Am Spiegelgrund
Manchmal stößt man unvermittelt und unvorbereitet auf Gebäude, Denkmäler oder – wie in diesem Fall – auf ein Mahnmal, dessen Bedeutung man im ersten Moment nicht wahrnimmt und nicht kennt. So kam es, dass die mir Liebste und ich bei einem abendlichen Spaziergang auf der Baumgartner Höhe, im Bereich des früheren Otto-Wagner-Spitals, auf eine Lichtinstallation trafen.

Das Otto-Wagner-Spital wurde 1907 als eine der damals modernsten und größten Heil- und Pflegeanstalten Europas eröffnet. Obwohl die ursprüngliche Planung von Carlo von Boog stammte und Otto Wagner vor allem für eine maßgebliche Überarbeitung verantwortlich zeichnete, verbindet man diese Anlage im Pavillonstil heute auch namentlich mit dem bekannten Wiener Architekten und nicht mit dem damaligen Leiter des niederösterreichischen Hochbauamtes.
Noch in meiner Jugendzeit, in den 1980er- bis 1990er-Jahren, war es ein geflügeltes Wort, dass man „nach Steinhof“ komme, zu den psychisch Kranken, die damals noch ganz anders und weit weniger respektvoll bezeichnet wurden. Sehr viel grausamer, weil Ausdruck der nationalsozialistischen Ideologie, war jene Bezeichnung, mit der psychisch oder körperlich beeinträchtigte Menschen während der NS-Zeit entmenschlicht wurden: „lebensunwertes Leben“.

Die in der Dämmerung durchaus romantisch anmutende Lichtinstallation verkehrt sich ins Gegenteil, wenn man ihren Hintergrund kennt. Im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ wurden 1940/41 mehr als 3.200 Patientinnen und Patienten aus der Anstalt abtransportiert und in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet. Neun der auf diese Weise frei gewordenen Pavillons wurden zur Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ umfunktioniert. Von Fürsorge konnte jedoch keine Rede sein; denn auch die als „Kinderfachabteilung“ bezeichnete Einrichtung diente der sogenannten Kinder-„Euthanasie“.
Ohne die furchtbaren Vorgänge oder die beschämende Aufarbeitung nach dem Krieg im Detail nachzuerzählen, sei aus Respekt vor den rund 800 bekannten Opfern erwähnt, dass die Kinder vor allem nach ihrem vermeintlichen volkswirtschaftlichen Nutzen beurteilt und entsprechend „behandelt“ wurden. Das bedeutete, dass ihr Gesundheitszustand künstlich verschlechtert wurde, bis sie schließlich durch Injektionen, gezielte Infektionen, brutale klinische Untersuchungen, die Verabreichung von Medikamenten oder durch Hunger ermordet wurden. Die Kosten für Verpflegung und Behandlung hatten die Eltern zu übernehmen, denen man später mitteilte, ihr Kind sei „sanft hinübergeglitten“.

Das 2003 errichtete Mahnmal geht auf ein Konzept von Tanja Walter zurück, damals noch Schülerin der Höheren Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt Wien. Die Lichtstelen erinnern an die ermordeten Kinder und Jugendlichen. Ihre strenge Anordnung spiegelt die Situation in der Anstalt wider.
So kann ich nur appellieren, Gebäude, Denkmäler oder – wie in diesem Fall – Mahnmale genauer anzusehen und sich mit ihrer Bedeutung und ihren Hintergründen zu beschäftigen. Es wäre nämlich ein gewaltiger Fehlgriff gewesen, ein unbedacht gemachtes Pärchenfoto vor dieser in der Dämmerung durchaus romantisch anmutenden Lichtinstallation zu verbreiten.