Pompei 2026 – antike Stadt und bombastisches Konzert
Nie mehr Süden?
Wir hatten uns zwar geschworen, dass wir dem Süden im Sommer künftig den Rücken kehren und lieber nördliche Länder bereisen wollten, um der immer schlimmer werdenden Hitze zu entgehen, aber im November 2025 wurden diese Pläne aus gutem Grund über den Haufen geworfen. Savatage, die mir liebste Metalband, hatte ein Konzert im antiken Amphitheater von Pompeji samt Orchester angekündigt. Da gab es für mich kein rationales Abwägen: Karten gekauft, Hotel und Flug gebucht.
Auf nach Pompei!
Acht Monate Vorfreude später hob unser Austrian-Flug pünktlich um 7:25 Uhr von Schwechat ab und landete ebenso pünktlich in Neapel. Allerdings funktionierte die Fluggastbrücke am Gate nicht, und es mussten erst einmal Busse organisiert werden. Bis diese kamen, vergingen gut 20 Minuten, die ich zur Beobachtung jener Reisenden nutzen konnte, die sofort nach der Landung aufspringen und anschließend in gekrümmter Haltung ungeduldig warten – ein mir relativ unverständliches Verhalten. Andererseits: Irgendjemand muss ja als Erster aufstehen.
Wir nahmen den Flughafenbus zum Hauptbahnhof von Neapel, wo wir uns auf die Suche nach dem richtigen Bahnsteig für den Zug nach Pompei begaben. Wenn man erst einmal begriffen hatte, dass es verschiedene Zugunternehmen gab, deren Züge von unterschiedlichen Bereichen abfuhren – was in unserem Fall etwas länger dauerte und einen gewissen Frust erzeugte –, funktionierte das sehr gut.

Der Bahnhof vermittelte uns jedoch gleich einen ersten Eindruck von den chaotischen Verhältnissen in Neapel: extrem stark frequentiert, laut, unübersichtlich und nicht unbedingt gut gepflegt. Der Bahnsteig war sehr voll, sodass die Reisenden von einem Mitarbeiter wie Hühner den Bahnsteig entlanggescheucht wurden. Wir befürchteten bereits, die nächste Stunde in einem völlig überfüllten Abteil zubringen zu müssen, aber wie durch ein Wunder verteilten sich die Menschen so gut im Zug, dass kaum jemand stehen musste. Die Klimatisierung war sehr angenehm und verschaffte uns etwas Abkühlung, bevor wir in Pompei von Temperaturen weit über 30 Grad in Empfang genommen wurden.

Wir schlurften mit unseren Koffern zum Hotel del Sole, das eine einzige Aufgabe zu erfüllen hatte: direkt gegenüber dem Eingang zu den Ausgrabungen und zum Amphitheater zu liegen. Auch wenn meine österreichische Aussprache englischer Vokabeln für italienischsprachige Menschen vermutlich genauso schwer zu verstehen ist wie deren englische Aussprache für mich, erschwerten mir ein Relikt der Corona-Zeit in Form einer trennenden Plexiglasscheibe und eine Stimme, die ich als Mischung aus Fran Fine und Daisy Duck wahrnahm, das Verständnis des Check-in-Prozederes.
Nach einer Akklimatisierung durch Klimatisierung machten wir uns auf, das „neue“ Pompei zu erkunden. Leider fanden wir hauptsächlich kreativ verlegte Strom- und Wasserleitungen, desolate Gebäude und – was mich als Bautechniker besonders bedenklich stimmte – ruinöse Balkone vor. Einzig der Hauptplatz mit dem klangvoll benannten Pontificio Santuario della Beata Vergine del Santo Rosario di Pompei samt Campanile bildete eine gepflegte Ausnahme – wobei es auch hier auf die Perspektive ankam.
Nehmen wir den ersten Balkon der folgenden Fotostrecke als Beispiel für missglückte Baukunst. Er ist ganz offensichtlich nachträglich errichtet worden. Der Architekt hat augenscheinlich durchaus geistige Kapazitäten in den Entwurf investiert: Das Geländer ist prinzipiell schön gestaltet, zwei Mauerpfeiler unterteilen die schmiedeeisernen Konstruktionen. Leider ging sich das Ganze in der Höhe wohl nicht so recht aus, weshalb der Mauerbogen angeschnitten werden musste. Das Stromkabelsystem wirkt wie eine improvisierte Improvisation.
Das ist man von südlichen Ländern zwar gewohnt, und auch der ruinöse Charme ist gewissermaßen Teil des Flairs, das Italien ausmacht. Dennoch befinden wir uns hier im Herzen des touristischen Zentrums, und wenn man den Blick von der schlaglochübersäten Straße hebt, ohne dabei zu stolpern, und über die Fassaden streifen lässt, bleibt er unweigerlich an bröckelndem Putz und ruinösen Fenstern hängen. Und dennoch: Geländer gestalten, das können sie gut. Leider wird in die Pflege der bella figura viel mehr investiert als in die Erhaltung der Gebäude.
Abends gönnten wir uns einen Restaurantbesuch unweit des Hotels. Die Stadt war bevölkert von Fans der legendären britischen Band Marillion, die an diesem Tag ihr zweites Konzert im antiken Amphitheater von Pompeji gab. Ausgerechnet vor unserem Restaurant hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Der Grund dafür war Sänger Steve Hogarth, mit dem sich viele fotografieren lassen wollten. Nun, die mir Liebste sorgte dafür, dass ich für ein solches Foto nicht einmal aufstehen, geschweige denn meine Mahlzeit unterbrechen musste.

Das antike Pompeji
Nach einem ausgiebigen Frühstück, das für italienische Verhältnisse zwar äußerst üppig und abwechslungsreich war, jedoch mit einem Automatenkaffee zweifelhaften Geschmacks den Stolz der Italiener auf ihren guten Kaffee konterkarierte, fanden wir uns zur gebuchten Zeit am Eingang zu den Ruinen beim Amphitheater ein.
So ziemlich jeder dürfte die Geschichte der Stadt kennen, die gemeinsam mit mehreren kleineren Orten beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. unter mehreren Metern Bimsstein, Asche und anderen vulkanischen Ablagerungen verschüttet und dadurch weitgehend konserviert wurde. Es handelte sich vermutlich um eine Stadt mit rund 10.000 bis 12.000 Einwohnern, wobei die Schätzungen erheblich auseinandergehen. Anders als bei vielen anderen historischen Ausgrabungsstätten sind hier also nicht nur einzelne Tempel oder Heiligtümer erhalten, sondern große Teile einer vollständigen Stadtstruktur. Das macht Pompeji einzigartig, und mit ein wenig Fantasie kann man sich auch als archäologischer Laie ausmalen, wie es hier einmal ausgesehen haben muss.
Obwohl die Villen mit ihren reich verzierten Wänden, großen Atrien und Gärten natürlich bestaunenswert sind, liegt der Reiz beispielsweise auch in einer Bäckerei, in der rund 2.000 Jahre alte Mahlwerke zu sehen sind. Zwar sind die Wandmalereien in der Villa der Mysterien phänomenal, aber auch an den Wänden nicht gesondert ausgeschilderter Häuser finden sich noch Reste der einstigen Gestaltung.
Die erste, plinianische Phase des Ausbruchs dauerte rund 18 bis 20 Stunden und muss gewaltig gewesen sein. Eine bis zu 30 Kilometer hohe Eruptionssäule schleuderte enorme Mengen an Bimsstein, Asche und Gasen bis in die Stratosphäre. Später brach die Säule wiederholt zusammen und erzeugte pyroklastische Ströme, die sich über die Umgebung ausbreiteten. Wer trotz der vorangegangenen Beben und der ersten Anzeichen des Ausbruchs noch in der Stadt war, wurde entweder vom Bimssteinregen erschlagen, unter einstürzenden Dächern begraben oder fiel schließlich den heißen, aschereichen Strömen zum Opfer.
Ich glaube, so ziemlich jeder Tourist, der durch die antiken Gassen wandelt und den Kegel des Vesuvs im Hintergrund aufragen sieht, dürfte sich vorstellen, wie es wäre, würde gerade jetzt ein Ausbruch stattfinden. Zwar dürfte es diesmal keine 1.500 Jahre dauern, bis man wieder ausgegraben wird; wer jedoch tatsächlich unmittelbar von einem Ausbruch überrascht würde, dürfte trotzdem ein Problem haben. Daher mein professioneller Tipp für künftige Vulkanopfer: Versuchen Sie, mit letzter Kraft eine möglichst kreative Pose einzunehmen, damit der spätere Gipsabguss Ihres Körpers in zukünftigen Museen eine herausragende Stellung einnehmen kann.
Es gibt etliche berühmte Häuser, Tempel, Villen und Nekropolen, die sehenswert sind. Vor den bekannteren Gebäuden bilden sich teilweise längere Schlangen. Mir war es allerdings gar nicht so wichtig, jede Wandmalerei direkt vor Ort zu sehen – auch wenn ich die Darstellungen im Bordell keinesfalls ungesehen lassen wollte. Viel interessanter fand ich es, die Struktur der Stadt an sich zu erkunden. Und obwohl sich täglich Tausende Menschen durch das Areal bewegen, findet sich immer wieder eine verlassene Straße.
Einen weiteren Tipp, der sich diesmal ums Überleben dreht, möchte ich noch anbringen: Nehmen Sie ausreichend Verpflegung mit. Zwar gibt es Trinkwasserbrunnen, doch trotz der Unmenge an Besuchern ist die einzige Möglichkeit, innerhalb des Geländes andere Getränke und Speisen zu kaufen, ein furchtbarer Neubau, der über den Ruinen thront, als hätte man ihn dort versehentlich abgestellt. Die Casina dell’Aquila ist zwar zentral gelegen, aber wie man sich vorstellen kann rege besucht. So bleibt es nach längerem Anstehen schlussendlich dem Glück überlassen, ob man einen Sitzplatz bekommt.

Savatage – Madness Reigns from the Gutter? Bombast reigns in Pompeji!
Am Abend dann das von mir sehnlichst erwartete Ereignis: Savatage endlich einmal wieder live! Allein das wäre bereits Anlass für enorme Vorfreude gewesen, doch die Kombination aus Savatage, Amphitheater und Orchester sorgte bei mir schon vor dem ersten Ton für Gänsehaut.

Durch einen Tunnel gelangte man in den bestuhlten Konzertbereich, und obwohl es ungewohnt war, bei einem Metalkonzert zu sitzen, waren meine müden Knochen diesem Umstand durchaus dankbar.

Das Orchester begann bombastisch mit der Overture des Albums Dead Winter Dead. Darauf folgte das Intro von Morphine Child, das schließlich in Dead Winter Dead selbst mündete.
Wow!
Es war anzunehmen, und es wurde vollends bestätigt, dass bombastische Songs wie The Wake of Magellan oder This Is the Time mit Unterstützung des Orchesters nur gewinnen konnten. Weit erstaunlicher war jedoch die nahtlose Integration des Orchesters in Metalsongs wie Sirens oder Lights Out. Diese Songs bekamen sozusagen noch ein kleines Upgrade verpasst.

Nach Chance erhoben sich die ersten Besucher zu Standing Ovations. Irgendwie fanden dann doch wieder alle auf ihre Sitze zurück. Nicht so ganz zünden wollte das von Johnny Lee Middleton gemeinsam mit dem Orchester angespielte Adagio in G Minor, das als Überraschung für die italienischen Fans gedacht war. Der verhaltene Applaus ließ darauf schließen, dass entweder zu wenige Italiener im Amphitheater waren oder selbst diese damit nichts anfangen konnten.
Schade.
Man hätte auf hohem Niveau jammern können: kein Banner oder Logo außer auf dem Drumkit, ein bisschen wenig Scheinwerferlicht hier und ein bisschen wenig Gitarrensound da. Das tat jedoch nichts zur Sache. Der Vollmond entschädigte.
Der gesanglich kaum gealterte Zak Stevens und das Orchester gaben Not What You See zum Besten, was die mir Liebste unheimlich freute, da es sich um ihr Lieblingslied von Sava handelt, das seit 1999 nicht mehr live gespielt worden war.

Emotionaler Höhepunkt war das Gedenken an Criss Oliva, verbunden mit der nur auditiven Anwesenheit von Jon Oliva, der leider gesundheitlich nicht in der Lage war, die Tour zu bestreiten. Er war jedoch gemeinsam mit Al Pitrelli maßgeblich an den Orchesterarrangements beteiligt. Believe mit Jons Gesang wurde eingespielt, und das Amphitheater sang mit. Abermals Gänsehaut, dann der Übergang zu Gutter Ballet, gefolgt von Edge of Thorns als Closer des regulären Sets.

Die Zugabe eröffnete das orchestral aufgemotzte Temptation Revelation, gefolgt von Power of the Night, bei dem nun endgültig die Sitzordnung aufgegeben und zur Bühne geströmt wurde. Hall of the Mountain King beschloss schließlich das Konzert, und im Vergleich zu Japan Live ’94 hatte Zak nun verstanden, wie er die Vocals anlegen musste: sehr gelungen.

Das gesamte Konzert wurde übrigens aufgezeichnet; eine spätere DVD-Veröffentlichung ist geplant. Es war mir eine Ehre und Freude, dabei gewesen zu sein.
Madness reigned in the Anfiteatro di Pompei!
























































