Der Weg des Wassers
Der Weg des Wassers soll verstanden werden im Sinne von: der Weg des Irdischen. Es ist weg, nicht mehr da; und doch da: der Fischabach, der durch Wiener Neustadt fließt.

Korrekterweise handelt es sich um die Warme Fischa, die im Quellgebiet von Bad Fischau-Brunn, insbesondere im Bereich des heutigen Thermalbades, entspringt. In Wiener Neustadt heißt es einfach nur: Fischabach. Zur Quelle sollte mich mein Weg heute nicht führen. Ich begann den Weg des Wassers in der Schmuckerau, wo der Hammerbach von der Warmen Fischa, Entschuldigung, dem Fischabach, abzweigt.

Das Wort Rekord ist zumeist positiv besetzt, zeugt es doch davon, dass etwas bereits Großartiges noch einmal übertroffen wurde. Dieser positive Aspekt trifft auf die Temperaturrekorde, die inzwischen fast jährlich überboten werden, nicht zu. Heute ist der 13. September 2026, und ein Rekordsommer liegt hinter uns. Nicht nur lokal: Weltweit war der Zeitraum Juni bis August 2026 gemeinsam mit 2024 der wärmste seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen. Ich will hier aber beim Lokalen bleiben.
Wiener Neustadt verzeichnete die trockenste Februar–Juli-Periode seit Beginn der 169-jährigen Niederschlagsmessreihe am Flugplatz Wiener Neustadt im Jahr 1857. Lediglich 170 mm Niederschlag wurden in diesen sechs Monaten verzeichnet – rund die Hälfte dessen, was im Vergleichszeitraum 1991–2020 durchschnittlich fällt. Auch in den Sommermonaten selbst fiel ungewöhnlich wenig Regen. Kurz: Es herrscht Dürre.

Hier, am Beginn meines Weges, endet der Weg des Wassers momentan auch schon wieder. Nach ein paar Metern ist auch das hier noch zu sehende und stehende Wasser verschwunden. Ich kann nicht mehr genau sagen, wann mir bewusst aufgefallen ist, dass der Fischabach im Wiener Neustädter Stadtgebiet ausgetrocknet ist. Es muss Ende August gewesen sein. Dies nahm ich zum Anlass, dieses Ereignis zu dokumentieren – ein Ereignis, von dem leider anzunehmen ist, dass es künftig häufiger auftreten wird.
Die Baustelle der ÖBB an der Wohlfahrtgasse ist jedenfalls nicht schuld am trockenen Bachlauf, denn hier wurde vorbildlich dafür Sorge getragen, dass das Wasser ungehindert fließen könnte, würde es noch welches geben.

Ab hier verlagerte ich meinen Fußweg in das stark verbaute Bachbett und trottete daher nicht am Fischa-Ufer, sondern unterm Fischa-Ufer entlang. Vereinzelte Pfützen des langersehnten Regens, der die letzten Tage ein wenig Linderung brachte, können nicht von der Realität ablenken.

Den unglaublichen Trockenheitsrekord habe ich bereits erwähnt, daher vervollständige ich den Rekordsommer mit 39,4 °C als neuem absoluten Temperaturrekord, aufgezeichnet am 5. August 2026. Schon am Vortag lag die Temperatur knapp unter 39 °C. Um 23:00 Uhr wurden am 4. August übrigens noch unglaubliche 30,2 °C gemessen.

Davon sind wir heute mit ca. 20 °C zum Glück wieder weit entfernt. Auch kann ich keinen spektakulär blauen Himmel als Kontrast zur Ödnis des entnaturierten Baches bieten. So bleibt es unten und oben grau auf grau.

Ich unterquerte die Gröhrmühlgasse, die es bereits im Namen trägt: Hier befand sich bis ins später 19. Jahrhundert eine Mühle. Diese war auf das Wasser der Warmen Fischa naturgemäß angewiesen und zeugt davon, dass der Wasserlauf des Baches zuverlässig genug war, um eine solche Nutzung zu erlauben.

Die Fußgängerunterquerung der Grazer Straße neben dem Fischabach ist inzwischen aufgelassen, wird aber weiterhin wild benutzt, wie sich aus den Spuren in der Böschung gut ablesen lässt. Hier betrat ich nun vertrautere Gefilde bzw. einen wohlbekannten Bachabschnitt, der unweigerlich mit meiner eigenen Jugend verbunden ist.

Ich wohnte bis 1996 in der Altabach-Siedlung, zwischen den Bächen: Der Fischabach begrenzt die Siedlung im Westen, der Altabach im Osten. Ich erinnere mich, dass ich bei niedrigem Wasserstand im Sommer mit dem Rad durch den Bach fahren konnte; aber immerhin war es noch ein Bach.

Die Einmündung des Hammerbaches, den ich zu Beginn meines Marsches abzweigen sah, ist hier natürlich weiterhin wasserlos, denn ebenso wie der Fischabach endet seine feuchte Spur bereits kurz nach der Abzweigung in der Schmuckerau. Am Bach spielen wie im vielbeschworenen Früher? Nicht möglich.

Der Wasserfall, vor dem ich als kleiner Junge gewisse Ehrfurcht hatte und an dessen Ende sich Fische tummelten, hat sowohl an Ehrfurcht als auch an Fischen sowie relativer Höhe verloren. Letzteres liegt wohl am Größengewinn meinerseits.

Es bleibt der Vollständigkeit halber zu erwähnen, dass auch der Altabach kein Wasser führt. Das war nicht immer so, auch wenn „Früher war es auch schon heiß!“ zu einem beliebten, gerne instrumentalisierten Satz geworden ist.

Ja, früher war es auch mal heiß. Auch mal sehr heiß. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob es schon einmal einen oder mehrere heiße Tage gab, sondern wie häufig, wie lange und wie regelmäßig solche Temperaturen auftreten – und wie warm es dabei nachts bleibt.

Eine exakte Gegenüberstellung sämtlicher Messwerte würde an dieser Stelle wohl zu weit führen. Sie sind frei verfügbar, zum Beispiel über GeoSphere Austria. Dennoch möchte ich, da sich interessanterweise gerade Leugner und Relativierer der globalen Erwärmung zuverlässig an „früher auch schon immer heiße“ Sommer erinnern, die Sommer meiner Jugend mit den Sommern unseres Heute vergleichen. Nur um sicherzugehen, dass nicht auch ich mich – ganz menschlicherweise – falsch erinnere.
Dazu ziehe ich wieder die Wetterstation Flugplatz Wiener Neustadt zu Rate. Auch ich habe die Sommer meiner Jugend als goldene, sonnendurchflutete Freibad-Idyllen in Erinnerung. Stimmt das? Und vor allem: „War es früher auch schon heiß?“ So heiß?
Ich definiere Sommer als die Monate Juni bis August, „die Sommer meiner Jugend“ als 1993–2002 und die „Sommer unseres Heute“ als 2016–2025.
Durchschnittliche tägliche Höchsttemperatur
1993–2002: 25,2 °C
2016–2025: 27,3 °C
+2,1 °C
Klingt nach nicht viel?
Absolute Höchstwerte
1993–2002: 36,6 °C am 19. August 2000
2016–2025: 37,9 °C am 3. August 2017
2026: 39,4 °C am 5. August 2026
Klingt nach mehr, aber klingt es nach viel?
Hitzetage ≥ 30 °C
1993–2002: durchschnittlich 14,4 pro Sommer
2016–2025: durchschnittlich 25,8 pro Sommer
+79 %
Tropennächte ≥ 20 °C
1993–2002: durchschnittlich 1,3 pro Sommer
2016–2025: durchschnittlich 4,7 pro Sommer
+262 %
Das klingt nicht nur nach viel, das ist viel.
2024 mit 41 Hitzetagen und 12 Tropennächten wäre hervorzuheben, wenn es 2026 nicht bereits wieder 42 Hitzetage und immerhin 8 Tropennächte gewesen wären.

Es folgt ein echtes Wunder! Eines der wirklich wahren Wunder von Wiener Neustadt nämlich: zwei Bäche, die übereinander fließen.

Fließen als zweites Wunder wäre allerdings zu viel gesagt, denn eigentlich ist es ein Rückstau des Kehrbachs ab dem Rückstaubecken am Stadtrand, der hier wieder für Wasser sorgt und mich mangels Gummistiefeln aus dem Bachbett zwingt.

Das Wunder ist der über die Warme Fischa fließende Wiener Neustädter Kanal, der dasselbe Kunststück ein paar hundert Meter weiter südlich bei der Überquerung des Kehrbaches übrigens bereits einmal vollbracht hat.

Bleibt noch Zeit für die Erwähnung eines fast schon monumentalen Projektes, das in seiner Unvollendetheit The Line durchaus Konkurrenz macht: Auch der Wiener Neustädter Kanal war ursprünglich als weit größere Verbindung bis zur Adria gedacht und wurde nie in diesem Umfang fertiggestellt. 1803 war immerhin die rund 56 Kilometer lange Wasserstraße zwischen Wien und Wiener Neustadt vollendet. Über sie wurden vor allem Kohle, Holz, Ziegel und andere Massengüter nach Wien transportiert. Eindrucksvoll allemal und kein Wunder, sondern Ingenieurskunst.

Heute beträgt seine Länge immerhin noch rund 36 Kilometer, für die Schifffahrt wird er jedoch längst nicht mehr benutzt, es sei denn Enten wären Boote.

Beim Zusammenfluss der Warmen Fischa mit dem Kehrbach, wo sich auch das Rückhaltebecken befindet, endet meine fast fünf Kilometer lange Begehung. Und auch wenn hier die Wasserwelt noch in Ordnung scheint:
Wir Menschen haben als untrennbarer Teil der Natur ein massives Problem, das nicht verschwinden wird wie das Wasser im Fischabach. Es ist unerheblich, woran man glaubt oder welchen politischen Weg man für den richtigen hält. Fakten bleiben Fakten, ob man nun an sie glaubt oder nicht.
