Vesuv und Neapel 2026

Vesuv

Nach morgendlicher Stärkung im Frühstücksraum mit grandiosem Ausblick über die Ausgrabungen von Pompeji ging es mit jeder Menge Savatage-Ohrwürmern im Kopf per Bus zur Ursache: dem Vesuv.

Pompeji
Pompeji

Der Vesuv gilt als der einzige aktive Vulkan auf dem europäischen Festland, der im 20. Jahrhundert ausgebrochen ist, und vor allem dafür bekannt, Herculaneum und Pompeji im Jahr 79 n. Chr. zerstört zu haben. Weniger bekannt ist, dass er seitdem zahlreiche weitere Male ausgebrochen ist und dabei wiederholt schwere Schäden verursacht und Todesopfer gefordert hat.

Der letzte Ausbruch fand im März 1944 statt. Rund 10.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen; mindestens 21 kamen ums Leben. Die Lavaströme zerstörten Teile der kleineren Städte Massa di Somma und San Sebastiano al Vesuvio. Zudem wurden auf dem nahe gelegenen Militärflugplatz rund 80 B-25-Bomber der United States Army Air Forces zerstört oder schwer beschädigt. Mitten im noch andauernden Zweiten Weltkrieg war das ein nicht unerheblicher Materialverlust.

Die Lavaströme von 1944 sind noch heute sichtbar, da sie erst spärlich bewachsen und daher gut zu erkennen sind. Der Vulkan wird sehr genau überwacht, aber dennoch bleibt ein gewisses Restrisiko, das zumindest in meinem Hinterkopf präsent war. Die mir Liebste hingegen hatte mehr Probleme mit der kurvenreichen Busfahrt als mit der Tatsache, in den Krater eines aktiven Vulkans zu blicken.

Genau genommen handelt es sich beim Vesuv sogar um einen Vulkan im Vulkan: Der heutige Gran Cono erhebt sich innerhalb der Caldera des älteren Monte Somma, dessen verbliebener Rand den jüngeren Kegel teilweise umschließt.

Die wissenschaftliche Beobachtung des Berges hat eine erstaunlich lange Tradition: Bereits 1841 wurde am Vesuv das weltweit erste vulkanologische Observatorium gegründet. Man überwacht diesen Berg also schon länger systematisch, als Italien als einheitlicher Staat existiert.

Wie ernst das Restrisiko genommen wird, zeigt der nationale Notfallplan: Rund 670.000 Menschen müssten die rote Zone um den Vesuv innerhalb von 72 Stunden verlassen. Mir stellt sich die Frage, ob das logistisch tatsächlich möglich wäre. Immerhin sind die 72 Stunden nicht als Vorwarnzeit bis zum Ausbruch zu verstehen, sondern als vorgesehenes Zeitfenster für die vollständige Räumung nach Ausrufung der Alarmstufe. Ich möchte nicht dabei sein, wenn die praktische Erprobung dieses Plans erforderlich wird.

Bereits 1829 beklagte Wilhelm Waiblinger, der Berg sei überlaufen. Knapp 200 Jahre später gibt es reguläre Busverbindungen auf den Berg sowie Taxibusse und Taxis, die Touristen bis wenige hundert Höhenmeter unter den heutigen Gipfel bringen.

Ganz neu ist die bequeme Beförderung von Touristen auf den Vulkan allerdings nicht. Bereits 1880 wurde eine Standseilbahn auf den Vesuv eröffnet, zu deren Bewerbung eigens der Hit Funiculì, Funiculà komponiert wurde. Das Lied überlebte die Bahn und wurde vermutlich bekannter als der Bergtransport, den es anpreisen sollte. Am Hang finden sich noch Reste der Fundamente, die zwar in keinem guten Zustand mehr sind, aber gemäß italienischer Tradition auch nicht abgebaut, sondern dem Verfall preisgegeben werden.

Es ist erforderlich, ein Timeslot-Ticket zu kaufen, und der Eingang zum Pfad, der an den Kraterrand führt, erinnert an einen militärischen Checkpoint – nur ohne Waffen. Wir waren unter den Ersten und kamen daher erst beim Abstieg in den Genuss der touristischen Vielvölkerschaft.

Abgestorbene Bäume ragen wie skelettierte Finger in den Himmel, schroffes Gestein ist von Flechten besiedelt und erste Pionierpflanzen siedeln sich am Kraterrand an. Von Weitem wirken die Flechten lediglich wie ein großflächiger grauer Überzug. Erst bei genauerer Betrachtung erkennt man die korallenartig wachsende Flechte Stereocaulon vesuvianum. Sie gehört zu den ersten Lebewesen, die erkaltete Lava besiedeln.

Es ist eine interessante Landschaft, und auch wenn man nicht in einen blubbernden Lavaschlund, sondern in den stillen, von Geröll bedeckten Gipfelkrater blickt, bekommt man doch eine gewisse Vorstellung von den Größenverhältnissen.

Anders als in den Ruinen von Pompeji, die man vom Gipfel aus bei gutem Wetter theoretisch erkennen könnte, ist die Verpflegung der Besucher hier durch drei Hütten entlang des Weges mehr als gesichert. Es hat daher wenig Sinn, sich wie wir mit viel Wasser und Snacks einzudecken und das Ganze den Berg hinaufzuschleppen, um dem Verdursten und dem Hungertod möglichst lange zu entgehen. Es gibt kaltes Bier, warme Speisen und für kalte Tage sogar Glühwein.

Auf nach Neapel

Mit derselben Buslinie, die uns zum Ausgangspunkt des Gipfelwegs gebracht hatte, ging es wieder zurück zu unserem Hotel in Pompei. Interessanterweise wurde für das Busticket talwärts deutlich mehr verlangt als für die Fahrt nach oben. Die schwierige Kommunikation mit dem Busfahrer hatten wir bereits bei der Anreise als legendär bezeichnet, denn er beantwortete die immer gleichen Fragen der Touristen mit immer gleichen gestammelten Antworten, sodass Unklarheiten unklarer und Unsicherheiten unsicherer wurden.

„Other driver!“

Die Koffer über die unebenen sogenannten Gehsteige ziehend, marschierten wir zurück zum Bahnhof und warteten auf den Zug. Es war sehr heiß, Schatten auf dem Bahnsteig war Mangelware, und ich schwitzte allein durch die Tatsache meiner Existenz mehr als beim Aufstieg zum Krater. Die Durchsage, der ohnehin verspätete Zug nach Neapel werde bald einfahren, wiederholte sich unübertrieben mindestens zwanzigmal, bis er endlich mit nicht unerheblicher Verspätung eintraf.

Danach war es noch erforderlich, mit der U-Bahn zu unserem nächsten Quartier zu gelangen. Die Urban Chic Suite Toledo überraschte uns sehr positiv. Das Zimmer war frisch renoviert und bot weitaus mehr Luxus als das Viersternehotel in Pompei. Das Angebot reichte von einer prall gefüllten, kostenlosen Minibar über jede Menge Sanitärartikel und andere nützliche Dinge bis hin zu den aus unerfindlichen Gründen sonst kaum jemals verfügbaren Zahnbürsten. Außerdem gab es einen kleinen Balkon, den ich vor dem Betreten allerdings sehr genau überprüfte. Zudem sollte uns die sehr freundliche Eigentümerin später beim Check-out noch sehr entgegenkommen. Herzlichen Dank dafür auch an dieser Stelle.

Nach einer wohlverdienten Rast machten wir uns auf, einen ersten Eindruck von Neapel zu bekommen.

Oh.

Laut, schmutzig, chaotisch. In den meisten Städten ist es nicht schwer, Motive zu finden, die man als unfotogen bezeichnen könnte. In Neapel tat ich mir schwer, Motive zu finden, die man als fotogen bezeichnen könnte.

Gleich nach dem Verlassen des Hotels befanden wir uns an einem Kreisverkehr. Erfahrungsgemäß sind Fußgängerübergänge in Italien ohnehin nur Empfehlungen, aber die Rücksichtslosigkeit in Neapel stellte alle meine bisherigen Erfahrungen in den Schatten. Zu erwähnen bleibt außerdem die auffallend hohe Präsenz von Carabinieri, die sich an besagtem Kreisverkehr sogar mit Maschinenpistolen bewaffnet postiert hatten. Sicherer fühlte ich mich dadurch keineswegs. Die Tatsache, dass eine derartige Bewaffnung offenbar erforderlich schien, stimmte mich eher besorgt.

Wir wollten zum Meer. Dafür schlurften wir die stark befahrene Via Enrico Pessina entlang, die an der Piazza Dante in die Via Toledo übergeht. Ich hatte es aufgegeben, fotogene Motive zu suchen, und hielt mit meinem 50-mm-Objektiv einfach nur die Tatsachen fest.

Einziger Lichtblick in architektonischer Hinsicht war an diesem Tag die Galleria Umberto I. Die Einkaufspassage wurde zwischen 1887 und 1890 nach einem Entwurf Emanuele Roccos errichtet und war Teil der Stadterneuerung nach der Choleraepidemie von 1884. Ein positiver Ausgang also.

Wir passierten die Piazza del Plebiscito, an der sich die pantheoneske Kirche San Francesco di Paola sowie der Palazzo Reale befinden. Durchaus fotogen, ja, aber den Weg dorthin kann man durchaus als verwahrlost bezeichnen. Daran änderte auch der als Largo Maradona bekannte Kultort in der Via Emanuele de Deo nichts, denn wir wurden Zeugen, wie eine Ladenbesitzerin eine riesige Kakerlake aus ihrem Geschäft auf die Einkaufsstraße bugsierte.

Der felsige Strandabschnitt war enttäuschend. Zwar kann Neapel nichts für die Felsen, wohl aber für das Umfeld, das mit Müll übersät war. Auch die beiden einzigen Kioske befanden sich seit unbestimmter Zeit in Renovierung. Enttäuscht traten wir den Heimweg an, vorbei an illegalen Straßenverkäufern, rabiaten Mopedfahrern und hupenden Kraftfahrzeugführern.

Lärm begleitete uns leider auch in der Nacht. Immerhin kam er nicht von außen, sondern von der im Zimmer befindlichen Klimaanlage, die uns – unabhängig von sämtlichen verfügbaren Einstellungsmöglichkeiten – genau zwei Optionen bot: kühl, aber laut, oder heiß, aber leise.

Uff.

Ich stand abends noch auf dem Balkon und sah einen kleinen Jungen auf dem Balkon eines anderen Hauses. Er unterhielt sich über die schmale Straße hinweg mit einem Mädchen, das von meinem Standort aus nicht sichtbar war. In meinem Kopf entstand sofort eine kleine Geschichte: Sie verlieren sich über die Jahre aus den Augen, jeder versucht, aus seinem Leben das Beste zu machen, aber so richtig glücklich wird keiner von beiden. Nach Jahren kehren sie unabhängig voneinander in die Wohnungen ihrer Jugend zurück und treffen einander wieder, getrennt und vereint durch die Balkone und die schmale Straße, die nun kein unüberwindbares Hindernis mehr darstellt.

Neapel - Urban Chic Suite Toledo
Neapel – Urban Chic Suite Toledo

Kitschfilm möglich.

Neapel sehen – und sterben?

„Vedi Napoli e poi muori!“, sagen sie hier, wenn man dem weitgereisten Johann Wolfgang von Goethe glauben darf. „Siehe Neapel und stirb!“

Gut, so schlimm war es dann doch nicht. Allerdings wähnt man sich dem Hungertod durchaus nah, wenn man sich auf die Geschwindigkeit einer italienischen Servicekraft verlässt, der die Aufgabe, ein Croissant zu bringen, nicht sonderlich engagiert übernahm.

Der heute gewählte Weg in die andere Richtung gestaltete sich auch nicht einladender: Graffiti, Müll und eine tote Taube in trauter Harmonie mit einer Socke. Unterwegs fanden wir noch eine Statue des Pulcinella, einer traditionellen Figur der neapolitanischen Commedia dell’arte und eines der bekanntesten Symbole der Stadt. Er soll für den humorvollen, schlitzohrigen und lebensfrohen Geist Neapels stehen. Im Hintergrund: nun ja.

Hinter einer unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein barocker Schatz: die Cappella Sansevero.

Neapel - Cappella Sansevero
Neapel – Cappella Sansevero

Ich war von ihrer Ausstattung überwältigt. Das bekannteste Kunstwerk ist der Cristo velato, der Verhüllte Christus, von Giuseppe Sanmartino. Die Skulptur wurde aus einem einzigen Marmorblock gefertigt, und zwar mit einer derartigen Meisterschaft, dass tatsächlich der Eindruck entsteht, der Schleier bestehe aus transparentem Stoff.

Der Disinganno, die Enttäuschung, von Francesco Queirolo enttäuscht keineswegs, sondern fasziniert durch die äußerst realistische Darstellung eines aus Marmor gefertigten Fischernetzes. Auch die Pudicizia, die Keuschheit, von Antonio Corradini spielt mit vermeintlicher Transparenz und ließ nicht nur mich sprachlos zurück.

In der unterirdischen Kammer verbergen sich noch weitere Meisterwerke, die unwillkürlich an die Arbeiten des kürzlich verstorbenen Gunther von Hagens erinnern. In zwei Glasvitrinen werden die anatomischen Modelle Giuseppe Salernos aufbewahrt. Sie wirken enorm realistisch, was vordergründig an der Verwendung echter menschlicher Skelette liegen mag, vor allem jedoch an der äußerst detaillierten Rekonstruktion des arteriovenösen Gefäßsystems. Dieses wurde aus verschiedenen Materialien, darunter Bienenwachs und Farbstoffe, bis hin zu feinsten Gefäßen nachgebildet.

Unglaublich: Die Modelle entstanden bereits zwischen etwa 1756 und 1764.

Da das Fotografieren streng verboten ist, zeige ich hier ein Foto der Postkarten und des Buches, die ich dort erworben habe. Man braucht tatsächlich keinerlei besonderes Kunstinteresse, um die Meisterschaft dieser Werke anerkennen zu können.

Neapel - Cappella Sansevero
Neapel – Cappella Sansevero

Wir wandten uns wieder dem Meer zu. Zwischenziel sollte die Fontana del Gigante sein, die wir am Vortag bereits fast erreicht hatten. Der Weg führte uns durch die Via San Gregorio Armeno. Diese Gasse ist das Zentrum der traditionellen neapolitanischen Krippenbaukunst; hier kann man aber auch handgefertigte Figuren und Karikaturen moderner Berühmtheiten, Politiker und Sportler erwerben. Die als weltberühmt beworbene Straße war sehr gut besucht, und es blieb unklar, ob es mehr Figuren oder mehr Menschen gab. Jedenfalls gab es eine Katze, die sich vom Trubel nicht beeindrucken ließ.

Allgegenwärtig – als Graffiti, auf Postern und Souvenirs, als Getränk in Form des Maradona Spritz sowie musikalisch in Form von „Ho visto Maradona!“ – und beinahe gottgleich verehrt ist Diego Armando Maradona, kurz D10S. Die argentinische Fußballlegende spielte von 1984 bis 1991 für den SSC Neapel und verhalf dem bis dahin noch nie italienischer Meister gewordenen Verein maßgeblich zu seinen ersten beiden Meistertiteln.

Der Ruhm hatte allerdings auch eine zerstörerische Kehrseite. Nach seinem Abschied von Napoli spielte Maradona mit mäßigem Erfolg noch für den FC Sevilla, Newell’s Old Boys und schließlich erneut für Boca Juniors, wo er 1997 seine Karriere beendete. An die herausragenden Jahre in Neapel konnte er jedoch nie mehr anknüpfen.

Am Hafen legten wir eine kleine Pause ein, bevor wir uns den Palazzo dell’Immacolatella ansahen, der einst der Gesundheitskontrolle und Quarantäne im Hafen diente und direkt neben einem ehemaligen Luftschutzbunker liegt. Von der Piazza Municipio aus konnten wir bereits unser letztes Ziel des Tages sehen: das hoch aufragende Castel Sant’Elmo. Das nahe gelegene mittelalterliche Castel Nuovo war leider – oder zum Glück – gerade wegen Renovierungsarbeiten teilweise verhüllt, und so steuerten wir direkt den Brunnen Fontana del Gigante an.

Monumental sollte er sein. Nun, auf Fotos wirkt er tatsächlich deutlich größer, als er in Wahrheit ist. So ist das Leben, Erwartungshaltung und Erfüllung klaffen zuweilen weit auseinander …

Danach begann der rund drei Kilometer lange Aufstieg auf den Vomero-Hügel, auf dem im 14. Jahrhundert ein Vorgängerbau des Castel Sant’Elmo errichtet wurde. Seine heutige sternförmige Gestalt erhielt die Festung allerdings erst im 16. Jahrhundert.

Rund eine Stunde dauerte der durchgehende Anstieg: zunächst durch immer steiler werdende Gassen, dann über Treppen.

Jede Menge Treppen.

Der Ausblick auf Neapel und den Vesuv, den man bekommt, wenn man diese Tortur überstanden hat, ist jedenfalls lohnend. Die Anlage ist – im Gegensatz zum zuvor erwähnten Brunnen – tatsächlich gigantisch, auch wenn sie von außen spektakulärer wirkt als von innen. Das Castel Sant’Elmo beherbergt heute unter anderem das Museo Novecento mit neapolitanischer Kunst aus der Zeit zwischen 1910 und 1980. Zwar bin ich kunstaffin, aber um ehrlich zu sein: Die Ausstellung allein wäre diesen Aufstieg für mich nicht wert gewesen.

Der Abstieg erfolgte übrigens binnen drei Minuten mit der Funicolare, also der Standseilbahn.

Neapel
Neapel

Tja.

Da es anscheinend verbreitet ist, Partezettel auf Stromverteilerkästen und sowieso auf allem, das klebbaren Untergrund bietet, möchte ich mich an dieser Stelle mit gebührendem Respekt von Choppy, dem Kaninchen verabschieden!

Neapel
Neapel

Ab in den Untergrund

Die Geschwindigkeit der italienischen Servicekraft hatte sich heute Morgen gegenüber dem Vortag exorbitant erhöht, und daher wurde die Aufgabe, ein Croissant zu bringen, ausgesprochen engagiert erledigt.

Ein Highlight stand noch auf dem Programm: eine Führung durch den Untergrund. Unter der Altstadt von Neapel befinden sich Hohlräume, die ursprünglich von den Griechen als Tuffsteinbrüche angelegt und später von den Römern zu Zisternen und einem weitverzweigten Wasserversorgungssystem ausgebaut wurden. Die enorme Größe lässt sich auf Fotos nur schwer vermitteln. Ebenso die Enge eines gewundenen Ganges, durch den sich die dazu fähigen Mitglieder der Tour zwängten wie Kamele durch ein Nadelöhr.

Es handelt sich um eine beeindruckende Anlage, die im späten 19. Jahrhundert nach einer Choleraepidemie als Wasserversorgungssystem aufgegeben wurde. Dem Guide zufolge machten die Bewohner anschließend das, was wir an der Oberfläche bereits zur Genüge gesehen hatten: Sie benutzten die alten Brunnen als Müllabwurfschächte. Als die unterirdischen Anlagen während des Zweiten Weltkriegs zu Luftschutzbunkern umfunktioniert wurden, war der Boden daher mit Unrat und Bauschutt überzogen. Also machten die Bewohner dem Guide zufolge erneut das, was wir an der Oberfläche bereits zur Genüge gesehen hatten: Sie betonierten den Müll kurzerhand ein.

Die Tour führte weiter in ein Wohngebäude, das eine archäologische Überraschung bereithält. Wir wurden über den Hergang der Entdeckung informiert und darüber aufgeklärt, dass die Häuser dieses Blocks in die Überreste eines ehemaligen römischen Theaters hineingebaut worden waren. Der Guide schob sodann ein Bett zur Seite, öffnete eine Falltür, und wir stiegen über steile Stufen in die unterirdischen Gänge hinab.

Die Bewohner machten mit den Resten des Theaters also das, was sich bereits in den Gassen ablesen ließ: Sie bauten brutalistisch um. So werden Teile des Theaters heute als Garage genutzt, während sich in einem Innenhof noch Reste der Sitzstufen besichtigen lassen.

Nach diesem informativen und kurzweiligen Rundgang musste noch ein etwas schaurigerer Ort besichtigt werden. Die Kirche Santa Maria delle Anime del Purgatorio ad Arco verbirgt einen unterirdischen Totenkult, der sich bereits an den abgegriffenen bronzenen Totenschädeln vor der Kirche bemerkbar macht.

Neapel - Santa Maria delle Anime del Purgatorio ad Arco
Neapel – Santa Maria delle Anime del Purgatorio ad Arco

Die Unterkirche verfügt über einen Altar, der aufgrund seines Zustands bereits gewisse Assoziationen weckt. Inmitten des Mittelschiffs befindet sich, von vier Leuchten umgeben, ein anonymes Grab aus dem 17. Jahrhundert. In die Wände sind zahlreiche Nischen eingelassen, in denen Schädel, Kiefer und diverse andere Knochen aufbewahrt werden.

Der inzwischen von offizieller Kirchenseite verbotene Kult bestand darin, namenlose Schädel zu adoptieren, zu reinigen und zu pflegen. Gebete und Zuwendungen sollten der Seele des Verstorbenen den sogenannten refrisco verschaffen – eine Linderung oder Kühlung der Qualen im Fegefeuer. Ganz uneigennützig geschah dies nicht: Im Gegenzug wurde erwartet, dass sich die Seele im Jenseits für ihren lebenden Wohltäter einsetzte und ihm Schutz, Hilfe oder die Erfüllung eines Wunsches gewährte.

Abseits des großen Mittelschiffs herrscht strenges Fotografierverbot. Man betritt einen schmalen Gang, der mit weiteren Nischen makabren Inhalts ausgestattet ist. Ganz erloschen scheint der Brauch dennoch nicht zu sein, denn in den Nischen finden sich auch neuzeitlichere Gegenstände wie beispielsweise Spielzeugautos. Im hinteren Teil der unterirdischen Kirche befinden sich Erdgräber – und weitere Nischen mit weiteren Gebeinen.

Auch wenn Kapuzinermönche andernorts die Ausstellung menschlicher Überreste gewissermaßen auf eine neue Stufe gehoben haben, ist dieser Ort doch einer der faszinierendsten seiner Art.

Nach einem Mittagssnack machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Geprägt war der Abschied leider weniger von der netten Verabschiedung durch unsere Obdachgeberin als vom Geschrei einer jungen Frau, die offenbar völlig außer sich war. In einer Tonhöhe, die Mariah Carey neidisch werden lassen würde, schrie sie irgendetwas von „Christus“ und „Kurva“ und beschimpfte die eingangs erwähnten Polizeibeamten samt Maschinenpistolen wüst. Hier noch ein paar idyllische Bilder aus der Stadt:

Da wir inzwischen wussten, wo alles zu finden war, verlief die Fahrt zum Flughafen reibungslos. Obwohl die mir Liebste ob des herrschenden Trubels und der quälend langsamen Sicherheitskontrolle beinahe die Nerven verloren hätte, startete unser Flieger pünktlich, und wir erreichten sicher Wien.

Um 21:50 Uhr.

Bei 32 Grad.

Mamma mia!

Keine 24 Stunden später lasen wir, dass die Region westlich von Neapel vom stärksten Erdbeben seit rund 40 Jahren erschüttert worden war. Das Beben mit einer Magnitude von 4,7 verursachte Gebäudeschäden, Stromausfälle und Erdrutsche. Mindestens 26 Menschen wurden verletzt und etwa 300 aus ihren Wohnungen evakuiert.

Das rückte den Vulkankomplex der Campi Flegrei wieder nachdrücklich ins Bewusstsein der Menschen. Für den Fall eines Ausbruchs sieht der nationale Notfallplan übrigens die vorbeugende Evakuierung von rund 500.000 Bewohnern der roten Zone vor, zu der auch Teile Neapels gehören. Ob das in einer derart dicht besiedelten und bereits im Normalbetrieb chaotischen Region praktisch auch nur ansatzweise umsetzbar wäre, sei dahingestellt.