die ersten zwei&20

Vorwort

Den vorläufigen Abschluss meiner kritischen Beschäftigung mit dem, was ich meine schriftstellerische Vergangenheit nenne — und in diesem Fall auch mit meiner eigenen Vergangenheit — bildet mein brutal rohes, unvollendetes, als biografisch schonungslos offen konzipiertes Werk die ersten zwei&20.

Anders als bei Aus dem Innersten der Seele wurden idealisierte Selbstwahrnehmungen, Selbsttäuschungen, Wunschgedanken und Weltanschauungen hier nicht auf Figuren übertragen. Wenn in diesem Text von einem Ich die Rede ist, dann ist damit auch mein damaliges Ich gemeint — oder zumindest einer der Splitter davon.

Menschen entwickeln sich. Und ich glaube, von mir behaupten zu können: manchmal auch weiter.

Oft wird gesagt, jemand sei nicht er selbst, wenn er betrunken ist. Ich sehe das aus Erfahrung anders. Wenn gesellschaftliche Filter durch Alkohol aufgelöst werden, bahnt sich zwar nicht unbedingt der wahre Mensch seinen Weg an die Oberfläche, wohl aber eine ungefilterte Rohfassung: enthemmt, ungeschützt, ungeschönt. In meinem Fall war das kein guter Mensch. Es war ein Mensch, der sich oftmals diametral entgegengesetzt zu dem höflichen, zurückhaltenden Charakter verhielt, der er an der Oberfläche war.

Ich hatte Probleme, viele an der Zahl, und ich habe sie erst viel später versöhnlich auflösen können. Ich gebe zu, dass es auch heute noch Anlässe gibt, zu denen ich das Verlangen nicht vollständig stillen kann. Der herausragende Unterschied ist, dass sich mein Verhalten dadurch nicht mehr negativ verändert. Das zeigt mir deutlicher als vieles andere, dass ich auf dieser Ebene mit meiner Vergangenheit Frieden schließen konnte.

Beispiele für unrühmliches Verhalten gäbe es genug. Ich möchte ehrlich sein und daher ohne Über- oder Untertreibung Folgendes berichten: Am Samstag vor meinem neuen Arbeitsantritt am Montag begab ich mich auf Tour. Es war wohl ein Sixpack Bier und eine halbe Flasche Whisky, bevor ich überhaupt weggegangen bin. Danach kann ich mich an nichts mehr erinnern außer daran, dass ich Panik hatte, weil man mich in die „Irrenanstalt“ bringen wollte. Ich wachte auf und wusste: Es war ein Krankenhaus. Gleichzeitig wachte ich nicht auf, denn ich beobachtete mich selbst, wie ich die wüstesten Beschimpfungen herausschrie. Ich war schockiert über mich, konnte mich selbst aber nur beobachten, wie bei einer außerkörperlichen Erfahrung. Ich habe danach mehr als zehn Jahre keinen Alkohol getrunken. Nun kann man sich ausmalen, wie schlimm die erwähnten Beschimpfungen waren…

Dies ist auch ein Anlass, mich bei all den Menschen zu entschuldigen, die ich durch mein Verhalten, meine Taten oder meine Unterlassungen verletzt, enttäuscht oder vor den Kopf gestoßen habe. Auch wenn so manches unentschuldbar bleibt, lag dem nicht bewusste Böswilligkeit zugrunde, sondern ein Unvermögen, das sich seit den Jahren früher Kindheit über mein Wesen gelegt hatte wie Dreck.

Weder diese Einleitung noch der Text selbst erklären abschließend etwas oder sollen es tun. Aber sie entschuldigen auch nichts. Dennoch gehört dieses Werk auch heute noch zu dem Menschen, der es vor gut 25 Jahren geschrieben hat.

Dieser Mensch bin ich.

die ersten zwei&20

es regnet mir ins ohr, ich kann mich nicht bewegen. ich halte die augen geschlossen, sehe nur rauchartige kreise, die sich ineinander verflechten, auseinanderdriften, sich formieren, umformieren, uniform variieren, auf mich zurasen, mich einkreisen, umarmen, festhalten; sie zerquetschen mich, drücken zu!

durch die verschwommene hierwelt geistere ich unsicher, tappe durch die schemenhaften umrisse; den unrealen barrikaden aus einer fernen gegenwart entlang stolpere ich, werde getränkt vom kühlen himmelswasser, durch und durchfühlt & über und übervoll; ich zittere unkontrolliert. setze vorsichtig unbeholfen schrittähnliches, blicke ängstlich in den tunnel: der saugende tunnel. mein atem schwer, verlangt nach rauch. ich geistere durch die verschwommene hierwelt: i’m going home.

SCHNITT

„Reiß auf die Augen, spür die Welt!“
„General, ach General! ich kann nicht atmen, alles hin! hinweggespült wie all das leid, das ich trank aus den schalen der kranken götter. hinausgepißt hab ich’s! hier! & jetzt? jetzt lieg ich drin!“

„Du jammerst, Kind! Nicht eines Königs würdig! Erhaben willst du sein? Ich spucke auf dich! Hier! Jetzt! Und was tust du?“

„ich lecke es von meiner wange, zu befehl! General, ach General! was tun? wozu noch weiter leiden?“

„Steh auf, du Dreck der Straße! Sieh: deine Flasche. Noch halb voll!“
„halb leer, sag ich!“
„Ach du! Du sagst nicht, sprichst nicht. Jammerst nur! Du kleiner Arsch! Steh auf!“
……………………………………………………
„Steh auf!“

ich blinzle, sehe eine kleine sonne von der decke hängen. oder ist’s der mond? wer …

„Steh auf! In deiner eigenen Kotze liegst du! Steh auf, verdammt noch mal! Sieh dich an!“

ich kenne diesen menschen doch. ich bin doch dieser mensch, nicht wahr? ein teil doch … war? wahr?

— zerrt er mich an meinem jackenkragen auf, beinhart wie ich ihn noch nie erlebt, und stößt mich hart! zur klotür raus. ich … kann mich nicht auf den beinen halten, kippe, stürze mit dem schädel gegen den radiator (…) und spüre wärme an meiner wange, entströmend aus dem hirngefäß. werde weitergezerrt durch den flur, der viel zu hell erleuchtet ist wie der tunnel ins jenseits, wie es immer heißt. (jenseits aller schmerzen.) hart falle ich auf den boden in meinem zimmer, hart wie die tür in die angel. ein krachender absturz in einer lautlosen nacht am rande des nichts. ich kippe wieder vornüber ins wirrwarr aus schwarzen schlieren, wieder dort. bei ihm.

„Ah, endlich auf, du faules Aas?“

ich sehe ihn mir genauer an: (hab ihn selten so klar gesehen wie in diesem moment, als mein reales leben an einem schleimigen kotzfaden hing.) rote uniform, mutet altertümlich an. trägt auf der riesigen brust etliche (ich zähle vier, dann drei, dann sechs) abzeichen. eines prangt direkt über der stelle, wo ich sein herz vermute: das zeichen der dualität. es pulsiert, förmlich, wechselt die farbe, dumb, dumb, dumb, es pocht. ein stahlhelm, schnittig, in silber, hochglanzpoliert – darin spiegelt sich schrecklich verzerrt meine jämmerliche (er hat recht! er hat immer recht…) gestalt, die weitausholend schwankt; glotzt. auf dem namensschild – gestickt, kursiv:

CHAOS

ja, das ist er.

Ich entstamme einer seltsamen, weitverzweigten Familie, durchmischt mit Individuen jeder Klasse. Vom Hilfsarbeiter bis zum Hochschuldozenten sind sie alle vertreten. „Wir“, wie es heißt, „sind überall.“ Ja, das sind wir. Unsere Augen haften an den Mauern dieses Staates. Doch alles der Reihe nach, um etwas System in dieses wirre Blattwerk zu bekommen.

System/CHAOS\Ordnung

Aufgewachsen in den U-Bahnschächten gibt er sich heroisch.

Über meine Großmutter väterlicherseits ist mir nicht allzu viel bekannt. Ich kannte sie eigentlich gar nicht. Nicht bewußt zumindest. Zwei Jahre war ich wohl alt, als ich auf ihrem Bett herumtollte, während sie verkrampft lächelnd ihre Krebsauswüchse und Geschwüre mißachtete. Sie hat hart, ausdauernd und vergeblich gekämpft. Sie soll schönes Haar gehabt haben, einmal. Sie wurde 53 Jahre alt, denke ich. Sie soll sich immer rührend um mich gekümmert haben, meine Windeln gewechselt, meinen Kinderwagen geschoben und mich „mein“ genannt haben. Viel mehr fällt mir eigentlich nicht ein. Es ist halb drei Uhr nachts, ich habe keine Zigaretten mehr, ein Unglück. Sie soll „Die verderben ihn“ zu meiner Mutter gesagt und ihre Eltern damit gemeint haben. Prophezeiungen sind möglicherweise eintretende Ereignisse, kein Pflichtprogramm. Sie hätten mich verderben können. Verdorben? Ich? Ja! Aber nicht auf ihre Weise.

hoch über einem bergsee schwebe ich in lotosstellung und rausche. mein kopf ist wind, mein haar ist sturm. strömende ruhe. leichte. hoch über den sattgrünen abhängen, dichtem wald, schwebe ich; frei. der see glitzert himmelblau im strahlenglanz der angenehmen sonne. die arme breite ich aus wie schwingen, kreise bussardgleich, beutesuchend, über dem wassergewebe; perlenspiel. leichtes wispern im ohr: im kopf. der wind ist der weltgeist, der mich trägt. der wind ist der boden unter meinen füßen. der wind ist. ich bin der wind. ich schraube mich höher in die schichten: gen sonne! gen sonne! pirouetten, überschläge, sturzflug. nähere mich, mich selbst umarmend, rasend schnell wie ein indianischer pfeil, dem lauernden see, dem magischen bergsee, dem epizentrum dieser ruhe. … tauche ein, kühles, angenehmes, sauberes wasser umspült mich, verdrängt den wind aus meinem kopf, aus meinem haar. ich merke gar nicht, daß ich ertrinke.

Es ist die Welt des Wassers, in der alles Lebendige suspendiert schwebt, wo das Reich des Sympathikus, der Seele alles Lebendigen, beginnt, wo ich untrennbar dieses und jenes bin, wo ich den anderen in mir erlebe und der andere als Ich mich erlebe.

Carl Gustav Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewußten, 1936




System/CHAOS\Ordnung

Eine chronologische Reihenfolge ist nicht erforderlich. Gedanken sind frei, wirr, unfaßbar in ihrer Struktur. Ein Leben ist nicht ordenbar. Klarheit ist unmöglich. Perfektion ist unscharf. Strukturen verschwimmen im Angesicht des Über_Alls.

Ich habe nie daran gezweifelt, daß es irgend etwas gibt, das Erlösung schaffen kann, durch das man Erlösung erhalten kann, daß es so etwas wie eine Erlösung gibt, daß man in der Zeit frei wird.

Frei sein. Nur einmal. Das wollte er. schrieb ich als junger, ungelenk krakelnder Bursche. Nicht jedoch, daß ich das heute Geschaffene als Finale des Möglichen ansehe. Das, das ich zu repräsentieren habe, ist metamorph. Ein sich selbst erhaltendes System aus Negierungen seiner selbst, aus Legierungen von ständig abblätternden und sich regenerierenden Oberflächen.

m ö b i a l … DAS ist mein Wort.

das wort im wort
im sinn wie unsinn
krieg mit worten

Eine Theorie zu haben ist das 1e, eine Theorie zur angewandten Praxis zu machen … Sie wissen schon. Es gibt aber keinen Grund, warum derartiges in Angriff genommen werden sollte, so wie es auch keinen Grund gibt, dies nicht zu tun. Jede als endgültig betrachtete Erfahrung ist nur eine Vorstation zur Nächsten, zur prinzipiell Letzten. Vorletzten. Die Grenzen verschieben sich. Ja, das tun sie.

Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Anfang, schon seit ich versuche zu schreiben. Ein Moment ist gefragt, ein AugenBlick. Der perfekte erste AbSatz … einfach: u n m ö g l i c h.

ich habe angst. ich habe schreckliche angst, als ich aufwache. meine erinnerung ist fehlerhaft. sie ist wie ein geborstener spiegel des gewesenen, dessen teile immer weiter auseinanderdriften, um sich in der weite des nichts zu vereinen, um ihre schrecklichen geheimnisse zu offenbaren, wenn es an der zeit ist. ich bleibe lange im bett liegen, starre an die decke, starre diese weiße, saubere decke an mit vereinzelten blutflecken getöteter gelsen und klebrigen resten erschlagener fliegen und wünsche mir, ich könnte weiß sein. wären da nicht all diese kleinen, noch unscheinbaren flügel, die im eingetrockneten körpersaft den betrachter an den physischen tod erinnern. schließe die augen wieder und versuche zu schlafen, als wäre das ein ausweg.
ein irrweg.
aber ein weg.

als ich mich endlich dazu entschließe, aufzustehen, um es zu wagen: penetrant verfolgt mich der schwindel des GIB MIR MEHR, dieses verlangen … zaghaft öffne ich die tür und schrecke mich vor meiner eigenen stimme, als ich (mir?) einen „Guten Morgen“ wünsche. Ich klinge wie der untote Pfarrer aus „Braindead“. Grausame Ironie! Niemand antwortet mir. Aber auf meiner Haut spüre ich die Gegenwart von Ihm. Und ich spüre seinen Schmerz, seine Enttäuschung. Der gute Sohn, Sie wissen schon. Auch mich schmerzt es, ich wünsche, ich könnte alles ungeschehen machen: meinen gestrigen Exzeß, meinen vorgestrigen, den vor einer Woche, die vor zwei, mein ganzes Leben will ich im Abfluß abtauchen sehen, wie das dreckige Wasser hier im Waschbecken.

Haben Sie schon einmal eine Leiche gesehen? Ich sah sie jeden Tag damals im Spiegel. Ein Todgeweihter, der auf den ultimativen Rausch harrt. Der Rausch, der sich selbst aussäuft, sich selbst ungeschehen macht, der einen derartigen Umfang hat, daß das gesamte Universum darin aufgeht und im schwarzen Loch des nächsten Tages verschwindet.

Der gute Morgen.

nachdem ich mein gesicht lang genug unter wasser gehalten habe (leider nicht lange genug, um mich zu ersäufen, aber ich kann ja noch nicht sterben – ich habe noch etwas vor! WAS denn VERDAMMT?) und die schwellungen etwas zurückgegangen sind, gehe ich niedergeschlagen (im sinne von …) ins wohnzimmer. er sieht mir nicht in die augen. „wieder auf?“ fragt er. „ja.“ „gut … ich will …“ (es fällt ihm schwer, ich sehe es, spüre es, meine haut lügt nie – seit jahren habe ich eiskalte hände) „ich will sowas nie wieder sehen, sonst fliegst du raus, hast du das kapiert?“ Dieser Blick ist … jeder Versuch, diesen einen Blick zu beschreiben, würde, müßte, wird fehlschlagen. Ich will es versuchen, mache mich lächerlich zum hunderdreiundvierzigsten mal heute, es spielt keine Rolle mehr, schon lange nicht:

gequält &
wütend &
verzweifelt &
enttäuscht &
mitleidig &
aufgebend !

der Blick sagt: „Ich habe auch dich verloren gestern, auch du bist gestorben für mich!

Wieder ein Mensch, den er geliebt hat (und dem er es nicht zeigen konnte), ist auf dem Weg zur Hölle, weg von Ihm. Ich aber bin wie er. Er weiß es nicht, ich wußte es damals auch nicht.

„… sonst fliegst du raus, hast du das kapiert? Hast du wenigstens das kapiert?“

„Ja.“

Und ich verstehe auch warum.

dreams reflecting the emotion of lies – the beginning of the end

Crematory – The Beginning Of The End

[Bild1, 1987] Ich: sechs Jahre alt. Ein blondes Kind, dem die Hebamme einen makellosen Körperbau prophezeit hat. Yeah. Ich trete nach dem Lederball, der mich später meine Gesundheit kosten wird. Meine körperliche. Vorbei mit der Makellosigkeit. goodbye oh infant dream.

Ich stolperte aus Freundschaft in diese unsäglich stupide Sippe der Fußballer. Für mich war – später – dieser Sport Ästhetik, Kontrolle, Zauber. Brasilianisch-magische Vorbilder, keine österreichischen Holzhacker („Wir haben zwar verloren, aber GEKÄMPFT haben WIR, aber so was von gekämpft!!“ – Cordoba als Lebenselixier.), keine deutschen Dusselmänner, keine türkischen Eigenmacher.

Dieser Verein war mehrheitlich eine kapitalistische Angelegenheit. Ich will den Vieren ihr Talent nicht absprechen, nein, auf ihre Weise haben sie es sogar zu etwas gebracht. Auch wenn einer von ihnen das größte Arschloch ist, das mir jemals untergekommen ist. Mit einer Ballbeherrschung, die meinen Neid und natürlich! meinen Ehrgeiz weckte. Kapital. Geburtstagsfeste mit Dutzenden von beinahe fremden Kindern, oh yeah, unpersönlicher Reichtum, verfickte Welt.

Eigentlich wollte ich aber über die Freundschaft erzählen. Sah mal einen Film über drei Freunde, die eine Leiche von einem Typen suchen gingen, der von einem Zug überrollt wurde. So waren wir, dauernd auf der Suche nach Sensationen. Wir führten sie selbst herbei. Die großartige Leiche allerdings fanden wir nicht. Nur die Ferne. Wie immer.

Ein Team waren wir, davon kann ein Fußballtrainer nur träumen! Drei waghalsige Musketiere (ein abgegriffener Vergleich, ach!) auf Kinderrädern, wir haben von Filmkarrieren als Stuntmen geträumt. Einer über dem andern, wir, die beiden Älteren und er, der Jüngere, der Verrückteste von uns. Keiner kletterte auf höhere Bäume, die Welt da unten war unser Reich. Wir hatten uns Verstecke angelegt in der Umgebung, wie im Krieg taktisch kluge Stellen, alles getarnt und uneinnehmbar von den imaginären Feinden.

Das oben hab ich gestern geschrieben, und ich konnte einfach nicht weiter, und ich konnte einfach nicht anders, da ging ich wieder hin zu „dem Gebüsch“, wie wir es nannten. (Ein Rest von einer möglichen Idylle, umringt von Wohnblocks und überfrequentierten Straßen. Dort wuchsen großartige Bäume, es gab viel zu entdecken … Messer … Junkienadeln … tote Maulwürfe … Pornohefte …) Keine Erben übernahmen diese heiligen Bäume. Kein Pfad führt mehr zum Tümpel, in dem die Ungeheuer unserer Jugend lauerten, im feuchten Griff zwischen dem Fischabach und dem Hammerbach.

Ich schlug mich durch die hohen Brennnesseln durch bis zu eben diesem Tümpel, in dem seit jeher Müll gebunkert wird. Ich hab mich auf die große Wurzel des so phänomenal gut gewachsenen Baumes gesetzt, in dessen Krone wir immer gesessen haben und Pläne geschmiedet haben. Wir. Wir. Ich. Ich sitze nun dort und … irgendwie gelingt es mir nicht, etwas klar zu sehen von damals, nur diese kleinen Geschichten, diese kleinen Kuriositäten des Lebens, die irgendwie ermüdend sind für den, der zuhören muß. Aber immens wichtig für den, der sie erzählen will, der sie hortet wie ein anderer vermeintlich echte Schätze.

Ich empfehle, sich nun hinzulegen und die Augen zu schließen und an das wunderbar melancholische Gefühl zu denken, wenn man sich Led Zeppelins „Down by the Seaside“ mit offenen Ohren und einem aufnahmebereiten Geist anhört.

people turn away …………. so far away, so far away ——– GUITAR!

Led Zeppelin – Down by the Seaside

Aber was schreibe ich: Als agierender Erzähler und Über-Ich der sich vor dir entfaltenden Seiten ersuche ich in höflicher Strenge, daß der Leser seinen oder ihren (in diesem Falle hoffentlich knackigen) Arsch in einen Plattenladen zu schaffen und sich dieses Lied zu besorgen hat – koste es, was es wolle. Ich weiß nicht, wieviel du für dieses Buch gelöhnt hast, aber wenn es sich lohnen soll, you know … soundtrack, utilities: eine Flasche Whiskey oder Rotwein oder meinetwegen auch andere berauschende Getränke oder Mittel (Schmerztabletten + Vitamintonikum wirkt Wunder!) zur Hand nehmen soll und sich der Melancholie der vergangenen Tage der Unschuld widmen soll. Wenigstens die 5 Minuten und 12 Sekunden lang. people turn away…

Und nun eine der kleinen großen Geschichten mit einem etwas umständlichen Beginn und offenem Ende:

Wir wohnten in der gleichen Wohnsiedlung, in benachbarten Blocks, wir konnten in unsere Wohnungen sehen, fantasierten davon, eine Seilbahn rüberzubauen. Wir trafen uns nach den Schulaufgaben, obwohl ich mich jetzt gar nicht mehr erinnern kann, jemals welche gemacht zu haben, unten beim Spielplatz, der eigentlich nur aus zwei Schaukeln bestand. Sonst, überhaupt: eine kinderfeindliche Anlage, Spielen auf dem Rasen verboten, kein Lärm erwünscht, ich trieb unsere unter uns wohnende Nachbarin in den Wahnsinn mit meinen Wrestling-Einlagen auf dem (nicht genutzten) Ehebett … Jü vs. Pink Panther, you know.

Wir aber waren radikal, meine ich, wir fackelten abends einmal den Altpapiercontainer ab, ein wunderschönes Schauspiel. Aber die Schaukel! Eine für uns unheimlich verlockende Konstruktion (sie steht schon lange nicht mehr, sie war wohl nur für uns bestimmt): eine Schaukel, gerade mal zwei Meter von der Böschung zu den Garagenzufahrten entfernt … (Sie erinnern sich: Stuntmen …) Wir machten mächtig Schwung und stürzten uns todesverachtend da hinunter, in die Sträucher, gekonnte Rollen. Selten hab ich später zerkratztere Haut gehabt. Es war toll, ein tolles Gefühl, ich liebe den freien Fall. Wie auch an dem Tag, als ich mit dem Rad Vollgas gab und über den Randstein sprang und von einem Auto frontal erfaßt wurde. Ich meine, ich flog an die 7 Meter weit, geil! Hatte natürlich keine nennenswerte Schramme, die Schaukelaktionen wirkten Wunder, auch noch Jahre später rettete mir diese Fertigkeit mehrmals das Leben.

Jedenfalls (was ich eigentlich erzählen wollte) waren wir einmal mit unseren Rädern – entgegen unserer Gewohnheit, denn es war dort nicht leicht, mit Rädern vorwärts zu kommen – im Gebüsch unterwegs. Wir wollten wohl zu unserem Baum beim Tümpel, nehme ich an, es ist schon lange her, meine Erinnerung getrübt, Sie verstehen. Jedenfalls waren wir nicht wie sonst alleine dort, sondern ein in dreckige Fetzen Gekleideter war dort, mit vielen Tüten um sich. Bärtig. Er starrte uns an, wütend, gestört zu werden, zückte ein Messer … Und wir: rannten, als wäre er der Teufel … und unsere Geschichte war geschrieben: Ein irrer Killer war dort, mit Müllsäcken voller Kinderleichenteile, die er im Tümpel verstecken wollte, deswegen stank es dort auch so, Sie können sich das sicher lebhaft vorstellen. Ich traue Ihnen das zu …

Nach der Volksschule zogen sie nach Tirol, ich sollte sie nur mehr ein paar Mal wiedersehen, wir hatten uns nichts mehr zu sagen …

People turn away…

[—————–

es ist viel zu hell hier. hier. wo auch immer das ist. menschen. hektische menschen. es riecht nach blumen und langos. das knie schmerzt. schon wieder. versuche aufzustehen. klappt. reibe die augen. irgendwo auf der welt. schwindel. orientierung. langsam. kirchturm. uhr. 9 uhr. morgens. schon.

erinnerungen. an gestern. wie nebelschwaden. fetzen aus der vergangenheit. nicht existent. magische nacht. wild. verrückt. vorbei. drei schritte vor. links. kaffeehaus. der General ist drin. begrüßung. verhalten.

„kennen sie den mann?“
„ja.“
„dann gehen sie bitte.“

der guerilla fuchtelt mit einer pistole herum.

„jeder kennt ihn.“
„gehen sie.“

der guerilla schreit was von vietcongs und verschanzt sich hinter einer alten frau mit pudel.

„ich will nur einen kaffee.“
der guerilla läuft kreischend auf die straße.
„nicht bei uns.“

großer abgang. viele worte. erregung. wut. fragen. quer über den hauptplatz. lächle der alten frau zu. sieht weg. pudel bellt. seltsame welt.

gehe heim. durch die abartig lebende, pulsierende stadt der gefallenen krieger, helden, idioten. am theater vorbei. am gymnasium vorbei. durch die allee. flüsternde bäume. greifende schatten. geifernde blätter. der bach aus flüssigem salz. tote fische. katze. schwarz-weiß. unterwegs kurz schlafen. auf feuchtem asphalt. tut gut. werde geweckt. unsanft.

„was tun sie hier?“
„schlafen.“
„verschwinden sie, gehen sie heim.“
„wo ist das?“

kleiner abgang. große macht. der staat. sein vertreter hat gesprochen. scheiße.

wanke weiter. weiter. weiter. auto hupt. nicht gesehen. weiter. weiter. bahndamm. Beon Lom. No Hope. Fuck Of Scool. weiter. weiter. kleiner park. schlammig. zuflucht. parkbank. naß. egal. schlafen. länger. weiter. weiter. tiefer hinein in die welt im kopf.

ich tauch hinab : grab des lichts
schwerelos und frei von flügeln
steig hinab in hades mein.
kerberus leckt seine fänge

kein boden unter füßen
die nicht sind wie füße sind
sind plump sind träge
kein gefühl wie wärme kälte
nur da sie noch als glieder
die nach ich schleife hinter mir

krieche so durch seh ich nicht
und hör sie kommen :
klein vor augen speerbewaffnet
wilde gesten kriegsgeschrei
und ahnungsvoll am boden liegend
körper mein der nicht gehorcht

umschlungen werden von girlanden
myriaden von insektengleichen fühlern
fühlen mich ich fühle sie
wie geifernd sie sich in mich nähern
schlingen sich hinauf :
durch nase mund und augenhöhlen

sie kleben an sich an mein hirn
die masse die die träume birgt
die schale des verstandes mein :
ist angezapft wird ausgelaugt
von saugend hungrigen monstern
die selbst ich einst erschuf
als da ich glaubte mich:
in sicherheit zufriedenheit.
doch nur die erde weiß wohin

gar wild sie spuckt um sich
und ich mit schleim besprüht
noch immer liegend
opfer von den kriegern werdend
die stets weiter noch sich nähern
aber leiser werden sie
mit jedem schritt in richtung mein

eingesogen in die erde
die ich dachte die mich träumt
kein bild trügt geist mehr
höhlenzauber ist vergessen
sie ist es es ist hier unten
und in dieser tiefe da
kein krieger kommt zu holen mich
oder was er gedacht an mir

halbverdaut und durchgewrungen
schreckt der traum aus traum aus traum
alle krieger wieder lauter
nehmen ihre chance wahr
und jagen sichten schießen schreien
bis zur allernächsten stunde
wenn zur erde werde ich

ich : dämmerung

„Geht’s Ihnen gut?“

schrecke auf: schaue. frau auf fahrrad. runzelt stirn.

„Ja.“

stehe auf. schnell. zu schnell. zigarette. die letzte. wie immer. frau auf fahrrad fährt weg. war nicht schön. zu alt. schleppe mich heim. kriechend. fluchend. singend. „i’m crawling king snake …

komm heim. da also ist das. sieht so anders aus, wenn’s hell ist. zittrige hand. schlüssel suchen. finden. aufsperren. mühsam. unechtes tor schwingt auf. quietscht. sollte ich mal ölen. egal. 7 stufen. unendlich mühsam. yeah, der könig kriecht heim. heim. daheim. bett. schlafen. endlich. ruhe. müll. aber ruhe.

verfluchte wildnis, schleimgrüne bäume, alles angeschmiert von einer gestörten hand. ich geh einen breiten waldweg entlang, bin ein kleines kind wieder, bin mit meinem vater und meiner mutter – sie lebt noch – unterwegs, und wir gehen diesen steilen waldweg hoch zu einer verfallenen burgruine. bollwerk einer längst vergangenen und erfundenen zeit, als es noch etwas bedeutete, ein mann zu sein oder eine kuh oder ein hund oder eine frau, wo es noch etwas bedeutete, überhaupt etwas zu sein. wo man einfach nur war. jemand oder niemand. durch das gestrüpp zeichnen sich die wände der ruine ab, graue, große steine, einer auf dem anderen neben dem anderen, himmelhoch, mächtig. durchs riesige tor gehen wir, hand aus hand, ohne auch nur ein wort zu sagen. wir gehen da rein, und kleine ameisen kriechen mir in die nase, ich muß niesen. mein vater sagt „es gibt wilde tiger hier, paß auf“, und ich denk mir nichts dabei, weil’s mir egal ist, und ich lauf herum und seh mir alte steine an, desinteressiert. doch dann kommt so ein tiger aus einem turmrest und schaut mich an, ich schau ihn an, und dann denk ich mir, daß so ein tiger doch was gefährliches ist, und ich dreh mich um, ruf hysterisch, daß da wirklich ein tiger ist, und wir laufen wieder zurück, durchs tor und den weg runter, und der tiger verfolgt uns, und da ist er auch schon vor uns, und ich hab angst, als der tiger zuerst meine mutter tötet und dann vater zerfleischt, und ich lauf, breite meine arme aus und flieg davon. hoch über dem wald kreise ich, flieg wie ein kleiner irrer kolibri mit wilden armbewegungen herum und bin kein wenig traurig, daß meine eltern tot sind, denn ich fliege, und das ist wunderschön.

—————–]

Mögliche Ursachen für Trauminhalte:
Psychische Erfahrungen der Kindheit

Da die psychischen Erfahrungen die wir in unserer Kindheit gemacht haben die elementare Grundprägung unserer Psyche verursachen, finden wir häufig die zentralen emotionalen Themen dieser Zeit in unseren Träumen wieder. Dies gilt besonders für nicht genügend verarbeitete Themen (Komplexe / traumatische Erlebnisse). Es ist daher möglich, daß Träume, obwohl sie von realen aktuellen Ereignissen handeln, als zentralen Kern einen Komplex aufzeigen. Dieses wird dann besonders durch Emotionen oder Haltungen im Traum deutlich, die eben diesem typischen Komplex entsprechen. Häufig stellen sich aber auch bestimmte Symbole als Zeichen für einen Komplex ein, die einem geübten Traumdeuter direkt auffallen und so zum Kern des Traumes führen.


Es gilt dabei zu beachten, daß das Unterbewußtsein NICHTS vergißt. Alles was eine Person jemals erlebt, erfahren und gefühlt hat bleibt erhalten, auch wenn das Wachbewußtsein keinen Zugriff mehr auf die Information hat.

http://www.ngfg.com/texte/aw001.htm Autor: eule@NGFG.com

Ich kann mich erinnern, daß ich einmal nachts aufgeschreckt bin, einfach aufgeschreckt, aufrecht dasaß und in die Dunkelheit gestarrt habe und …

„Es ist niemand da.“

… es war niemand da, den ich hinter dem pechernen Nachtverschlag hätte erspähen können.

Ich habe gelernt, damit umzugehen. Habe gelernt, Einsamkeit zu ertragen. Schlaf ist heilig. Ich habe die Träume erobert. Nach und nach wurde ich zu einem erfahrenen Träumer, einem luziden Träumer, wie man es nennt. Schon in meiner Kindheit habe ich mich an sehr viele Träume zumindest erinnert. Sie waren für mich sehr real, zu real manchmal.

Der Eiermann

Ich träumte von einem eigestaltigen, bösartigen Männchen, das, mit Messer und Gabel bestückt, mich verspeisen wollte.

Der Traum kehrte oftmals wieder. Abhilfe verschaffte der Rat meines Bruders, mir doch einen Eierbecher und einen Eierköpfer neben das Bett zu legen.

Seitdem hält er sich fern, der Eiermann.

Ich führte ein Traumbuch, in dem ich alles stichwortartig festhielt.

Noch immer erinnere ich mich an diesen beklemmendsten aller Träume, die ich je in meinem Leben gehabt habe. Ich muß 7 oder 8 Jahre alt gewesen sein, ich liebte mein Stofftier innig, einen Hund namens Timmi, dem im gleichen Jahr ein fürchterlicher Zerfleischungstod durch einen realen Köter ereilen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte …

Ich erinnere mich an mein Bett, es hatte auf der linken Seite eine stoffüberzogene Sperrholzplatte als circa 80 Zentimeter hohen Wandschutz. Das Bett jedoch konnte man nicht ganz bis zur Wand stellen, denn ein Kaminvorsprung verhinderte dies. So blieb ein Spalt frei, 20 Zentimeter breit. Für mich hausten dort Dämonen bei Nacht, dort war der Schlund zur Hölle, dort wohnten Sie.

Es waren kleine Kreaturen, die ich nie sehen sollte, aber von denen ich genau wußte, wie sie aussahen:

und hör sie kommen:
klein vor augen speerbewaffnet
wilde gesten kriegsgeschrei

Ihre Bösartigkeit war unvergleichlich. Sie verschleppten mich immer in ein parallel existierendes Universum aus Stein, alles war aus Stein, meine Glieder waren steif, ich hatte schreckliche Angst, zerbrochen zu werden. Das Schlimmste war jedoch nicht die Treibjagd, die sie sodann veranstalteten, auch nicht ihr schauerlicher Gesang [b], der dämonisch durch die schroffen Abhänge der Felsen verstärkt widerhallte, es war der immer wiederkehrende Anblick meines versteinerten Hundes, der, aufgespießt, den Weg gleich Bäumen säumte.

[b] Das „Kriegsgeschrei“ der Krieger … eine bedrohliche Geräuschkulisse … die ich entdeckt habe in dem Lied „Delak“ der slowenischen Gruppe „Laibach“ … als ich dieses Lied zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich in meine Kindheit zurückversetzt …

Inzwischen hat sich meine Fertigkeit, Träume zu kontrollieren, so weit entwickelt, daß ich bewußt Szenenwechsel herbeiführen kann. Laut dem Buch „Träume bewußt steuern“ von Celia Green und Charles McCreery sollen viele Leute damit Probleme haben, ihre Umgebung einer radikalen Veränderung zu unterziehen. Angewandte Techniken, die dies erleichtern, sind beispielsweise das Zuhalten der Augen oder das schnelle Drehen um die eigene Achse. Ich stelle mir immer vor, daß irgendwo eine Türe oder etwas Ähnliches ist, durch die ich dann in die neue Sequenz einsteigen kann. Einige Male habe ich es geschafft, eine Landschaft zu erschaffen, die beinahe der gewünschten gleichkam. Jedoch habe ich aufgehört, damit zu experimentieren. Es fehlt an Spannung. Was mir viel mehr zusagt, ist die Unwissenheit, was hinter meinen Türen lauert. Ich will meinen Erfahrungsschatz durch symbolische Träume mehren, quasi mein Unbewußtes erforschen. Die Türen benutze ich als Shortcuts.

1. Es gibt keine richtigen Entscheidungen, denn jede Entscheidung ist kategorisch falsch.
2. Es gibt weder einen freien Willen noch ein Konstrukt, das manche Gott oder Teufel nennen mögen.
3. Es gibt keine Gnade ohne Sklaverei.
4. Es gibt keine Liebe ohne Sklaverei.
5. Es gibt keine Wirklichkeit in irgendeinem gültigen Sinn.
6. Es gibt kein Erwachen, keinen Ausweg und kein Zurück.
7. Es gibt keine Hoffnung.


Sport ist zu einem der wichtigsten Elemente in meinem Leben geworden. Der Schmerz in den Muskeln, der brennende Schweiß in den Augen, blutende Blasen, all das und viel mehr läßt mich wissen, daß ich doch noch am Leben bin. Lange Zeit bin ich dahin getuckert wie ein Motorboot, das den letzten Sprit verbraucht. Tuck-tuck-tuck, danach nur mehr leises Dahinplätschern auf einem blickgroßen See.

Hast du dich schon einmal dabei erwischt, wie du stundenlang aus deinem Fenster schaust, die Sonne verschwindet hinter den Bergen, die Straßenlaternen gehen an, es wird dunkel, und du starrst immer noch auf den Asphalt der Straße? Dann gibt es ein kurzfristiges Erwachen, ein blitzähnlicher Gedanke durchzuckt dich: „Es ist schon lange aus.“ Du aber schüttelst nur kurz den Kopf, angelst nach einer weiteren Zigarette, merkst, daß die Packung schon wieder leer ist, aber selbst das ist dir egal. Du starrst einfach weiter auf den gottverdammten Asphalt der Straße vor dem Haus, der Morgentau überholt dich noch lange vor der Zielgerade.

„Es muß doch etwas anderes geben“, denkst du dir vielleicht, während du vorm Fernseher lümmelst, teilnahmslos die Bilder vom neuen Krieg an dir vorbeiflimmern läßt. Es gibt aber nichts Neues. Weder im Westen noch im Osten. Es ist ein endloses Band, das immer und immer wieder abgespielt wird, das immer mehr an Intensität verliert, bis es ein Geleier ist, das die Stimme der Bangles wie höllische Larvenkinder klingen läßt.

Dieses Lied, dieses scheiß verfickte verdammte verhurte Arschlochlied; ich hasse Tränen.

Am I only dreaming?




Er nimmt einen kräftigen Schluck Bier und starrt die Zigarette an, die er mit den Fingern immer wieder herumdreht. Der Tisch ist fleckig und klebrig, und etliche leere Flaschen und Gläser stehen herum. Er sitzt alleine da, an den anderen Tischen haben sich kleine Gruppen gebildet. Das Lokal ist düster, an den Wänden hängen zerrissene und vergilbte Poster, das spärliche Licht geht von nackten Neonleuchten aus. Eine davon flackert andauernd. Der kleine dicke Mann hinter der Theke sieht aus, als hätte er in seinem Leben bereits viel erlebt; faltiges Gesicht, harte Gesichtszüge und kurze graue Haare, stahlblaue Augen und ein Dreitagesbart. Er lehnt gelangweilt an der Wand und nippt ab und zu an seinem Whiskey. Die dichten Rauchschwaden und die melancholische Musik versetzen ihn in eine nachdenkliche Stimmung. Er drückt die Zigarette aus und nimmt noch einen kräftigen Schluck Bier. Es hat einen schalen Nachgeschmack und ist warm.

„Warum ich eigentlich immer hierher komme“, fragt er sich. „Es ist immer das gleiche, immer dieselben Leute, immer die gleichen Geschichten. Immer die gleiche Scheiße.“ Er steht auf, stapft träge zur Bar und wuchtet sich auf einen Hocker. „Hey, Fritz, warum ist das verdammte Bier so warm?“ „Du mußt schneller saufen, dann wird es nicht warm“, meint der Barkeeper. „Noch eins?“ „Sicher.“

Er glotzt sicher schon das hundertste Mal in den Spiegel, der hinter der Bar hängt. „Born to lose“ steht oben, und er denkt sich sicher schon das hundertste Mal: „Stimmt.“

Fritz bringt das Bier, und er bezahlt. „Gibt es was Neues?“, fragt ihn Fritz. „Ja.“ „Was?“, fragt er interessiert. Es gibt selten etwas wirklich Neues. Manchmal kommt es vor, daß jemand eine alte Geschichte neu aufrollt oder daß wieder jemand im Suff das Waschbecken auf dem Klo zertrümmert. Das wöchentliche Highlight ist immer, wenn die Bullen ihre Kontrolle durchziehen. Dann sieht man einige Stammgäste ein paar Wochen, manchmal auch länger, nicht mehr, aber das ist auch nichts Neues. Fritz hat schon ganz große Augen.

„Nichts.“

„Arschloch. Setz dich auf deinen Babyarsch und trink dein Bier.“ Er setzt sich auf seinen Babyarsch und trinkt sein Bier. „Warum komme ich eigentlich immer wieder hierher?“, fragt er sich, schüttelt den Kopf und steckt sich eine neue Zigarette an. Immer wieder dreht er sie und starrt sie an. Die Neonleuchte flackert noch immer.

Die Tür geht auf, und jemand stolpert herein. Er hebt gar nicht den Kopf, hält seine Zigarette für interessanter. Er schreckt auf, als er merkt, daß sich neben ihm jemand auf die Bank fallen gelassen hat. Er sieht nur kurz rote Haare, und dann spürt er feuchte Lippen auf seinen, und eine gierige Zunge drängt einwärts. Er denkt nicht lange nach und läßt sich auf das Spiel ein; zu verlieren hat er nichts. „Das ist was Neues“, denkt er sich und muß lachen.

„Was ist?“, lallt sie und schaut ihn treuherzig an. „Du hast wunderschöne Augen.“ Ihre Hand streichelt über seinen Oberschenkel. „Ich weiß, ich bin dünn, aber meine Brüste sind doch in Ordnung, oder?“ Er ist irritiert, weiß nicht, ob er auf ihre Titten starren soll oder erschrecken, denn dünn war sie, mehr als das. Ihre Hand führt die seine zielstrebig zum linken Busen. „Sie sind doch in Ordnung, oder?“ „Äh, ja, sind sie.“ Die andere Hand legt er um ihre knochige Hüfte, sie erkundet indessen das Aufstrebende zwischen den Oberschenkeln. „Hast du eine Zigarette für mich?“

„Klar, nimm nur.“ Er gibt ihr Feuer. „Danke“, flüstert sie, und ihre Zunge drängt sich abermals in seinen Mund. Er erwidert leidenschaftlich. Sie schmeckt nach Bier und Schnaps und Zigaretten. „Wie heißt du?“, fragt sie. „Peter.“ „Ich bin Tanja. Erzählst du mir ein Märchen?“

„Was?“

„Erzählst du mir ein Märchen?“ „Ich weiß nicht, mir fällt keines ein.“ „Ach, komm schon.“ Ihre Hand forscht wieder.

„Na gut. Äh, da war einmal eine wunderschöne Prinzessin, und die herrschte über das Reich des Winters. Gut so?“ „Ja, mach weiter.“ „Du auch … Also, sie herrscht über das Reich des Winters, aber dort ist es die ganze Zeit saukalt und eben nur Winter, mit Schnee und Eis und so, die ganze Zeit. Sie lebt in einem riesigen, prachtvollen Palast aus Eis, komplett geil und funkelnd. Zu diesem Schloß gehört ein riesiger Eisgarten mit Bäumen aus Eiskristallen, glitzernde Seen aus Eis, also alles komplett aus Eis und geil und wunderschön. Und sie ist auch wunderschön. Ihr stinkt es aber, daß dauernd Winter ist, weil sie will, daß endlich einmal Sommer ist, mit Sonnenschein, grünen Wiesen, hoppelnden Häschen und dreißig Grad und Sonnenbrand und so.“

„Jetzt sei nicht so böse, erzähl schöner. Darf ich einen Schluck von …“

„Ja, ja, nimm nur. Na gut, also sie will, daß Sommer ist, und fragt diesen Magier von ihrem Schloß, ob er so was kann. Er sagt: ‚Nein, kann ich nicht, sorry.‘ Sie ist irrsinnig traurig, und da läßt sie verkünden, daß der, der ihr den Sommer bringt, zehntausend Taler bekommt. Das ist dort eine Menge Geld, mußt du wissen. Nun, es kommen viele, aber keiner kann es. Sie ist natürlich wieder irrsinnig traurig, und da läßt sie eben verkünden, daß der, der ihr den Sommer bringt, zehntausend Taler und die Hälfte ihres Königreichs bekommt. Es kommen noch mehr, aber wieder schafft es keiner, daß er ihr den Sommer bringt. Sie ist natürlich wieder einmal irrsinnig traurig, und diesmal läßt sie verkünden, daß sie den, der ihr den Sommer bringt, zum Mann nimmt. Jetzt kommen noch mehr als die letzten beiden Male zusammen, weil sie ist ja wahnsinnig hübsch. Und wie es eben ist, kann es wieder keiner. Na, was soll ich sagen, sie ist noch viel trauriger und weint zwei Wochen lang ununterbrochen. Nach zwei Wochen aber klopft es an ihrer Schloßturmzimmertür. Eine Magd steht da und sagt zu ihr: ‚Da ist einer gekommen …‘

“ Sie lacht. Er schmollt. „Erzähl weiter.“

„Also gut. Auf jeden Fall sagt die Magd: ‚Da ist ein Herr … erschienen, der sagt, er könne den Sommer herzaubern.‘ Die Prinzessin stürmt aus ihrem Turmzimmer und braust hinunter in die riesige Eishalle. Dort steht ein alter, runzeliger, sabbernder alter Sack, äh, Greis. Und der sagt: ‚Ihr wollt den Sommer?‘ Und sie sagt: ‚Sicher, könnt Ihr das?‘ Und er sagt: ‚Sicher, wäre ich sonst da? Ihr müßt mich aber zum Mann nehmen!‘ Was soll ich sagen, ihr graust es, aber sie sagt dann: ‚Na gut, aber zuerst will ich den Sommer sehen.‘

Der alte Sack, äh, Greis schnippt einmal mit dem Finger, und urplötzlich schmelzen die Eisbäume, und wunderschöne grüne Bäume und Sträucher wachsen, der Eissee wird zu einem wunderschönen, tiefblauen See, und alles ist grün, und die Hasen hoppeln, und die Sonne scheint. Was soll ich sagen, die Prinzessin ist irrsinnig glücklich und ist jetzt die Prinzessin des Sommers. Und die wollte sie ja schon immer sein. Dann kommt aber der alte Sack, äh, Greis, und schleckt sich so über seine runzeligen Lippen und meint, sie müsse ihn jetzt heiraten. Was soll ich sagen, ihr graust es natürlich, und sie läßt ihn in den Kerker werfen. Plötzlich verwandelt sich aber alles wieder in Eis, und es ist kälter als je zuvor. Die Prinzessin stürmt in den Kerker, aber dort ist kein alter Sack mehr, sondern ein junger, fescher Spritzer, äh, Jüngling. Sie ist komplett verwirrt, und dann bettelt sie, daß er doch den Sommer wieder machen solle und daß sie ihn dann wirklich zum Mann nehmen will. Er schaut sie an, komplett böse, und meint:

‚Jedem das, was er verdient. Ihr habt nichts verdient.‘

Dann lacht er, böse und laut, und löst sich in einer Rauchwolke auf. Die Prinzessin weint bitterlich und verzieht sich wieder in ihr Schloßturmzimmer. Als sie sich in den Eisspiegel schaut, stellt sie fest, daß sie um Jahrzehnte gealtert ist, und da fängt sie an zu schreien, lang und laut und verzweifelt. Und immer, wenn man im Winter den Wind heulen hört, dann ist das die Eisprinzessin, die dem Sommer und ihrer verlorenen Jugend nachweint. So, das war’s.“

„Das war wunderschön.“

Sie küssen sich innig, und bald liegen sie unterm Tisch und reiben ihre Körper aneinander. „Mir ist heiß“, sagt sie und zieht ihr Leibchen aus. Sie kriechen wieder unter dem Tisch hervor, und sie sitzt neben ihm, nur mit BH, trinkt sein Bier aus und raucht seine vorletzte Zigarette. Er bestellt noch zwei Bier und neue Zigaretten. Fritz ist ganz aufgeregt und meint: „Endlich mal was Neues.“

„Halt die Klappe, Fritz.“ „Arschloch.“

Als er die rotblauen Stellen in ihrer Armbeuge bemerkt, fühlt er sich, als ob er in einen tiefen schwarzen Abgrund fallen würde.

„Scheiße“, denkt er sich, „diese verdammte Scheiße.“

„Jetzt erzähl ich dir auch ein Märchen“, meint sie. Er bekommt kein Wort mehr über seine Lippen. „Also, da war eine Prinzessin, und alles war schwarz. Sie hat sich gedacht: ‚Scheiße, warum immer alles schwarz? Ich will, daß alles rosa ist.‘ Und dann ist ein Prinz gekommen, und plötzlich war alles rosa.“

Sie preßt ihm wieder die Zunge in den Mund, er spielt teilnahmslos mit. Es fühlte sich an, als ob die Welt um ihn schmelzen würde und die ganze schwarze Scheißmasse ihn einhüllen würde.

„Fahren wir zu mir?“, fragt sie. „Ja.“

Nach zweiminütiger Taxifahrt sind sie da. Die Stiege ist steil und eng, und es ist kalt in dem alten Haus. Er folgt ihr ins Wohnzimmer, wo eine Partie Besoffene pokern. Das Gegröle hört schlagartig auf, als sie ins Zimmer kommen. Alle starren sie an. „Das ist mein neuer Freund“, lallt sie. „Dauernd das Gleiche mit dir. Kommst ein paar Wochen nicht, dann schleppst du wieder einen anderen Jungen an, und … du solltest aufhören, soviel zu saufen, und hör auf, dir soviel Scheißzeug in die …“

„Leck mich doch am Arsch“, schreit sie und zieht ihn an der Hand mit hinaus und knallt ihre Zimmertür so fest zu, daß selbst die alten dicken Wände zu wackeln scheinen. „Das war meine Mutter. Scheiße.“ Sie kramt in den Sachen, die wild verstreut auf dem Fußboden liegen. Er sieht sich um. Überall häuft sich Gewand, Kassetten und Zettel, es ist stickig, und es riecht nach Kotze. Sie legt eine CD ein, und die ersten Takte Musik beginnen.

„Close your eyes, give me your hand, darling, do you feel my heart beating…“

Sie schmiegt sich an ihn, und sie wanken engumschlungen.

„Do you understand? Do you feel the same? Am I only dreaming? …“

Leise singt sie mit. Er spürt, wie sie zittert, er fühlt ihren knochigen Körper, und für einen kurzen Moment öffnet er die Augen und sieht ihr ins Gesicht. Sie sieht so friedlich aus, so zufrieden, so geborgen. Schnell macht er die Augen wieder zu, und eine Träne rinnt über seine Wange. Ihr warmer Atem streicht seinen Hals.

„Am I only dreaming? Is this burning an eternal flame? I believe it’s meant to be…“

Ich liebe dich“, flüstert sie.

Da ist sie wieder, die schwarze Masse, die nunmehr beginnt, sich um sein Herz zu legen und es einzuhüllen. „Warum weinst du?“ „Es … ist … so schön.“

„I don’t wanna loose this feeling…“

Es war der schlechteste Fick seines Lebens, er bekam keinen hoch; zuviel Bier, ein apathisch daliegendes Mädchen und ein zerfressenes Herz. „Willst du was essen?“ „Ja.“ „Ich mache eine Leberknödelsuppe.“ Sie füttert ihre Katze mit der Zunge, es ist der schönste, befremdlichste und traurigste Anblick, den er je gesehen hat. Schnell ißt er auf. Er hört ihre Kotzgeräusche und raucht mit zitternden Händen eine Zigarette. Er hört ihre Mutter hysterisch lachen und fühlt sich, als ob er jeden Moment durchdrehen muß, soll.

„Könnte ich nur, ach, könnte ich nur, ach, könnte ich“, denkt er sich. „Könnte ich einfach … nur … einfach nur explodieren.“ Vielleicht wäre es besser so. „Ich gehe jetzt.“ „Sehen wir uns wieder?“ …. „Ja.“ „Wann?“ „Ich weiß nicht.“ „Morgen?“ „Ja.“ „Wann?“ „So wie heute. Tschüß.“ „Warte, so schnell kannst du nicht gehen.“ Es ist der qualvollste Kuß, den er je geben mußte.

Feuchte Katzenzunge, zerstochene Knochenarme und rotgrüne Augen. „Nur schnell weg.“ Noch nie hat es ihm so weh getan, sich umzudrehen und zu gehen. „Ja nicht zurückschauen.“ Er steckt sich eine Zigarette an, um ihren Geschmack aus seinem Mund zu bekommen. „Und nicht soviel denken.“ Morgen wird er nicht in sein Stammlokal gehen. „Nicht soviel nachdenken!“ Morgen wird er seine Zigarette woanders anstarren. „Hör sofort auf, an sie zu denken!“ Morgen wird er seine Biere woanders trinken. „Hör verdammt noch mal sofort auf, an diese Schlampe zu denken!“ Morgen wird er nicht fragen, warum er doch immer wieder dorthin geht. „Schalt doch endlich dein verficktes Gehirn aus!“ Morgen wird er wissen, warum.

Zitierter Liedtext aus „Eternal Flame“

The Bangles (geschrieben von: S.Hoffs, B.Steinberg, T.Kelly)




Natürlich ist dieser Peter ich. Diese Geschichte ist eine der persönlichsten, die ich je geschrieben habe. Tanja dürfte in Wirklichkeit (die es nicht gibt) Nadja heißen, zumindest hat sie das ein paar Mal behauptet. Wir haben uns in einem Black-Metal-Lokal kennengelernt, das „Gruft“ hieß. Wie alle guten Sachen gibt es die „Gruft“ nicht mehr. Toni, in dieser Geschichte Fritz, hat ein Jahr, nachdem sie geschlossen wurde, gleich nebenan einen Swinger-Club aufgemacht. Er hat sich einen Traum erfüllt. Immer hat er davon gesprochen, daß er hinten ein Zimmer einrichten wolle für uns, wo man Spaß haben kann. So weit kam es leider nicht. Auch nicht zu so etwas wie Spaß. Dennoch habe ich mich seiner Worte erinnert und er lebt fortan weiter sein Leben in den Hinterzimmern meines Geistes.

In der Gruft habe ich so ziemlich alles verloren, was man verlieren kann. Vor allem den Kontakt zur guten Seite und den Glauben an Hoffnung. Gewonnen habe ich dort den Alkohol, die Drogen, Mösengeschmack und schlechte sowie gute Freunde. Wie zum Beispiel – seinen Namen weiß ich nicht mehr – den „Chef“ der Neonazis von Wiener Neustadt.

Es war eine recht witzige Geschichte.

Ich kannte seine damalige Freundin aus der Volksschule, wir plauderten, ich fand sie geil. Er hatte einen Gipsfuß, lief mit Krücken herum, ein wahrer Henker von Mann mit Spinnenarmen. Er hat mich mit ihr gesehen, rauschte an und drückte mir eine Krücke an den Kehlkopf; ich blieb ruhig, seltsam eigentlich. Sie erklärte ihm, was los war – „Ihre Freunde sind meine Freunde“, erklärte er, und dann sind wir saufen gegangen. Lose haben wir heute noch Kontakt, wenn er mal Freigang hat.

Na ja, so witzig war die Geschichte jetzt doch nicht …

Auch sonst gab’s ein paar interessante Szenen mit den Glatzen, wie zum Beispiel im Tacos, das sie damals unter ihrer Kontrolle hatten. Ich – langhaarig, oft besoffen – steh am Pissbecken und pinkle. Zwei von ihnen kommen rein und ziehen mich an meinen Haaren, Welch Frevel! Ich hau dem einen auf die Fresse, der andere drückt mich unterdessen an die Wand. Dann kommt der, von dem ich; nein, er heißt auch Jürgen, glaub ich, scheißegal; jedenfalls kommt er rein und fragt den Typen, ob er weiß, wen er da in die Mangel nehmen will. Er erklärt ihnen, daß ich unter seinem persönlichen Schutz stehe, und seitdem hatte ich zumindest mit den Glatzen nie wieder Probleme. Ich hätte den zweiten dennoch gerne kalt gemacht. Ich hasse GEWALT!

Aber ich wollte ja von Madja erzählen:
Ich liebe sie.
SCHEISSE. ich greife schon wieder vor.

Jedenfalls sollte sie nur noch ein paar Mal in meinem Leben auftauchen, dafür aber als intensives gGwürz, dessen Geschmack einem wochenlang auf der Zunge klebt. Sie hatte die gabe, immer dann aufzutauchen, wenn ich mein Leben als Geisterfahrer auf der Überholspur führte. Vollgas. Immer.

Ich hatte sehr viel zu viel gesoffen, damals hatte ich meine zerstörerische Tequilaphase, soll heißen, daß ich einen nach dem anderen und dann fünf oder mehr auf einmal bestellte und das Zeug runtergoß, als wäre es Wasser. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich zur Marionette wurde, zum Spielzeug von General Chaos.

VERDAMMT! ICH BIN 22 JAHRE ALT UND SCHREIBE AN MEINEM VERMÄCHTNIS!

magische nacht – tequila, lucy in the sky & ich. wir: extrem am billardtisch, körpersaft; falco in der jukebox. ganz wien is heut auf heroin; zungenverknotungen, alkoholverfluchte ekstase; wir sind zwei wildfeuer. burn motherfucker burn! —blackout— i just remember the pain. i just remember the god damned despair …

am pflasterfrischen hauptplatz, wo die tauben das lied vom ende gurren, schmeiße ich mich vor ein taxi.
am pflasterfrischen hauptplatz, wo die tauben das lied vom ende gurren, rammt mein kopf die pestsäule. *)
am pflasterfrischen hauptplatz, wo die tauben das lied vom ende gurren, schließe ich freundschaft mit dem schmerz.

*) der kopf stösst waende – der sich reichlich mehrt
dem wachsen steine – dem ist es nicht wert
der kopf stösst waende – der sich reichlich mehrt
dem diese schweissesernte – breiten schmerz gewährt

Das Ich – Sagenlicht
Text von Stefan Ackermann

ich habe keine erinnerung daran, wie es weiterging. wie es ausging. ich habe auch keine vorstellung davon, wie es ausgehen hätte sollen. ein paar jahre später hat sie einem bekannten von mir um 1000 schilling einen geblasen, als er zu ihr in den wohl nur so genannten Swinger-Club ging. mir hat sie es wenigstens umsonst gemacht.

Erinnerung ist etwas Paradoxes. Das Ins-Gedächtnis-Rufen eines angenehmen Erlebnisses hat etwas zutiefst Melancholisches. Der Schrei des Gewesenen hallt im Ohr wie jerichoale Posaunen; Vergangenheit besticht sowohl durch Unauslöschlichkeit wie durch Nichtexistenz, Unbeweisbarkeit. Erinnerung ist etwas Fehlerhaftes. Absolut subjektiv; versuchte Objektivität ist Geschichte und somit ebenso veränderbar, unklar, rissig. Tasten wir uns zum Kern der Aussage, stellen wir fest, daß nichts verifizierbar ist, das richtig scheint, als bewiesen gilt.

D A S W A R S O !

Und nicht anders. Oder doch? Änderung, Verfälschung, Zugeständnisse, Aufdeckungen.

was ist leben?
wo ist wahrheit?
im milchigen leib der nackten hure?

hakuna matata

Der Tisch war blau, nein: rot!

Nicht wichtig? Es waren zehn, nein hundert Leute. Wir haben sie gelyncht. Vorher aber ein rechtskräftiger Prozeß. Es gab keinen Richter. Gab es doch. Ich war Richter, Zeuge, Ankläger. Vortreten. Vorbeugen. Zuschaufeln. Dort liegt man eng, nein. Ein Grab in den Wolken, … dein aschenes Haar, Sulamith. Es war schrecklich, da sind sich alle einig. Ja, weil wir verloren haben. Es ist ja nie passiert! Illuminati!

Die Judden, die Judden! Ach, Charlie, du hast es bereut. Dein Spiegelbild hat dich verraten.

Aber der Mann im Mond …?

Hirnforscher stellen eine Grundkategorie des menschlichen Selbstverständnisses in Frage: die Willensfreiheit. „Der freie Wille ist nur eine nützliche Illusion“, sagt der Neurobiologe Gerhard Roth (Universität Bremen). Er veröffentlichte kürzlich die grundlegende Arbeit „Fühlen, Denken, Handeln“.


Seit einigen Jahren haben Hirnforscher deutlich gemacht, wie entscheidend neuronale Prozesse für das Verhalten sind, und veränderten somit manches am traditionellen Bild vom Menschen. Viel Beachtung fanden Experimente des amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet. Sie legten manchem Beobachter den Schluss nahe: Menschen tun nicht, was sie wollen, sondern sie wollen, was sie tun.


Versuchspersonen gebeten, die Hand zu bewegen


Libet hatte Versuchspersonen gebeten, spontan den Entschluss zu fassen, einen Finger oder die ganze Hand zu bewegen, und dabei den Augenblick der Entscheidung mit einer Uhr festzuhalten. Protokolliert wurden dann erstens dieser Zeitpunkt, zweitens der Zeitpunkt, an dem sich erstmals ein so genanntes Bereitschaftspotenzial als Vorbereitung der Bewegung im Gehirn aufbaute, und drittens der Zeitpunkt der tatsächlichen Bewegung. Das Ergebnis war eine überraschende Reihenfolge: Der bewusste Entschluss zur Handlung trat 0,2 Sekunden vor dem Bewegungsbeginn auf, aber erst mehr als 0,3 Sekunden nach dem Beginn des Bereitschaftspotenzials.
Kann also das Wollen gar nicht die Ursache der neuronalen Aktivität sein? Für Gerhard Roth tritt der Willensakt tatsächlich erst auf, nachdem das Gehirn schon entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird. Für Libet selbst bedeutet sein Ergebnis, dass die Macht des Willens eingeschränkt ist. Der Wille sei kein Initiator, sondern ein Zensor.


Entscheidungen momentane Akte?


In der Diskussion ist auch in Frage gestellt worden, ob Entscheidungen momentane Akte sind. Und nicht vielmehr Prozesse, deren Ergebnis manchmal erst nach deren Abschluss bewusst wird. So halten es einige Forscher für durchaus möglich, dass die von Libet angenommene augenblickliche Entscheidung nur die letzte Stufe eines früher begonnenen Entscheidungsprozesses ist.
Der Neurophysiologe Prof. Wolf Singer (Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main) sprach in einem Interview der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ (Heidelberg) von zwei voneinander getrennten Erfahrungsbereichen, in denen Wirklichkeiten der Welt zur Abbildung kommen: Dem Bereich der Forscher, die das Gehirn wissenschaftlich betrachten (Dritte-Person-Perspektive). Und dem soziokulturellen Bereich, in dem Wertesysteme, soziale Realitäten diskutiert werden. Und die seien nur in der Erste-Person-Perspektive, der des Ich, erfahrbar und darstellbar.


Ursache für Handlung Gesamtzustand des Gehirns


„Dass die Inhalte des einen Bereichs aus den Prozessen des anderen hervorgehen, muss ein Neurobiologe als gegeben annehmen“, sagte Singer weiter. „Insofern muss, aus der Dritte-Person-Perspektive betrachtet, das, was die Erste-Person-Perspektive als freien Willen beschreibt, als Illusion definiert werden“, stellte der Forscher fest. „Aber ´Illusion´ ist, glaube ich, nicht das richtige Wort, denn wir erfahren uns ja tatsächlich als frei.“ Wohl fast alle Menschen unseres Kulturkreises teilten diese Erfahrung.
Solcher Konsens gelte im Allgemeinen als hinreichend, einen Sachverhalt als zutreffend zu beurteilen. Genauso zutreffend sei aber die konsensfähige Feststellung der Neurobiologen, dass alle Prozesse im Gehirn deterministisch (Willensfreiheit ausschließend) sind, und dass Ursache für eine jegliche Handlung der unmittelbar vorangehende Gesamtzustand des Gehirns ist.


Wissen über das Gehirn unvollständig


Der Philosophieprofessor Hans Goller (Universität Innsbruck) verweist in einem „Fiktive Freiheit?“ überschriebenen Beitrag der katholischen Zeitschrift „Herder-Korrespondenz“ (Freiburg) auf den brasilianischen Forscher Gilberto Gomes. Für diesen löst sich der Widerspruch zwischen dem in der Erste-Person-Perspektive erlebten freien Willen und der natürlichen Verursachung auf, wenn wir annehmen, dass wir als frei handelnde Menschen Hirnsysteme sind, die die Fähigkeit besitzen, zu wählen, zu entscheiden und zu handeln.
Goller konstatiert, die Hirnforschung sei weit davon entfernt, die neuronale Grundlage des Erlebens der Willensfreiheit identifiziert zu haben. „Es gibt erste interessante Hinweise. Diese belegen das Faktum, dass bestimmte Hirnareale und -funktionen eine notwendige Bedingung für Willenserlebnisse sind. Sind sie auch eine hinreichende Bedingung? Die interdisziplinäre Erörterung der Willensfreiheit zeigt, dass unser Wissen über das Gehirn und deren Leistungen in einem fundamentalen Sinne unvollständig ist.“

Quelle: rp-online




formloses bekenntnis – ein zwischenspiel im wirren werk

ein herzhaftes lachen –
„du bist hart geworden
in den letzten zwei jahren“
– im keim erstickt &
„deine augen sind so kalt“
zu einer absolut gräßlich
verzerrten fratze mutiert.

„sogar meine nachbarin
hat mich mal gefragt
wie alt du denn seist
und ich habe gesagt
daß du zwanzig bist
und sie hat auch gesagt
daß du hart aussiehst“

und ich werde wieder an all die grausamen szenen erinnert, die ich in mühevoller kleinarbeit verdrängt habe – versucht habe zu verdrängen.

———- ich schlage die verrückte, schreiende frau mit einem nassen handtuch (gewissensschlag – direkt ins gesicht), und im gleichen augenblick verkrampft sich mein inneres, und ich nehme das häufchen elend in die arme, und ich höre sie sagen: „du bist nicht mein sohn“ &

ich stehe neben dem bett mit den strahlend weißen laken des verfluchten krankenhauses und sehe ihren abgemagerten, eingefallenen, grauen, lethargischen, todgeweihten körper an, als würde ich eine leere, zerquetschte packung zigaretten auf irgendeiner straße in irgendeiner stadt in irgendeinem land, das ich nicht kenne, anstarren, und ich bringe kein wort über die lippen.

(& ich denke daran, wie sie mich schimpfte und fluchte, und ich denke an silvester ’96 (der haß in ihr ist schmerz in mir) und wie sie beinahe aus dem fahrenden auto gesprungen wäre – verfolgungswahn – und wie sie geweint hat, als man sagte „krebs“, und wie sie immer zurückkam von ihren einsamen abendlichen spaziergängen, und wie sie immer fragte „gehst du mit“ und ich immer sagte „nein“ – und wäre ich mitgegangen: hätte das etwas geändert?)

die szenen überschlagen sich in meinem kopf, und ich sage zu ihr, die glaubt, über mich urteilen zu können: „mag sein ————

„geht nicht in verrauchte lokale“
sagte meine mutter immer
und mein vater und ich,
ich und mein vater,
wir gingen in verrauchte lokale
und spielten billard,
mein bruder und ich,
ich und mein bruder
wir gingen in verrauchte lokale
und spielten billard
und spielten darts
und ich und mein vater,
mein vater und ich …
und einmal meine freundin
wir alle gingen in verrauchte lokale
und spielten billard
und spielten darts
und sie hatte meine lederjacke an,
die ich zuhause noch getragen hatte
auf verschwitzter haut
nach miesem sex
und wir rauchten und wir
tranken bier & wein & whiskey
in verrauchten lokalen …

und an dem tag ihres begräbnisses habe ich nicht geweint, habe der mutter nicht eine träne geschenkt – ich hatte keine mehr. ihr tod dauerte eine ganze epoche meines lebens, den abschnitt, den man üblicherweise als den prägenden ansieht. und man sagte mir, ich wäre ach so selbständig und ich wäre ach so geschickt, und man freute sich, daß ich mir alles selber machte – und das in meinem alter – und ich denke daran, wie es früher war, als ich meine jause noch fein säuberlich in alufolie verpackt in der schultasche mitbekommen habe und wie ich sie oft wegwarf, weil es mir nicht schmeckte, und ich sagte es nie, weil ich sie nicht verletzen wollte, meinte sie es doch stets nur gut. stets labil und stets am rande des abgrunds. (der wahnsinn des augenblicks – nur einen augenblick entfernt.) und sie sitzt im schlafzimmer, heulend und schluchzend, mit dem küchenmesser in der hand: „ich bringe mich jetzt um“, und mein vater spielte computer (er konnte nicht anders, schuld ist nicht schuld – er tat nichts, und ich glaube, er zerbrach beinahe daran), und ich nahm es ihr weg, und sie holte es sich wieder, und sie war zu feige dafür, und ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie es getan hätte. vielleicht hätte auch ich computer gespielt oder einfach nur nichts getan. nichts – das absolute wort – die lösung für alle keine probleme. ignoriert mich, denn ich bin nichts.

———- ich habe sehr viel
durchgemacht in den letzten
sechs jahren“, antworte ich & ich
ahne schon, daß jetzt wieder
diese floskeln kommen von
wegen „ich weiß. ich kann
dich ja verstehen, aber deswegen
braucht man sich ja
die freude am leben nicht
verderben derben derben derben“

(„kannst du dein scheiß maul nicht einfach halten und dich verdammt noch mal nur freuen – oder auch nicht – wenn ich einmal vorbeikomme, anstatt mich mit irgendwelchem scheiß vollzuquatschen, mir vorzuhalten, ich hätte mich zum schlechten verändert und was weiß ich nicht alles? verdammt, ich bin nicht mehr der nette blauäugige junge, der zu weihnachten mit einem hübsch eingepackten geschenk kommt und immer nett und immer freundlich ist und immer gut gelaunt und für jeden spaß zu haben und der immer lacht, ich bin das nicht mehr. vielleicht war ich es einmal, vielleicht auch nicht. vielleicht habe ich vergessen, wie man die rolle des netten jungen spielt, der von jedem nur geliebt wird. du kannst mich mal an meinem in den letzten zwei jahren hart gewordenen arsch lecken!“)

„und ich möchte auch noch
mit dir über etwas anderes
reden“ – („nein! alles nur
nicht“) – „über alkohol nämlich.
ich weiß nicht, was
hast du dir denn gedacht,
als du das gemacht hast?“

und mein groteskes lächeln
hat sich nun endgültig zu
einer steinernen teufels-
fratze gewandelt, und ich
versuche gefaßt zu wirken.

ich denke zurück an die zeit, als ich mit lucy in the sky durch den himmel unserer wahnvorstellungen geflogen bin – immer auf der suche nach dem nächsten kick, horrortrips ans ende der vorstellungskraft – alles nur polemische floskeln, schlagwörter und klischees. wir waren wie zwei psychopathische lemminge ohne erinnerung, und wir starben jeden tag. wir starben auf dreckigen klos und in muffigen zimmern, und wir starben in zügen und leerstehenden häusern. wir starben jeden tag, und jeder tag war ewig. ich denke zurück an den tag, als sie das letzte mal starb.

Lucy in the sky with diamonds

The Beatles

und ich betrank mich jeden tag, und die exzesse waren wie scheiterhaufen …

ich steh in flammen
lichterloh
die stimme flüstert
brenn für mich

ein schwall aus alkohol
inferno
euphorisch schrei
ich brannte aus

und ich verlor all meine hoffnung in diesen nächten, verlor mich in meinem eigenen grauen spiegelbild und dachte daran, nie mehr aus diesen sphären herauszukriechen. kalt war es – innen wie außen – es waren kalte tage und nächte voller verzweifeltem suchen nach ewigkeit. ich verlor mich in den gedanken an gestern und womit ich morgen aufhören wollte, bestellte mir noch mehr, immer mehr. (gib mir mehr!) ich wurde geschlagen, verdammt, war verhaßt und wuchs zu einer institution heran, die niemand kannte, am wenigsten ich selbst. ich riß mir die flügel aus und warf sie in den dreck, in die exkremente einer versauten jugend. niemand sah und niemand hörte, und ich war leiser als die nagende schuld, die mich von innen her zerfraß. zerstörte alles gefühl in mir. maschine mensch, nicht denken, nicht fühlen, nicht hoffen.

und sie will mir etwas erzählen
von wegen wärme
und geborgenheit, mir,
der in feuchtnassen bahnhofstoiletten schlief,
mir, der vollgepumpt mit
speed durch mordende
städte lief – „ich bin größer
als das leben.“ mir, der
öfter durch die hölle ging
als hirngespinst lucifer,
den ich eines tages in seinen
fetten arsch trat und der
sich auflöste in meinem whiskey.
mir willst du etwas erzählen
über liebe und liebe und liebe?

ich denke zurück: das erste mal verliebt, peinliches schweigen und nächtlicher reigen, kitschig eben. und wir sahen uns nicht in die augen, und wo unser blick hinfiel, waren flammen, kitschig eben. und wir waren noch kinder, und es brannte in uns, doch der funke, tja, ein rohrkrepierer. tragisch eben. und jahre später, im bad, gebräunte körper – wir beide zusammen mit deiner mutter beim kartenspielen, und ich verlor immer, weil ich mich nicht konzentrieren konnte, wenn ich in deiner nähe war, und wo mein blick hinfiel, ward feuer, peinlich eben. und nur allzu wahr. wahre liebe findet man nicht, man wird gefunden, sage ich immer und immer wieder, und ich fühle mich wie ein vergessenes objekt, eine verlassene puppe aus der kindheit, die in irgendeiner unbeschrifteten schachtel im keller zwischen alten pornoheften und dem ausrangierten fernseher verkommt. liebe, liebe, liebe, grausame liebe.

ich denke manchmal noch an dich, wenn ich nachts schweißgebadet aufwache und deinen zerfetzten leib vor augen habe, wie er dort liegt neben den trümmern deines neuen autos, und all die tränen, die ein bierglas füllen könnten, die im schotter der friedhofswege versickerten oder von taschentüchern aufgesogen wurden, und die erste erde auf dem jungfräulichen sarg. liebe, liebe, liebe, grausame liebe, 2,60 meter tief unter der heiligen erde. ich scheiße auf liebe. „von gott gegeben, von gott genommen“, faselte der regungslose pfaffe – wollte wohl stärke vermitteln – und dutzende junger leute heulten auf wie tollwütige hunde in der nacht, und ich war seitdem nicht mehr an deinem grab, und ich werde diesen :heiligen: boden auch nie wieder betreten, und wer mich an einem friedhof beerdigen läßt, dem werde ich mein leben jede verdammte nacht im traum durchwandern lassen.

„wir haben dich alle gern
und wir möchten dir doch
nur helfen und wir glauben
daß es besser ist, wenn du
darüber redest. wir hören
dir zu. wir sind immer für
dich dich dich dich dich da.“

und es war ein mächtiges gebrüll, als ich ihnen erzählt habe, wie ich meinen führerschein wirklich verloren habe, und verdammt noch mal, ich bin mit 1,9 noch fahrtauglich, du kleine hure von psychologin, die mir sagt, ich wäre mir wohl nicht im klaren, wie viel ich wirklich trinken würde. natürlich weiß ich das; jeder weiß das, nur glaubst du, kleine von der uni gefallene taube, denn ernsthaft, daß hier jemand sagt, was er denkt, wenn es in diesem schnelllebigen leben darum geht, die lizenz zum schnelllebigsein zu verlieren? Dachte ich damals noch vor gar nicht langer Zeit. Aber heute, heute, jetzt, in diesem Augenblick, denke ich, daß es wohl nur dieses verdammte Schicksal ist, das mich noch am Leben läßt, weil ich noch längst nicht alles durchgemacht habe, das es für mich bereithält.

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ich gehe hin. jetzt. ich muß.

ich gehe an der schule vorbei, wo sie mir gelehrt haben, was frustration ist und haß, was einsamkeit ist und was es heißt, anders zu sein. oder besser? vielleicht. aber eher nicht. und ich lernte, daß es nichts gibt, wofür es sich zu leben lohnt.

ich gehe durch den park, wo sich arbeitslose und obdachlose und junkies und säufer in der sonne räkeln, und ich grüße einen, den ich von irgendwoher kenne, und zünde mir eine zigarette an.

und ich gehe vorbei an der schule, von der ich einmal meine freundin abholen sollte. ich kam mit einem vollrausch und fünf stunden zu spät und mit einem ausgerissenen gänseblümchen und ging hinein, und keiner war da, und alles war dunkel, und ich irrte durch die gänge im keller, bis mich der hausmeister hinausschmiß. und ich habe sie nie mehr wieder angerufen. sie mich auch nicht.

und ich gehe an dem parkplatz vorbei, wo die jungs und ich einmal im auto eine party feierten, und wir tranken bier und tequila und roten wodka, und wir rissen ein häßliches mädchen auf, und er spielte gitarre, und wir sangen „knockin’ on heaven’s door“ und grölten „bohemian rhapsody“, und die schlampe machte es sich selbst mit dem schaltknüppel, und ein freund holte sich dazu einen runter und spritzte auf ihre häßlichen titten. und wir rauchten gras und dope, und am nächsten tag schien trotzdem die sonne.

und ich gehe vorbei an dem haus, wo ich einmal mit meinem vater eine fossiliensammlung besucht habe. und die steine waren schön, aber es waren doch nur steine, verdammt. und während ich mir die toten sachen anschaute, dachte ich darüber nach, was wohl meine zukunft bringen wird, und ich erkannte, daß es wirklich nichts gibt, wofür es sich zu leben lohnt.

und ich gehe vorbei am gymnasium, wo eine partie hübscher junger mädchen steht. reizüberflutung durch miniröcke und kleine titten und geile ärsche und rauchende, feuchte rote teenagerlippen.

und ich gehe vorbei an dem geschäft, in dem sie mich beim klauen erwischt haben, und ich beteuerte, es sei mein erstes und letztes mal, und ich kam mit einer verwarnung davon, und ich habe immer noch an die 100 geklaute cds zu hause, von denen mir nicht einmal die hälfte gefällt.

und ich gehe vorbei an dem geschäft, in dem ich einmal eine tolle sonnenbrille gekauft habe, die mir zertrümmert worden ist, als ich im vollrausch versucht habe, ein mädchen zu verteidigen, das von drei arschlöchern angemacht worden ist. und sie haben mir kräftig eine aufs maul gehaut, und ich lief blutend durch die stadt, und all das und mehr schürte meinen haß auf menschsein.

und ich gehe über den hauptplatz, vorbei an der wache, wo ich vor zwei wochen einen alkohol- und drogentest machen mußte, und er war positiv, und ich schimpfte auf das system und das leben und über meine dummheit, um zwei uhr nachts, besoffen und higher als das empire state building, in die stadt zu fahren, um zu sehen, ob noch etwas los ist, an einem dienstag. und: verdammte scheiße, ich kann doch noch fahren! dachte ich damals.

und ich gehe vorbei an dem briefmarkenladen, wo ich öfters diese kleinen fetzen papier für meinen vater abgeholt habe, die er für mich sammelte, und ich interessierte mich einen scheißdreck dafür, aber er tat es für mich, und das war mir genug. und das geschäft heißt toth.

und ich gehe hinter zwei verdammten polizisten nach, und ich denke mir, ich sollte von einem die waffe klauen und sie beide erschießen und am besten den typen, der gräßliche töne auf einem akkordeon macht, gleich mit, aber dann denke ich mir, daß der typ sicher noch mehr opfer ist als ich, also folgere ich, daß ich nur die beiden polizisten erschießen sollte. aber dann denke ich, daß ich doch noch einen termin habe, und ich bin zwar zu früh, aber nicht so zu früh, daß ich die zeit hätte, zwei polizisten zu erschießen, also lasse ich es bleiben.

und ich gehe vorbei an einer geschlossenen hooters-bar und denke daran, wie es war, als ich diese kellnerin im abstellraum vögelte und draußen die champions league im fernsehen lief und alle schrien und sie schrie und ich zu still war, um guten sex haben zu können. mich wundert es nicht, daß sie zu ist, bei den preisen und der bedienung.

und ich gehe vorbei an der spielhalle, in die mich mein vater öfters mitgenommen hat, und wir spielten flipper und, verdammt, wir redeten kaum etwas miteinander, starrten nur auf diese verfickte silberne kugel, aber wir taten es gemeinsam, und das reichte mir.

und ich gehe in dieses scheiß kaffeehaus, und der kellner ist ein unfreundliches arschloch und arrogant, und ich denke daran, wie es wäre, ihm eins mit dem aschenbecher überzuziehen, aber dann trinke ich meinen kaffee, gebe ihm kein trinkgeld und gehe. ich habe einen termin. ich bin zwar zu früh, aber nicht so zu früh, als daß ich dem kellner noch eins mit dem aschenbecher überziehen könnte.

in diesen amtsräumen riecht es immer komisch, nach verstaubten akten und frischer druckertinte, und ich klopfe an und öffne die tür und gehe hinein und sage „guten tag“, und sie sagt „haben sie einen termin?“, und ich denke „klar, freiwillig komme ich nicht hierher“ und sage „ja.“ sie sagt „bitte warten sie draußen“, und ich denke „sag noch einmal sie zu mir, dann hau ich dir den schädel ein“ und sage „danke“ und gehe raus, setze mich auf einen dieser unbequemen holzstühle, die bei der geringsten bewegung quietschen wie ein schwein beim schlachter, und starre auf einen zettel, auf dem steht, daß durch irgendwas dem steuerzahler geld gespart wird, und ich denke „bin ich froh, daß ich keine steuern zahle.“

ich sitze also da, und mir fallen auf anhieb sicher zehn möglichkeiten ein, diese blöde sau umzubringen, und grüße einen vorübergehenden beamten freundlich. dann geht endlich die tür auf, und sie sagt „kommen sie herein“, und ich denke „das heißt bitte, verdammt noch mal“ und stehe auf und gehe hinein.

sie fragt „sie wissen, warum sie hier sind?“, und ich denke „verdammte scheiße, was soll diese bescheuerte frage?“ und sage „ja.“

detaillierte, verlogene rekonstruktion des vorfalls, wie sie die von alkohol gefickte nächtliche spritztour nennt, und ich lüge besser als clinton, der keinen sex hatte, und werde schließlich als normal eingestuft.

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„warum hast du uns denn
nicht gesagt, daß du probleme
hast?“ – „weil ich
genau wußte, daß ihr so
reagieren würdet.“ ich
drehe mich um und gehe
und erstaunt stelle ich
fest, daß es mir weh tut.

und ich denke daran, daß ich sie mein leben lang immer nur belogen habe, und ich war nie der, der ich für sie war, und doch war ich es – für sie, auf meine weise war ich für sie ich, der ich nicht bin. und ich spielte meine rolle gut, doch wenn der vorhang gefallen ist und alles vorbei ist, dann ist es egal, und der clown raucht sich einen fetten joint an und schimpft auf die kinder, die seine metabotschaft nicht kapiert haben, und alles geht den bach hinunter, direkt in die ölbefleckte see.

und jetzt sitze ich hier und tippe dieses formlose bekenntnis, und ich danke allen, die mir je in die fresse gehaut haben, denn sie taten das richtige.

prost, auf ein neues.

03.06.2001

und jetzt sitze ich hier nach tagen voller wahn, und wieder war ich sklave des mehr. meine hände zittern, und ich kotze zweimal pro stunde, und ich kriege mein maul nie voll genug. schon wieder schwöre ich ab und plädiere für kontrolle, doch es wird wieder passieren, bis ich mir irgendwann eine kugel in den schädel jage. oder durch deinen schädel. ganz wie’s beliebt.