A-Z Tour 2026
Nach einiger Grübelei stand das Motto meiner nächsten Motorradausfahrt nach der Ahnentour fest: alphabetisch. Eine Niederösterreich-Runde sollte es werden – aber einmal im Kreis fahren kann ja jeder. Also beschloss ich, das Ganze etwas systematischer anzugehen: So wie meiner Bücher, CDs und DVDs fein säuberlich nach dem Alphabet sortiert sind, sollten es diesmal auch die Ortschaften sein. Ein Dorf pro Buchstabe – alles andere wäre selbst mir zu ambitioniert gewesen.
Ganz ohne kreative Auslegung ging es allerdings nicht: Fehlende Buchstaben mussten substituiert werden, und manche Raritäten – etwa das Y, das sich zwar entlang der Ybbs überraschend häufig zeigt – mussten sich der Realität einer in zwei Tagen fahrbaren Route mit Start und Ziel in Wiener Neustadt beugen. Die Auswahl der Orte erfolgte letztlich nach Gefühl, mit einer klaren Vorliebe für unbekannte und teils skurrile Namen. Die volle Bandbreite der Skurillität konnte ich leider nicht ausnutzen, aber ich führe ein paar der Entdeckungen unter „nennenswerte Orte“ an.
Die darauffolgende Woche verbrachte ich abends damit, interessante Fakten zusammenzutragen – großteils aus der zuverlässig-allwissenden Online-Enzyklopädie Wikipedia. Man möge mir verzeihen: Ich bin kein Historiker und tue auch nicht so.
Dieser Bericht entstand schlicht aus „Spaß an der Freud’“ und verfolgt keinerlei Bildungsauftrag. Auch die Fotos sind eher dokumentarischer Natur als Postkartenmaterial – für wohldurchdachte Kompositionen fehlte schlicht die Zeit. Wichtig ist mir jedoch: Weder Orte noch deren Bewohner sollen hier Ziel von Spott sein, auch wenn ich versuche den Text in humoristischer Art und Weise vorzubringen. Im Gegenteil – jede Ortschaft hatte ihren Reiz, oft mehr als erwartet.
Aigen (A)
nennenswerte Orte: Am Stampf | Außerkasten | Alberndorf | Aalfang

Am Ostersamstag startete ich meine Rundreise also mit A wie Aigen. Aigentlich wollte ich einen klingenderen Namen, aber schließlich fiel meine Wahl auf diese nahegelegene Gemeinde mit wunderbarem Schneebergblick.
Die Anreise von Wiener Neustadt führte durchs idyllische Piestingtal und anschließend konnte ich die ersten echten Schräglagen durch den Hernsteiner Wald genießen – ein würdiger Beginn für das geplante Unternehmen.
Aigen selbst ist das Ergebnis einer pragmatischen Fusion: vereinigt man Vorderaigen und Hinteraigen erhält man nur Aigen. Zusammen kommt man auf ca. 350 Einwohner – nach Tageszeit leicht schwankend… Historisch interessant ist der Umstand, dass sich an der Stelle des heutigen Hinteraigen einst Odelansdorf befand – im 15. Jahrhundert aufgegeben, 1569 wieder besiedelt und 1590 bereits wieder mit 19 Häusern ausgestattet. Ein Comeback, das sich sehen lassen kann.

Beim Gasthof Penninger fiel mir ein traditionelles Sgraffito ins Auge, das dem Alkohol nicht gerade kritisch gegenübersteht. Nach einem kurzen Stopp beim Marterl ging es weiter – schließlich wartete noch das restliche Alphabet darauf, entdeckt zu werden.

An dieser Stelle gleich ein Geständnis: Ich musste früh zu tricksen beginnen. Bereits beim zweiten Buchstaben. Tatsächlich existiert in Niederösterreich (zumindest nach heutiger Schreibweise) kein Ort mit C. Improvisation war also gefragt – und aus rein praktischen Gründen wurde das C kurzerhand auch noch vor das B gereiht. Das Alphabet ist eben auch nur ein Vorschlag, auf den man sich irgendwann mal geeignigt hat.
Mein nächstes Ziel lag im landschaftlich reizvollen und unter Motorradfahrern völlig zu Recht beliebten Helenental. Leider hatte inzwischen der Regen eingesetzt – eine Entwicklung, die meine Begeisterung in überschaubaren Grenzen hielt. Regen ist bekanntlich neben Splitt und Kamikaze-Hasen einer der natürlichen Feinde des Motorradfahrers. Mit steigender Luftfeuchtigkeit sank nicht nur die Laune, sondern auch die Qualität der fotografischen Dokumentation.
Cholerakapelle (C)

Die Cholerakapelle – offiziell auch „Mariahilf im Helenental“ oder schlicht „Unsere Frau“ – ist ein klassischer Wallfahrtsort. Und weil selbst die frommsten Pilger irgendwann hungrig werden, befindet sich praktischerweise gleich darunter der Landgasthof zur Cholerakapelle.
Nomen est omen, der Name kommt nicht von ungefähr: 1832 ließ das Ehepaar Elisabeth und Carl Boldrini die Kapelle errichten – aus Dankbarkeit darüber, die Choleraepidemie von 1830 bis 1831 unbeschadet überstanden zu haben.
Das brachte mich auf eine naheliegende Frage: Wie viele Kapellen wohl in den letzten Jahren aus Dankbarkeit errichtet wurden, weil man von Corona verschont geblieben ist?
Die Antwort: zumindest eine. Und zwar ebenfalls in Niederösterreich. In Groß-Gerungs im Waldviertel wurde am 14. Mai 2021 – passenderweise am Gedenktag der heiligen Corona – eine Kapelle zu ihren Ehren eröffnet.
“Die Widmung der Schutzheiligen Corona, die uns vor Seuchen schützen sollte, könnte man durchaus als widersprüchlich bezeichnen. Gerade der Gedanke, dass uns die Hl. Corona [Anm.: Schutzpatronin des Waldes und der Waldarbeiter und praktischerweise auch Schutzpatronin gegen Seuchen] vor noch vielen größeren Bedrohungen als dem Coronavirus schützt, hat uns dazu veranlasst. Sie soll ein mahnendes Zeichen sein, dass wir als Gesellschaft die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen unserer Zeit, die es österreich-, EU- und weltweit gibt, in vielen Bereichen überdenken sollten.“ erklärte Geschäftsführer Fritz Weber.
Der Regen machte mir an diesem Punkt allerdings einen Strich durch die Rechnung: Auf den Aufstieg zur eigentlichen Kapelle verzichtete ich. Mit etwas gutem Willen erkennt man sie aber im Hintergrund des Fotos – gleich neben der Werbung für Puntigamer, das „bierige“ Bier. Eine Kombination, die vermutlich nicht ganz im ursprünglichen Sinn der Stifterfamilie war.

Buchelbach (B)
nennenswerte Orte: Bauland | Bösendürnbach | Busendorf | Bösenneunzen

Nachdem ich das Helenental hinter mir und Ameisbühel links liegen gelassen hatte, erreichte ich Buchelbach – einen Ort, von dem ich bis zu diesem Tag noch nie gehört hatte. Und ich vermute, damit bin ich nicht allein.
Dabei ist Buchelbach keineswegs bedeutungslos: Es gehört zur Katastralgemeinde Grub im Wienerwald und wurde bereits 1254 urkundlich erwähnt. Auch geografisch hat die Gegend etwas zu bieten: Mit dem Rossgipfel liegt hier der zweithöchste Berg der Gemeinde Wienerwald. Zusätzlich zählt er zu den wenigen Gipfeln der Region, die sowohl ein Gipfelkreuz als auch ein Gipfelbuch besitzen – was ihn zumindest für sehr gewissenhafte Wanderer interessant machen dürfte.

Auf tragische Weise bekannt wurde die Gegend am 6. August 1981. Ein Orientierungsflug des Bundesheeres mit einer Saab 105 OE endete katastrophal, als das Flugzeug nur wenige Minuten nach dem Start abstürzte – und zwar direkt in das Haus des Staatsopern-Solotänzers Karl Musil. Die beiden Piloten kamen ums Leben, während die Bewohner des Hauses teils schwer verletzt wurden.

Ich setzte meine Fahrt durch den Wienerwald fort, inzwischen wieder halbwegs getrocknet und deutlich besser gelaunt. Die Strecke führte mich nordwestwärts, vorbei an beeindruckenden Ausblicken – unter anderem auf die Burg Neulengbach – und schließlich hinaus ins Mostviertel, wo bereits die nächste Station auf mich wartete.
Diesendorf (D)

In diesem Dorf könnten 98 Einwohner gezählt werden, befände sich jemand auf der Straße. Die örtliche Sehenswürdigkeit ist eine spätbarocke Kapelle mit einer Statue der heiligen Barbara. Ihr vollständiger Name: Barbara von Nikomedien. Nicht zu verwechseln mit Barbara von Nickelodeon, auch bekannt als die Blitze schleudernde Electress aus der Serie The Thundermans.

Gewisse Parallelen lassen sich dennoch ziehen: Die historische Barbara galt als schön und klug – beides Eigenschaften, die ihr Leben schlußendlich nicht unbedingt einfacher machten. Ihr Vater Dioscuros reagierte darauf mit einem pädagogisch heute eher unüblichen Ansatz: Er sperrte sie in einen eigens errichteten Turm. Märchenhafte Parallelen sind rein zufällig.
Da unsere Geschichte aber im heutigen İzmit in der Türkei und nicht in Niederösterreich spielt, ist das Einsperren von Töchtern in geeigneten Räumlichkeiten eine rein zufällige Koinzidenz und keine Korrelation.

Viele junge Männer kamen und hielten um ihre Hand an. Barbara jedoch wies jeden einzelnen zurück. In Abwesenheit und, wie der weitere Verlauf dieser Geschichte zeigen wird, wohl auch gegen den Willen ihres Vaters, nahm Barbara den christlichen Glauben an.
Sie wollte fortan als Eremitin stilvoll in einem Badehaus wohnen, das dummerweise, wie der weitere Verlauf dieser Geschichte zeigen wird, ebenfalls ihr Vater erbaut hatte. Als ihr Vater von ihrer Bekehrung zum Christentum erfuhr, versuchte er in rasender Wut, seine Tochter zu töten, und fand sie – wie bereits erwähnt – in seinem eigenen Badehaus ohne viel suchen zu müssen.
Barbara flüchtete, was ein natürlicher Instinkt zu sein scheint. Die Flucht endete vorerst jedoch vor einem Felsen, der nicht zu umgehen war. Der Felsen wiederum öffnete sich, was einem göttlichen Eingreifen geschuldet sein soll. Das war gut für Barbara, die die Chance nutzte. Schlecht für Barbara war der Hirte, der sie dabei beobachtet hatte und sie verriet.
Immerhin wurde Barbara von ihrem Vater nicht einfach so gelyncht, sondern zuvor ordnungsgemäß vor Gericht gestellt und erst danach von ihm enthauptet. Dieser wiederum wurde sogleich von einem Blitz erschlagen, was ebenfalls auf göttliches Eingreifen zurückgeführt wird.
Nicht belegt ist, ob man die Heilige Barbara anruft, wenn man jemanden mit den Worten „Dich soll der Blitz beim Scheißen treffen!“ verflucht.

Einsiedl (E)

Das Stichwort Eremit führte mich nach Einsiedl, welches entgegen seinem Namen immerhin 94 Einwohner aufweisen kann – und mindestens einen Rasenmähroboter, der stoisch seine Bahnen zog.
An der Kreuzung Kreuzung von Kapellenstraße, Dorfstraße, Am Radweg und Lamaweg kann die Große Tulln besehen werden.

Von hier aus ging es weiter Richtung Norden, vorbei an Tulln und über die Rosenbrücke, die die Donau überspannt, hinein ins Weinviertel. Die Strecke präsentierte sich von ihrer besten Seite: Weinberge, Kellergassen und genau die Art von Landschaft, die man eigentlich gerne fotografieren würde.
Und genau hier liegt das Problem.
Meine erste Etappe umfasste elf Ortschaften, danach stand noch die Weiterfahrt zu der mir Liebsten an. Selbst bei einer optimistischen Kalkulation von zehn Minuten pro Ort summiert sich das schnell auf zwei Stunden – ohne Fahrzeit, Tanken oder Nahrungsaufnahme. Letztere bestand übrigens aus einer halben Packung Mannerschnitten für 1,50 Euro von einer BP-Tankstelle in Kirchberg. Funktional, effizient und überraschend ausreichend.
Am Ende ging sich alles aus: Ich erreichte mein Tagesziel kurz vor Einbruch der Dämmerung. Für zusätzliche Fotostopps blieb hingegen keine Zeit – allein das standardisierte Prozedere vom Anhalten bis zum Wiederaufbruch hätte den Zeitplan zuverlässig zunichtegemacht. Motorradreisen sind eben auch eine Frage der Logistik.
Frauendorf an der Au (F)
nennenswerte Orte: Fleischessen

Bis Ende 1968 war Frauendorf an der Au eine eigenständige Gemeinde – und das auch noch mit einem durchaus poetischen Namen. Heute ist der Ort Teil von Königsdorf am Wagram. Das klingt nicht gerade nach einem emanzipatorischen Erfolg.
Für mich als Bautechniker liegt die Bedeutung des Ortes allerdings woanders: Frauendorf ist Firmensitz von PLUMPSI® WC-Mietservice – einem Unternehmen, das man vielleicht nicht täglich wahrnimmt, dessen Leistungen aber umso unverzichtbarer sind.

Ich folgte dem Wagram weiter, in der vagen Hoffnung, bei meinem nächsten Ziel etwas Reichtum zu erlangen:
Goldgeben (G)
nennenswerte Orte: Gumperding | Glaubendorf | Grummelhof | Großmugl | Großstelzendorf | Gigging | Groß Radischen | Großpoppen

Goldgeben – ein Name, der Erwartungen weckt. Und tatsächlich: Er ist nicht frei erfunden.
Der Ortsname geht auf reale Goldvorkommen zurück, die lange vor der Regulierung der Donau in deren Seitenarmen gewonnen wurden. Mithilfe von Filztüchern wuschen Goldsucher hier feine Partikel aus dem Sediment – keine Nuggets, aber immerhin genug für einen klangvollen Ortsnamen.
Goldgeben am Sechtelbach im Bezirk Korneuburg lässt sich daher durchaus als österreichisches Pendant zu Dawson City am Klondike River in Kanada betrachten – wenn man bereit ist, den Vergleich mit einem gewissen Maß an Großzügigkeit zu führen.

Für mich bedeutete das Ortsende Goldgeben allerdings vor allem eines: umdrehen. Die rund 20 Kilometer bis hierher ging es nämlich schnurstracks wieder zurück, da ich mein nächstes Etappenziel bereits zuvor passiert hatte. Goldsuche ja – effiziente Routenplanung eher nein.
Hippersdorf (H)
nennenswerte Orte: Hölle

Hier in Hippersdorf, inzwischen nicht mehr unter der Herrschaft von Oberstinkenbrunn, findet sich ein bis zu 15 Meter tief eingeschnittener Hohlweg, flankiert von in die Lösswände gegrabenen Weinkellern. Der Weg führt nach Zaußenberg – die Weinkeller zur Trunkenheit.

Leider ist der Hohlweg nur für Anrainer befahrbar, und aus Zeitgründen verzichtete ich auf eine nähere Erkundung zu Fuß. Ein kleiner Wermutstropfen sozusagen.
Dass ein Ort mit gerade einmal 174 Einwohnern auf eine Geschichte bis in die Jungsteinzeit zurückblicken kann, überrascht dennoch: Archäologische Funde reichen von neolithischen Gräbern über bronzezeitliche Depots bis hin zu Skelettgräbern mit Beigaben. Hippersdorf war also schon lange vor seiner Zeit… hip.

Auch ein sogenanntes Banntaiding aus dem 15. Jahrhundert ist erhalten. Für alle Menschen wie mich, die sich fragen was in aller Welt ein Banntaiding ist: eine Art mittelalterliche Gemeinderatssitzung, bei der lokale Regeln festgelegt und ausgelegt wurden. Demokratisch also weit fortgeschritten, was ist nur passiert?
Neben Geschichte und Landschaft hat Hippersdorf auch meteorologisch etwas zu bieten: 2010 zog ein Tornado durch den Ort und hinterließ beträchtliche Sachschäden. Ein seltenes, aber in Österreich keineswegs unbekanntes Phänomen. Ob Kühe spektakülär in luftige Höhen gewirbelt wurden, ist mir unbekannt.
Dennoch bleibt der stärkste bisher dokumentierte Tornado meiner Heimatstadt vorbehalten: Am 10. Juli 1916 forderte ein Tornado der Stufe F4 (ca. 350 km/h) 34 Todesopfer und über 300 Verletzte in Wiener Neustadt.

An Langenlois – einem der bekanntesten Weinbauorte der Region – vorbei führte mich die Strecke entlang der ersten Ausläufer des wilden Kamptals, am Fuße des Manhartsberges, schließlich ins idyllische Kremstal.
Imbach (I)
nennenswerte Orte: Isaak

Imbach – ein Ort, dessen Name trotz Flußnähe bis heute nicht eindeutig erklärt werden konnte. Immerhin: Historisch hat er mehr zu bieten als nur ein Rätsel.
1979 entdeckte Hans Goedicke die Überreste der Burg der Herren von Imbach am Osthang des Scheibelberges. Diese Erhebung erklomm ich ebenfalls nicht, denn in Bezug auf reizvolle Ruinen kommt man in diesem Tal ohnehin auch so auf seine Kosten: Die Burgruine Senftenberg etwa thront eindrucksvoll über der Landschaft.

Im Ort selbst besichtigte ich die ehemalige Dominikanerinnenkirche sowie Reste der Befestigungsmauer aus dem 15. Jahrhundert an der Ecke Kirchengasse/Weintalstraße. Sie zeugen davon, dass das heutige Gassengruppendorf einst deutlich wehrhafter organisiert war und ein ungehindertes Durchfahren wohl nicht ganz so einfach ging wie heute.



Imbach hinterließ insgesamt einen sehr positiven Eindruck: Die Vielzahl an spätmittelalterlichen Gebäuden verleiht dem Ort einen ganz eigenen Charme – gepflegte Historie.

Wieder auf dem Motorrad, folgte ich der kurvigen Kremser Straße durch eine eindrucksvolle, zunehmend felsige Landschaft. Die Strecke präsentierte sich nun endlich gänzlich trocken und konnte entsprechend genussvoll gefahen werden.
Hier machte ich eine seltene Ausnahme von meiner „Keine-Fotos-Regel“ und hielt an, um die markanten Felsformationen festzuhalten, die die Straße beinahe zu bewachen schienen. Das Ergebnis: eines der wenigen Fotos dieser Reise, das ich mit bemerkenswerter Präzision vollständig unscharf hinbekommen habe. Man kann nicht alles haben.

Jaidhof (J)

Nach Aviatik und Meteorologie betrete ich nun filmisches Terrain. „Cinematologie“ ist zwar kein gebräuchlicher Begriff, aber immerhin spielt der Film Revanche von Götz Spielmann in Jaidhof – und damit ist die Kategorie ausreichend begründet.
Ob der Film sehenswert ist, entzieht sich meiner Expertise. Schloss Jaidhof hingegen lässt sich deutlich einfacher bewerten: sehenswert.
Erstmals 1381 erwähnt, diente es als Amtssitz der Herrschaft Gföhl. Die damaligen Besitzer zeigten allerdings wenig Interesse an Pflege oder Nutzung, sodass das Gebäude bereits 1515 als „ruinöser Burgstall“ beschrieben wurde – wenig schmeichelhaft.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde das Schloss unter Graf Georg Ludwig von Sinzendorf zu seiner heutigen Erscheinung umgebaut. 1884 erwarb es der österreichische Unternehmer und spätere Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Wilhelm von Gutmann. Architekt Max von Ferstel wurde mit der Modernisierung beauftragt, die schließlich unter Max von Gutmann vollendet wurde.
Dann kam die Zeit, als der dritte Sprössling von Clara Pölzl, die die dritte Ehefrau von Aloys Schicklgruber und Mutter von sechs Kindern war, „an die Macht kam“ und in weiterer Folge Deutschland, Österreich und ganz Europa sowie die Menschlichkeit in den Abgrund führte …
Nun ist Braunau am Inn in Oberösterreich unzweifelhaft der Geburtsort des Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, aber die Wurzeln sind im niederösterreichischen Waldviertel zu verorten. Die später Klara Hitler genannte Hausfrau stammt aus Spital (Gemeinde Weitra), der als Aloys Schicklgruber geborene österreichisch-ungarische Zollbeamte aus Strones (Gemeinde Döllersheim).
Was mit Döllersheim geschah, soll hier nicht weiter bekümmern, ist aber jedenfalls eine nähere Betrachtung wert – so viel sei gesagt.
Bleiben wir beim Vater: Alois war der uneheliche Sohn von Maria Anna Schicklgruber aus Strones (Gemeinde Pölla). Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Großmutter am 7. Jänner 1847 als Mariana Hiedler in Kleinmotten (Bezirk Waidhofen an der Thaya) starb.
Nun aber zurück zum Schloss. 1938 wurde die Familie Gutmann von den Nationalsozialisten entschädigungslos enteignet, und Schloss Jaidhof diente in der Folge als Gauschulungsburg, Umsiedlungslager und Kaserne.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und musste von der Familie Gutmann zurückgekauft werden – ein Umstand, der die Absurditäten dieser Zeit deutlich macht.

Seit 2003 befindet sich das Schloss im Besitz der Priesterbruderschaft St. Pius X., nachdem es von Rosa Gutmann entsprechend vererbt wurde.
Die sogenannte Piusbruderschaft ist eine traditionalistische katholische Vereinigung, die immer wieder aufgrund kontroverser Positionen und einzelner Mitglieder in den Schlagzeilen steht. Dazu zählen unter anderem fundamentalistische religiöse Ansichten, Kritik an demokratischen Systemen sowie gesellschaftspolitisch stark konservative bis extremistische Positionen.
Die Piusbruderschaft sieht sich als Hüterin einer „traditionellen, katholischen Weltsicht“ und „Gottes geoffenbarte Wahrheiten [sind] zu verteidigen und die Bekehrung zur wahren Religion [ist] zu fördern“.
Zugleich seien „demokratische Prozesse nicht mit der Struktur der Kirche vereinbar“, denn „der Atheismus beruht auf der Erklärung der Menschenrechte“ und die Staaten, die sich seither zu diesem offiziellen Atheismus bekennen, befinden sich „in einem Zustand dauernder Todsünde.“
Die Diktatur in Chile unter Augusto Pinochet sei eine „vorbildliche Regierung“ und man zeigt offene Sympathie und Nähe zum Rechtsextremismus und Antisemitismus, da das „internationale Judentum die christlich-katholische Ordnung zerstören“ will.
In Bezug auf Gleichberechtigung ist ebenfalls kein Fortschritt zu erkennen: „Wir brauchen heute Männer, die Männer sein wollen, Frauen, die Frauen sind und Frau sein wollen, das heißt Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder.“
Generell scheinen moderne Errungenschaften wie Fortschritte im Bereich der Medizin nicht willkommen zu sein: “Die Entwicklung von Impfstoffen hängt mit Abtreibungen zusammen.“
Zusammenfassend also: extrem konservativ. Gleichzeitig zeigen Missbrauchsfälle, Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch u. a. von Kindern, wie es mit der persönlichen Auslegung der „Heiligen Lehren“ bestellt ist.
Obwohl ich natürlich den Fall eines „problematischen Priesters“, der in Gabun über 30 Kinder missbraucht haben soll, weit schlimmer finde, gipfelte in Bezug auf christliche Lehren der Disput zwischen Piusbruderschaft und Vatikan in einem Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II.
Der – zugegeben bereits 1979 wegen „geistiger Instabilität“ aus der Bruderschaft ausgeschlossene – Priester Fernández y Krohn näherte sich am 12. Mai 1982 Papst Johannes Paul II. in Fátima von hinten, rief „Nieder mit dem Papst, nieder mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil“ und stach mit einem 40 cm langen Bajonett eines Mauser-Gewehrs auf Johannes Paul II. ein. Dieser überlebte den Angriff leicht verletzt. Der Attentäter wurde noch am Tatort überwältigt, festgenommen und vom Papst gesegnet.
Kotzendorf (K)
nennenswerte Orte: Kleinpoppen | Kleinmotten | Klein-Wien | Kasten bei Böheimkirchen | Kottaun

Der Name dieses Ortes bezieht sich der Toponomastik zufolge nicht auf die orale Entledigung der letzten Mahlzeit, sondern auf den Namen eines Stammesführers namens Chozo. Man lernt nie aus.

Gelegen auf einer Hochebene zwischen Gars am Kamp und Harmannsdorf, präsentiert sich der Ort mit dem, was man wohl als klassischen dörflichen Charme bezeichnen würde. Ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung – von 104 Einwohnern im Jahr 1890 auf 47 im Jahr 2025 – zeigt jedoch, dass auch hier die Realität des sogenannten Dorfsterbens angekommen ist.
Kotzendorf markierte für mich das Ende des ersten Tages und den elften Buchstaben meiner Tour. Danach führte mich der Weg nicht mehr zu neuen Ortschaften, sondern in deutlich angenehmere Gefilde: zu meiner mir Liebsten und meiner Schwippschwiegermutter, die mich nicht nur beherbergte, sondern auch zuverlässig vor dem Hungertod bewahrte.
Insgesamt sammelten sich rund 250 Kilometer an zurückgelegter Strecke – von Wiener Neustadt über A wie Aigen bis K wie Kotzendorf. Bis auf den dezent Verzweiflung auslösenden Regen am Vormittag habe ich den ersten Abschnitt der Tour durchaus genossen. Die Strecke bot eine erstaunliche Vielfalt: alpine Ausläufer, weite Ebenen, felsige Täler und sanfte Weinlandschaften.

Am nächsten Morgen, gut versorgt und ausreichend gestärkt, sattelte ich gegen neun Uhr mein Stahlross, verabschiedete mich aus dem Heimatort der mir Liebsten und startete bei strahlendem Sonnenschein in die zweite Etappe. An dieser Stelle nochmals ein ausdrückliches Dankeschön für die Nächtigung samt Sicherstellung einer ausreichenden Kalorienzufuhr!
Leodagger (L)

Nach Aviatik, Meteorologie und einem kurzen Ausflug in die Filmwissenschaft widmete ich mich nun der Archäologie. Leodagger, ein Straßendorf mit überschaubaren 83 Einwohnern und historischen Zwerch- und Streckhöfen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, hat nämlich mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Bevor es jedoch steinzeitlich wurde, stellte sich mir zunächst eine Schafherde in den Weg. Sie musterte mich aufmerksam und kommentierte meine Anwesenheit lautstark – ob als Begrüßung oder als dezente Aufforderung zum Verschwinden, blieb offen.

Im nahegelegenen Feld befindet sich der sogenannte Kalenderstein: ein prähistorischer Kultplatz mit Näpfchenstein und einem Visierspalt, der vermutlich zur Beobachtung von Sonnenständen diente. Der Ort ist samt einem kleinen Schutzbereich als Naturdenkmal ausgewiesen und gilt – völlig zu Recht – als Geheimtipp – zumindest solange sich das nicht herumspricht.



Topografisch liegt Leodagger übrigens unterhalb von Obernalb und Unternalb. Und um den Bogen zurück zur Filmwelt zu spannen: Ein Mantel-und-Degen-Held namens Leo Dagger ist bislang nicht überliefert. Was vermutlich daran liegt, dass dieser Name selbst für dieses Genre eine Spur zu plakativ wäre.

Missingdorf (M)
nennenswerte Orte: Moosbierbaum | Moniholz

Fast hätte ich das „missing“ Dorf tatsächlich verpasst – obwohl es bereits im Neolithikum besiedelt war. Auch hier zeigt sich, wie in vielen zuvor besuchten Ortschaften, der vertraute Kontrast: liebevoll sanierte Gebäude stehen unmittelbar neben völlig ruinösen Baulichkeiten, die offenbar seit Jahren leer stehen – eine Art architektonisches „Vorher-Nachher“.
Von dem ehemaligen Wasserschloss „Feste Missingdorf“ sind heute nur noch der Westflügel sowie der südliche Turm erhalten, der bereits 1405 zu einer Kapelle umgebaut wurde.

Nonndorf bei Gars (N)
nennenswerte Orte: Nest

Ziemlich genau einen Halbmarathon von Missingdorf entfernt liegt Nonndorf bei Gars – eine Distanz, die sich auf dem Motorrad mit deutlich weniger Anstrengung bewältigen lässt.
Befindet man sich „zwischen den Wegen“, eröffnet sich der Blick auf das sogenannte Teichfeld zwischen Nonndorf und Gars, das als archäologische Fundzone ausgewiesen ist. Für das ungeübte Auge bleibt die Vergangenheit allerdings gut verborgen – sichtbar ist dort: nichts. Archäologie erfordert eben entweder Fachwissen oder sehr viel Vorstellungskraft.
Also führte mich der Weg weiter ins beschauliche, wenn auch auffallend menschenleere Ortszentrum von Nonndorf.


Die Suche nach dem nächsten Ziel entwickelte sich schließlich zu einer kleinen Odyssee – allerdings ohne Lotosesser, Zyklopen, Sirenen oder Laistrygonen. Dafür mit ähnlich unklarer Routenführung.
Obertautendorferamt (O)
nennenswerte Orte: Oberbierbaum

Um von Nonndorf bei Gars nach Obertautendorferamt zu gelangen, passiert man zunächst Tautendorf selbst, dann Untertautendorferamt. Erreicht man anschließend – so wie ich – bereits Wolfshoferamt, ist man definitiv zu weit gefahren. Also wieder zurück, durch eine durchaus sehenswerte Waldlandschaft, in der der Wildwechsel seinem Namen noch gerecht wird.
Dabei ist anzumerken, dass Obertautendorferamt keine geschlossene Ortschaft darstellt, sondern aus mehreren Rotten besteht. Eine Rotte ist eine kleine Siedlungsform mit wenigen Gebäuden in lockerer Anordnung – größer also als eine Einöde, weniger strukturiert jedoch als ein Weiler aber zugleich kompakter als eine Streulage.
Meinen Notizen zufolge ist Haus Nummer 1 das älteste Gebäude in Obertautendorferamt und wurde erstmals 1752 erwähnt. Dank Google Maps ließ es sich schließlich auch auffinden. Da jedoch direkt davor gerade ein kleiner Acker beackert wurde – und ich mit skeptischen Blicken der anwesenden Personen bedacht wurde – erschien es mir nicht angemessen, das Motiv fotografisch festzuhalten.
Das folgende Bild vermittelt jedoch zumindest eine ungefähre Vorstellung davon, wie eine solche Rotte aussieht.

Plank am Kamp (P)
nennenswerte Orte: Poppendorf

Über gut ausgebaute Landesstraßen mit schönem Ausblick kurvte ich hinab ins durchaus sehenswerte Kamptal.
Obwohl der Name typografisch identisch mit einer (un)beliebten Fitnessübung ist, findet man Plank hier nicht zwischen Willenskraft und Verzweiflung, sondern – deutlich bodenständiger – zwischen Gars am Kamp und Schönberg am Kamp, und zwar tatsächlich: am Kamp selbst.

Hat man Plank am Kamp schließlich gefunden, ließe sich auch eine freigelegte Kreisgrabenanlage aus der Jungsteinzeit besichtigen. Aus praktischen Gründen beschränkte ich mich jedoch auf die deutlich leichter zugängliche Kellergasse mit ihren Presshäusern und Weinkellern aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert.


Bei Hausnummer 7 befindet man sich schließlich direkt unter dem „Auge Gottes“ – was weniger bedrohlich wirkt, als es klingt.

Der Wetterhahn verhieß weiterhin gutes Wetter und so machte ich mich auf, um ein nicht existierendes Q zu finden.

Kriegenreith (Q)

Kriegenreith ersetzt mein Q – denn ein Q war nicht zu kriegen heut‘.
Mit diesem eher überschaubaren Wortspiel präsentiere ich zugleich die kleinste von mir besuchte Ortschaft: 16 Einwohner, erstmals 1822 mit acht Häusern erwähnt, heute immerhin auf elf Adressen angewachsen – Wachstum, das man hier noch persönlich in die Hand nimmt.
Als Erstes erblickte ich einen Hasen, der am Ostersonntag selbstverständlich nur der einzig echte Osterhase sein konnte. Ich hingegen zog abermals die skeptischen Blicke der anwesenden Bevölkerung auf mich – offenbar gehört man hier entweder dazu oder man wird Gesprächsthema.
Ich hörte die Gedanken förmlich:
“Was macht der da?”
“Was will der da?”
“Warum fotografiert der das Ortsschild?”
“Holen wir zuerst die Mistgabeln – oder gleich die Schrotflinten?”

Liebe Kriegenreither, ich wollte nichts Böses – nur kurz vorbeischauen. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Ronthal (R)
nennenswerte Orte: Rehgras | Rauchengern

Mit R wie Ronthal im Bezirk Hollabrunn war ich alphabetisch wieder auf Kurs. Ronthal ist dabei jedoch nicht mit dem Rhonetal in der Schweiz zu verwechseln – ein kleiner Tippfehler, der mir sonst beinahe einen Umweg von 993 Kilometern in die eine und 993 Kilometern in die andere Richtung beschert hätte.
Mit diesem – erneut eher überschaubaren – Wortspiel folgt ein Blick auf eine interssante Konstellation aus kleiner Kapelle und freistehendem Glockenhaus. Solche sogenannten Glockenhäusl sind besonders, aber nicht ausschließlich, in Österreich und Tschechien verbreitet. Für größere Varianten genügt ein Blick nach Italien, wo die Campanile als deutlich großformatigere Verwandte auftreten.
Die kleineren Glockenhäuser gehen auf das sogenannte Feuerpatent zurück, das Kaiserin Maria Theresia am 21. August 1751 erließ. Die Glocken dienten dabei als Feuerglocken – eine frühe Form der akustischen Alarmierung aber weit weniger erschreckend als Sirenen.

Diese Erkenntnis bringt etwas Licht ins „schattige Tal“, denn Ronthal wurde im 14. Jahrhundert als Rewntal erwähnt – eine Bezeichnung, die sich vom mittelhochdeutschen Riuwental ableitet und sinngemäß als „Tal der Betrübnis“ gedeutet werden kann. Ein perfekter Ort also für die fröhliche Kleinfamilie.
Das nächste Reiseziel führte mich anschließend rund 60 Kilometer weiter südlich zurück aus dem Grenzgebiet zwischen Wald- und Weinviertel. Ich überquerte die Donau wieder bei Tulln und kehrte in den Wienerwald zurück.
Steinhäusl (S)
nennenswerte Orte: Schweinburg | Streithofen | Schwertfegen | Saudorf

Jeder Autofahrer im östlichen Österreich sowie jeder Rundfunkhörer kennt den Knoten Steinhäusl, der seit den 1970er Jahren die West Autobahn (A1) mit der Wiener Außenring Autobahn (A21) verbindet und regelmäßig – insbesondere bei Schneefall – für entsprechende Meldungen im Verkehrsfunk sorgt.
Steinhäusl selbst – nun ja – hat trotz seiner durch Staus verursachten Bekanntheit keine eigene Autobahnauffahrt und ist entsprechend schnell wieder passiert. So schnell, dass ich es einmal in die eine Richtung durchfuhr, nur um an der Ortstafel von Neulengbach überrascht zu wenden und kurz darauf wieder in der anderen Richtung in Eichgraben zu landen. Direkt dazwischen ist Steinhäusl.
Da ich mir die Blöße eines dritten Durchgangs ersparen wollte, verzichtete ich auf die fotografische Dokumentation einer Autobahnbrücke von unten – ein Motiv, das ohnehin eher im Bereich „funktional, aber wenig inspirierend“ angesiedelt ist.
Teesdorf (T)
nennenswerte Orte: Totes Weib | Teufelhof | Tuttendörfl

Mit Teesdorf kam ich – rund 50 Kilometer südöstlich von Steinhäusl – wieder in jene Region zurück, deren Orte ich zumindest vom Durchfahren her bereits kenne. Nicht bewusst war mir jedoch, dass der Name „Tees“ in einer keltischen Deutung einen „Ort, an dem Hirten mit Rinderzucht beschäftigt sind“, bezeichnet. Muh!
Etwas unrühmlich ist die erste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1365, die in einem Gerichtsbrief erfolgt: Der Kellermeister des Stiftes Heiligenkreuz erhielt eine verspätete Zahlung aus dem Ort Teesdorf. Skandalös, denn den Kellermeister soll man nicht verärgern.
Nichts mit Rinderzucht zu tun hat die ehemalige Baumwollspinnerei Teesdorf, gegründet 1802 und später durch die Brüder Johann Baptist und Carl Puthon erweitert – ein Industriebetrieb, der in dieser Region als frühes Beispiel industrieller Entwicklung und Sinnbild des Klassenkampfes gelten kann.
Die Brüder ließen zwar Wohnhäuser für Arbeiter errichten und gründeten 1813 eine Schule. Allerdings geschah dies auch vor dem Hintergrund, dass Kinder ab etwa zwölf Jahren in der Fabrik mitarbeiten mussten.

Der erste Konsumverein Österreichs wurde 1856 als „Wechselseitiger Unterstützungsverein der Fabrikarbeiter zu Teesdorf“ gegründet. 1873 entstand schließlich ein eigenes Geschäft, sodass der Geschäftsbesorger nicht mehr wöchentlich mit dem Handwagen nach Wiener Neustadt fahren musste, um Waren zu besorgen.
Die Öffnungszeiten wurden jedoch an die Arbeitszeiten angepasst – bei bis zu 14 Arbeitsstunden täglich war das Geschäft lediglich von 19:30 bis 22:00 Uhr geöffnet. Heute wird über Sonntagsöffnungen diskutiert, damals reichte offenbar der späte Abend.
Ein Streik der Fabrikarbeiter im Jahr 1906 endete mit der Vertreibung der Arbeiter aus den Werkswohnungen. Sie lebten daraufhin sechs Wochen lang in einem Gebiet, das noch heute als „Zigeunergraben“ bezeichnet wird.
Die ehemalige Fabrik wurde revitalisiert und ist heute eine vorbildlich renovierte Wohnhausanlage.
Unterwaltersdorf (U)

Äußerst bildungsaffin präsentiert sich diese Ortschaft: Neben einer Volksschule beherbergt sie auch das Don-Bosco-Gymnasium sowie eine Montessori-Privatschule.

Veitsau (V)
nennenswerte Orte: Vestenpoppen

Über Veitsau ließen sich leider nur wenige leicht zugängliche und zugleich interessante Informationen finden. Der Ort scheint seit seiner Vereinigung mit Berndorf im Jahr 1923 etwas im Schatten der ehemaligen Krupp-Stadt zu stehen.
Der Ordnung halber sei angemerkt, dass der Berndorfer Industrielle Arthur Krupp nicht mit der deutschen Friedrich Krupp AG verbunden war, auch wenn beide Namen häufig miteinander in Verbindung gebracht werden. Die historische Entwicklung der Krupp-Unternehmen ist eng mit der Industrialisierung in Deutschland verknüpft, während Berndorf eine eigenständige industrielle Prägung durch Arthur Krupp erfuhr.
Hart wie Kruppstahl lässt sich also nicht auf Veitsau anwenden.

Wopfing (W)
nennenswerte Orte: Witzelsberg | Witzelsdorf | Waldhäuseln | Wanzenau

Ich verließ das Triestingtal wieder, überquerte – wie bereits am Vortag – den Hernsteiner Wald und erreichte in der prächtigen Abendsonne, die durch mein insektenverklebtes Visier fiel, Wopfing.
Das erste Wasserkraftwerk im Piestingtal wurde 1908 in Wopfing für die Metallwarenfabrik der Gebrüder Rosthorn errichtet. Dieser Familienname ist heute wohl nur noch historisch Interessierten geläufig und für Metallwarenfabrikanten wohl problematisch. Umso bekannter ist Wopfing hingegen in der Bauwirtschaft: Seit 1911 produziert die Wopfinger Baustoffindustrie GmbH Zement und Putze.

Die Wopfinger Baustoffindustrie GmbH ist ein seit 1911 ansässiges Familienunternehmen in dritter Generation und produziert unter der Marke Baumit Zement, Kalk, Putze sowie Estriche. Heute zählt das Unternehmen zu den größten Putzherstellern Europas. Seit dem Ausbau des Zementwerks im Jahr 1980 wird ein bedeutender Teil des österreichischen Zementbedarfs dort gedeckt.

Erwähnenswert ist zudem die Pfarrkirche Wopfing, insbesondere das Taufbecken. Der kupferne Deckel dieses Beckens wurde bei der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 mit einem zweiten Preis ausgezeichnet. Zu meinem Leidwesen fand ich die Kirche verschlossen vor, und auch ein Hund, der mich mit bemerkenswerter Ausdauer verbellte, schien wenig Interesse daran zu haben, mein kulturelles Interesse zu unterstützen.

Spätestens an dieser Stelle offenbarte sich ein gewisser Mangel in der Routenplanung: Um zur nächsten Station zu gelangen, fuhr ich erneut genau dorthin zurück, wo ich zwischen U wie Unterwaltersdorf und V wie Veitsau bereits gewesen war – rund 15 Kilometer zuvor.
An und für sich ist das nur ein Katzensprung, doch nach über acht Stunden im Sattel machte sich eine gewisse Unbequemlichkeit bemerkbar.
Felixdorf (X-Ersatz)

FeliXdorf hielt ich für einen recht passenden Ersatz für das fehlende X – da es in Niederösterreich offenbar kein einziges „X-Ortsanfang“ gibt. Eine klare Marktlücke im Alphabet der Ortsnamen – gäbe es einen Markt dafür.
Fast wäre der Ort gar nicht Felixdorf genannt worden: Ursprünglich war geplant, die 1821 auf Initiative des Wiener Neustädter Bürgermeisters Felix Mießl gegründete Ansiedlung zu Ehren von Kaiser Franz I. „Franzensdorf“ zu nennen. Da die glorreichen Gründer jedoch offenbar selbst nicht an die langfristige Überlebensfähigkeit der Siedlung glaubten, entschied man sich schließlich für „Felixdorf“ – benannt nach dem genannten Bürgermeister, um den Kaiser im Fall des Scheiterns nicht zu kompromittieren. Vertrauensbildung sieht jedenfalls anders aus.

Trotz dieser eher vorsichtigen Namensgebung entwickelte sich in Felixdorf eine bedeutende Industrie, insbesondere durch die Felixdorfer Weberei und Appretur, die später mit der Pottendorfer Spinnerei verbunden wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm der Mautner-Konzern – einer der damals größten Textilkonzerne Europas mit rund 23.000 Beschäftigten – die Anlage und erweiterte sie erheblich.
Die technischen Dimensionen waren beachtlich:
- eine Dampfmaschine mit 2400 Pferdestärken
- ein Wasserkraftwerk mit rund 210 Pferdestärken
- 19.524 Feinspindeln
- 150 Zwirnspindeln
- 1050 Webstühle
Felixdorf entwickelte sich dadurch zu einem der einwohnerstärksten Orte des Bezirks. Vielleicht hätte man es doch besser „Franzensdorf“ genannt.
Auch heute noch ist vom industriellen Erbe einiges sichtbar: Auf dem ehemaligen Spinnereigelände, das zwar während des Zweiten Weltkriegs mit rund 80 Bomben fast vollkommen zerstört wurde, danach aber wieder aufgebaut wurde, befindet sich heute ein Gewerbepark in historischen Gebäuden. Zudem ist die restaurierte Direktorenvilla erhalten geblieben. Der Zugang blieb mir jedoch verwehrt – eine Fahrverbotstafel mit dem Zusatz „Privatstraße“ beendete die Besichtigung zuverlässig.
So blieb nur ein verstohlener Blick von außen. Nachdem nur noch zwei Buchstaben ausstehend waren, wollte ich den Erfolg der Reise nicht durch Verhaftung gefährden.

St. Egyden am Steinfeld (Y-Ersatz)
nennenswerte Orte: Ybbs | Ybbssteinbach | Ybbsbachamt | Ybbsitz | Yspertal

Ein weiterer Ersatz – und ich gestehe eine weitere kleine alphabetische Schummelei: Natürlich gibt es in Niederösterreich zahlreiche Orte, die mit dem „erfundenen Konsonanten zur Erschwerung der deutschen Sprache“ beginnen: dem Ypsilon.
Um jedoch vom fast alphabetischen Ende der Tour zu Orten wie Ybbssteinbach, Ybbsbachamt, Yspertal oder Ybbs selbst zu gelangen, hätte ich mindestens zweimal rund 100 Kilometer zurücklegen müssen. Daher erwies sich St. Egyden am Steinfeld als geeigneter Ersatz, um dem Ypsilon – hier als „I“ gelesen – dennoch eine Art Hommage zu erweisen.

Geschichtlich Interessierte – oder Leser von Dan-Brown-Romanen – könnten bei Hinweisen auf mögliche Tempelritter aufmerksam werden. In diesem Fall bietet die Pfarrkirche St. Egyden am Steinfeld tatsächlich ausreichend Stoff für spekulative Deutungen. Eindeutig ein Fall für Robert Langdon.
Kreuzritter und die Versorgung von Kranken (unter anderem im Zusammenhang mit Lepra) führten zur Entstehung eines klosterartigen Gebäudes sowie einer Kapelle, die damals zwar außerhalb einer Siedlung lag, jedoch an einem bedeutenden Pilgerweg errichtet wurde.

Es wird angenommen, dass möglicherweise auch Templer mit der Betreuung der Anlage in Verbindung standen. Tatzenkreuze sind heute noch am Kirchturm erkennbar. Der bedeutende Topograf Franz Xaver Joseph Schweickhardt erwähnt die Kirche zudem in seiner „Historisch-topographischen Beschreibung Niederösterreichs“ in 34 Bänden – ein Werk, das schon durch seinen bloßen Umfang Respekt einflößt.
Vielleicht hätte Dan Brown Herrn Langdon gar nicht nach Paris, London und Schottland schicken müssen – sondern einfach nach St. Egyden am Steinfeld.

Das von Schweickhardt 1831 als „Tor auf dem Friedhof“ beschriebene kunstvolle Kapellentor befindet sich heute allerdings beim Rosalienbrunnen in Urschendorf. Aufgrund einsetzender Dämmerung verzichtete ich auf diesen – alphabetisch ohnehin nicht vorgesehenen – Abstecher.
Begeistert war ich von dem Hinweis auf ein Heiliges Grab, das am Ostersonntag ja spektakulär leer sein sollte; allerdings war auch diese Kirche geschlossen.

Erwähnenswert ist außerdem, dass sich in Neusiedl am Steinfeld einer der größten Trinkwasserbehälter Europas befindet – auch wenn diese Information streng genommen nicht in die alphabetische Logik dieser Reise passt.
Zillingdorf-Bergwerk (Z)
nennenswerte Orte: Zweiersdorf (Am Gottes Segen) | Ziegelofen

Bereits deutlich unruhiger im Sattel fuhr ich fast direkt bei meinem eigenen Wohnort vorbei, um schließlich erst nach rund 30 Kilometern weiter nordöstlich von St. Egyden, nahe der Grenze zum Burgenland, den allerletzten Halt dieser Tour zu setzen.
Das „Bindestrich-Bergwerk“ hatte meine Aufmerksamkeit geweckt und ich wollte wissen, was hier gebergwerkt wurde oder wird. Ich lernte sodann, dass sich hier eines der größten Lignitvorkommen im Wiener Becken befindet. Lignit – auch als Braunkohle bekannt – ist dabei geologisch betrachtet eine Vorstufe der Steinkohle; der Prozess der Inkohlung ist noch nicht vollständig abgeschlossen.
Bereits im 2. Jahrtausend vor Christus war das Gebiet des heutigen Zillingdorf besiedelt. Funde aus der Wieselburger Kultur (ca. 1800–1500 v. Chr.) sowie Flachgräber der jüngeren Hallstattzeit (ca. 600–450 v. Chr.) belegen eine lange Siedlungsgeschichte. Wenn ich nicht bald nach Hause gekommen wäre, hätte ich mich – auf dem Motorrad sitzend seitlich einfach umfallend – durchaus in ein archäologisches Fundstück der Zukunft verwandeln können.
Der Lignitabbau begann vermutlich bereits im 17. Jahrhundert und erreichte in den 1920er-Jahren seinen wirtschaftlichen Höhepunkt, bevor er 1931 endete. Zurück blieben unter anderem zwei Badeseen, die heute von Hecken, Zäunen und Planen vor neugierigen Blicken geschützt werden. Dorf funktioniert hier also anders. Während im Wald- und Weinviertel offenbar die Fremden genau begutachtet werden, wird hier Abschottung betrieben.
Ich beendete diese Tour schließlich mit einem abendlichen Blick in Richtung Voralpen. Etwa 30 Minuten später war ich wieder zu Hause. So interessant und abwechslungsreich die beiden Tage auch waren, machte sich gegen Ende doch eine gewisse Ermüdung bemerkbar.
Insgesamt legte ich rund 750 Kilometer durch niederösterreichische Gemeinden zurück – von A wie Aigen bis Z wie Zillingdorf-Bergwerk.


Fazit
Eine Reise von A bis Z klingt zunächst nach einem überschaubaren Vorhaben. Ein klarer Rahmen, eine einfache Ordnung, ein Anfang und ein Ende, sauber durch das Alphabet getrennt. Tatsächlich entpuppte sich das Projekt jedoch als alphabetisch getarnte Ausdauerprüfung auf niederösterreichischem Asphalt.
Zwar verlief die Tour ohne größere Zwischenfälle, doch eine runde Sache war sie dennoch nicht. Die geplante Rundfahrt glich am Ende weniger einem Kreis als vielmehr den Kritzeleien eines künstlerisch wenig begabten Volksschulkindes – gut gemeint, aber geometrisch mangelhaft.
Die Verantwortung dafür liegt, wie so oft, vollständig bei mir selbst. Zu sehr ließ ich mich vom Detail des Landes ablenken, von Ortsnamen, die bereits beim Lesen kleine Geschichten versprachen: Kotzendorf, Missingdorf, Obertautendorferamt. Aus einer strukturierten Idee wurde eine Folge von Umwegen, Abstechern und Wiederholungen – getragen von Neugier, nicht von Planung.
Und dennoch: In diesen Umwegen lag vielleicht der eigentliche Inhalt der Reise. Ich lernte über aviatische Unglücke und meteorologische Eigenheiten, über die feinen Unterschiede zwischen Rotte und Weiler, über Industrien, die ganze Täler prägten, und über Orte, die leiser sind, als ihre Geschichte es vermuten lässt.
„Nichts, was wir in dieser Welt lernen, ist jemals verschwendet“, um Eleanor Roosevelt zu zitieren.
Der unentrinnbare Faktor Zeit – den niemand beeinflussen kann, es sei denn, ich könnte mein Motorrad auf annähernde Lichtgeschwindigkeit beschleunigen – hat die 26 zu Buchstaben reduzierten Dörfer schließlich zu einer Checkliste werden lassen.
Rückblickend verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass jeder dieser Orte mehr verdient hätte als nur einen kurzen Halt. Jede Rotte, jeder Weiler, jedes Dorf, jeder Markt hat eine eigene, einzigartige Geschichte, die es verdient, beachtet und respektiert zu werden. Ja, auch Steinhäusl.
Das tut mir im Nachhinein tatsächlich leid. Ich war an vielen Orten, habe aber keinen davon gesehen.
Für die Zukunft ist mir das hoffentlich eine Lehre – obwohl eine Reise von A wie Aalfang über G wie Gumperding und T wie Tuttendörfl bis Z wie Ziegelofen durchaus ihren Reiz hätte… 😉