

Dazu wäre berichtenswert, dass meine Mutter ein Kind gebar – nämlich mich. Es wäre zudem erwähnenswert, dass sie zuvor ein anderes Kind gebar, nämlich meinen Halbbruder. Da ich hier jedoch nicht über Lebende berichten will, sei dies hier ausgeklammert.

Meine Großmutter also zog in den Nachkriegsjahren meine Mutter groß: Maria Natalie Schwarz. Das Auszulassende umgehend bleibt zu berichten, dass sie meinen Vater, Anton Hatzl, als alleinerziehende Mutter in den 1970er Jahren kennenlernte und am 08.02.1975 heiratete. Ich kam an einem Dienstag zur Welt, falls das Bewandtnis hat. 

Hochzeitsbild meiner Eltern

Seit dem 9.12.1980 wandle ich nun (bzw. krabbelte ich vorerst nur) auf diesem Erdenrund. Ich habe eingangs Tod erwähnt. Tod und Krankheit. Und Trauer. Keine Eile…

Wir wohnten in einer Eigentumswohnung am Altabach in Wiener Neustadt und ich war viel draußen im “Gebüsch”, wie meine Freunde und ich es nannten. Zuhause – ich erinnere mich an Erdäpfelgröstl und Tränen und Geschrei und Vorwürfe, woher oder warum auch immer. Ich spielte beim Wiener Neustädter Sportclub als durchaus nicht unbegabter Nachwuchsfußballer. Zuhause – ich erinnere mich an die Wäschetruhe, in der ich Abenteurer war und an Tränen und Messer und eine Lavoir, um nichts zu verschmutzen, falls man es doch tut. Ich nahm es ihr weg, das Messer, doch sie wollte es zurück. Ich war der Junge, zu dem niemand kam, als es beim Sportclub um etwas ging. Das machte nichts, denn ich war ja schon früh selbstständig…

Ich liebte es, am nahe gelegenen Eislaufplatz meine Runden zu drehen. Ich weiß noch, dass eine Klassenkameradin, nicht die Unhübscheste, wie ich anmerken möchte, meinte, mein gelber Trainingsanzug wäre fürchterlich, aber ich hätte echt was drauf. Zuhause – ich erinnere mich an das Geräusch meiner Mutter im Bett nebenan, wie sie sich in den Schlaf weinte und an mich, wie ich hoffte, es würde enden; irgendwie. Ich erinnere mich, dass meine Mutter besorgt war um mich trotz allem aber auf die falsche Art und Weise und ich erinnere mich an Diagnosen: Magengeschwüre, Nierensteine, Blutkrebs.

Ich erinnere mich an Spaziergänge im Wald und am Bach. Ich erinnere mich – wieder. An alles. 

Es gibt ein Foto von einer Geburtstagsfeier bei meinen Kindheitsfreunden. Ich hatte eine rote Strumpfhose an. Es gibt ein Foto von meiner Mutter ohne Haare. Chemotherapie. Es gibt ein Foto meiner Mutter mit Haaren. Grau, nachgewachsen. Später: Perücke. Es gibt ein Foto von mir und meiner Mutter. Fotos. Fotos können grausam sein, je nachdem, wer sie wann betrachtet und wer sie wann aufgenommen hat.

Es ist nicht schwer für mich, über diese Dinge zu schreiben. Sie sind passiert und sie waren für mich so, wie ich sie für mich wahrgenommen habe. Es ist nur so, dass ich zum ersten Mal ohne einem “literarischen Filter” darüber schreibe. Es ist kein Geheimnis, dass “deine wolkeninsel” die Leiden meiner Mutter beschreibt. Es ist kein Geheimnis, dass “tauchgang” meine Alpträume als Kind wiederzugeben versucht. Keine Geheimnisse, wer fragt, dem soll geantwortet werden.

Es wurde also der Entschluss gefasst, dass ein Haus gebaut werden soll auf besagtem Grundstück, um meiner Großmutter zu ermöglichen, häusliche Pflege zu übernehmen. Dafür sollte es finanzielle Unterstützung von meinem halben Großvater geben. Es wurde der wohl bekannteste Fertigteilhaus-Park Europas aufgesucht: die Blaue Lagune bei Vösendorf. Grundrisse wurden begutachtet, Preise wurden verglichen, um Förderungen wurde angesucht und 1996 schließlich wurde mit dem Bau eines Ziegel-Massiv-Hauses begonnen. 

Ich und der Keller

Ich bin Ende Dezember 1996 eingezogen, erstes Zimmer rechts mit zwei Fenstern. Die etwas biedere Einrichtung hat mir mein halber Großvater spendiert, weshalb ein gewisser stilistischer Kompromiss geschlossen wurde. Nichts jedoch, was Poster von Cradle of Filth oder Dimmu Borgir nicht korrigieren konnten …

Das zweite Zimmer rechts wurde als Bauernstube eingerichtet und sollte das Refugium meiner Mutter werden. Mein Vater trug sie ins Haus, beziehungsweise das Gerüst aus Knochen, mit Haut bespannt und irgendwo da drinnen war der Geist meiner Mutter noch vorhanden. Es waren, soweit ich mich erinnern kann, zwei Nächte, in denen meine Mutter das Haus sozusagen bewohnte. Es ging nicht, sie kam zu meinen Großeltern und wurde von meiner Großmutter aufopferungsvoll, wie es heißt, gepflegt, bis sie schließlich am 17.12.1997 starb. Mein Vater öffnete die erste Tür rechts und sagte: “Mama ist gestorben.” Es war das erste Mal, dass ich ihn weinen hörte.

Somit erübrigte sich der ursprüngliche Gedanke und aus dem rationalen Zweckbau der häuslichen Pflege wurde ein Ort der stillen Übereinkunft. Der unausgesprochenen Übereinkunft, dass ich die Schule fertig machen würde und weiter: wurde unausgesprochen nicht gesprochen. 

Spulen wir das Videoband des Lebens ein paar Jahre vor: Mein Vater hatte eine neue Frau geheiratet, die praktischerweise den gleichen Vornamen wie meine Mutter trägt. Es gab eine gewisse Aufbruchsstimmung, denn meine quirlige Stiefmutter (die nichts mit den bösen Stiefmüttern aus diversen Märchen gemein hat) belebte die Familie, knüpfte an alte Bande wieder an und brachte Vitalität in die verstaubten Rituale.

Vitalität in der Bauernstube meiner verstorbenen Mutter

Er zog nach einer gewissen Zeit zu ihr und so wurde ich mit Anfang 20 alleiniger Bewohner des besagten Einfamilienhauses. Vorerst hatte ich keine weiterführenden Verpflichtungen als den Rasen zu mähen, was ich mehr oder minder regelmäßig machte, und die postpubertäre Unordnung in gewissen Grenzen zu halten.

Mein halber Großvater starb 2004 und mit seinem Tod begann auch der geistige und körperliche Verfall meiner Großmutter, die jedoch zuvor einen neuen Lebensgefährten fand. Dies ist jedoch, um Michael Ende zu zitieren, eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Ich kann nicht mehr beschwören, ob es Ende 2015 oder bereits Anfang 2016 war, als ich zu meinem Vater ins Krankenhaus gerufen wurde, da es ihm nicht gut ging. Der nicht gerade mit Einfühlungsvermögen gesegnete Arzt meinte trocken, es sei Gallenblasenkrebs und unheilbar. Es war das zweite Mal, dass ich ihn weinen hörte und das erste Mal, dass ich es auch sah.

Das Rad des Lebens drehte sich nun wieder um Chemotherapien, Hoffnung, Trauer, Verzweiflung, Wunder, Hospiz und den letzten Weihnachtsbaum, der von ihm in mühevoller Kleinarbeit mit der Gartenschere soweit zerkleinert wurde, dass er in eine Biotonne passte. Ich habe meinen Vater jeden einzelnen Tag, an dem er im Krankenhaus war, besucht; mit einer Ausnahme, die nichts zu Sache tut.

Selbst ich, da ich nicht daran glaube, habe versucht, ihm positive Energien zu senden. Beim Lauftraining habe ich das Krankenhaus fixiert, das wie ein grauer toter Block inmitten Wiener Neustadts platziert ist, und habe meine Willenskraft des Marathonläufers in Heilung gebündelt und fokussiert in die Onkologie geleitet. Doch weder Krebs noch Medizin scheren sich um positive Energien, Fernheilung oder Käsepappeltee. Am 10.04.2016 rief mich frühmorgens meine Stiefmutter an: mein Vater ist tot.

Ich möchte ihn ehren, an anderer Stelle; dies ist ein Beitrag über das Haus. Erwähnen möchte ich dennoch, dass ich ihn in den Zeiten des langsamen Sterbens nie verzweifelt erlebt habe. Es kam mir vor wie eine stillschweigende Akzeptanz der wissenschaftlichen Fakten gepaart mit dem stoischen Wunsch, einfach genau das zu tun, das er seit seinem Pensionsantritt gerne getan hat: zu lesen und seine privaten Forschungen zu Stammbäumen voranzubringen. Andere Menschen mögen mit Aussicht auf den nahenden Tod den Wunsch hegen, eine letzte Reise zu unternehmen oder sich einen lang ersehnten Wunsch zu erfüllen. Mein Vater jedoch akzeptierte die eigene Sterblichkeit und schied aus dem Leben just in jener Nacht, als er erstmals in der Krankenhausdusche stürzte und fremde Hilfe für intime Zwecke benötigte.

Für mich bedeutete das, abgesehen von persönlichen Gefühlen, das Haus zu erben, das zwei Generationen vor mir gemeinsam finanziert hatten. Mein Verantwortungsbewusstsein wuchs dadurch enorm, denn ich habe mir zum Ziel gesetzt, dass ich die Vorleistungen meiner Ahnen nicht durch Faulheit oder schlechtes Wirtschaften zunichte machen werde.

Meine Großmutter verließ diese Welt nach langer Krankheit im 96. Lebensjahr und mit dem Geld, das der emotional schwierige aber wirtschaftlich sinnvolle Verkauf des kleinen Häuschens einbrachte, konnte mein Halbbruder seine Genossenschaftswohnung ausbezahlen und ich investierte in eine thermische Sanierung samt baulichen Änderungen im Inneren, die meinen eigenen Geschmack widerspiegeln sollte.

Ehre, wem Ehre gebührt: die altrosafarbene Toilette, deren Farbe meine Mutter noch mitentscheiden konnte, steht nun im Garten und ist bepflanzt. Eine Fliese der Küche, versehen mit dem glasierten Abbild eines Schwammerls, benutze ich als Untersetzer. Die Bücher meines Vaters habe ich katalogisiert und die ihm aus meiner Wahrnehmung her wichtigsten halte ich in Ehren. Seine Regale benutze ich weiter für meine eigene Sammlung an Belletristik und Sachbüchern. Nippes meiner Mutter ist in Vitrinen zu sehen, die alte Fotokamera meines halben Großvaters ebenso. Daneben liegt die Taschenuhr meines anderen Großvaters und der Fliegerstift meines wiederum anderen Großvaters. Die alten Zinnteller mit Darstellungen von Carl Spitzweg hängen in der Küche, der Wanderstock bei der Garderobe und die schönsten Bilder meiner Familienangehörigen hängen im Kellerstüberl in wilder Anordnung zur allgemeinen Betrachtung.

Jeder, der mir also sagt, ich solle mich glücklich schätzen, so ein Haus zu besitzen, dem kann ich nur sagen: Der Weg zu dem derzeit sichtbaren vermeintlichen Glück dieses weltlichen Besitzes ist gepflastert mit den Leben und dem Sterben jener, die vor mir kamen. Ja, ich kann mich glücklich schätzen, so ein Haus zu besitzen, aber ich würde mich noch glücklicher schätzen, wäre die Familiengeschichte weniger verkrebst, weniger geisteskrank, weniger abgestürzt, weniger amputiert, weniger dement und insgesamt ein bisschen weniger tragisch verlaufen.