Von antiken Göttern und modernen Menschen

In meiner Kellerbibliothek – so dekadent und zugleich mysteriös sich das auch anhören mag – bewahre ich unter anderem die Bücher meines Vaters auf. Er besaß eine umfangreiche Sammlung jener Autoren, die ich heute gerne als die Vorfahren moderner Verschwörungstheoretiker bezeichne: Erich von Däniken, Zecharia Sitchin und Charles Berlitz, um nur einige zu nennen. Ein weiterer Autor, Graham Hancock, hat inzwischen sogar die Plattform Netflix erreicht und verbreitet dort die immer gleiche, wenn auch stets leicht abgewandelte, Grundidee der Präastronautik. 

Die Präastronautik stellt Fragen wie: Wie konnten antike, vermeintlich primitive Kulturen mit einfachen Mitteln solch monumentale Bauwerke errichten? Woher kamen ihre oftmals erstaunlichen astronomischen Kenntnisse? Wie konnten Gesellschaften entstehen, die ihrer Zeit weit voraus schienen? 

Die Antworten auf diese Fragen sind fast immer dieselben: Außerirdische, die als Götter bezeichnet wurden, oder andere überlegene Wesen hätten den Menschen geholfen oder ihn gar erst erschaffen. 

Ich halte diese Erklärungen nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht für falsch. Ich empfinde auch die darin enthaltene Annahme, alte Kulturen müssten zwangsläufig primitiv und daher hilfsbedürftig gewesen sein, als anmaßend. Sie unterschätzt die Fähigkeiten unserer Vorfahren und ersetzt tatsächliche menschliche Leistungen durch behauptete ‚göttliche‘ Eingriffe. 

Es handelt sich um ein Denkmuster, das bereits vielen Religionen zu eigen ist: Wir können uns die Entstehung des Menschen, der Erde oder des Universums nicht erklären. Daraus folgt aber nicht, dass ein oder mehrere noch unerklärlichere Wesen dafür verantwortlich sein müssen. 

Ebenso wenig müssen wir Außerirdische erfinden, nur weil wir uns heute nicht mehr vorstellen können, wie alte Hochkulturen tonnenschwere Steinblöcke bewegt und daraus präzise Bauwerke errichtet haben. Die Vorstellung, eine technisch überlegene Spezies sei eigens dafür zur Erde gereist, habe monumentale Bauwerke errichtet und sei anschließend wieder verschwunden, löst das Problem nicht. 

Ich erinnere mich daran, im Religionsunterricht der Volksschule einmal die Frage gestellt zu haben: „Wer hat Gott eigentlich geboren?“ 

Diese kindlich-naive Frage bringt die Problematik erstaunlich gut auf den Punkt. Wer als Erklärung für vermeintlich unlösbare Rätsel wirkmächtige Gottheiten erfindet oder ebenso unerreichbare hochentwickelte Alienkulturen postuliert, beantwortet die Frage nicht, sondern verschiebt das Problem lediglich um eine Ebene nach oben und schafft dadurch einen neuen Problemkomplex. 

Die Erkenntnis des Nichtwissens 

Sowohl Religionen als auch Präastronautik liefern Antworten auf grundlegende Fragen, ohne dass sich diese empirisch überprüfen lassen. Vielleicht ist die wichtigste Errungenschaft der Menschheit daher nicht technischer Natur. Vielleicht ist sie eine Erkenntnis. 

Die Erkenntnis, dass wir nicht alles wissen.

Heute wissen wir erheblich mehr über Sterne und Planeten, Gene und Evolution, Elementarteilchen und schwarze Löcher als frühere Kulturen, die viele dieser Fragen religiös oder mythologisch deuteten. Wir haben eine ziemlich genaue, wissenschaftlich begründete Vorstellung davon, wie das Universum entstanden sein könnte. Wir können physikalische Vorhersagen mit einer Präzision treffen, die früher unvorstellbar gewesen wäre. Doch auf manche vermeintlich einfache Fragen haben wir weiterhin keine Antwort. 

Warum existiert überhaupt etwas – einschließlich uns selbst? Wir wissen es nicht.

Der entscheidende Unterschied zu früheren Erklärungsmodellen besteht darin, dass die Wissenschaft bereit ist, diese Antwort zu akzeptieren. Etwas nicht zu wissen und dies zuzugeben, ist keine Schwäche. Es zuzugeben, ist intellektuelle Ehrlichkeit. 

Vielleicht gehört gerade die Akzeptanz des Unwissens zu den größten geistigen Fortschritten der Menschheit, auch wenn dieser Fortschritt nicht von allen akzeptiert oder als solcher wahrgenommen wird. 

Aber, um ehrlich zu sein: ich weiss es auch nicht.

Die Faszination der Entstehung

Die Entstehung früher Hochkulturen beziehungsweise Zivilisation an sich ist ein faszinierendes Thema. Auch die moderne Wissenschaft konnte bislang nicht jede Entwicklung bis ins letzte Detail erklären und wird dies vermutlich auch nie können. Wir wissen heute erheblich mehr als noch vor wenigen Generationen, doch manche Prozesse erscheinen immer noch erstaunlich. 

Die Sumerer beispielsweise gelten als eine der ersten bekannten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Ich möchte sie als Beispiel heranziehen, da sie in diversen Publikationen, aus denen dieser Text seine ursprüngliche Inspiration schöpft, prominent vertreten sind. Sie entwickelten unter anderem die Keilschrift, nutzten das Rad, errichteten Bewässerungsanlagen und Monumentalbauwerke und verfügten über bemerkenswerte Kenntnisse in Mathematik und Astronomie. Von ihnen stammen die ältesten bekannten schriftlich festgehaltenen Gesetze sowie literarische Werke wie das Gilgamesch-Epos. Ihre Kultur entwickelte sich über Jahrtausende hinweg, wirkt bis in die Gegenwart nach, wurde jedoch erst im 19. Jahrhundert durch archäologische Ausgrabungen wiederentdeckt. 

Die Fragestellung sollte daher nicht im präastronautischem Stil lauten: „Wer verhalf den Sumerern zu ihrer Zivilisation?“

Sondern: „Wie konnten derart fortgeschrittene Kulturen überhaupt entstehen?“

Fortschritt durch einfallsreiche Einzelne?

Mein erster instinktiver Ansatz war, dass zivilisatorische Sprünge durch den Einfluss „einfallsreicher Einzelner“ ausgelöst worden sein könnten. Ich entnahm der präastronautischen Gleichung die Außerirdischen und setzte plump sogenannte Genies an ihre Stelle.

Damit meinte ich keine übernatürlich begabten Wesen, sondern Menschen, die bekannte Informationen auf eine Weise neu kombinieren, die ihren Zeitgenossen nicht gelang. Mir erschien es plausibel, dass hinter vielen großen Neuerungen zunächst herausragende Einzelpersonen standen, deren Namen im Dunkel der Geschichte verloren gingen. 

Doch „einfallsreiche Einzelne“ begründen keine Kulturen und können sie auch nicht bewahren. Sie benötigen eine Struktur, die Wissen enthält, bewahrt und weitergibt.

Übertragen wir diesen Gedanken in die Gegenwart.

Nahezu jeder Mensch in den industrialisierten Ländern kann heute einen Computer bedienen. Deutlich weniger Menschen können ihn programmieren. Noch weniger verstehen seinen Aufbau bis ins Detail oder könnten ihn selbst konstruieren. Aber nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen wäre überhaupt in der Lage gewesen, die Idee eines Computers zu entwickeln, wenn es ihn noch nicht gäbe, selbst wenn die Grundlagen dafür vorhanden wären. 

Warum Hochkulturen verschwinden können

Wissen existiert nicht unabhängig von Menschen. Es benötigt Menschen, die es verstehen, bewahren, lehren und anwenden. Nicht irgendwelche Menschen, sondern Netzwerke aus Spezialisten: Lehrern, Handwerkern, Forschern und Institutionen. 

Je kleiner eine Bevölkerung ist, wird oder je stärker ihre gesellschaftlichen Strukturen zerfallen, desto größer wird die Gefahr, dass kritisches Wissen oder dessen praktische Anwendung verloren geht. Kriege, Seuchen, Hungersnöte oder politische Zusammenbrüche können solche Prozesse auslösen oder beschleunigen. 

Wird eine kritische Zahl von Wissensträgern unterschritten, droht das Netzwerk zu zerbrechen. Der Niedergang einer Zivilisation bedeutet dabei nicht, dass Menschen plötzlich weniger intelligent werden. Er bedeutet lediglich, dass die Strukturen verschwinden, die Innovation und Wissensweitergabe überhaupt erst ermöglichen. 

Da die Bevölkerungszahlen früherer Kulturen deutlich geringer waren als heute, konnten solche Kettenreaktionen vergleichsweise schnell eintreten. Eine Hochkultur mag oft wesentlich fragiler gewesen sein, als sie uns im Rückblick erscheint. 

Daraus kann man ableiten, dass für den Erhalt einer Zivilisation ein funktionierendes Wissensnetzwerk über Generationen hinweg essentiell ist, auch wenn man annehmen kann, dass „einfallsreiche Einzelne“ zu bestimmten Zeitpunkten entscheidende Ideen für die Weiterentwicklung beigesteuert haben dürften.

Wenn Zivilisation tatsächlich auf fragilen Wissensnetzwerken beruht, dann stellt sich zwangsläufig die Frage, wie eine moderne, inzwischen globale, Zivilisation mit ihrem Wissen und ihren Wissensträgern umgehen sollte.

Das ungenutzte Potenzial

Heute leben mehr Menschen auf der Erde als jemals zuvor. 

Wenn außergewöhnliche Begabungen statistisch annähernd gleichmäßig verteilt sind, dann existieren heute vermutlich mehr potenzielle „herausragende Einzelne“ als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte. Doch viele von ihnen werden niemals die Möglichkeit erhalten, ihr Potenzial zu entfalten. Sie werden in Armut geboren, haben keinen Zugang zu hochwertiger Bildung oder leben in Regionen, die von Krieg, Instabilität oder wirtschaftlicher Not geprägt sind. Ihre Fähigkeiten bleiben unentdeckt. 

Jedes verlorene Talent ist jedoch nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern auch ein möglicher Verlust für die gesamte Menschheit. Vielleicht entgehen der Menschheit dadurch Ideen, welche die drängendsten Probleme der heutigen Zeit lösen könnten.

Eine globale Zivilisation

Die größten Probleme unserer Zeit sind global und menschengemacht: Klimawandel, umfassendes Artensterben, ausufernder Ressourcenverbrauch, aber auch neue Technologien mit schwer abschätzbaren Risiken bedrohen den Fortbestand unserer Zivilisation – und wir wissen es seit Jahrzehnten.

Zugleich sind die Chancen unserer Zeit ebenso global: weltweite Kommunikationsmöglichkeiten, jederzeit so gut wie uneingeschränkter Zugriff auf das bisherige gesammelte Wissen der Menschheit, globaler Handel, internationale Forschungs- und Gesundheitskampagnen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Dennoch zeigen die zahlreichen Kriege und bewaffneten Konflikte der Gegenwart, wie weit die Menschheit trotz globaler Vernetzung noch von wirklicher Kooperation entfernt ist.

Deshalb glaube ich, dass die nächste große Entwicklungsstufe der Menschheit, sollte es sie geben, nicht primär technologischer Natur sein wird. Es könnte ein neues Modell globaler Zusammenarbeit sein – eines, das überzeugend genug ist, um nationale Differenzen angesichts gemeinsamer Herausforderungen in den Hintergrund treten zu lassen.

Ich denke an ein System, das im globalen Maßstab Chancengleichheit herstellt. Ein solches System könnte nicht nur Leid, Armut und kriegerische Auseinandersetzungen verringern. „Herausragende Einzelne“ könnten unabhängig von ihrer Herkunft erkannt, ihre Ideen gefördert, ihr Wissen bewahrt und wissenschaftliche Zusammenarbeit erleichtert werden. 

Wir verfügen bereits über viele der wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Werkzeuge, um zentrale Probleme unserer Zeit zumindest abmildern zu können. Was fehlt, ist die internationale – um nicht zu sagen: planetare – Einigkeit und der Wille zum gemeinsamen Handeln.

Vielleicht ist das utopisch, doch jede große Entwicklung der Menschheitsgeschichte begann einst als Utopie. 

Ich selbst bin definitiv kein Genie, und natürlich bin ich nicht der Erste, der Theorien und Vorstellungen in dieser Richtung entwickelt und formuliert hat. Dennoch möchte ich diese Gedankengänge in meinem bescheidenen Rahmen teilen, nicht zuletzt, um der Zeit, die ich für das Lesen präastronautischer Machwerke aufgeopfert habe, rückblickend einen Sinn zu verleihen. 

Nun, über solche Dinge mache ich mir an einem verlängerten Wochenende Gedanken… Gute Nacht, ihr Menschen – und Götter.