Schwangau 2026
Der poetische Name Schwangau bezeichnet ganz profan eine Gemeinde im bayerisch-schwäbischen Landkreis Ostallgäu, deren Gemeindeteil Hohenschwangau für die Königsschlösser Neuschwanstein und Hohenschwangau bekannt ist.
Ziel meiner Reise war also das „Disney-Schloss“ Neuschwanstein und dessen in der Öffentlichkeit deutlich weniger bekannter Quasi-Vorgängerbau Hohenschwangau. Eingebettet in eine idyllische Seenlandschaft und eine imposante Bergkulisse thront Neuschwanstein auf einem Bergrücken des Tegelbergs. Viel zu oft benutzen Schreiberlinge wie ich das Verb „thronen“ für allerlei Dinge. Für Neuschwanstein trifft diese Bezeichnung jedoch in doppelter Hinsicht zu: Sowohl die weithin sichtbare Lage vor den Ammergauer Alpen als auch der Umstand, dass es sich um ein Projekt des vorletzten bayerischen Königs Ludwig II. – besser bekannt als der Märchenkönig – handelt, rechtfertigen diese Wortwahl.

Ich will nicht mit der Historie langweilen. Da die Historie jedoch nicht langweilig ist, hier ein kurzer Abriss:
Bereits 1090 wurde ein „Castrum Swangowe“ urkundlich erwähnt. Dabei handelte es sich um zwei kleine Burgen, die im 19. Jahrhundert verfallen waren. Das Deutsche liebt lange Wörter, daher sei erwähnt, dass diese beiden Burgen Vorderhohenschwangau und Hinterhohenschwangau genannt wurden.
Der Bau des heutigen Neuschwanstein begann im September 1869. König Ludwig II. wollte eine idealisierte Ritterburg zur rein privaten Nutzung im Stil des Mittelalters errichten lassen, die jedoch mit modernster Technik ausgestattet war: Heißluftheizungen, fließendes Wasser und sogar Telefone.
Die Kombination aus der schwierigen Lage und den Sonderwünschen des Auftraggebers verzögerte die Fertigstellung erheblich. Bei Ludwigs Tod im Jahr 1886, also 17 Jahre nach Baubeginn, war das Schloss erst zu einem kleinen Teil fertiggestellt. Dem bis heute geheimnisumwitterten Tod des Märchenkönigs im Starnberger See gingen seine Entmündigung und die Erklärung seiner Geisteskrankheit voraus.
Schon sechs Wochen nach seinem Tod wurde das Schloss für Besucher geöffnet, um mit den Eintrittsgeldern zumindest einen Teil der horrenden Schulden zu begleichen. Die Schlösser fielen als Erbe an Ludwigs Bruder Otto, der ebenso wie Ludwig für geisteskrank und regierungsunfähig erklärt wurde. Was für eine Familie! Die Regentschaft übernahm daher ihr Onkel Luitpold, während die „Administration des Vermögens Seiner Majestät des Königs Otto von Bayern“ den Nachlass verwaltete. Die Bauschulden konnten schließlich 1899 vollständig abbezahlt werden.
So wurde aus dem persönlichen Rückzugsort eines geisteskranken Märchenkönigs ein Märchenschloss für die geisteskranke Öffentlichkeit.

Auf der Website der Bayerischen Schlösserverwaltung war zu lesen, dass man mindestens zweieinhalb Stunden zwischen den Führungen einplanen sollte, um genügend Zeit für den Weg von einem Schloss zum anderen zu haben. Also buchte ich im Vorfeld eine Audioführung in Neuschwanstein um 9:15 Uhr und eine weitere in Hohenschwangau um 15:05 Uhr. Ungern wollte ich aus Zeitgründen auf etwaige Wanderungen zu Aussichtspunkten verzichten.
Die deutsche Gründlichkeit war vorbildlich. Die Tour, bei der strenges Fotografierverbot herrschte, begann exakt um 9:15 Uhr und dauerte exakt 30 Minuten. Da nach der Führung lediglich ein überraschend überschaubarer Souvenirshop sowie ein Café den weiteren Aufenthalt rechtfertigten, stand ich um Punkt 10:00 Uhr wieder beim Ausgang – und hatte somit noch exakt fünf Stunden und fünf Minuten Zeit.
Manchmal hat man an einen Ort, der neudeutsch „gehypt“ wird, zu hohe Erwartungen und wird enttäuscht. Auf Schloss Neuschwanstein trifft das nicht zu. Die Lage ist phänomenal, wird aber tatsächlich vom Inneren noch übertroffen. Von den rund 15 fertiggestellten Räumen ist jeder einzelne sehenswert. Der opulente Thronsaal konkurriert mit dem nicht minder opulenten Sängersaal. Es gibt eine künstliche Grotte und elektrisch beleuchtete Sternenhimmel.
Nicht mehr vorhanden, aber dennoch erwähnenswert, um die Exklusivität dieses Ortes zu veranschaulichen, ist das Arbeitszimmer, das ursprünglich mit einem künstlichen Wasserfall und einer „Regenbogenmaschine“ ausgestattet war. Eine Regenbogenmaschine! Nimm das, Jeff Bezos.

Wir beschäftigen uns hier mit einem Bauwerk des 19. Jahrhunderts, nur so zur Erinnerung. Die Küche verfügte über einen sogenannten Rumfordherd, der den Bratspieß durch Eigenwärme in Bewegung setzte und seine Drehgeschwindigkeit automatisch an die Hitze anpassen konnte. Die dabei entstehende warme Luft wurde dem Heizsystem zugeführt. So geht Nachhaltigkeit.
Als Nächstes besuchte ich den obligatorischen und trotz der Besuchermassen sehr empfehlenswerten Aussichtspunkt Marienbrücke, die unmittelbar hinter Schloss Neuschwanstein die Pöllatschlucht überspannt.

Die Konstruktion wirkt erstaunlich modern – und ist es gewissermaßen auch. Die heute sichtbare Brücke stammt ursprünglich aus dem Jahr 1866. Die von den Gustavsburger Werkstätten der Maschinenbau-Gesellschaft Nürnberg, Cramer-Klett & Co. – der späteren MAN – errichtete Brücke war konstruktives Neuland: Erstmals wurden die Träger durch Vorbauen einzelner Fachwerke von den beidseitig im Fels verankerten Widerlagern aus errichtet, ohne zusätzliche Stützkonstruktionen. Trotz mehrerer Sanierungen sind die Geländer bis heute original erhalten.
Ja, und nun? Zeit en masse.
Ich entschied mich für eine Umrundung des Alpsees und wurde durch wunderschöne Landschaften und eindrucksvolle Ausblicke reich belohnt. Ich hatte zwar ein gewisses Augenmaß, aber keinerlei Vorstellung davon, wie weit der Weg tatsächlich sein würde. So schlimm wie befürchtet war es dann nicht, und danach blieb sogar noch genügend Zeit, jeden einzelnen Souvenirladen zu begutachten, ohne etwas zu kaufen, und mich anschließend unter das Volk zu mischen.
Auf einer Bank in Hohenschwangau – Einlass exakt 15:05 Uhr – kam ich nicht umhin, ein per Lautsprecher geführtes Videotelefonat amerikanischer Prägung mitzuhören. Sprecherin war eine „Wackadoo Sister“, die sich weniger über die phänomenale Kulisse begeistert zeigte als vielmehr über die ihrer Ansicht nach unzureichende Kühlung europäischer Coke Zeros beschwerte.
Ich war kurz davor zu rufen: „This is Europe. This is how your drinks taste in a real environment.“
Stattdessen ging ich mit Pferti spazieren. Trotz seines grummeligen Charakters ließ er sich dazu herab, für ein Foto zur Verfügung zu stehen.

Die wechselvolle Geschichte von Schloss Hohenschwangau nachzuerzählen wäre eine Fingerübung, die an dieser Stelle zu weit führen würde. Erwähnt sei lediglich, dass das Schloss 1820 von König Maximilian I. um 200 Gulden an einen Ortsansässigen „auf Abbruch“ verkauft wurde. Bereits ein Jahr später kaufte Fürst Ludwig von Oettingen-Wallerstein die Anlage um 225 Gulden zurück, um den Abriss zu verhindern. 1823 verkaufte jedoch auch er das Schloss wieder.
Den Grund dafür möchte ich trotz völliger Zusammenhanglosigkeit erwähnen, weil ich dabei ein neues Wort gelernt habe: „morganatisch geheiratet“.
Eine morganatische Ehe, lateinisch matrimonium morganaticum oder – mit einer Formulierung, die durchaus aus Game of Thrones stammen könnte – eine „Trauung zur linken Hand“, bezeichnet in Fürstenhäusern eine Eheschließung, bei der ein Ehepartner einer gesellschaftlich nicht ebenbürtigen Familie entstammte. Kurz gesagt: unstandesgemäß.
Und jetzt alle zusammen: morganatisch = unstandesgemäß.
Nicht zu verwechseln mit Hypergamie, dem „Hinaufheiraten“.
Das heutige neugotische Erscheinungsbild verdankt das Schloss Kronprinz Max, der es bis 1837 nach Plänen des Architektur- und Theatermalers Domenico Quaglio umbauen ließ. Im Inneren sind mehr als neunzig Wandgemälde zu bewundern, die zwischen 1835 und 1836 entstanden.
Von außen ähneln sich Hohenschwangau und Neuschwanstein kaum. Im Inneren lassen sich hingegen zahlreiche Gemeinsamkeiten feststellen. Auch hier galt absolutes Fotografierverbot. Wenn man Neuschwanstein bereits hinter sich hat, wirkt die Ausstattung Hohenschwangaus zwar weiterhin imposant, bietet aber zumindest am selben Tag weniger Überraschungen. Dennoch hob ich mehrmals verblüfft die Augenbrauen, etwa beim Anblick eines silbernen Tafelaufsatzes, der den Ludwigsbrunnen in Ludwigshafen nachbildet.
Nach dem Besuch – Einlass exakt 15:05 Uhr, Dauer exakt 30 Minuten – machte ich mich auf den Weg zurück zu meinem Quartier.




















































