Aus dem Innersten der Seele
Aus dem Innersten der Seele — so nannte ich den Roman, den ich mit 19 Jahren geschrieben habe. Ach, wie pathetisch! Es war ein unausgereiftes Jugendwerk und könnte auch genau so gelesen werden, wenn es denn jemand lesen würde. Das lasse ich nämlich nicht zu.
Nicht, weil es mir peinlich wäre, ihn überhaupt geschrieben zu haben. Es gibt viel beschämendere Angelegenheiten, auf die ich als heute 45-Jähriger zurückblicken könnte. Ein Buch zu schreiben ist da auf der löblichen Seite der Aktivitäten anzusiedeln. Sondern weil die Geschichte nicht sonderlich gut ist. Ich habe sämtliche mir damals zur Verfügung stehenden Motive hineingepackt, von klassischem Außenseitertum bis hin zu metaphysischen Eskapaden auf transzendentaler Ebene.
Worauf ich aber auch heute noch durchaus zufrieden zurückblicken kann, sind manche Beschreibungen einzelner Ereignisse. Generell liegt meine Stärke offensichtlich weniger darin, komplexe Charaktere über viele Kapitel hinweg zu entwickeln oder einen werkumspannenden Erzählbogen zu konstruieren — sonst wüsste ich in meinem aktuellen Schreibprojekt bereits, wofür der dritte Schlüssel gut ist —, sondern in der verdichteten Beschreibung einzelner Szenen oder Begebenheiten.
Ich habe nicht vor, an dieser Geschichte weiterzuarbeiten. In den letzten Wochen bin ich jedoch wieder dazu übergegangen, grobe Fragmente zu behauen, die größtenteils im Jahr 2002 oder früher entstanden sind. Im Beitrag Wortverliebtheit habe ich mich dazu bereits geäußert, und so bin ich auch wieder auf das Manuskript dieses Romans gestoßen.
Um diese Angelegenheit abzuschließen und gleichzeitig meinen jugendlichen Bemühungen in diesem Rahmen eine gewisse Würdigung zuteilwerden zu lassen, möchte ich ein paar wenige Stellen zusammenhanglos zitieren. Die Textstellen wurden nur behutsam redigiert (Rechtschreibung, Kürzungen, einzelne Wörter) und sind daher sehr nahe am Original meines jungen, ungestümen Ichs.
Es geht mir dabei nicht um die Handlung oder die darin enthaltenen Motive. Die ausgewählten Passagen veranschaulichen vielmehr die zugrunde liegende Stimmung des Werkes und spiegeln so gewissermaßen die gefühlte Realität des damaligen Autors wider.
Einstieg / 1. Kapitel
Die Straßen waren feucht in dieser Nacht. Minuten zuvor hatte es noch heftig geregnet, ab und zu fielen vereinzelt Regentropfen aus den Kronen der Bäume und verursachten dabei tropfende Geräusche in den tiefen Pfützen und auf dem Asphalt. Spärlich fiel Mondlicht durch die schwere Wolkendecke und ließ die nassen Oberflächen schimmern [...]. Der kalte Wind wehte durch die Stadt und ließ die Baumwipfel leicht hin und her schwingen. Das sanfte Rauschen der Blätter wurde nur ab und zu durch vereinzelte Motorengeräusche unterbrochen, die von den Wagen einsamer Nachtfahrer stammten. Der Regen hatte die Luft gereinigt und den Schmutz von den Straßen gewaschen.
Sandras Flucht
Sie lief so schnell sie ihre Beine tragen konnten, das Bild ihres Vaters vor Augen und Angst im Nacken, in Richtung Bahnhof. Völlig außer Atem stieg sie in den ersten Zug nach Irgendwo, der gerade bereitstand, und wartete sehnsüchtig auf den erlösenden Ruck zu spüren, der ihr verriet, dass sie sich endlich auf dem Weg befand, auf dem Weg in ein neues Leben, weg aus dem Home Sweet Hell.
Da war er, der Ruck, der Glück verhieß. Sie blickte aus dem Fenster. Das Bahnhofsgebäude aus den 60er-Jahren mit der frisch renovierten Fassade zog langsam an ihr vorbei. Sie presste ihr Gesicht an das Fenster, als die Hand ihres Vaters gegen die Scheibe donnerte. Sie zuckte zusammen, ihr Herz raste. Immer wieder hämmerte er gegen die Scheibe, mit jedem Schlag wuchs ihre Angst, dass die Scheibe nicht halten könnte, dass er sie packen und aus dem fahrenden Zug ziehen könnte. Er brüllte wutentbrannt. Sein Gesicht war knallrot angelaufen und die Adern am Hals waren zum Platzen angeschwollen. Bald konnte er aber nicht mehr mit dem Zug mithalten, der den Bahnhof bereits verlassen hatte. Tief atmete sie durch. Sie hatte es geschafft.
Schlafplatz im Parkhaus
Ganz unten angekommen, rollte sie sich zusammen wie eine Katze, legte ihren Kopf auf den Rucksack und schloss die Augen. Sie zitterte, der Beton war kalt und feucht. Je länger sie so dalag, desto lauter nahm sie das tropfende Geräusch wahr, das an ihr Ohr drang. Es trieb sie in den Wahnsinn, bis sie umdachte und mit dem Rhythmus mitzählte und in einen unruhigen Schlaf fiel.
Der gemeinsame Aufbruch
Schweigend fuhren sie weiter, einer ungewissen Zukunft entgegen. Nachdem sie die Stadt verlassen hatten, änderte sich das trostlose Bild nur insofern, als dass nicht mehr die Häuser die Tristesse ausmachten, sondern die Gegend an sich. Sie fuhren auf einer Landstraße, die sich in langgezogenen Kurven in die Landschaft schnitt, zwischen monotonen braunen Feldern. Neben einem beinahe versiegten Flusslauf standen einige blattlose Bäume, die so aussahen, als hätten sie sich schon seit längerer Zeit damit abgefunden, nur mehr dürftig Wasser zu bekommen. Fast alle waren verkrüppelt, schief und unansehnlich. In der Ferne ragte eine Berggruppe auf, die einen grünen Kontrast darbot. Auf einem der Hügel ragte eine verfallene Ruine in den Himmel, sie passierten ein neues Holzkreuz, das für einen verunglückten Autofahrer aufgestellt worden war und die noch Lebenden vor einem ähnlichen Schicksal warnen sollte […]. Eine alte Scheune, bereits lange nicht mehr genutzt, dem Verfall preisgegeben, eine schmutzige Radkappe, der Handschuh eines kleinen Kindes […] und unzählige kleine Kieselsteine.
So stellt sich übrigens ChatGPT meine Protagonisten Sandra und Gabriel anhand der Beschreibungen im Manuskript vor. Ich muss zugeben, es wäre ein passendes Cover für die einen Dark Romance Roman.
