Gesprächsnotiz über den Besuch der Zeugen Jehovas

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Sonntag läutete es an meiner Tür. Üblicherweise läutet es bei mir nicht an der Tür, schon gar nicht an Sonntagen. Entsprechend überrascht war ich, als ein älterer und ein jüngerer Herr vor meiner Gartentüre standen und geduldig warteten. Ich grüßte freundlich und wurde freundlich gegrüßt.

„Wird die Welt Ihrer Ansicht nach eher besser oder eher schlechter?“, wollte der Ältere wissen.

Der Zettel, den sie mir zugleich in die Hand drückten, wies sie als Jehovas Zeugen aus.

Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich der Meinung sei, dass es – trotz kleinerer Rückschläge im Speziellen – der Menschheit im Allgemeinen so gut gehe wie noch nie zuvor.

„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte der Ältere, „Es ist doch so viel Krieg.“

Ich erklärte, dass in fast jeder Region der Welt jeder heute lebende Mensch einen höheren Lebensstandard habe als noch vor zwei Generationen. In Österreich hätten so gut wie alle fließendes Warm- und Kaltwasser, Strom, ein beheizbares Heim mit sanitären Einrichtungen und ein Gerät, mit dem sich das gesammelte Wissen der Menschheit überall und jederzeit abrufen lässt. Wir hätten, so argumentierte ich, im Alltäglichen einen höheren Lebensstandard als etwa König Ludwig XIV, dessen dekadenter Lebensstil legendär ist – nur eben ohne Dienerschaft, aber dafür mit Waschmaschine und Geschirrspüler.

Mit dieser Antwort hatten meine Besucher offenbar nicht gerechnet, denn der Schwenk zu der Frage, ob ich glaube, dass dies Gottes Werk sei, kam etwas abrupt.

Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich das nicht glaube. Es sei das Werk der Wissenschaft.

„Glauben Sie denn an Gott?“, wollte der Ältere wissen.

Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass dem nicht so sei.

„Woran glauben Sie denn dann?“

Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass „glauben“ dafür ein unpassendes Wort sei, aber wenn ich an etwas glauben müsste, dann daran, dass das Universum voller Geheimnisse steckt, welche die Wissenschaft noch nicht gelüftet hat.

Dann kamen wir dennoch wieder auf Gott zurück, und ich wollte wissen, welcher denn eigentlich gemeint sei – war ich doch mit den Glaubensgrundsätzen der Zeugen Jehovas nicht vertraut. Ich fragte, ob vom alttestamentarischen Rachegott die Rede sei oder vom neutestamentlichen Gottessohn, der zwar versöhnlicher ist, aber auch sagte, er sei nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

„Jesus ist nur ein Prophet unter vielen“, erklärte man mir, und es gebe nur einen Gott.

Ich entgegnete, dass selbst wenn es nur diesen einen Gott gäbe, ich ihm nicht folgen würde, angesichts seiner im Alten Testament beschriebenen Grausamkeiten. Ich wurde um ein Beispiel gebeten und so erzählte ich die Geschichte von Sodom und Gomorra:

„Abraham bekam Besuch von drei Männern, die er – aus nicht näher genannten Gründen – sofort als Gesandte Gottes erkannte. Ich möchte anmerken: Wenn ich irgendwo erscheine und jemand fragt mich, ob ich ein Gesandter Gottes bin, würde ich tendenziell auch eher mit Ja antworten. Man weiß ja nie.

Wie dem auch sei: Die Männer erklärten, sie seien gekommen, um zu prüfen, ob die Sünde in Sodom und Gomorra wirklich so groß sei, und falls ja, würden die Städte vernichtet. Abraham begann daraufhin mit Gott zu verhandeln – was an sich schon bemerkenswert ist. Er schacherte von 50 Gerechten hinunter bis auf 10, und Gott versprach, bei 10 Gerechten auf die Zerstörung zu verzichten.

Nun sollte man von einem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde und Alles, das lebt, erschaffen haben soll, erwarten, dass er für diese Angelegenheit keine Boten braucht. Und man sollte erwarten, dass ein wohlgesonnener Gott keine Unschuldigen auslöscht oder sich von einem Sterblichen überzeugen lassen muss, Gnade zu üben.

Wie auch immer: Die Boten kamen nach Sodom, wurden dort von einem gewissen Lot aufgenommen. Vielmehr wurden sie von Lot fast schon genötigt, sich aufnehmen zu lassen…. Noch in derselben Nacht verlangte ein Mob, man solle ihnen die Männer herausgeben, da sie mit ihnen ‚verkehren‘ wollten. Lot – moralische Lichtgestalt – bot stattdessen seine beiden jungfräulichen Töchter an. Die Sodomiten lehnten ab, es gab eine zünftige Schägerei, die Boten retteten Lot und seine Familie und kündigten an, die Städte nun zu zerstören. Lot, seine Frau und seine Töchter sollten fliehen und sich nicht umsehen.

Von da an geriet alles endgültig aus dem Lot. Am nächsten Tag also zerstörte Gott Sodom und Gomorra und alles darin und alles darum.

Lots Frau widersetzte sich den Anweisungen und sah sich neugierig um – und wurde zur Salzsäule. Pech gehabt.

Lot und seine beiden Töchter zogen weiter ins Gebirge und hausten fortan fernab in einer Höhle. Dort wurden die Töchter irgendwann offenbar sehr gamsig, denn sie machten ihren Vater betrunken, schliefen mit ihm und bekamen je ein Kind. Diese Söhne gründeten eigene Stämme, die jedoch in Bedeutungslosigkeit versanken.

Was soll diese Geschichte lehren? Gott ist grausam, und die einzigen ‚Rettenswerten‘ waren eine ungehorsame Frau, ein Alkoholiker und zwei inzestfreudige Weiber.“

„Noch nie davon gehört“, meinte der Ältere.

„Altes Testament, Buch Genesis“, sagte ich. „Einen Moment, ich sehe nach.“

„Was, Sie haben die Bibel am Handy?“

„Ja natürlich – Sie etwa nicht?“

Ich war bereits etwas emotionalisiert und stellte klar, dass ich niemals einem Gott gehorchen würde, der Kinderkrebs, angeborene Missbildungen und soviel Leid und Elend, wie es durch die Jahrtausende zu beobachten war, zulässt. Der Ältere versuchte argumentativ gegenzusteuern und fragte, ob mir klar sei, warum es überhaupt Leid in der Welt gebe.

„Ja, natürlich! Wegen der Erbsünde.“

„Sehen Sie!“

„Seien Sie mir nicht böse, aber das war doch ein ganz fieser Trick von diesem Gott, finden Sie nicht? Er setzt zwei von ihm selbst nach seinem Ebenbild erschaffene Menschen in einen von ihm selbst erschaffenen paradiesischen Garten voller Köstlichkeiten – aber von einem einzigen Baum dürfen sie nicht essen. Ein Baum, den er wohl selbst erschaffen hat, inklusive der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse.

Entweder waren wir als Abbilder Gottes nicht perfekt genug, der Versuchung zu widerstehen – oder es war gar nicht vorgesehen, dass wir widerstehen.

Sei es wie es sei: Wir aßen die Frucht, erhielten Erkenntnis, und wurden von Gott verflucht, vertrieben, verfolgt und später nahezu komplett ausgerottet.“

„Vielleicht“, schloss ich, „ist Gott ja gar nicht der Gute in dieser Geschichte.“

Der Jüngere, der sich bisher ruhig verhalten hatte, fing daraufhin besorgt an vorzulesen: „Im Anfang erschuf…“

Das enttäuschte mich, denn damit konnte meine offensichtliche Skepsis nicht entkräftet werden. Ich erklärte schließlich, dass sie mich heute nicht bekehren würden und ich sie auch nicht vom Glauben abbringen wolle, und wünschte beiden noch einen wunderschönen Tag auf diesem herrlichen Planeten – unabhängig davon, wie oder durch wen er erschaffen wurde.

Ich möchte anmerken, dass ich kein militanter Atheist bin und dieses Thema nie selbst aufbringe. Aber wenn man zu mir kommt und darüber sprechen will, dann rede ich gern. Das Problem ist nur: Mit Gläubigen ist oft kein echter Diskurs möglich. Entweder man glaubt – oder man glaubt nicht. Die Bibel ist zugleich Gottes unveränderliches Wort, und sie ist voller Gleichnisse, Allegorien und moralischer Wegweiser.

Dazu kommt der diktatorische Alleinherrschaftsanspruch im Christentum:
Ex 20,3: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“
Joh 14,6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“

Von daher meine abschließende Frage: Wäre es glaubenstechnisch nicht sinnvoller, Gott würde jene Menschen ins Himmelreich holen, die gut und rechtschaffen sind – und nicht jene, die an ihn glauben und ihn fürchten und beten und beichten und huldigen und buckeln und … sündigen und beichten und beten und … sündigen und beichten und …

Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine Patris et Filii et Spiritus sancti. Amen.