Vom Nutzen und Nachteil der Zeit für das Leben

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Zeit. Zeit haben, sich Zeit nehmen, seine Zeit nutzen oder seine Zeit vergeuden. Zeit ist eine grundlegende physikalische Größe. Sie beschreibt die Abfolge von Ereignissen – unumkehrbar von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Die SI-Einheit der Zeit ist die Sekunde, definiert als das 9.192.631.770-Fache der Periodendauer der Strahlung, die beim Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes eines Cäsium-133-Atoms emittiert wird. Soviel Zeit muss sein!

Jeder (durchschnittliche) Tag hat 86.400 dieser Sekunden, und ich bin der Ansicht, dass diese gut genutzt sein sollten. Denn niemand weiß, wann einem die letzte Stunde schlägt – beziehungsweise, um bei den SI-Einheiten zu bleiben – die letzten 3.600 Sekunden des Daseins verronnen sind. Da man Zeit nicht vermehren kann, sondern nur nutzen oder verschwenden, hatte ich mich bereits entschlossen, solchen Zeiträubern wie den sogenannten sozialen Netzwerken – die in farbenfroher Ausformung den Grauen Herren aus Michael Endes Momo ähneln – den Rücken zu kehren.

So kam ich dieses Jahr endlich wieder dazu, meine beinahe erloschene Bücherliebe neu zu entfachen. Neben meinem 40+-Stunden-Job, dem Marathontraining, der Haus- und Gartenarbeit und der hoffentlich nicht vernachlässigten mir Liebsten konnte ich heuer 42 Bücher lesen. Ein paar davon möchte ich hier vorstellen.

Das System

Ich wäre nicht ich, gäbe es nicht zugrundeliegende, selbstauferlegte Regeln, die ich zu befolgen habe. Die meisten der Bücher, die in meinen Besitz übergehen – egal ob zeitlich beschränkt oder unbeschränkt –, stammen aus offenen Bücherschränken, von Flohmärkten oder Gebrauchtbörsen.

Ich habe versucht, abwechselnd Belletristik und Sachbücher zu lesen. So kam es beispielsweise zu einem Wechsel zwischen Brian D’Amatos Maya-Universum in Form von Tag der Prophezeiung und Traudl Junges Schilderungen ihrer Zeit als Hitlers Privatsekretärin in Bis zur letzten Stunde oder – noch krasser – Charlotte Roches Schoßgebete mischten sich mit den Erinnerungen Elinor J. Brechers als Person auf Schindlers Liste.

Wenn mich ein Autor anspricht, sozusagen „auf meine Liste“ kommt, dann möchte ich sein Werk möglichst chronologisch lesen. Charles Cumming hat es mit Die Trinity-Verschwörung leider nicht auf diese Liste geschafft, auch wenn die Idee dahinter großartig und brandaktuell ist. Chronologie macht natürlich Sinn bei Romanserien wie Dean Koontz’ Moonlight Bay-Trilogie, die ich irrtümlich falsch begonnen hatte, aber durchaus auch bei Einzelwerken anderer Autoren – um eine gewisse Entwicklung aus schriftstellerischer Sicht nachvollziehen zu können. So kannte ich beispielsweise von Aldous Huxley bereits Schöne Neue Welt und war entsprechend positiv überrascht von seinem Debutroman Eine Gesellschaft auf dem Lande.

Ein weiterer Punkt dieses Systems ist, dass es verhindern soll, dass meine Sammelwut überhandnimmt. Dennoch schleppte ich 2025 insgesamt rund 350 (!) Bücher mit nach Hause – was nun nicht unbedingt für das System spricht, aber man möge mir glauben: Ohne dieses System wäre es noch viel schlimmer. Es wanderten natürlich auch Bücher wieder zurück in Bücherschränke und auf Flohmärkte, doch insgesamt neigt sich die Waagschale der Zu-lesen-Seite eindeutig stärker nach unten als jene der Gelesen-Seite.

Aber zurück zu den kurzen Buchvorstellungen einzelner auserwählter Werke:

Anthony Burgess – Rette uns, Lynx!

Ein fantastischer Fernsehabend mit drei Kanälen und gelungener Auflösung:
Das Leben von Sigmund Freud in klassischer Erzählform und Leo Trotzki in New York als Musical umtanzen den nahenden Weltuntergang.
Anm.: Ich werde mein Smartphone nie mehr anders als „Peepophon“ bezeichnen.

Dies war mein erster Roman von Anthony Burgess, dessen bekanntestes Werk Uhrwerk Orange ist, meisterhaft von Stanley Kubrick verfilmt. The End of the World News, wie Rette uns, Lynx! im Original heißt, erschien 1982. Kein Roman von Burgess soll dem anderen gleichen, heißt es. Das kann ich nach dieser Erstlektüre noch nicht beurteilen, doch dieses Buch war anders als alles, was ich bisher gelesen habe. Die drei in völlig unterschiedlichen Stilen erzählten Handlungsstränge fügen sich – und man fragt sich viele Seiten lang wie – schließlich zu einem durchaus überraschenden Ende zusammen.

Traudl Junge – Bis zur letzten Stunde

Ein interessantes Stück Zeitgeschichte, das Traudl Junge, von 1942 bis 1945 eine der vier Sekretärinnen Hitlers, hier erzählt. Ich muss zugeben, dass ich bei einigen der wiedergegebenen „leichteren“ Unterhaltungen Hitlers sogar schmunzeln musste. Das bedeutet keineswegs, dass Hitler hier auch nur ansatzweise als humorvoller Mensch dargestellt würde. Vielmehr war ich als Leser bestürzt über das gesellschaftliche Unvermögen dieses „Führers“, der trotz dieser offensichtlichen Defizite eine korrumpierende Anziehungskraft gehabt zu haben scheint.

Interessant auch, dass außerhalb der Lagebesprechungen, die den militärischen Bonzen vorbehalten waren, offenbar (so gut wie) nie über den Krieg selbst, den Kriegsverlauf, die Zerstörungen oder gar über Deportationen und das Grauen der Endlösung gesprochen wurde.

Aldous Huxley – Eine Gesellschaft auf dem Lande

In diesem ersten Roman des späteren Autors von Schöne Neue Welt, erschienen 1921, werden herrlich skurrile Charaktere gezeichnet. Man kann es sich wie eine literarische Karikatur vorstellen; tatsächlich wird das Buch als Persiflage auf Huxleys Zeit in Garsington Manor verstanden. Auf dem Landsitz von Lady Ottoline Morrell traf sich eine illustre Runde der damaligen intellektuellen Elite – etwa Bertrand Russell oder D. H. Lawrence.

Doch auch die teils prophetischen Passagen, die einem weltmüden Philosophen in den Mund gelegt werden, sind – nunmehr über hundert Jahre später – eindrucksvoll und erschreckend prägnant zugleich. Eine neue Gesellschaftsordnung, in der für nicht Passende nur die Gaskammer bleibt? Klingt aus heutiger Sicht nach düsterer Prophezeiung, die Nostradamus Neid erwecken könnte.

Erwähnenswert – ohne zu viel zu verraten – ist auch die Skurrilität des Erbauers des Landsitzes, der die Profanität des Defäktierens in spirituelle Höhen zu heben versuchte, indem er die Toiletten in den dem Himmel am nächsten kommenden Gebäudeteilen errichten ließ…

Augusten Burroughs – Teleshop

Burroughs war in der Werbebranche tätig, weiß also genau, wovon er schreibt, wenn er eine verlogene Hochglanzwelt schildert. Köstliche, langsam zunehmende Skurrilität, immer schwächer leuchtende Scheinheiligkeit und persönliche Eitelkeiten werden wie in einem Smoothiemaker durchgemixt und ergeben eine unterhaltsame Lektüre, die leicht runtergeht.

Michael Houllebecq – Karte und Gebiet

Houellebecq, das enfant terrible der französischen Gegenwartsliteratur, erfindet einen fiktiven Künstler und erfindet fiktive Kunst für diesen fiktiven Künstler. Dieser wiederum ersucht den realen Autor um ein Vorwort zum fiktiven Ausstellungskatalog seiner fiktiven Werke. Ob sich Houellebecq hier selbst überzeichnet oder schonungslos real portraitiert, kann ich nicht beurteilen. Ein amüsantes Werk, das gegen Ende eine erstaunliche Wendung nimmt.

Guido Knopp – Holokaust

Stellvertretend für die „Holokaust-Literatur“, die ich nach meinem ersten und auch zweiten Besuch in Auschwitz-Birkenau gelesen habe, sei hier diese verschriftlichte ZDF-Dokumentation erwähnt. Guido Knopp ist bestens informiert über die Zeit des Nationalsozialismus und unter anderem Autor von Hitler – Eine Bilanz, Hitlers Helfer und Göring – Eine Karriere um nur drei zu nennen.

Nachdem ich mich über persönliche Erzählungen versucht habe, mich dem Grauen anzunähern, beispielsweise durch Bücher von Silvia Grohs-Martin, Inge Scholl oder Elinor J. Brecher, entstand der Wunsch einmal eine Art Zusammenfassung zu lesen. Dadurch kam ich auf diese Dokumentation und dises Buch.

Es mag sein, daß ich mich nun als vollkommener Idiot bekenne oder mich in ein historisches Fettnäpfchen setze: mir geht es partout nicht in den Kopf, daß diese perfide Art und Weise der Anbahnung, Vorbereitung und Durchführung des Holokaust so gefühlt reibungslos vonstatten ging. Andererseits muß gesagt werden, daß die Vernichtung der ungarischen Juden ein Zeitraffer-Bild der gesamten Endlösung darstellt und dies in unfassbar kurzer Zeit geschah.

Gottfried Benn – Gedichte

Zu Gottfried Benn kam ich über Musik, nämlich jene der deutschen Band Das Ich, die ich seit meinen dunklen Jugendtagen verehre. Stefan Ackermanns Lyrik nimmt nämlich nicht nur Anleihen bei Benns Werk oder bezieht sich direkt darauf, sondern zitiert zuweilen unverfälscht einzelne Verse. Das Ich vertonte zudem Benns Gedichtband Morgue im Jahre 1998.

Ich gebe gerne zu, dass mir die spätere Lyrik Gottfried Benns größtenteils rätselhaft blieb. Ich schätze Wortneuschöpfungen sehr, die bestimmte Zustände oder Gefühle zu fassen versuchen. Weniger schätze ich es jedoch, wenn Vorkenntnisse historischer oder fiktiver Figuren erforderlich sind, um einem Gedicht überhaupt auf den Grund gehen zu können. Es mag meisterhaft sein – auch wenn ich die englischen Worteinwürfe für entbehrlich halte –, aber für mich war es letztlich over the top.

Dante – Die göttliche Komödie

Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet.

Dante – Inschrift auf dem Tor zur Hölle in einer lesbaren Übersetzung

Nun, ich ließ tatsächlich alle Hoffnung fahren, wohin auch immer sie fahren wollte: Das dreimal 33 „Gesänge“ umfassende Mega-Gedicht sprengte nicht meine literarischen Fesseln, sondern band mich – dem Ephialtes gleich. Ich steckte fest.

Die Göttliche Komödie umfasst insgesamt 14.233 Verse, alle in Terzinen und elfsilbig. Die Übersetzung, die ich las, rühmte sich, dies möglichst getreu vom Altitalienischen ins Deutsche übertragen zu haben. Uff.

Ich habe mich tatsächlich von den tiefsten Tiefen der Hölle über den Läuterungsberg bis zum Beginn des Paradieses gekämpft. Trotz einiger erbaulicher Zitate, die ich an anderer Stelle gerne verwenden möchte, bin ich letztlich von meinem Vorhaben abgekommen, die Göttliche Komödie vollständig in Versform zu lesen.

Bedenke, dieser Tag tagt nochmals nicht.

Dante Alighieri

Daher werde ich mich künftig mit einer Prosaversion des Hauptwerks Dantes begnügen – der wohl bedeutendsten Dichtung der italienischen Literatur, die als Grundlage der modernen italienischen Sprache gilt und zugleich als eines der größten Werke der Weltliteratur angesehen wird.

Die komplette Liste

John DickieDie Freimaurer – Der mächtigste Geheimbund der Welt
Scott AdamsDas Dilbert-Prinzip
Alexandra Gruber und Wolfgang MuhrStadtgeheimnisse Wiener Neustadt
Thomas HarrisKonklave
Stephan MarksWarum folgten sie Hitler?
Dean KoontzIm Bann der Dunkelheit
Silvia Grohs-MartinIch sah die Toten, groß und klein. Eine Schauspielerin überlebt den Holocaust
Anthony BurgessRette uns, Lynx!
Anne FrankTagebuch
Dean KoontzGeschöpfe der Nacht
Willy LindwerAnne Frank – Die letzten sieben Monate
Thomas HofmannEs geschah im Industrieviertel
Brian D’AmatoTag der Prophezeiung
Traudl JungeBis zur letzten Stunde
Charles CummingDie Trinity Verschwörung
Inge SchollDie Weiße Rose
Frank SchätzingMordshunger
Morton RhueDie Welle
John IrvingLaßt die Bären los!
Thomas HofmannEs geschah im Waldviertel
Thomas KeneallySchindlers Liste
Aldous HuxleyEine Gesellschaft auf dem Lande
Elinor J. BrecherIch stand auf Schindlers Liste
Charlotte RocheSchoßgebete
Al GoreEine unbequeme Wahrheit
Augusten BurroughsTeleshop
August DunkelsteinVerborgen – Geheimnisvolle Orte in Wäldern, Niederösterreich
Heather MorrisDer Tätowierer von Auschwitz
T.C. BoyleRiven Rock
Rainer RotherLeni Riefenstahl – Die Verführung des Talents
Michael HoullebecqKarte und Gebiet
Guido KnoppHolokaust
Ernest HemingwayIn einem anderen Land
Shlomo GraberDer Junge, der nicht hassen wollte
Gottfried BennGesammelte Werke in acht Bänden: Band 1 – Gedichte
John BoyneDer Junge im gestreiften Pyjama
Charles BukowskiPittsburgh Phil & Co.
Heather MorrisDie Schwestern von Auschwitz
Dante AlighieriDie göttliche Komödie
Herbert RosenkranzReichskristallnacht 9. November 1938 in Österreich
Andreas EschbachDas Jesus Video
Franz W. SeidlerFritz Todt – Baumeister des Dritten Reiches