Wortverliebtheit
Manchmal verliebe ich mich – in Wörter und Wortabfolgen, in Phrasen und Fragmente. Manche dieser Kompositionen aus Buchstaben trage ich jahrelang in mir, so wie diese Ideen:
Das portugiesische Rätsel
2017 besuchte ich die portugiesische Hauptstadt Lissabon und nächtigte dort im ältesten Hotel der Stadt, das sogar das große Erdbeben samt Großbrand und Tsunami vom 1. November 1755 überstanden haben soll. Zumindest wurde damit geworben.
Eine betagte Senhora, deren Erscheinungsbild das altehrwürdige Gebäude in personifizierter Form perfekt versinnbildlichte, empfing mich auf obskure Art und Weise.
Dem Englischen nicht mächtig erläuterte sie mir in einem Wortschwall auf Portugiesisch offenbar die Gepflogenheiten des Hauses, an die ich mich zu halten hätte. Die Sprache, vorgetragen in einer Mischung aus Heiserkeit und eindringlichem Flüstern, durchdrang mich wie uralte Beschwörungsformeln einen anderweltlichen Geist.
Über knarzende Dielen und durch verwinkelte Korridore wurde ich zu meinem Zimmer geführt und bekam einen Schlüsselbund überreicht wie eine Opfergabe. Es handelte sich um riesige schmiedeeiserne Schlüssel, die kalt und schwer in meiner Hand lagen. Dieser Schlüssel würde die Eingangstür öffnen, entnahm ich ihren Gesten, jener die Zimmertür. Ich deutete auf den dritten Schlüssel am Bund, doch mir wurde mit bedächtigem Kopfschütteln nur bedeutet: Nein.
Seit diesem Tag denke ich über die Funktion dieses Schlüssels nach. Ich bin beseelt, besessen gar, von einem Roman, der Der dritte Schlüssel heißt.
Mein Fortschritt: nahe null. Öffnet er einen geheimen Raum? Einen Zugang zu einem Tunnel, der sich hinter einem abgenutzten barocken Schrank verbirgt? Oder im stickigen Keller, der vollgestellt ist mit vermeintlich magischen Utensilien wie eingelegten Augen nordiberischer Kreuzottern und Zungen algerischer Zauneidechsen? Was würde ich dort finden? Wieso eigentlich Magie? Wer ist der Protagonist? Nur ein ahnungsloser Urlauber, der in eine Geschichte stolpert? Oder vielleicht ein Suchender, der Nachforschungen zu seinen Vorfahren anstellt, die auf bisher unbekannte Weise mit diesem Hotel in Verbindung stehen? Ist es eine metaphysische Geschichte oder erzählt sie eine real mögliche Abfolge fiktiver Ereignisse? Heiliger Gral, die Bundeslade? Zu religiös. Ein Schatz? Zu profan. Was, zur Hölle, macht dieser Schlüssel?
Ich weiß es nicht. Der dritte Schlüssel jedoch, der weiß es.
Das Schneegestöber
Selten genug, dass es im Osten Österreichs überhaupt noch schneit, doch ein wahrhaftiges Schneegestöber ist im Raum Wiener Neustadt zu einer meteorologischen Rarität geworden.
An einem denkbar unpoetischen Ort, nämlich dem Parkplatz des Billa in Gumpoldskirchen, von der Südbahnstrecke nur durch einen Maschendrahtzaun getrennt, sah ich es vor meinem geistigen Auge:
s c h n e e v e r t r ä u m t
Ich sah ein Gesicht, zärtlich und klar, und doch wie hinter einem hauchzarten Schleier. Mit flehendem Blick, nicht traurig, sondern vielmehr wehmütig. Dieses Gesicht, umrahmt von leicht wehendem Haar, das langsam von dicht fallenden Flocken bedeckt wird, entfernt sich, wird ausgeblendet wie eine Erinnerung, die verblasst.
Es ist mir, obwohl ich es genau vor mir sehe und prosaisch wie oben beschreiben kann, bis heute nicht gelungen, es in lyrischer Form aufzubereiten. Alle Versuche wirkten plump, dem Bild nicht würdig. Vielleicht hilft es, heute darüber zu schreiben, um es morgen verfassen zu können.
Der Ordner mit Fragmenten
Es dauert, bis ich zum Ende des Ordners „Versuche“ gescrollt habe. Dort finden sich solche unglaublich vielsagenden Dateinamen wie „aaaaa.txt“ ebenso wie eindeutig zuordenbare wie „versuch (1) (1) (1).txt“.
Manchmal, wenn mich die Muse übermannt, öffne ich die Dateien der Reihe nach auf der Suche nach Fragmenten, die sich weiterentwickeln lassen. Zumeist fühle ich mich sodann von der Muse entmannt und es entsteht eine weitere vielsagende Datei, zum Beispiel „xyz 123.txt“.
Aber immer wieder stoße ich auf Formulierungen oder Konstrukte, die mich selbst nach vielen Jahren noch faszinieren, in die ich sozusagen wortverliebt bin:
es ist
nicht
war
Ja, diese vier Wörter in genau dieser Konstellation quälen mich seit Jahren. Es ist nicht, war. Es ist nicht wahr. Es ist wahr: Ich komme nicht weiter.
sie halten die stifte wie zepter
und thronen auf stapeln papier
Eine Rhythmik ist vorhanden, der Hintergrund verständlich. Aber dann?
Gut, dass ich kein Schriftsteller bin! Undenkbar, so etwas wie kreative Eingebungen mit Abgabeterminen kombinieren zu müssen. So können Monate und Jahre vergehen, in denen ich nichts zu Papier bringe – und auch nicht muss. Wenn mich allerdings ein Thema fesselt, eine Strophe, gar ein ganzes Gedicht oder, wie letztens, ein ganzer Zyklus zum Abschluss kommen will, dann arbeite ich daran wie besessen. Bis zum letzten Punkt – auch wenn sich aus mir unerklärlichen Gründen in der finalen Fassung immer noch mindestens ein Rechtscheibfeler versteckt hält.