Brünn 2019
Mit dem größten Fernbusunternehmen der Welt gelangten wir für ein gemeinsames Wochenende unproblematisch und erstaunlich pünktlich von Wien nach Brünn. Es war der erste gemeinsame Auslandsaufenthalt der mir nun Liebsten und mir. Sowohl mein Sommerurlaub als auch ihrer waren bereits vor unserem Kennenlernen verplant und so stellte dies quasi die Feuertaufe dar, ob das neue Wir auch unter den Bedingungen einer Städtereise funktionieren würde. Tat es.

Im massiven Gestein unter der Festung Spielberg (Hrad Špilberk) befindet sich etwas, das hoffentlich nie benötigt wird: ein Atombunker. Die als Atomový kryt 10-Z bezeichnete Anlage diente ursprünglich als Schutzraum im 2. Weltkrieg und wurde aufgrund des Kalten Krieges zu einem Atombunker für bis zu 500 Staatsbedienstete umgebaut. Glücklicherweise endete der Kalte Krieg nicht in einem durchaus möglichen Desaster und so kann man heutzutage diesen Bunker entweder in seiner neuen Funktion als Museum besuchen oder aber sogar darin nächtigen. Das neue Wir hatte sich allerdings für ein etwas gehobenes Ambiente entschieden – wobei ich im Nachhinein anders darüber denke. Andererseits: Obwohl sich mein Faible für ungewöhnliche Hotels inzwischen auf die mir Liebste abgefärbt hat, glaube ich dennoch nicht, dass ich sie zu einer Übernachtung in einem Atombunker hätte überzeugen können …
Die Johann-Amos-Comenius-Kirche, oder einfacher: die Rote Kirche, ist durchaus sehenswert. Dennoch galt mein fotografisches Interesse eher der mir Liebsten als dem Backsteinbau, weshalb ich hier lediglich eine grafische Spielerei und eine völlig unmotivierte Frontalansicht präsentieren kann.
Angetan waren wir auch von der Fassade, auf der das Emblem „Brünner Turnverein 1878“ prangt. Im Inneren verbirgt sich übrigens, den online auffindbaren Fotos nach zu urteilen, auch heute noch ein Fitnesscenter mit historischem Ambiente, das den für unsere Zungen unaussprechlichen Namen „Tělocvična Pod Hradem“ trägt; übersetzt: „Turnhalle unter dem Schloss“.

Völlig ohne Hintergedanken machte ich dieses Foto der Allegorie Europas, die Teil des Parnas-Brunnens auf dem Krautmarkt ist.

Mit meinen Knipsereien habe ich mich etwas zurückgehalten. Wir kannten uns zwar inzwischen ein knappes halbes Jahr und teilten das Interesse am Fotografieren. Das hatte ich allerdings auch schon anders erlebt. Und ich kann durchaus verstehen, wenn jemand von einer Person genervt ist, die alle paar Meter stehen bleibt, um etwas zu fotografieren, und eventuell auch noch darauf warten muss, bis die Menschen weg sind oder sich jemand auf einem kompositorisch guten Platz einfindet. Die mir nun Liebste zeigte jedoch vollstes Verständnis und ich wartete auch geduldig, bis sie ihr Motiv zur Zufriedenheit auf die Speicherkarte gebannt hatte.
Ich glaube, dass für eine Beziehung gegenseitige Rücksichtnahme, Verständnis und Akzeptanz wichtiger sind als die Suche nach jemandem, der sämtliche eigenen Interessen teilt. Gemeinsamkeiten verbinden durchaus, aber der Umgang mit Unterschieden zeigt deutlicher, ob ein gemeinsamer Weg langfristig funktioniert.
Ich beschränkte meine fotografischen Aktivitäten also zumeist auf Spezielles, wie zum Beispiel eine Spiegelung, die beinahe betrunken macht, den Atlanten des Hauses zu den vier Riesen am Freiheitsplatz oder die stilistisch etwas verwirrende Fassade eines Gebäudes.
Das Beinhaus der Kirche St. Jakob war wieder mein ureigenstes Interessengebiet. Nach den Katakomben von Paris ist es das größte Beinhaus Europas mit den Gebeinen von über 50.000 Menschen.
Wir bestiegen danach den historischen Turm des Alten Rathauses und wunderten uns, wie vermutlich bereits viele vor uns, dass sich der berühmte „Brünner Drache“ als skurriles Krokodil entpuppt, welches von der Decke baumelt.
Das sogenannte Labyrinth unter dem Krautmarkt erreicht man über 212 Stufen abwärts. Danach befindet man sich in einem zusammenhängenden Komplex mittelalterlicher Gänge und Keller. 2009 wurde die unterirdische Anlage umfassend saniert und diverse touristische Stationen errichtet – ohne die die Keller lediglich Keller wären, mit denen sie jedoch ein wenig zur Jahrmarktgaukelei geraten.
Wir erklommen die Festung Spielberg und hatten einige interessante Ein- und Ausblicke. Irgendwie scheint es hier Usus zu sein, Menschen einzusperren:
1746 bis 1749: Gefängnis von Franz Freiherr von der Trenck
1783: Gefängnis für die „gefährlichsten und schlimmsten Verbrecher“
1785: Gefängnis für das Militär
1820: Gefängnis für die Zivilbevölkerung
1855: Gefängnis für das Militär
1941: Gefängnis von der Gestapo
1990: Glockenspiel an der Rückwand des Burghofes wird errichtet
Mit dem größten Fernbusunternehmen der Welt gelangten wir nach einem gemeinsamen Wochenende unproblematisch und erstaunlich pünktlich von Brünn nach Wien. Die Feuertaufe des neuen Wir war damit bestanden. Unser erster gemeinsamer Auslandsaufenthalt wurde zudem durch einen Halo gekrönt, der leider durch die Scheiben des Busses nicht besser zu fotografieren war. Obwohl es sich bei dem 22°-Ring um die häufigste Halo-Erscheinung handelt, waren wir beide hellauf begeistert, hatten wir doch zuvor noch nie einen Halo gesehen – und schon gar nicht gemeinsam. Danke, zufällig orientierte Eiskristalle.










































