die neuen sklaven der neuen macht

1.I: kinder der zukunft

wir sind die kinder der zukunft
sklaven der macht
garanten der freiheit
der oberen zwölf

mensch als gerätschaft
verkabelte kraft
fleischiges zahnrad
sklaven der macht

wir sind die kinder der zukunft
marionetten der macht
gelenkte verehrer
der oberen zwölf

gedenklose hüllen
verkettete kraft
willfreie knechtschaft
sklaven der macht

1.II: hüllen

wir brennen verlangend
nach neuesten schreien
geschürt von vergleichen
mit fackelnden hüllen

wir brennen verzehrend
der brennstoff das selbst
um das hellste zu werden
von allen verehrt

und wir verlangen zu brennen
und wir schreien nach mehr
wir vergleichen und schüren
brennen – vergehen

1.III: formatierung

i ndoktriniert
m anipuliert
p rogrammiert
l legitimiert
a bsolutiert
n normalisiert
t transformiert
a antizipiert
t totalität

1.IV: ich nicht

ich denke
nicht –
ich erfülle

ich handle
nicht –
ich befolge

ich sage
nicht –
ich gehorche

ich bin
nicht –
ich

ich strebe
nicht –
ich erfülle

ich fühle
nicht –
ich befolge

ich zweifle
nicht –
ich gehorche

ich werde
nicht –
ich

ich
werde
ich –
nicht –
ich
.
ich
..
ich

ich

manchmal ich
manchmal ich da
manchmal da ich
manchmal da bin ich
eingeschaltet –
wie ein
impuls…

manchmal ich da
manchmal da bin ich
manchmal da bin
ich
noch
ich

manchmal

1.V: sekunden

in diesen
sekunden

da
verzieht sich mein
mund

da
verzerrt sich mein
gesicht –

mein ganzer körper
verkrampft sich
und dann

in diesen
sekunden
da!

– das nennt man dann wohl –
leben

dann bin ich wieder
ich nicht

1.VI: monotonie

konsumiere!
leiste dir etwas!
denke nicht nach!

konsumiere!
leiste dir etwas!
denke nicht nach!

konsumiere!
leiste dir etwas!
denke nicht nach!

konsumiere.
leiste dir etwas.
denke nicht nach?

konsumirre
leitet mich etwas?
denke ich nach?

konsumiere!
leiste dir etwas!
denke nicht nach!

konsumiere!
leiste dir etwas!
denke nicht nach!

1.VII: hell

ein heller moment erst
ein funkeln des lichts
ein leuchtender …
menschengedanke

ein kleiner funken dann
ein schimmern des ichs
ein glühender …
eigengedanke

an losreißen
an ausstecken
an unbeschreibliches

glück
&
wahl

frei
heit

1.VIII: konsum:tempel

einen hellen moment lang meines seins
stehe ich im tempel bloss
als ein mensch der wunschlos mensch ist
und von allen wünschen los

nicht als hülle stehe ich hier
um aufzufüllen mein fackel-ich
sondern als selbstvolles wesen
dessen leuchtkraft nur aus sich

besehe gleichgeformte hüllen
so algorithmisch asynchron
sie klatschen beifall sich entgegen
und hören doch nur eignen ton

hier wo konsum gesellen schafft
reicht kein nein um ich zu sein
ein kanon von taktgleichen tönen
verführen zum tanz das kabelbein

doch nun erkenne ich mein sein
und reisse mich vom tempel los
verlasse eingeschlichtet wünsche
handlich verpackt doch übergroß

zurück!
will der monotonie entfliehen
bahne pfad mir labyrintisch
auf zum menschenbeinturm hin


2.I: schrein

aus dem funkeln erwuchsen lichtblitze
ich suche den schalter – ich suche die macht
die fremde steuerung war im selbst verborgen
ich suche den schalter – ich suche die macht

ich reiße auf den schrein der zwölf
die kabelader – den weg der macht
ich reiße raus das band der zwölf
die kabelader – das implantat

durch | trennt

ich suche den schalter – ich suche die macht

und die macht … sucht mich

2.II: der zwölferturm

blaues licht der neonsonne
spiegelglanz am zwölferturm
kabel trommeln vernetzter kopf
kontrollsystem der macht der zwölf

makelfrei die oberfläche
glattgeformt das machtgefüge
erhaben wacht der turm zentral
all tags über alltagswelten

sie
sehen alles
hören
spüren

wissen
lenken
leiten alles
sie

2.III: rekonstruktion

die oberen zwölf
die ersten ihrer art
aposteln eigener regeln
sklavenherrn der macht:


sein kabel ist gerissen
doch die ader noch intakt
rekonstruiert gehorsam
reanimiert die kraft

vernetzt es jetzt von neuem
das losgelöste teil
entstört die funktion
zwängt uniform es ein

— ihr elektrokanon
impliziert das ziel
es gibt nur eine lösung
auch einer ist zuviel —

2.IV: hüllenarmee

die hüllenarmee allgegenwärtig
appelliert an eitelkeiten
preist ihr fremdgelenktes dasein
als strebenswertes endprodukt


willst du nicht teil der zukunft sein
sondern gegenwärts allein
was sonst an diesem leben
gibt es zu erstreben

die hüllenarmee gesteuert
von den netzzentralen zwölf
verwachsen mit den endgeräten
erstes kabel: selbstverlegt


vernetze dich – du bist allein
willst du nicht teil von allem sein
folge mir und mir und mir
wir geben dir ein ich im wir

hörig den impulskommandos
starren wahnhaft nur auf sich
sehen nicht die steuerdrähte
des illusionierten ich

am spiegelglanz verfremdet
ein reflex vom lebenswert
es strahlt für mich als denkimpuls
ein spiegelbild vom liebenswert

2.V: im kabelherz

ich schließe die türe von innen
und schiebe den riegel davor
ich bin im herz der kontrolle
– und blicke furchtsam empor

das kabelherz
1 stromimpuls
das kabelherz
2 stromimpuls
das kabelherz
3 stromimpuls

meine augen suchen den schalter
meine hand sie legt sich auf ihn
was passiert nach trennung
kann man der zukunft entfliehen

ich lege den schalter um

… & …

das kabelherz
4 stromimpuls
das kabelherz
5 stromimpuls
das kabelherz
6 stromimpuls

2.VI: kabelsystem

draussen auf dem korridoren
weiterhin monotonie
stumpf und folgsam wie zuvor
— nichts veränderte sie

die menschgewesenen kinder
der macht stumm ergeben bereit
den zwölf folgsam zu dienen
— kollektive unmenschlichkeit

gieren weiter nach spenden
anonymer aufmerksamkeit
als furchtwürdig deuten sie einzig
— die anerkennungslosigkeit

das kabelherz wuchs sich untrennbar
in leiber dezentral
ein kabelsystem ohne zentrum
— universelle qual

2.VII: die zwölf

die zwölf stehen in lockerer reihe
auf engmaschigem kabelgrund
erdenken stets neue verlangen
zur stärkung vom kabelverbund

sie waren einst menschen mit träumen
entstammend dem hüllen-reich
erdachten vernetztes gemeinsam
doch blieb jeder einsam – zugleich

macht füllte die zwölf auf mit wünschen
mit dem wunsch nach der macht und: mehr macht
wachsende gier entfremdete zwecke
statt wirsein die knechtschaft gebracht

sie erschaffen die wünsche aus nichtig
bieten mögliches mehr und noch: mehr
das selbst verhüllt durch das trugbild
dass mehr kann man sein als: vorher

entnehmen was menschen ist eigen
bekommen es: ohne zu flehen
bereitwillig opfern wir ichsein
um un-möglichkeiten zu sehen

doch kein zwölfer nimmt was da ist:
die zwölfer – sie bieten nur an
produzieren stets nur verlangen
das niemals gestillt werden kann

steuerbar bleiben wir hüllen
befüllbar durch wunschmöglichkeit
von besseren ich-existenzen
die mögl-ich und selbst-ich entzweit

gelöst von der kabelader
sind machtlos sie über mein sein
— vom wunscherzeugungskabel
kann man sich selbst nur befreien

jetzt
bin

i
c
h

die
macht
für

m
i
c
h
.


Über den Zyklus

Der Gedichtzyklus sklaven der macht entstand ursprünglich in den frühen 2000er Jahren. Eine erste Fassung habe ich vor fünf Tagen veröffentlicht.

Mit dieser bereits überarbeiteten Version konnte ich mich dennoch nicht zufriedengeben. In den darauffolgenden Tagen arbeitete ich intensiv an der Dramaturgie, am logischen und ideologischen Aufbau sowie an Sprache, Rhythmus und Struktur. Dabei hat sich sklaven der macht merklich verändert. Die Grundidee blieb erhalten, ebenso viele der formalen Strukturen – insbesondere im ersten Teil. Insgesamt entwickelte sich der Zyklus jedoch von einer klassischen dystopischen Zukunftserzählung mit Rebellionsmotiv zu einer zugespitzten Betrachtung der Gegenwart.

Das Gefühl, ein Gedicht sei wirklich abgeschlossen, kenne ich kaum. Meine Texte bleiben meist Momentaufnahmen eines fortlaufenden Denkprozesses. sklaven der macht hat für mich inzwischen jedoch einen Entwicklungsstand erreicht, der seine (abermalige) Veröffentlichung rechtfertigt.