Spartan Race – Trifecta 2019
Ich habe die Hindernisläufe der Spartan Race Series immer als völlig überteuerten Hype abgetan, der auf der Welle des Brachialhistorienfilms 300 reitet. Gleichzeitig muss ich eingestehen, dass das Marketing hervorragend ist. Lange habe ich mich der Versuchung widersetzt, doch nach meinem sehr laufintensiven Jahr 2018 dürstete ich zwar nicht nach Xerxes’ Blut, aber nach Abwechslung.
So entschloss ich mich, heuer den Veranstaltern mein Geld in den Rachen zu schleudern wie die Spartaner ihre Speere auf die Perser. Ich hatte mich für drei verschiedene Distanzen bei drei verschiedenen Veranstaltungen angemeldet, die zusammen das sogenannte Trifecta ergeben. Einmal im Leben kann man da ja ruhig großzügig sein.
Anlauf: Sprint – Winter Race Kaprun 13.01.2019
So also ist ein Spartan Race … Organisation: hervorragend. Stimmung: hervorragend. Location: hervorragend.

Es stellte sich daher trotz anfänglicher Skepsis eine gewisse Begeisterung für dieses Format ein. Den Lauf selbst wollte ich defensiv angehen, denn es ging mir hierbei definitiv nicht um den wohl unerreichbaren Sieg oder eine unbedeutende persönliche Bestzeit, mit der ich zukünftig ohnehin nichts würde anfangen können, sondern um Spaß. So ließ ich beim Start auch die hoch motivierten Mitstreiterinnen und Mitstreiter ziehen und sog die kalte Bergluft im hinteren Drittel des Feldes ein.

Zentrale Anlauf- bzw. Durchlaufstelle der fünf Kilometer langen, mit mehr als 20 Hindernissen versehenen Strecke war das historische Schloss Kaprun. Die Kulisse war phänomenal, die Route führte durch die umliegenden Ausläufer der Hohen Tauern. Obwohl die tief verschneite Bergwelt ihren Reiz hat, wäre mir ein wohliger Frühlingslauf eindeutig lieber gewesen.

So robbte ich im Schnee unter Stacheldraht hindurch, schleppte Sandsäcke von A nach B, verfehlte treffsicher mit dem Speer die Zielscheibe, erfüllte pflichtbewusst meine Straf-Burpees und kam schließlich mit einer Zeit von 1:03:41 als 32. in der Elite-Wertung ins Ziel. Der Zielsprung über eine Flammenwand erwärmte meine Unterseite nur kurz und unzureichend, daher schnappte ich mir die Medaille samt erstem Trifecta-Teil und zitterte mich zurück zum Auto.

Zwar werde ich bei Startzeremonien weiterhin nicht „Huha!“ oder Vergleichbares von mir geben, weil ein Typ mit rotem Umhang, Helm, Schild und Speer das so will, aber ich gestehe, dass die Hindernisse durchaus fordernd waren und andere von mir bereits absolvierte Hindernisläufe – mit Ausnahme des originalen Wildsau Dirt Runs – blass aussehen ließen. Trifecta 1/3.

Sprung: Super – St. Pölten 11.05.2019
St. Pölten ist zwar die Landeshauptstadt Niederösterreichs, hat aber nicht unbedingt den Ruf, eine pulsierende Metropole oder irgendetwas zu sein, das dieser Bezeichnung nahekommt. An diesem Wochenende war das … auch nicht anders, denn das Spartan Race fand etwas außerhalb von St. Pölten statt.

Für mich stand hier der „Super“ genannte Bewerb über 10 km – die eigentlich 13 km waren – auf dem Programm. Warum der „Super“ heißt, erschließt sich mir nicht, ist es doch die normale Distanz zwischen „Sprint“ mit ca. 5 km und dem „Beast“ mit ca. 21 km. Wahrscheinlich war „Normal“ nicht martialisch genug.

Etliche Hindernisse und der Ablauf waren mir ja schon aus Kaprun bekannt. Hier kamen aber noch mal ein paar Hindernisse hinzu, die sich auf 25 summierten, dafür entfiel der Schnee. Deal!

Ich lief abermals defensiv an, diesmal aber nicht nur aus Spaßgründen, sondern weil ich in letzter Zeit Problemchen mit der Achillessehne und dem Rücken hatte. Daher hatte ich meinen Trainingsumfang reduziert und hoffte, dass sich das wieder geben würde.

Die längere Strecke forderte natürlich die Laufarbeit viel mehr und neben ein bisschen Kletterei über allerlei Dinge sowie einem Gatschbad wurden wir auch zum Schleppen von Baumstämmen und Sandsäcken angehalten. Das Bundesheer durfte Panzer als dekorativen Teil eines Stacheldraht-Kriechhindernisses aufstellen, was den martialischen Aspekt des „Super“ gut unterstrich. Ich verfehlte treffsicher mit dem Speer die Zielscheibe, erfüllte pflichtbewusst meine Straf-Burpees und tat so, als wäre es knapp gewesen.

Unterm Strich kamen für mich Rang 56 in 1:38:46 sowie ein weiterer Teil der Gesamtmedaille heraus. Trifecta 2/3.

Landung: Beast – Berlin 28.09.2019
Für das Finale meines Ausflugs in die Welt der glorifizierten Spartaner hatte ich mir das europäische Spitzenevent schlechthin ausgesucht: den Beast-Bewerb in Berlin. Klotzen, nicht kleckern. Genauer gesagt fand die mehrtägige Veranstaltung – und hier endet die Gemeinsamkeit mit St. Pölten – nicht in Berlin selbst, sondern auf dem Gelände des Luftfahrtmuseums Finowfurt statt. Das befindet sich verwaltungstechnisch in der Gemeinde Schorfheide, die wiederum nahe Eberswalde liegt, das sich nordöstlich von Berlin befindet. So viel geografische Genauigkeit muss sein.
Um dorthin zu kommen, hatte ich mich für einen Flug nach Berlin in Verbindung mit einem Mietwagen entschieden. Nachhaltigkeit sieht anders aus, aber wahre Spartaner lassen sich von solchen Details nicht beirren und ich wollte den Aufenthalt mit einer kleinen Besichtigung von Berlin verbinden.

Als ich durch das spartanische Dorf schlenderte, war es so, als hätte sich Instagram mit der Realität vermischt. Tatsächlich erkannte ich etliche Gesichter oder Sixpacks, die anders als ich ihre sportlichen Ambitionen erfolgreich auf dieser Plattform vermarkten. Angesprochen habe ich dennoch niemanden, denn das passt nicht zu meiner instagrammatischen Aura des Unnahbaren.
Leider hatten die körperlichen Probleme nicht nachgelassen – im Gegenteil. Waren es beim Hochkönigman noch die psychischen Probleme, die mich am sportlichen Erfolg hinderten, so waren es in Tallinn bereits körperliche Ursachen, die zu einer der langsamsten Zeiten geführt hatten, die ich je bei einem Marathon verbucht hatte.

Entsprechend vorsichtig agierte ich. Die Zeit war mir bei diesem Format bereits von Grund auf egal, aber bei diesem Rennen wollte ich einfach nur gemütlich durchlaufen: tragen, was zu tragen war, erklimmen, was zu erklimmen war – und ich verfehlte treffsicher mit dem Speer die Zielscheibe. Pflichtbewusst erfüllte ich meine Straf-Burpees und kam dem Ziel immer näher.

Die Kulisse des Luftfahrtmuseums Finowfurt erfüllte in Form sowjetischer Jagdbomber und dergleichen martialischer Objekte voll ihren Zweck. Kurz vor dem Ziel passierte ich die Iljuschin Il-14P und musste nur mehr über das Feuer springen. Das darf man sich jetzt aber nicht wie angepriesen als lodernde Feuerwand vorstellen, sondern eher wie ein langgezogenes Überbleibsel eines Lagerfeuers, über dem die Spartaner eigenhändig erlegte Kaninchen brieten.

Ich lief also auf den traurigen Rest der Mutprobe zu – und krampfte just im Moment des Absprungs. Das hatte die sehr, sehr – ich übertreibe nicht – sehr unangenehme Folge, dass ich das Gleichgewicht verlor und nicht wie vorgesehen elegant über das Hindernis segelte, sondern mich kopfüber in die Erde von Schorfheide, nahe Eberswalde, nordöstlich von Berlin rammte.
Das Geräusch werde ich hoffentlich irgendwann vergessen: wie das Brechen von Ästen, kombiniert mit einem Schnalzen. Ich ging die letzten Meter wie betäubt über die Ziellinie und stellte fest, dass mein Schlüsselbein in einem extrem unnatürlichen Winkel, nämlich senkrecht nach oben, stand. Dort saß ich erst mal. Eine Sanitäterin nahm sich meiner kurz darauf an, und ich wurde sofort ins Krankenhaus in Eberswalde verfrachtet.
Das Personal war insofern überfordert, als sich bereits etliche weitere Verunglückte in der Notaufnahme befanden. Den Aussagen der äußerst bemühten Mitarbeiter war zu entnehmen, dass die Veranstaltung dem Krankenhaus nicht angekündigt worden war. Trotz dieser personellen Überforderung wurde ich sehr freundlich und kompetent behandelt. Sämtliche Bänder in meiner Schulter seien gerissen, aber nichts gebrochen. Dennoch sei eine unverzügliche Operation erforderlich, die ich aufgrund der Umstände zu Hause durchführen lassen würde.

„Sei froh, dass nicht mehr passiert ist“ ist ein Spruch, der einem Verletzten zumeist nicht den erhofften Trost spendet, sondern zusätzlichen Frust verursacht. Da auf der Liege neben mir jedoch ein spartanischer Kollege mit einer Halswirbelsäulenverletzung unter starken Schmerzmitteln wirres Zeug von sich gab, war ich tatsächlich froh, dass nicht mehr passiert war; gleichzeitig war ich allerdings auch enorm verzweifelt ob meiner gesundheitlichen Lage, der Zukunftsaussichten und allem, was da hineinspielt.
Ich nahm mir ein Taxi zurück zum Luftfahrtmuseum Finowfurt. Erstens stand dort mein Mietwagen mit all meinen Besitztümern, und zweitens fehlte da ja noch was: die Finisher-Medaille des Spartan Beast, das ich als 39. in 2:55:43 absolviert hatte, sowie der dritte und letzte Teil der Trifecta-Medaille. Trifecta 3/3.

Nachwort
Ich möchte jetzt (noch) nicht auf meine Verletzung eingehen, sondern das Kapitel Spartan Race für beendet erklären. Nicht, weil ich mich verletzt habe – das hätte überall passieren können –, sondern weil es ohnehin als einmalige Sache angelegt war. Weiterhin bin ich der Ansicht, dass es ein völlig überteuerter Hype ist.
Um die Splitter der dreiteiligen Trifecta-Medaille adäquat zusammensetzen zu können, ist nämlich ein massives Dreieck erforderlich – das sehr lässig aussieht, aber teuer ist. Um dieses Dreieck aufstellen zu können, ist ein Ständer erforderlich – der sehr lässig aussieht, aber teuer ist. Hat man das zusammen, bleiben an den drei Ecken des Dreiecks drei Dreiecke frei, gedacht für drei einsetzbare Dreiecke, die den drei Veranstaltungsorten zugewiesen sind. Sieht zum Schluss sehr lässig aus, ist aber verdammt teuer.

Die Veranstaltungen waren unglaublich gut durchorganisiert und die Streckenführungen sehr durchdacht. Die Hindernisse waren einerseits schwer genug, dass man sie als weniger gut trainierter Teilnehmer auch einfach mal nicht schaffen konnte, andererseits aber leicht genug, um nicht unmöglich zu sein. Die Kulissen waren durchgehend einzigartig und passend – sogar St. Pölten. Die engagierten Eventfotografen von Sportograf sind ja bei vielen Veranstaltungen dabei und bürgen für hochwertige Qualität. So auch hier. (Es gibt sogar ein durchaus spektakuläres Foto, das mich exakt im Moment des Einschlags zeigt.)
Es ist tatsächlich alles gewissermaßen perfekt – und zugleich ein völlig überteuerter Hype, der sich jedoch lohnt, wenn man auf der Suche nach derartigen Erlebnissen ist. Kreditkarte nicht vergessen!