30. Ljubljana Marathon 18.10.2026
Ich wünschte, ich könnte berichten, dass ich mich nach meiner Nicht-Teilnahme am 25. LGT Alpin Marathon Liechtenstein aufgerafft hätte, wieder mit regelmäßigem Training begonnen und ein fulminantes Comeback in der Hauptstadt Sloweniens gefeiert hätte.
Dies war unser zweiter Besuch in der Stadt am Ufer des Flusses Ljubljanica, deren Wappentier der Drache ist. Interessanterweise ist es eine lokale Sage mit Wurzeln in der griechischen Mythologie, die den Plüschdrachen in diversen Souvenirläden ihre Existenz ermöglicht: Der griechische Held Jason soll nach dem Raub des Goldenen Vlieses ausgerechnet zur Quelle der Ljubljanica gelangt sein und dort besagten Drachen im Kampf besiegt haben. So sei es.
Ich fühlte mich weder wie ein Drache und schon gar nicht wie jemand, der es mit einem Drachen aufnehmen könnte. Vielmehr wäre ich als Drachenfrühstück geeignet, denn mit dem Weglaufen hätte ich derzeit so meine Probleme.
Am Freitag, nach getaner Arbeit, gabelte ich meine mir Liebste am Parkplatz einer bekannten Supermarktkette auf, bei der es leider die besten Leberkäsesemmeln gibt. Nach vorgenanntem Snack fuhren wir los, um in etwas mehr als dreieinhalb prognostizierten Stunden anzukommen. Die Erneuerung diverser Fahrspuren und die für manche Verkehrsteilnehmer scheinbar unlösbare Aufgabe, sich gegenseitig rücksichtsvoll auf einer Fahrspur zusammenzufinden, verzögerten unsere Ankunft jedoch um eine gute Stunde.
Aufgrund des großen Andrangs, ob nun marathonbedingt oder lediglich dem Wochenende geschuldet, ließ sich nicht feststellen, wurde unsere sorgfältig vorbereitete Parkplatzplanung hinfällig. Stattdessen steuerten wir einen überraschend günstigen und gut gelegenen Hinterhofparkplatz an: 22 Euro für Freitagabend bis Sonntagnachmittag. Cash only.
Wir bezogen wieder dasselbe Hotel wie bei unserem krankheitsbedingt verkürzten Aufenthalt 2022: das Best Western Premier Hotel Slon. Den umfangreichen Recherchen meiner mir Liebsten zufolge, die sich den zeitgleich stattfindenden Halbmarathon vorgenommen hatte, lag es direkt an der Startzone. Tatsächlich waren sowohl der Start- als auch der Zielbogen als auch diverse Absperrungen für das umfangreiche Rahmenprogramm bereits aufgebaut.

Das Hotel entpuppte sich nicht nur hinsichtlich seiner Lage als ideal, sondern insgesamt als bemerkenswert marathonaffin: Es ermöglichte einen kostenlosen Late-Check-out und somit die Möglichkeit, nach dem Lauf am Sonntag noch zu duschen. Außerdem stellte es zusätzliche Verpflegung in Form von Powerriegeln, Bananen und Wasser für die Gäste zur Verfügung. Als jemand, der bereits mehr als 30 internationale Marathons gelaufen ist, kann ich dazu nur sagen, dass ich eine derart zuvorkommende und verständnisvolle Behandlung noch nie genossen hatte. Daher unverhohlene Werbung für das Hotel mit dem Elefanten!

Wir hatten beschlossen, unsere Beine zu schonen, was in meinem Fall die Weiterführung meines Lebensstils bedeutete. Am Samstag schlenderten wir also nur ein bisschen durch die Altstadt, sahen ein paar Kinderläufe und hielten uns ansonsten überwiegend in horizontaler Lage auf.
Essenstechnisch durfte ich mich durchsetzen, und so besuchten wir am ersten Abend ein nahegelegenes Restaurant mit slowenischer Hausmannskost. Obwohl ich den Namen des einzigen, nichts ins Englische übersetzten oder übersetzbaren, Gerichtes zum Amüsement des Kellners nicht aussprechen konnte: Die Idrijski žlikrofi waren hervorragend.

Am Abend vor einem Marathon esse zumindest ich traditionellerweise immer Pizza. Den beharrlichen Recherchefähigkeiten meiner mir Liebsten ist es zu verdanken, dass wir äußerst köstliche neapolitanische Pizza in einer slowenischen Pizzeria mit englischem Namen verschlingen konnten.
Das Gute am Laufen eines Marathons ist, dass man unheimlich viele Kalorien verbrennt. Daher hatte ich beim Frühstück auch überhaupt keine Probleme damit, Rührei mit Speck, Brötchen mit Salami und Käse sowie diese kleinen Würstchen zu verschlingen. Mir ist durchaus bewusst, dass dies sämtlichen Ernährungsberatern zufolge eine Katastrophe ist. Aber diesen letzten kleinen Fauxpas kann man sich als Untrainierter kurz vor 42,195 Kilometern auch noch leisten.
Sportlich stand ich also wieder eher dort, wo ich beim 40. Vienna City Marathon 2023 gewesen war, als dort, wo ich beim 30. Rom-Marathon 2025 wieder angekommen war: nahe null.
Prinzipiell gesehen war mir das egal, denn meine Renntaktik ähnelt sich ohnehin immer: möglichst anstrengungsfrei im Rahmen meiner aktuellen sportlichen Verfassung beginnen, den Einbruch so lange wie möglich hinauszögern und es dann irgendwie ins Ziel schaffen.
Wir stolperten also kurz vor dem geplanten Start aus dem Hotel, begaben uns in unsere jeweiligen Startblöcke und harrten der Anstrengung, die da kommen würde.

Interessanterweise fühlte ich mich anfangs gut. Anfangs bezeichnet bei einem Marathon die ersten 21 Kilometer, die ich mit einer – für einen untrainierten Körper durchaus respektablen – Durchschnittspace von 5:48 min/km zurücklegen konnte. Knapp über zwei Stunden also dauerte es, die erste Hälfte zu absolvieren.
Laibach hat eine wundervolle Altstadt, die sowohl der mir Liebsten als auch mir sehr gut gefällt. Für einen Marathon ist es allerdings erforderlich, irgendwo 42,195 Kilometer Strecke zu erschaffen, die durch die Stadt führt. Nun, unsere übereinstimmende Wahrnehmung war, dass es außerhalb des historischen Zentrums eigentlich kaum etwas gibt, das man als Höhepunkt bezeichnen könnte.
Zwar gab es sehr viele Musikstationen und dergleichen, die hauptsächlich der Liebe zur Volksmusik gewidmet waren – wobei ein herzliches Hallo an jenen Gitarristen hinausgeht, der mehr als three chords aus seinem Fenster gejammt hat –, aber weder architektonisch noch landschaftlich vermochte uns die Strecke sonderlich zu überzeugen.
Mathematisch gesehen wäre nach dem Durchlaufen der Halbmarathonmarke noch einiges möglich gewesen. Leider ist Mathematik eine in weiten Teilen exakte Sprache, die die Möglichkeiten eines körperlichen Einbruchs nur ansatzweise wiedergeben kann.
Daher litt ich völlig unmathematisch die restlichen Kilometer, wobei meine Qualen gefühlt mit dem Quadrat der bereits zurückgelegten Distanz zunahmen.
Auf Deutsch: Ich wurde langsamer, und es wurde anstrengend.
Irgendwo bei Kilometer 30 wurde ich von einem aufmerksamen Mitmenschen darauf hingewiesen, dass wir alle unsere Sünden bereuen sollten, da wir uns auf dem Weg zur Hölle befänden.
Ich rief zurück: „Thanks for the information, but how far till the finish line?“
Tja, das war keine Sternstunde der Schlagfertigkeit.
Es ist schlecht, zu gehen, daher ging ich nicht. Beziehungsweise nur einmal. Die Zurücklegung dieses katastrophalen Kilometers dauerte exakt neun Minuten und elf Sekunden. Eigentlich ist das nicht viel katastrophaler als die 7:11 und 7:45, die diesen Kilometer in der Auswertung meiner Sportuhr einrahmen. Aber ich habe tatsächlich gekämpft: mit mir und meinem Körper, mit mir und meinem Geist und zunehmend auch mit den mathematischen Grundrechenarten.
Ab der Halbmarathonmarke lässt sich der verzweifelte Versuch, eine mögliche Zielzeit zu errechnen, wie folgt zusammenfassen:
Mal zwei. Nein, das geht sich sicher nicht aus. Also mal zwei minus das, was ich schon gelaufen bin, plus das, was ich noch laufen werde, minus dem, was ich schneller laufen könnte …
Ach, egal. Ich bin da, wenn ich da bin.
Der vorrangige Grund, warum es keine Fotos von mir gibt, ist meine derzeitige Wampe. Ja, ich bin eitel. Aufgrund dieser Bauchigkeit hatte ich eine leichte Laufjacke angezogen, die trotzdem noch immer zu groß war, und meine Startnummer darunter verborgen.
Mein ausgefuchster Plan sah vor, mir kurz vor dem Ziel die Jacke mit großer Geste aufzureißen, wie in diesen Filmen, und dann voller Glanz und Glorie durch den Zielbogen zu hopsen, als wäre ich frisch geduscht.
Nun, ich riss nach qualvollen 42 Kilometern besagte Jacke auf, nur um feststellen zu müssen, dass meine Startnummer nur mehr wie eine auf Halbmast gehisste, zerrissene Piratenfahne über meinem Bauchabsatz baumelte.
Also beendete ich den 30. Ljubljana Marathon 2026 ohne Glanz und ohne Glorie, ohne vorzeigbare Startnummer und ohne Fotos in 4:36:59.

Nachdem wir uns im bereits lobend erwähnten Elefantenhotel noch duschen konnten, fuhren wir ohne nennenswerte Störung des fließenden Verkehrs nach Hause.
Und da Läufer immer unter irgendetwas bleiben wollen und fast schon zwanghaft müssen, bleibt mir als versöhnliches Fazit immerhin dies:
Ich bin unter 4:37:00 geblieben!