Tallinn Marathon 2019
Ich war angeschlagen. Seit Wochen hatte ich nicht mehr ausreichend oder auch nur regelmäßig trainiert. Was mit einer, wie ich meinte, verstimmten Achillessehne begonnen hatte, wuchs sich immer mehr zu einem Ganzkörperproblem aus: Schmerzen im Knie, in der Hüfte, im Rücken. Ich ließ das Laufen sein und beschränkte mich nach einer längeren Pause – nur unterbrochen vom Abenteuer Wipfelwanderweglauf – auf Krafttraining und Wanderungen.

Doch Tallinn war gebucht. Und so stand ich am Sonntag, dem 08.09.2019, beim Viru-Tor am Start und forderte meinen Körper heraus.

Der Tallinn Marathon ist ein sehr schöner Stadtmarathon mit mehreren sehr unterschiedlichen Abschnitten: Innenstadt, Hafen- und Industriegebiet, Wohnviertel, Strand, Zoo, Parks und Küste.
Traditionell bekomme ich während eines Marathons recht wenig von der Strecke mit, es sei denn, irgendetwas Außergewöhnliches springt mich förmlich an. Zumeist denke ich mir: Wow, das muss ich mir merken – um es dann sofort wieder zu vergessen.
Als Besonderheit ist mir trotzdem der Abschnitt durch den Tallinner Zoo in Erinnerung geblieben. Es ist schließlich nichts Alltägliches, beim Laufen von Menschenaffen beobachtet zu werden. Nun ist es nicht unbedingt erbaulich, von gefangenen Tieren beäugt zu werden, aber diese Streckenführung ist ungewöhnlich und in gewisser Weise durchaus als Highlight zu bezeichnen.
Danach folgte eine größere Schleife durch das Grüngebiet der Õismäe raba. Kurz nach der Halbmarathonmarke erreichte die Strecke ihren westlichsten Punkt.
Aufgrund meiner körperlichen Wehwehchen wollte ich es bewusst gemütlich angehen lassen. Während des gesamten Marathons kam ich gerade einmal 24 Sekunden über eine Herzfrequenz von 165 und damit außerhalb meines „grünen Bereichs“. Kilometer 21 durchlief ich nach ziemlich genau 1:45:00 – was nun keineswegs langsam ist, aber zugleich den Beginn des Langsamwerdens markierte.
Meine Durchschnittsgeschwindigkeit verringerte sich nun markant: von rund fünf Minuten pro Kilometer zunächst auf sechs, dann auf sieben Minuten. Für die Kilometer 35 bis 40 benötigte ich schließlich durchschnittlich 7:50 Minuten pro Kilometer – was für meine Ambitionen einem Rückwärtsgang gleichzusetzen ist.

Ab Kilometer 39 war nicht nur an den Kilometermarken abzusehen, dass die Tortur bald zu Ende sein würde. Der Kurs führte wieder zurück in die Innenstadt und endete dort, wo ich 4:11:07 Stunden zuvor gestartet war: am Viru-Tor.
Abgesehen von Wien 2013, wo ich 4:10:00 benötigt hatte, war dies mit deutlichem Abstand mein langsamster Marathon. Wie stark der Einbruch war, zeigt der Vergleich mit wenigen Monaten zuvor: Noch im Mai desselben Jahres hatte ich den Prag-Marathon in 3:20:58 beendet.
Trotz dieser für meine Verhältnisse katastrophalen Zeit war ich zufrieden, denn der Tallinn Marathon war mein 20. Bewerb über diese Distanz und zugleich der zwölfte meines Vorhabens, in jeder europäischen Hauptstadt einen Marathon zu laufen.
Ich benötige dennoch dringend eine weitere Pause, um meine körperlichen Probleme auszukurieren – beziehungsweise zunächst einmal zu eruieren, woher sie überhaupt kommen. Dieses Jahr gibt es ohnehin nur noch einen Fixpunkt auf meiner sportlichen Agenda. Ich hoffe, das Jahr in sportlicher Hinsicht noch halbwegs versöhnlich beenden und 2020 wieder zu alter Stärke zurückfinden zu können.
