Prag 2019

Mein letzter und bisher einziger Aufenthalt in Prag war bereits etliche Jahre her und zeichnete sich hauptsächlich durch unwirtliches Regenwetter aus. Daher hatte ich die Stadt wohl auch im Allgemeinen als tendenziell trist und dunkel in Erinnerung, ein Eindruck, der sich bei diesem Aufenthalt bei besseren Witterungsverhältnissen zwar nicht vollständig widerlegen, aber zumindest entkräften ließ. Der erste Eindruck nach der Ankunft im abendlichen Prag war bereits sehr positiv: der sehenswert beleuchtete Brunnen vor dem Nationalmuseum am oberen Ende des Wenzelsplatzes. 

Prag 2019 - Wenzelsplatz
Prag 2019 – Wenzelsplatz

Die Wahl meiner Unterkunft war in praktischer Hinsicht absolut unüberlegt, auf emotionaler Ebene jedoch die einzig mögliche Entscheidung: The Doors Apartments. Diese liegen weitab von der Innenstadt, sind jedoch öffentlich gut angebunden. Als Fan der Doors war ich hocherfreut, sogar das Jim-Morrison-Zimmer beziehen zu können – tja, so macht man mich glücklich. Die Unterkunft hatte einen gefälligen industriellen Charme und „I walked on down the hall“ zu meinem Zimmer und nahm die als „blue bus“ interpretierte U-Bahn in die Innenstadt. 

Meinen Rundgang begann ich in Josefov, der Josefstadt, die auf das mittelalterliche jüdische Viertel zurückgeht und deren zentrale Baudenkmäler sogar den Zweiten Weltkrieg vergleichsweise unbeschadet überstanden. Dem Auge schmeichelnde Jugendstilfassaden reihen sich aneinander und die aufgrund ihrer maurischen Dekoration sogenannte Spanische Synagoge sticht heraus. Die an einem Mast hängende Skulptur, die Sigmund Freud darstellt und „Zavěšený muž“ („Hängender Mann“) genannt wird, wurde von David Černý entworfen und akzentuiert seit 1997 die Straße. Somit ist der Künstler wohl auch indirekt für diverse Notrufe verantwortlich, die besorgte Besucher getätigt haben. Andererseits fällt jemand wie Sigmund Freud nicht einfach so vom Himmel. Ein Besuch des Alten Jüdischen Friedhofs mit seinen dicht stehenden, verwitterten Grabsteinen durfte nicht fehlen. Das Gedränge ist dem Platzmangel geschuldet und da es nicht gestattet ist, die Grabesruhe zu stören, liegen die Gräber nicht nur eng nebeneinander, sondern auch übereinander – in bis zu zehn Schichten. Gedränge lebendigerer Art erwartete mich in den Altstadtgassen, die ich auf meinem Weg zur Moldau hin durchquerte. 

Einen eindrucksvollen Blick bietet die Čech-Brücke in Richtung Letná: Die beiden Säulen mit geflügelten Figuren rahmen Straße und Gleise, während im Hintergrund das Prager Metronom im Letná-Park aufragt. Noch bis 1962 stand anstelle des Metronoms ein Monument Stalins und so ist das heutige Symbol für den Lauf der Zeit durchaus mehr als nur ein ironisches Augenzwinkern. Obwohl die Svatopluk-Čech-Brücke mit 169 Metern die kürzeste Prager Moldaubrücke ist, zugleich aber die einzige Jugendstilbrücke, überquerte ich sie nicht, sondern folgte der Moldau, bevor ich wieder in Richtung Altstadt abbog. 

Es blieb noch Zeit für einen kurzen Spaziergang durch das Zentrum mit der berühmten Astronomischen Uhr, deren ältester Teil aus dem Jahr 1410 stammt. Stündlich treten die Apostel auf, während unter anderem der Tod die Glocke schlägt. Symbolismus in Perfektion. In der Lucerna-Passage ist ein weiteres Werk David Černýs zu bewundern: „Kůň“ („Pferd“), eine satirische Darstellung des heiligen Wenzel auf einem kopfüber hängenden Pferd, die unter der Glaskuppel baumelt.

Allzu viel Zeit in der Hauptstadt von Tschechien hatte ich ohnehin nicht. Am Sonntag stand der Prag-Marathon auf dem Programm, für den ich eigentlich angereist war. Daher war ich eher auf der Suche nach touristischen Attraktionen, die wenig Fortbewegung erforderten. Der Besuch eines Atombunkers erschien mir in dieser Hinsicht äußerst geeignet zu sein. Es gibt in Prag sogar mehrere Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges, die man besichtigen kann. Ich entschied mich für den „großen Nuklearbunker“ aus den 50er-Jahren, der bis zu 5.000 Menschen Schutz bieten sollte – was angesichts einer Bevölkerung von damals bereits über 900.000 Menschen wohl nicht die Allgemeinheit miteinschloss. 

Nicht nur die The Doors Apartments hatten mich angelockt. Auch eine überlebensgroße Metallskulptur eines Transformers warb – in meinem Fall erfolgreich – für die Gallery of Steel Figures. Die Idee, Schrott in Skulpturen zu verwandeln, entstand auf einem Warschauer Schrottplatz und fand ihren Weg an einen prominenten Platz in der Prager Innenstadt. Das Upcycling ist gelungen. Ob ich mit 38 Jahren noch ein typischer Repräsentant der Zielgruppe war, will ich nicht beurteilen. Andererseits sind das Besteigen des Eisernen Throns und ein Zweikampf mit dem Hulk nichts, was ich missen möchte.