Tallinn 2019
Die Altstadt von Tallinn, Hauptstadt Estlands – des nördlichsten der drei baltischen Staaten, der 1991 seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion wiedererlangte –, kam 1997 auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Zurecht, denn Tallinn ist insgesamt sehr sehenswert. Größere Zerstörungen der Altstadt sind während des zweiten Weltkriegs ausgeblieben. Die Gründe dafür sind sind historisch durchaus ambivalent, doch dadurch sind große Teile der Altstadt bis heute erhalten geblieben.
Tallinn ist relativ klein, aber sehr abwechslungsreich. Zuweilen wähnt man sich im Mittelalter, nur um ein paar Straßen weiter auf moderne Glaspaläste zu stoßen. Aber nicht nur Alt und Neu treffen in Tallinn aufeinander: Deutscher Einfluss durch die Hanse, skandinavische Prägungen aus der „guten alten Schwedenzeit“, die sprachliche und kulturelle Nähe zu Finnland sowie russische Einflüsse aus Zarenreich und Sowjetzeit verschmelzen in dieser Stadt an der Ostsee.
Interessant ist übrigens, dass das inzwischen vom Markt verschwundene aber damals bahnbrechende Skype von den Esten Ahti Heinla, Priit Kasesalu und Jaan Tallinn programmiert wurde. Damit entwickelte sich Tallinn zu einem der bedeutendsten Startup-Standorte Europas. Nach den Verkäufen von Skype – 2005 für 2,6 Milliarden Dollar an eBay und 2011 für 8,5 Milliarden Dollar an Microsoft – wurden die estnischen Programmierer zu Multimillionären und die Bezeichnung „Skype-Mafia“ war geboren. Denn anstatt sich zur Ruhe zu setzen, gründeten sie eigene Investmentfirmen und investierten in die nächste Generation estnischer Gründer. Daraus entstand zum Beispiel: Bolt.
Das Rotermann-Viertel ist ein ehemaliges Industrieareal aus dem 19. Jahrhundert und wurde ab den frühen 2000er-Jahren in ein modernes, autofreies Stadtviertel umgewandelt. Historische Fabrikbauten aus Back- und Kalkstein treten hier in einen spannenden Dialog mit futuristischer Architektur aus Glas, Stahl und Beton. Dieser Stadtteil hat einen einzigartigen Charme und bietet immer wieder neue Blickwinkel: auf die Rotermann Urban Houses (ehemalige Fabrikgebäude), die ehemalige Rosen-Destillerie, das Tallinn Design House (ehemaliges Mehlteiglager), das Koko-Gebäude und die „Rotermann Drei Affen“, um nur ein paar der bekannteren zu nennen.
Das Viru-Tor mit seinen runden Wehrtürmen markiert den Übergang zur eigentlichen Altstadt. Die beiden erhaltenen Türme stammen aus dem 14. Jahrhundert und waren Teil der mächtigen mittelalterlichen Stadtbefestigung. Aber auch in der Altstadt bietet moderne Architektur einen wohltuenden Kontrast, wie zum Beispiel das neue Kinogebäude in der Viru-Straße.
Das große weiße Gebäude mit dem hohen Satteldach ist das weltberühmte mittelalterliche Restaurant Olde Hansa. Es befindet sich im ehemaligen Packhaus eines reichen Hansekaufmanns. Im Vordergrund sieht man die Außenterrasse des Konkurrenz-Restaurants Peppersack, das ebenfalls in einem geschichtsträchtigen Kaufmannshaus aus dem 14. Jahrhundert untergebracht ist.
Weiter ging es mit dem Besuch des ältesten erhaltenen Rathauses im gesamten Baltikum. Das offenbar geplagte Pferd auf dem Wandteppich erregte mein Mitleid, und ich sah dabei vermutlich mindestens so schockiert aus wie der geschnitzte Kopf auf der historischen Ratsbank aus dem 14./15. Jahrhundert. Für fotografierenswert hielt ich zudem das ehemalige Abort des Turmwächters, das man nach 77 Stufen erreicht. Ob es seine Arbeit erleichterte, dass er zum Läuten den Turm nicht besteigen musste, wohl aber für andere dringende Angelegenheiten, sei dahingestellt. Ob beides gleichzeitig möglich war, ist nicht überliefert.
Vom Turm aus hat man einen guten Rundumblick auf das historische Zentrum, den Domberg mit der Alexander-Newski-Kathedrale sowie über die Dächer der Altstadt hinweg bis zur Ostsee, vorbei an der mächtigen Olaikirche. Moment, so mächtig wirkt diese Kirche doch gar nicht? Nun, hätte man dieselbe Aussicht im 16. Jahrhundert genossen, würde man auf das damals rund 159 Meter hohe und damit höchste Bauwerk der Welt blicken. Mehrere Blitzeinschläge und die daraus resultierenden Brände sorgten allerdings dafür, dass der Turm immer wieder zerstört, neu aufgebaut und letztlich deutlich niedriger wiedererrichtet wurde.

Der Katharinengang (Katariina käik) ist eines der schönsten Altstadtgässchen Tallinns. Mit seinen gemauerten Schwibbögen, die sich über die schmale Straße spannen, lädt er zu einer kleinen Zeitreise ins Mittelalter ein. In unmittelbarer Nähe hat sich ein weiteres Stück Mittelalter bis in die Gegenwart erhalten: Die „Raeapteek“ am Rathausplatz ist seit dem frühen 15. Jahrhundert nachweisbar und gilt als eine der ältesten durchgehend betriebenen Apotheken Europas.
Auf dem Weg zum Domberg passierte ich die fast zwei Kilometer lange, erhaltene Tallinner Stadtmauer mit ihren charakteristischen Wehrtürmen. Von hier bieten sich eindrucksvolle Ausblicke auf das Nebeneinander von mittelalterlicher Bausubstanz und moderner Skyline. Die Alexander-Newski-Kathedrale thront prachtvoll auf dem Domberg. Sie wurde um 1900 erbaut, als Estland noch zum Russischen Kaiserreich gehörte.
Ein bisschen abseits der touristischen Trampelpfade – und das ist in Tallinn nie weit – eröffnen sich immer wieder Blicke auf vermeintlich oder tatsächlich vergessene Ecken. Nicht in Vergessenheit geraten sollten dabei die Räumlichkeiten des ehemaligen KGB-Hauptquartiers in der Pagari-Straße 1. In diesem Gebäude wurden während der sowjetischen Besatzung politische Gefangene verhört, gefoltert und in genau diesen engen, kargen Kellerräumen festgehalten, bevor sie nach Sibirien deportiert wurden. Heute erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer dieser Zeit und macht die Schrecken der sowjetischen Herrschaft eindrucksvoll greifbar.
Auf dem Weg zurück zum Hotel wanderte ich nochmals durch die abwechslungsreichen Gassen. Die kunstvoll geschnitzte und bemalte Sonnenuhr an der Fassade der Heiliggeistkirche (Pühavaimu kirik) aus dem Jahr 1684 – und damit die älteste öffentliche Uhr Tallinns – beeindruckten mich ebenso wie der historische Marktplatz Vana turg.
Dass neben der Turmspitze des Tallinner Rathauses plötzlich ein V-22-Osprey-Militärflugzeug zu sehen war, dürfte mit den Rahmenveranstaltungen des Tallinn-Marathons zusammengehangen haben.
Die Schätze der Nikolaikirche durfte ich mir natürlich auch nicht entgehen lassen. Der berühmte Papageien-Pokal ist ein Meisterwerk der Silberschmiedekunst aus dem späten Mittelalter. Beeindruckend, aber aufgrund meiner morbiden Ader galt mein Hauptinteresse dem Totentanz. Es ist das wohl berühmteste Kunstwerk Estlands, welches man sich heute in mannigfaltiger Ausführung in fast jedem Souvenirshop der Stadt zu eigen machen kann. Thema des monumentalen Totentanzes des Lübecker Meisters Bernt Notke aus dem späten 15. Jahrhundert ist, nun: Der Tod. Der Tod, der Menschen aller Stände (vom Papst bis zum Bettler) zum wohl letzten Tanz auffordert.
Als brutalistischer Abschluss diente schließlich die Tallinna Linnahall. Sie wurde zu den Olympischen Sommerspielen 1980 als „W.-I.-Lenin-Palast für Kultur und Sport“ fertiggestellt. Heute ist sie ein leicht zu findender Lost Place, denn das Gebäude wurde am 1. Januar 2010 für den Publikumsverkehr stillgelegt. Postapokalyptische Bilder bekommt man hier gratis – und gerade dieser Verfall macht den ganz besonderen Reiz dieses Ortes aus.


























































