Weimar und Buchenwald 2019

Glücklich Weimar! – Von den Städten allen
bist du, kleine, wunderbar bedacht;
Man wird stets zu deinen Toren wallen,
angezogen von der heil’gen Macht;
Und man wird nach großen Männern fragen,
die in schönen Zeiten hier gestrebt,
und mit edlem Neid wird man beklagen,
dass man mit den Edlen nicht gelebt.

Johann Peter Eckermann, „Weimar“, 1825

Einleitung

Weimar. Wohn- und Arbeitsplatz des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe.
KZ Buchenwald. Wohn- und Arbeitsplatz des Lagerkommandanten Karl Otto Koch.
Faktische Luftlinie: 7 Kilometer.
Reale Distanz: unermesslich.

Weimar hatte 1935 rund 50.000 Einwohner.
Im KZ Buchenwald kamen zwischen Juli 1937 und April 1945 etwa 56.000 Menschen ums Leben.
Insgesamt durchliefen rund 278.000 Menschen eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden.

Die Mehrheit der Bürger Weimars habe von den Vorgängen im Lager nichts gewusst, wurde später behauptet.

Bis 1940 ließ die SS die Toten des Lagers im städtischen Krematorium von Weimar einäschern.
Die regelmäßigen Leichentransporte seien Stadtgespräch gewesen, liest man.
Ab 1940 schickte der Kamin des lagereigenen Krematoriums den Rauch verbrannter Leichen in den Himmel über dem Ettersberg.

Die Mehrheit der Bürger Weimars habe von den Vorgängen im Lager nichts gewusst, wurde später behauptet.

Nur wenige Meter vom Lagerzaun entfernt ließ Karl Otto Koch einen zoologischen Garten errichten.
SS-Männer und ihre Familien, zivile Vorarbeiter sowie Freunde der SS konnten dort Affen, Braunbären und Hirsche besichtigen.
Der Tierpark war aus erpressten „Spenden“ der Häftlinge finanziert worden.
Neben dem Zoo, etwa auf Höhe eines nahe gelegenen Wachturms, stand in den ersten Jahren des Lagers der Leichenschuppen.

Die Mehrheit der Bürger Weimars habe von den Vorgängen im Lager nichts gewusst, wurde später behauptet.

Am 11. April 1945 näherten sich Einheiten der 3. US-Armee dem KZ Buchenwald.
Die SS zog sich größtenteils zurück und floh.
Bewaffnete Häftlinge des Lagerwiderstandes, die bereits seit längerer Zeit auf den richtigen Zeitpunkt für einen Aufstand gewartet hatten, besetzten das Torgebäude und übernahmen schließlich die Kontrolle über das Lager.
Die ersten amerikanischen Aufklärer erreichten das Lagertor gegen 17 Uhr.

Die Uhr über dem Haupttor zeigt heute symbolisch 15:15 Uhr.

Auf Veranlassung von General George S. Patton mussten am 16. April 1945 rund 1.000 Bürger aus Weimar das befreite Konzentrationslager Buchenwald besichtigen.

Die Mehrheit dieser Bürger Weimars habe von den Vorgängen im Lager nichts gewusst, wurde behauptet.

„Einer der entsetzlichsten Anblicke, die ich je gesehen habe.“

General George S. Patton über das Buchenwald-Außenlager Ohrdruf

Rundgang

KZ Buchenwald
KZ Buchenwald

Der eigentliche Durchgang in das Lager wirkt winzig gegenüber der Massivität des Torgebäudes. Dessen Proportionen scheinen den Eingang und jeden, der ihn passieren muss, förmlich zu erdrücken. Schon durch das Betreten sollten die Häftlinge klein und unbedeutend gemacht werden. Ich fühlte mich klein.

JEDEM DAS SEINE

Spruch über dem Lagereingang

Ein Spruch, der auch heute noch weit verbreitet ist und von vielen Menschen wohl unbedacht geäußert wird. Hier jedoch ist nichts unbedacht: der zynisch missbrauchte Schriftzug, der stacheldrahtbewehrte Lagerzaun, der Schlot des Krematoriums. Der Spruch ist nur von innen, vom Appellplatz aus, lesbar. Von außen ist er seitenverkehrt, als wäre das Lager eine eigene, abgeschlossene Welt.

KZ Buchenwald
KZ Buchenwald

Die Baracken sind längst abgerissen. Nur mehr mit grobem Schotter markierte Grundrisse und vereinzelte Fundamentreste bezeugen ihre einstige strenge Ordnung. Historische Fotos auf Tafeln vergegenwärtigen das Verschwundene.

Im Krematorium: ein Seziertisch. Weiße Fliesen, sauber im Gefälle verlegt. Jemand hat eine Blume hinterlassen. Zwei Öfen der Firma Topf & Söhne mit je drei Brennkammern. Man benötigt keine Vorstellungskraft, um das Grauen zu spüren. Genug Vorstellungskraft, um es zu ermessen, hat wohl niemand, der es nicht am eigenen Leib ertragen musste.

Das Gelände fällt zu den ehemaligen Verwaltungsgebäuden hin ab. Nachbildungen eines Steinkarrens und des sogenannten Hängepfahls. Auch der Karren ist ein Folterinstrument. Der Baumstumpf der von den Häftlingen sogenannten Goethe-Eiche. Sie erzählten sich, dass Goethe hier gedichtet haben soll. Ein Bombenangriff der Alliierten mehr als ein ein Jahrhundert später führte zur Fällung des Baumes.

Im Wald markieren metallene Stelen die Massengräber des sowjetischen Speziallagers Nr. 2. Die Tankstelle am Carachoweg wirkt erstaunlich modern. Reste des Lagerbahnhofs. Verbogene Gleise.

Die Teile des Lagerkomplexes, die verfallen, verrostet oder zerbrochen sind, machen mir auf eine eigentümliche Weise Mut. Sie zeigen, dass dieses Lager nicht mehr benutzt wird. Dass man hier Menschen nicht mehr konzentriert unterbringt.

In Lagern.
In Konzentrationslagern.

Das Mahnmal

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches lag das ehemalige KZ Buchenwald in der sowjetischen Besatzungszone, später auf dem Staatsgebiet der DDR. Im Mai 1949 wurde der in unmittelbarer Nähe des Lagers stehende Bismarckturm gesprengt. Auf dem Ettersberg sollte eine dem antifaschistischen Selbstverständnis der DDR entsprechende nationale Mahn- und Gedenkstätte entstehen.

Leider rückte dabei weniger das Leid der vielen Opfer als der heroisch inszenierte Widerstand in den Mittelpunkt. Das Leitmotiv „durch Sterben und Kämpfen zum Sieg“ empfinde ich angesichts der Geschichte dieses Ortes als unangebracht. Zwar ist historisch erwiesen, dass bewaffnete Häftlinge des Lagerwiderstandes in den letzten Stunden die Kontrolle über das Lager übernahmen. Daraus jedoch die staatlich propagierte Erzählung einer heroischen „Selbstbefreiung“ unter Führung der Kommunisten zu formen, halte ich für den falschen Ansatz. Die DDR-Erinnerungspolitik glorifizierte diese „Selbstbefreiung“ und marginalisierte dabei andere Häftlings- und Opfergruppen.

Das monumentale Mahnmal wurde von 1954 bis 1958 errichtet. Der Weg führt hinab zu den Ringgräbern, in die sogenannte „Nacht des Faschismus“, und anschließend hinauf zum Glockenturm, zum „Licht der Freiheit“. Die zugrunde liegende Idee ist nachvollziehbar, und die Einbindung der Ringgräber empfinde ich als imposant. Dennoch bleibt bei mir insbesondere angesichts der monumentalen Figurengruppe ein gewisses Unbehagen. Die siegesgewissen, teilweise bewaffneten Figuren erzählen für mich stärker vom heroisierten Widerstand als vom Leid der vielen Menschen, die an diesem Ort entrechtet, gequält und ermordet wurden.

Weimar

Von der Goethe-Eiche in Buchenwald zum Goethe-Haus in Weimar ist es tatsächlich nicht weit. Buchenwald wurde von derselben Sonne beschienen wie Weimar, dennoch drang die frühlingshafte Wärme erst in der beschaulichen Stadt zu mir durch.

Goethe ist allgegenwärtig; Schiller auch, aber den habe ich mangels Zeit ignoriert. So gibt es unter anderem das Goethe-Haus, den Goethebrunnen, den Goetheplatz, das Goethe-Schiller-Denkmal, das Goethe- und Schiller-Archiv und meine Wahl zum Abschluß meiner Reise: den Goethe-Park.

Hier konnte ich meinen Geist noch einmal von den harten Realitäten des zuvor besuchten Lagers lösen. Einzig das Tempelherrenhaus stellte noch eine Verbindung her. Bei einem Bombenangriff im Februar 1945 wurde es zerstört; heute ist nur noch eine Ruine erhalten. Man könnte sie idyllisch nennen.