Wiener Innenhöfe 2026
Vor wenigen Wochen durften wir, inzwischen zum zweiten Mal, für Verwandte meiner mir Liebsten als Guides einer kurzen Tagestour durch Wien fungieren. Inspiriert von der Erkenntnis, dass es uns manchmal (fast) peinlich war, historische Fakten über unsere eigene Hauptstadt nicht zu kennen, beschlossen wir, uns Wien mal wieder von der touristischen Seite her zu nähern.
Der Stein des Anstoßes war ein Artikel in Falstaff LIVING, in dem fünf Wiener Innenhöfe “mit besonderem Charakter”, wie es hieß, vorgestellt wurden.
Den Vortag des Wings For Life World Runs bestimmten wir als den Tag, an dem wir die Fotokamera schulterten und mit möglichst unvoreingenommenem Blick einen Stadtspaziergang unternahmen. Die Route begann im 6. Gemeindebezirk und führte uns durch den 7. Bezirk in die Innere Stadt, zog sich bis in den 3. Bezirk und endete schließlich wieder im Zentrum Wiens.
Der Raimundhof
Den Eingang zum Raimundhof, einen sogenannten freiwilligen Durchgang, kann man leicht übersehen. Die inzwischen verkehrsberuhigte Mariahilfer Straße strotzt hier nur so vor kleinen und großen Geschäften und ist entsprechend frequentiert. Zwischen einem Mobilfunkanbieter und einer Parfümerie (direkt daneben eine Trafik mit historischer Gestaltung) betritt man durch ein Portal, das noch aus der Erbauungszeit Ende des 18. Jahrhunderts stammt, den Raimundhof. Das historische Hauszeichen „Zum goldenen Hirschen“ bezeichnet das Geburtshaus des 1790 geborenen Dramatikers Ferdinand Raimund, dessen Namen man auch als Nicht-Wiener schon einmal gehört haben könnte.

Der Raimundhof, eine Abfolge mehrerer Innenhöfe, hat bei der berühmten Stiegengasse seinen Ausgang. Es ist, als würde man eine andere Welt betreten. Im ersten Hof finden sich noch klassisch gestaltete Geschäftsportale, während man danach in ein alternatives Hipsterversum eintaucht. Das geschäftige Treiben der Mariahilfer Straße verstummt. Kunterbunt gekleidete menschliche Entwürfe bevölkern als Gesamtkunstwerke vegane Bistros oder stöbern nach dem neuesten Zubehör im Apple-Ökosystem. Auch ein dem Spiritualitäts-Guru Sri Chinmoy gewidmetes Lokal findet sich dort. Dank eigenem Meditationsraum wird man von spirituell erleuchteten Obern und Oberinnen mit irdischer Kost versorgt.
Das Schottendurchhaus
An der Stiftskaserne vorbei führte uns der Weg über die Schrankgasse bis zur Burggasse, von wo aus sich ein interessanter Blick auf das Naturhistorische Museum eröffnete. Das Gebäude Ecke Gardegasse / Fassziehergasse wurde mit Graffiti ausnahmsweise nicht verunstaltet, sondern durchaus verschönert.
Auch den Eingang in das Durchhaus in der Neustiftgasse hätten wir wohl nicht bemerkt, hätten wir ihn nicht aktiv aufgesucht. Das Schottendurchhaus verbindet die Neustiftgasse und die Lerchenfelder Straße über mehrere Innenhöfe. Die begrünten Bereiche mit Schanigärten versprühen urbanen Heurigencharme, den man hier gar nicht erwartet hätte. Das Gebäude im Biedermeierstil wurde Ende der 1990er umfassend renoviert. Früher floss hier der Ottakringerbach durch und es soll zu regelmäßigen Überflutungen gekommen sein. Die heute sichtbare Statue des Heiligen Nepomuk, Schutzpatron gegen Wassergefahren, ist jedoch eine Replik und nicht mehr das Original von 1862.
Ein etwas weniger einladendes Bild bietet das Amthaus der Stadt Wien, das die MA62 beheimatet. Entgegen dem ruinösen Erscheinungsbild, das eher auf einen Lost Place als einen Working Place schließen lässt, ist es tatsächlich in Amt und Würden. Staunen konnten wir wiederum über das Palais Trautson oder den Justizpalast, den wir von dieser Seite auch noch nicht bewusst wahrgenommen hatten. Dies traf ebenso auf die Seite des Parlaments zu, die man vom parkähnlichen Grete-Rehor-Platz zu sehen bekommt.
Der Heiligenkreuzerhof
Das geschäftige Treiben am Kohlmarkt, Graben und Stephansplatz endete abrupt, denn die Seitengassen der großen Einkaufsstraßen waren kaum frequentiert und bereits in der Schönlaterngasse wähnt man sich von allen guten Wienern verlassen.
Anders als die bisherigen Durchgangshöfe ist der Heiligenkreuzerhof tatsächlich als ein Hof wahrnehmbar und hat visuell mehr von einem Platz als von einem Durchgang. Er gilt als das älteste Zinshaus Wiens und wurde im 12./13. Jahrhundert errichtet. Der Name lässt es schon erahnen: die Zisterzienser, immer noch Eigentümer, waren die Auftraggeber.
Nach diversen Umbauten erhielt der Hof sein heutiges Aussehen in den Jahren 1769 bis 1771. In einer der Wohnungen war 1975 bis 1986 Helmut Qualtinger beheimatet. Ein Stück Ur-Wien sozusagen.
Es herrschte eine angenehme Ruhe und die Schanigärten luden zum höherpreisigen Verweilen ein. Betritt man auf der Grashofgasse dann wieder die eigentliche Innenstadt, ist es mit der Beschaulichkeit auch wieder genauso schnell vorbei, wie sie begonnen hat.
Der Sünnhof
Nach einem kulinarischen Zwischenstopp überquerten wir den wasserarmen Wienfluss in Richtung 3. Bezirk, wo sich Wien Mitte The Mall befindet. Beispielhaft für den hier anzutreffenden Kontrast von Alt und Neu zeigt das folgende Bild die Fassade der Universitätsbibliothek der Universität für angewandte Kunst vor dem im Hintergrund aufragenden Turm des Justizzentrums.
Von der Landstraßer Hauptstraße kommend erreichten wir den Eingang zum Sünnhof, einem Durchhaus aus der Biedermeierzeit. Markenzeichen: bunte Regenschirme. Der Durchgang würde sich ohne Regenschirme, zu denen man aus künstlerischer Sicht stehen kann wie man mag, durchaus charmant präsentieren. Gastwirtschaften mit Schanigärten sorgen für Kulinarik und das Mercure Grand Hotel Biedermeier spielt namenstechnisch sämtliche Trümpfe aus.
Die Weihburggasse 21
Der Sünnhof entließ uns in der Ungargasse und wir bahnten uns den Weg durch den Stadtpark, der aufgrund einer Veranstaltung stark frequentiert war, zurück in die Innere Stadt. Der Innenhof der Weihburggasse 21 zeigt altwiener Flair: typische Pawlatschengänge sind mit Wildem Wein überwuchert. Die alten Tore zeugen von früherer Nutzung – nur die Mistkübel hätte man durchaus besser in das Ensemble integrieren können…
Touristisches Fazit
Wir folgten der Weihburggasse bis zum Franziskanerplatz, der einer meiner liebsten Plätze in Wien ist, da er trotz der zentralen Lage durch klein gebliebene Häuschen einen gewissen dörflichen Charakter besitzt.
Es war sehr interessant, ein paar neue Plätze kennenzulernen, auch wenn ich aus touristischer Sicht eigentlich nur den Heiligenkreuzerhof uneingeschränkt empfehlen würde. Der Raimundhof wiederum eignet sich als charmante Verbindung zwischen Mariahilfer Straße und Stiegengasse und eignet sich besonders für den sportlicheren, treppenaffinen Touristentyp.



















































