A-Z Tour 2026

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Die Frage nach dem Motto meiner nächsten Motorradausfahrt nach der Ahnentour war, nach etlichen Grübeleien, schließlich geklärt: Alphabetisch! Eine Reise durch Niederösterreich wollte ich machen, doch ich wäre nicht ich, würde ich bloß nur einmal im Kreis fahren wollen. Nein, so wie meine Bücher und meine CDs und DVDs alphabetisch geordnet sind, so setzte ich mir in den Kopf, Niederösterreichs Ortschaften alphabetisch zu bereisen. Also, um es machbar zu machen, natürlich nur eine je Buchstabe, doch die Herausforderung war nicht zu verachten.

Fehlende Buchstaben mussten substituiert werden, und manche seltenen, wie das Ypsilon zum Beispiel, obwohl an der Ybbs reichlich vorhanden, einer in zwei Tagen fahrbaren Route untergeordnet werden. Ich wählte also die Orte nach Gefühl aus, wobei ich den unbekannten und teils skurrilen Namen den Vorzug gegeben habe. Danach verbrachte ich eine gute Woche die Abende damit, möglichst interessante Fakten zusammenzutragen. Ich möchte eindeutig festhalten, dass ich dazu fast ausschließlich die Online-Enzyklopädie Wikipedia als Quelle benutzte, denn ich bin kein Historiker und stelle keine diesbezüglichen Ansprüche.

Dieser Bericht entstand als “Spaß an der Freud’” und erfüllt keinen wie auch immer gearteten Bildungsauftrag. Weiters sind die wenigen Fotos, die auf dieser Reise von den Dörfern entstanden sind, bei Weitem nicht immer die schönsten Ausschnitte derselben. Dazu reichte die Zeit einfach nicht und ich möchte betonen, dass ich, auch wenn ich mich bemühe, launisch-humoristische Texte zu verfassen, keinesfalls ein Dorf oder deren Bewohner herabwürdigen will. In jeder Ortschaft, in der ich war, gab es zumindest schöne Flecken und ich war begeistert, was man alles entdecken kann, wenn man fernab der bekannten Orte unterwegs ist.

Aigen (A)

nennenswerte Orte: Am Stampf | Außerkasten | Alberndorf | Aalfang

Aigen
Aigen

So begann ich meine Rundreise am Ostersamstag mit Aigen. Aigentlich wollte ich einen klingenderen Namen, aber schließlich fiel meine Wahl auf diese Gemeinde mit wunderbarem Schneebergblick. Von Wiener Neustadt kommend führte mich der Weg durchs beschauliche Piestingtal und kurvenreich über den Hernsteiner Wald.

Vereinigt man Vorderaigen und Hinteraigen, bekommt man nur Aigen und 357 Einwohner. Dort allerdings, wo sich heute Hinteraigen befindet, befand sich ursprünglich Odelansdorf, das jedoch Ende des 15. Jahrhunderts verödete, aber 1569 wieder besiedelt wurde und 1590 bereits 19 Häuser zählte.

Aigen: Gasthof Penninger
Aigen: Gasthof Penninger

Der Gasthof Penninger hat ein traditionelles Sgraffito, das den Alkoholkonsum verherrlicht, und nach einem kurzen Halt beim Marterl ging es weiter.

Aigen: Kapelle
Aigen: Kapelle


Hier muss ich zu Beginn gestehen, dass ich gleich beim zweiten Buchstaben geschummelt habe – in zweierlei Hinsicht. Es gibt nämlich tatsächlich (nach heutiger Schreibweise) keinen Ort in ganz Niederösterreich, der mit C beginnt. Also musste ein Ersatz gefunden werden, und aus routentechnischen Gründen wurde das C auch noch vor das B gelegt.

Im wunderschönen und dank vieler Kurven bei Motorradfahrern sehr beliebten Helenental lag mein nächstes Ziel. Inzwischen hatte leider Regen eingesetzt, was mich natürlich überhaupt nicht begeistern konnte. Die zunehmende Luftfeuchtigkeit äußerte sich in abnehmender Laune und mäßiger Bildqualität.

Cholerakapelle (C) 

Landgasthof zur Cholerakapelle
Landgasthof zur Cholerakapelle

Die Cholerakapelle ist ein Wallfahrtsort und auch als Kapelle “Mariahilf im Helenental” oder Kapelle „Unsere Frau“ bekannt. Da selbst Pilger essen, befindet sich der Landgasthof zur Cholerakapelle gleich unterhalb.

Nomen est omen: Die Cholerakapelle wurde vom Ehepaar Elisabeth und Carl Boldrini 1832 in Auftrag gegeben, nachdem sie von der von 1830 bis 1831 wütenden Cholera-Epidemie verschont geblieben waren.

Das führte mich zu der Frage, wie viele Kapellen aus Dankbarkeit gegenüber (welchem) Gott (auch immer) errichtet wurden, da man von der Corona-Pandemie verschont wurde.

Tatsächlich wurde ich fündig, sogar in Niederösterreich selbst: In Groß-Gerungs im Waldviertel wurde am 14. Mai 2021, am Gedenktag der Heiligen Corona, die Kapelle zur Heiligen Corona auf dem Areal des Herz-Kreislauf-Zentrums Groß Gerungs eröffnet.

“Die Widmung der Schutzheiligen Corona, die uns vor Seuchen schützen sollte, könnte man durchaus als widersprüchlich bezeichnen. Gerade der Gedanke, dass uns die Hl. Corona [Anm.: Schutzpatronin des Waldes und der Waldarbeiter und praktischerweise auch Schutzpatronin gegen Seuchen] vor noch vielen größeren Bedrohungen als dem Coronavirus schützt, hat uns dazu veranlasst. Sie soll ein mahnendes Zeichen sein, dass wir als Gesellschaft die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen unserer Zeit, die es österreich-, EU- und weltweit gibt, in vielen Bereichen überdenken sollten.“ erklärte Geschäftsführer Fritz Weber.

Aufgrund der Nässe verzichtete ich darauf, die Anhöhe zu erklimmen, auf der die eigentliche Kapelle steht. Man erkennt sie auf diesem Foto im Hintergrund, gleich neben der Werbung für Puntigamer, das „bierige“ Bier.

Cholerakapelle
Cholerakapelle

Buchelbach (B)

nennenswerte Orte: Bauland | Bösendürnbach | Busendorf | Bösenneunzen

Buchelbach
Buchelbach

Das Helenental verlassend und Ameisbühel links liegen lassend kommt man nach Buchelbach, von dem ich, ich gebe es zu, nie zuvor gehört habe. Tatsächlich aber könnte der Ort, der zur Katastralgemeinde Grub im Wienerwald gehört und erstmals 1254 urkundlich erwähnt wurde, einem Österreicher durchaus etwas sagen. Denn nicht der Fakt, dass hier der zweithöchste Berg der Gemeinde Wienerwald, der Rossgipfel, zu finden ist, ist interessant. Das Interesse steigert sich auch nur mäßig, wenn man erwähnt, dass besagter Berg einer der wenigen im gesamten Wienerwald ist, der sowohl über ein Gipfelkreuz als auch über ein Gipfelbuch verfügt.

Buchelbach - Hintaus
Buchelbach – Hintaus

Nein, die Katastralgemeinde Grub erlangte tragische Bekanntheit, als am 6. August 1981 ein Orientierungsflug des Österreichischen Bundesheeres mit einer Saab 105 OE nach wenigen Minuten mit einem Absturz just in das Haus von Karl Musil, Solotänzer an der Wiener Staatsoper, endete. Karl Musil und seine Frau wurden lebensgefährlich, ihre beiden Kinder und ein Nachbarskind schwer verletzt. Die beiden Piloten kamen ums Leben, und es entstand hoher Sachschaden in Grub.

Buchelbach - Bushütte
Buchelbach – Bushütte

Ich befand mich nun im Herzen des Wienerwalds und durchfuhr diese sehenswerte Landschaft in nordwestlicher Richtung, bewunderte den Blick auf die Burg Neulengbach und erreichte, inzwischen durch Fahrtwind getrocknet und von weiterem Regen verschont, die nächste Station im Mostviertel.

Diesendorf (D)

Diesendorf
Diesendorf

In diesem Dorf könnten 98 Einwohner gezählt werden, befände sich jemand auf der Straße. Es ist eine spätbarocke Kapelle zu bewundern, zu deren Ausstattung eine Statue der Heiligen Barbara zählt. Der volle Name lautet Barbara von Nikomedien, nicht zu verwechseln mit Barbara von Nickelodeon, auch bekannt als die Blitze schleudernde Electress aus der Serie The Thundermans.

Diesendorf - Kapelle
Diesendorf – Kapelle

Gewisse Parallelen lassen sich dennoch ziehen: Barbara galt als sowohl schöne als auch kluge junge Frau. Ihr Vater Dioscuros versuchte jedoch, sie von der Außenwelt abzuschirmen und sperrte sie in einen eigens dafür gebauten Turm. Rapunzel lässt grüßen. Da unsere Geschichte aber im heutigen İzmit (Türkei) und nicht in Niederösterreich spielt, ist das Einsperren von Töchtern in geeigneten Räumlichkeiten eine rein zufällige Koinzidenz und keine Korrelation.

Diesendorf - Heilige Barbara
Diesendorf – Heilige Barbara

Viele junge Männer kamen und hielten um ihre Hand an. Barbara jedoch wies jeden einzelnen zurück. In Abwesenheit und, wie der weitere Verlauf dieser Geschichte zeigen wird, wohl auch gegen den Willen ihres Vaters, nahm Barbara den christlichen Glauben an.

Sie wollte fortan als Eremitin stilvoll in einem Badehaus wohnen, das ebenfalls ihr Vater erbaut hatte. Der Aufenthaltsort war allerdings schlecht gewählt, denn als ihr Vater von ihrer Bekehrung zum Christentum erfuhr, versuchte er in rasender Wut, seine Tochter zu töten, und fand sie – wie bereits erwähnt – in seinem eigenen Badehaus ohne viel suchen zu müssen. Barbara flüchtete, was ein natürlicher Instinkt zu sein scheint. Die Flucht endete vorerst jedoch vor einem Felsen, der nicht zu umgehen war. Der Felsen wiederum öffnete sich, was einem göttlichen Eingreifen geschuldet sein soll. Das war gut für Barbara, die die Chance nutzte. Schlecht für Barbara war der Hirte, der sie dabei beobachtet hatte und sie verriet.

Immerhin wurde Barbara von ihrem Vater nicht einfach so gelyncht, sondern zuvor ordnungsgemäß vor Gericht gestellt, bevor sie von ihm enthauptet wurde. Dieser wiederum wurde sogleich von einem Blitz erschlagen, was ebenfalls auf göttliches Eingreifen zurückgeführt wird.

Nicht belegt ist, ob man die Heilige Barbara anruft, wenn man jemanden mit den Worten „Dich soll der Blitz beim Scheißen treffen!“ verflucht.

Diesendorf - Hintaus
Diesendorf – Hintaus

Einsiedl (E)

Einsiedl
Einsiedl

Das Stichwort Eremit führte mich nach Einsiedl, welches entgegen seinem Namen immerhin 94 Einwohner aufweisen kann – und mindestens einen Rasenmähroboter, der stoisch seine Bahnen zog.

An der Kreuzung Kapellenstraße/Dorfstraße/Am Radweg/Lamaweg kann die Große Tulln besehen werden.

Einsiedl - Große Tulln
Einsiedl – Große Tulln

Weiter ging es in nördlicher Richtung, an Tulln vorbei über die Rosenbrücke, welche die Donau überspannt, ins Weinviertel. Die folgende Strecke, an Weinbergen und Weinkellern vorbei, war höchst sehenswert. Hier möchte ich kurz innehalten und erklären, warum es von der Strecke, so schön sie zumeist auch war, keine weiteren Fotos gibt. 11 Ortschaften sollte meine erste Teilstrecke umfassen, danach noch die Fahrt zu der mir Liebsten. Rechnet man nur 10 Minuten pro Dorf ohne sonstige Pausen, so dauert das alleine schon knapp zwei Stunden. Hinzu kommt die Fahrtzeit selbst, Tanken sowie das Essen einer höchst nahrhaften Mahlzeit in Form einer halben Packung Mannerschnitten um 1,50 Euro von der BP-Tankstelle in Kirchberg. Vorweggenommen: Die Kalkulation ging voll auf, und ich erreichte mein abendliches Ziel kurz vor Beginn der Dämmerung. Weitere fotografisch genutzte Pausen mit dem Prozedere: stehen bleiben, absitzen, Handschuhe ausziehen, Helm abnehmen, Rucksack heruntergeben, Kamera auspacken, Foto machen und das Ganze in umgekehrter Reihenfolge hätte jeden Zeitrahmen gesprengt.

Frauendorf an der Au (F)

nennenswerte Orte: Fleischessen

Frauendorf an der Au
Frauendorf an der Au

Bis Ende 1968 war Frauendorf an der Au eine eigenständige Gemeinde, ist aber heute zu Königsdorf am Wagram gehörig und Firmensitz von PLUMPSI® WC-Mietservice.

Frauendorf an der Au - Plumpsi
Frauendorf an der Au – Plumpsi

Ich folgte dem Wagram entlang in der Hoffnung, etwas Reichtum zu erlangen:

Goldgeben (G)

nennenswerte Orte:  Gumperding | Glaubendorf | Grummelhof | Großmugl | Großstelzendorf | Gigging | Groß Radischen | Großpoppen

Goldgeben
Goldgeben

Tatsächlich lässt sich der Name der Ortschaft von Goldvorkommen herleiten, die lange vor der Donau-Regulierung in ihren Seitenarmen durch Goldwäscher mittels Filztücher gewonnen wurden. Goldgeben am Sechtelbach im Bezirk Korneuburg kann man daher als österreichisches Pendant zu Dawson City am Klondike River in Kanada betrachten – wenn auch mit Augenzwinkern.

Goldgeben
Goldgeben

Den rund 20 Kilometer langen Weg ging es dann schnurstracks wieder zurück, denn das nächste Etappenziel hatte ich bereits zuvor durchfahren.

Hippersdorf (H)

nennenswerte Orte: Hölle

Hippersdorf
Hippersdorf

In Hippersdorf, inzwischen nicht mehr unter der Herrschaft von Oberstinkenbrunn, kann ein bis zu 15 m in das Gelände eingeschnittener Hohlweg samt seitlich in die Lösswände eingegrabenen Weinkellern bestaunt werden, wobei der Hohlweg nach Zaußenberg führt und die Weinkeller zur Trunkenheit.

Hippersdorf - Hohlweg
Hippersdorf – Hohlweg

Der Hohlweg ist leider nur für Anrainer legal befahrbar, und aus bereits erwähnten Zeitgründen verzichtete ich auf eine nähere Untersuchung zu Fuß.

Hohlwege sind ein prägendes Element dieser Landschaft am Wagram, und sehenswert ist durchaus ein passendes Verb für diese Lösslandschaft.

Es mag verwundern, dass die Geschichte eines 174-Seelen-Dorfes im westlichen Weinviertel bis in prähistorische Zeiten zurückverfolgt werden kann. Es wurden unter anderem neolithische Gräber und Wohngruben, ein mittelbronzezeitliches Depot sowie Skelettgräber mit Bronzebeigaben lokalisiert.

Hippersdorf
Hippersdorf

Auch ein sogenanntes Banntaiding aus dem 15. Jahrhundert ist erhalten. Für alle Menschen wie mich, die sich fragen: „Was in aller Welt ist ein Banntaiding?“ – das waren Versammlungen der ansässigen Bevölkerung und deren Herrschaft, in denen das in der Gemeinde geltende Gewohnheitsrecht festgelegt und ausgelegt wurde; schriftliche Aufzeichnungen davon werden gleichlautend bezeichnet.

Gleich wie Buchelbach einem an Aviatik Interessierten etwas sagen hätte können, so könnte Hippersdorf einem an Meteorologie Interessierten etwas sagen. 2010 wütete in Hippersdorf nämlich ein in Österreich zwar selten, aber durchaus regelmäßig auftretendes Wetterphänomen: ein Tornado, der an einigen Gebäuden beträchtliche Sachschäden verursachte. Ob Kühe zu Schaden kamen, ist mir unbekannt. Dennoch bleibt der stärkste bisher dokumentierte Tornado meiner Heimatstadt vorbehalten: Am 10. Juli 1916 forderte ein Tornado der Stufe F4 (ca. 350 km/h) 34 Todesopfer und über 300 Verletzte in Wiener Neustadt.

Hippersdorf
Hippersdorf

An Langenlois, wohl einem der bekanntesten Weinbauorte des Weinviertels, ging es mit ersten Eindrücken des wilden Kamptales am Fuße des Manhartsberges vorbei bis ins idyllische Kremstal.

Imbach (I)

nennenswerte Orte: Isaak

Imbach
Imbach

Die Bedeutung des Ortsnamens konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Dafür fand ein gewisser Hans Goedicke 1979 die Reste der Burg der Herren von Imbach am Osthang des Scheibelberges. Diese Erhebung erklomm ich ebenfalls nicht, denn Bezug auf Ruinen kommt man in diesem Tal ohnehin auch so auf seine Kosten: Die Burgruine Senftenberg thront prominent über dem Tal.

Imbach - Blick auf Burgruine Senftenberg
Imbach – Blick auf Burgruine Senftenberg

Ich besichtigte die ehemalige Dominikanerinnenkirche sowie Reste der Befestigungsmauer Ecke Kirchengasse/Weintalstraße aus dem 15. Jahrhundert, welche das Gassengruppendorf einst umschlossen hat. 

Imbach - Reste der Befestigungsmauer
Imbach – Reste der Befestigungsmauer
Imbach
Imbach
Imbach - ehemalige Dominikanerinnenkirche
Imbach – ehemalige Dominikanerinnenkirche

Im Allgemeinen ist festzuhalten, dass Imbach mit seinen vielen spätmittelalterlichen Gebäuden einen gewissen Reiz ausübt und bei mir einen sehr positiven Eindruck hinterlassen hat.

Imbach
Imbach

Wunderbar kurvig, was ich dank der nun trockenen Straßen auch genießen konnte, folgte ich der Kremser Straße durch die spektakuläre Landschaft. Hier machte ich tatsächlich eine Ausnahme von meiner “Keine-Fotos-Regel” und bleib stehen, um die beeindruckenden Felsformationen, welche die Bundesstraße zu bewachen schienen, abzulichten. Leider ist dies eines der wenigen Bilder, die ich mit Selbstbewusstsein grandios unscharf fabriziert habe… Gut gemacht!

Kremser Straße
Kremser Straße

Jaidhof (J)

Jaidhof
Jaidhof

Wir hatten bereits Aviatiker und Meteorologen, nun ist die Zeit für Cinematologen gekommen. Nun ist „Cinematologe“ kein gebräuchlicher Begriff, aber der Film Revanche von Götz Spielmann, welcher in Jaidhof spielt, ist auch kein bekannter Vertreter seiner Kunst, und so bleibt das Gleichgewicht der Kräfte erhalten.

Ob der Film sehenswert ist, kann ich nicht beurteilen, aber Schloss Jaidhof ist durchaus einen oder mehrere Blicke wert. Das Schloss hat eine wechselhafte Geschichte. Es wurde 1381 erstmals urkundlich erwähnt und war der Amtssitz der Herrschaft Gföhl. Da die besagte Herrschaft es nicht für notwendig erachtete, das Gebäude zu bewohnen oder auch nur instand zu halten, wurde es 1515 als „ruinöser Burgstall“ bezeichnet. Sehr schmeichelhaft.

Jaidhof - Schloss Jaidhof
Jaidhof – Schloss Jaidhof

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde unter Graf Georg Ludwig von Sinzendorf das Schloss zu seiner heutigen Erscheinung umgebaut und 1884 vom österreichischen Unternehmer und – was später noch wichtig sein wird – Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Wilhelm von Gutmann, erworben. Architekt Max von Ferstel erhielt den Auftrag, das Schloss zu modernisieren, und Max von Gutmann ließ die Umbauten seines Vaters zu Ende führen.

Dann kam die Zeit, als der dritte Sprössling von Clara Pölzl, die die dritte Ehefrau von Aloys Schicklgruber und Mutter von sechs Kindern war, „an die Macht kam“ und in weiterer Folge Deutschland, Österreich und ganz Europa sowie die Menschlichkeit in den Abgrund führte …

Nun ist Braunau am Inn in Oberösterreich unzweifelhaft der Geburtsort des Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, aber die Wurzeln sind im niederösterreichischen Waldviertel zu verorten. Die später Klara Hitler genannte Hausfrau stammt aus Spital (Gemeinde Weitra), der als Aloys Schicklgruber geborene österreichisch-ungarische Zollbeamte aus Strones (Gemeinde Döllersheim).

Was mit Döllersheim geschah, soll hier nicht weiter bekümmern, ist aber jedenfalls eine nähere Betrachtung wert – so viel sei gesagt.

Bleiben wir beim Vater: Alois war der uneheliche Sohn von Maria Anna Schicklgruber aus Strones (Gemeinde Pölla). Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Großmutter am 7. Jänner 1847 als Mariana Hiedler in Kleinmotten (Bezirk Waidhofen an der Thaya) starb.

Nun aber zurück zum Schloss. 1938 wurde die Familie Gutmann von den Nationalsozialisten entschädigungslos enteignet und Schloss Jaidhof als Gauschulungsburg, Umsiedlungslager und Kaserne genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Schloss Jaidhof und die dazugehörigen Ländereien von den Sowjets beschlagnahmt und mussten von der Familie Gutmann zurückgekauft werden, was die Perversität dieses Aspekts der Nachkriegszeit durchaus verdeutlichen kann.

Jaidhof - Schloss Jaidhof
Jaidhof – Schloss Jaidhof

2003 kam die Priesterbruderschaft St. Pius X. in den Besitz des Schlosses, da Rosa Gutmann das seit 1985 verpachtete Gebäude nach ihrem Tod an diese vererbte.

Die gemeinhin besser als Piusbruderschaft bekannte Priestervereinigung katholischer Traditionalisten erfreut sich nicht unbedingt großer Popularität, und Mitglieder dieser Vereinigung schaffen es regelmäßig in die Schlagzeilen. In Stichworten gebe ich hier „Positionen der Priesterbruderschaft sowie einzelner Mitglieder“ aus der zugehörigen Wikipedia-Seite wieder:

  • Hüterin einer „traditionellen, katholischen Weltsicht“
  • „Gottes geoffenbarte Wahrheiten [sind] zu verteidigen und die Bekehrung zur wahren Religion [ist] zu fördern“
  • demokratische Prozesse sind nicht mit der Struktur der Kirche vereinbar
  • der Atheismus beruht auf der Erklärung der Menschenrechte und die Staaten, die sich seither zu diesem offiziellen Atheismus bekennen, befinden sich in einem Zustand dauernder Todsünde
  • die Diktatur in Chile unter Augusto Pinochet ist eine vorbildliche Regierung
  • Offene Sympathie und Nähe zum Rechtsextremismus und Antisemitismus (das „internationale Judentum“ will die christlich-katholische Ordnung zerstören)
  • Homophobie und Ablehnung der Gleichberechtigung von Frauen („Wir brauchen heute Männer, die Männer sein wollen, Frauen, die Frauen sind und Frau sein wollen, das heißt Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder.“)
  • Impfskeptizismus (“Die Entwicklung von Impfstoffen hängt mit Abtreibungen zusammen. “)

Zusammenfassend also: extrem konservativ. Gleichzeitig zeigen Missbrauchsfälle, Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch u. a. von Kindern, wie es mit der persönlichen Auslegung der „Heiligen Lehren“ bestellt ist.

Obwohl ich natürlich den Fall eines „problematischen Priesters“, der in Gabun über 30 Kinder missbraucht haben soll, weit schlimmer finde, gipfelte in Bezug auf christliche Lehren der Disput zwischen Piusbruderschaft und Vatikan in einem Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II.

Der – zugegeben bereits 1979 wegen „geistiger Instabilität“ aus der Bruderschaft ausgeschlossene – Priester Fernández y Krohn näherte sich am 12. Mai 1982 Papst Johannes Paul II. in Fátima von hinten, rief „Nieder mit dem Papst, nieder mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil“ und stach mit einem 40 cm langen Bajonett eines Mauser-Gewehrs auf Johannes Paul II. ein. Dieser überlebte den Angriff leicht verletzt. Der Attentäter wurde noch am Tatort überwältigt, festgenommen und vom Papst gesegnet.

Kotzendorf (K)

nennenswerte Orte: Kleinpoppen | Kleinmotten | Klein-Wien | Kasten bei Böheimkirchen | Kottaun

Kotzendorf
Kotzendorf

Der Ort, dessen Name sich der Toponomastik zufolge nicht auf die orale Entledigung der letzten Mahlzeit bezieht, sondern auf den Namen eines Stammesführers namens Chozo, liegt auf einer Hochebene zwischen Gars am Kamp und Harmannsdorf.

Kotzendorf
Kotzendorf

Dörflicher Charme beschreibt den Zustand wohl treffend, die Bevölkerungsentwicklung von 104 Einwohnern 1890 auf 47 Einwohner im Jahr 2025 scheint symptomatisch für das „Dorfsterben“ zu sein.

Dies war meine letzte Station für den ersten Tag, danach fuhr ich in die Arme der mir Liebsten samt Schwipps-Schwiegermutter, die mich dankenswerterweise über Nacht aufgenommen hat und mich vor dem Hungertod bewahrte.

A-Z Tour 2026 – erste Etappe: Aigen bis Kotzendorf

Gut gestärkt verließ ich am nächsten Tag gegen neun Uhr morgens das Heimatdorf der mir Liebsten und begab mich auf die zweite Tagestour. Nochmals Dank und Anerkennung für die Nächtigung samt ausreichender Kalorienzufuhr!

Leodagger (L) 

Leodagger
Leodagger

Wir hatten bereits Aviatiker, Meteorologen und Cinematologen. Nun ist die Zeit für Archäologen gekommen. In einem Feld in der Nähe des 83 Einwohner zählenden Straßendorfes mit Zwerch- und Streckhöfen, im Kern meist aus dem 16. und 17. Jahrhundert, findet sich der Kalenderstein von Leodagger. Zuerst allerdings passierte ich eine Schafherde, die mich interessiert begrüßte.

Leodagger
Leodagger

Der Kalenderstein ist ein prähistorischer Kultplatz mit einem Näpfchenstein (süße Bezeichnung), einem Visierspalt zur Beobachtung der Sonnenstände und ist samt 5 Meter Umkreis als Naturdenkmal ausgewiesen.

Leodagger - Kalenderstein
Leodagger – Kalenderstein
Leodagger - Kalenderstein
Leodagger – Kalenderstein
Leodagger - Kalenderstein
Leodagger – Kalenderstein

Es bleibt zu erwähnen, dass Leodagger unterhalb sowohl von Obernalb als auch von Unternalb liegt. Des Weiteren, womit wir wieder bei den Cinematologen wären, ist kein Held aus einem Umhang- und Degenfilm bekannt, der sich Leo Dagger nennen würde. Das wäre ja auch zu offensichtlich. 

Leodagger - Bushütte
Leodagger – Bushütte

Missingdorf (M)

nennenswerte Orte: Moosbierbaum |  Moniholz

Missingdorf
Missingdorf

Fast hätte ich Missingdorf nicht gefunden, obwohl es im Neolithikum bereits besiedelt war.

Vom Wasserschloss “Feste Missingdorf” sind heute nur noch der Westflügel sowie der Turm im Süden, der 1405 zur Kapelle umgebaut wurde, erhalten.

Missingdorf - ehemaliges Wasserschloss
Missingdorf – ehemaliges Wasserschloss

Nonndorf bei Gars (N)

nennenswerte Orte: Nest

Nonndorf
Nonndorf

Ist man “Zwischen den Wegen” erblickt man das sogenannte Teichfeld, das sich zwischen Nonndorf und Gars befindet und als archäologische Fundzone ausgewiesen ist. Zu sehen ist dort für das ungeübte Auge leider nichts, daher besuchte ich das Ortszentrum von Nonndorf.

Nonndorf
Nonndorf
Nonndorf
Nonndorf

Einer kleinen Odyssee, nur ohne Lotosesser, Zyklopen, Sirenen oder Laistrygonen glich meine Suche nach dem nächsten Ziel.

Obertautendorferamt (O)

nennenswerte Orte: Oberbierbaum

Obertautendorferamt
Obertautendorferamt

Um von Nonndorf bei Gars nach Obertautendorferamt zu gelangen, passiert man zuerst Tautendorf selbst, dann Untertautendorferamt. Ist man dann, so wie ich, in Wolfshoferamt angekommen, ist man bereits zu weit. Also wieder zurück. 

Dazu ist zu erwähnen, daß Obertautendorferamt keine geschlossene Ortschaft ist, sondern aus Rotten besteht. Eine Rotte ist wiederum eine Siedlung, die aus wenigen Gebäuden in lockerer Anordnung besteht. Rotten sind größer als Einöden, weniger strukturiert als Weiler, aber kompakter als Streulagen. Ja.

Meinen Notizen zufolge ist das Haus Nummer 1 das älteste Haus in Obertautendorferamt –  erstmals erwähnt 1752. Nun, dank Google Maps fand ich zwar besagtes Haus schließlich, da aber direkt vor dem Haus gerade ein kleiner Acker beackert wurde, empfand ich es nicht als angemessen, dies samt Menschen zu fotografieren. Nachfolgendes Bild verschafft aber eine gewisse Vorstellung einer Rotte.

Obertautendorferamt
Obertautendorferamt

Plank am Kamp (P)

nennenswerte Orte: Poppendorf

Plank am Kamp
Plank am Kamp

Über schöne Landesstraßen gelangte ich hinab ins wunderschöne Kamptal.

Obwohl typografisch gleichlautend mit einer (un)beliebten Fitnessübung, findet man Plank nicht zwischen Willenskraft und Verzweiflung, sondern zwischen Gars am Kamp und Schönberg am Kamp und zwar: an der Kamp.

Plank am Kamp
Plank am Kamp

Hat man Plank am Kamp gefunden, könnte man zwar auch eine freigelegte Kreisgrabenanlage aus der Jungsteinzeit finden, aber aus praktischen Gründen begnügte ich mich mit der Kellergasse, ihren Presshäusern und Weinkellern aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert.

Plank am Kamp
Plank am Kamp
Plank am Kamp - Kellergasse
Plank am Kamp – Kellergasse

Bei Hausnummer 7 befindet man sich direkt unter dem Auge Gottes.

Plank am Kamp - Auge Gottes
Plank am Kamp – Auge Gottes

Der Wetterhahn verhieß weiterhin gutes Wetter und so machte ich mich auf, um ein Q zu finden.

Plank am Kamp - Wetterhahn
Plank am Kamp – Wetterhahn

Kriegenreith (Q)

Kriegenreith
Kriegenreith

Kriegenreith ersetzt mein Q, weil ein Q war nicht zu kriegen heut’.

Mit diesem lahmen Scherz auf den Lippen präsentiere ich mit 16 Einwohnern die kleinste besuchte Ortschaft, die im Jahr 1822 erst mit acht Häusern erwähnt wurde, aber heute bereits elf Adressen aufweisen kann. 

Als erstes erblickte ich einen Hasen, der am Ostersonntag natürlich der einzige und echte Osterhase sein musste. Ich hingegen erntete skeptische Blicke von den Bewohnern, denn dorthin fährt niemand, der dort nichts zu suchen hat. Ich hörte förmlich die Gedanken:
“Was macht der da?”
“Was will der da?”
“Warum fotografiert der das Ortsschild?”
“Holen wir die zuerst Mistgabeln oder besser gleich die Schrotflinten?”

Kriegenreith
Kriegenreith

Liebe Kriegenreither, ich wollte nichts Böses. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Ronthal (R)

nennenswerte Orte: Rehgras | Rauchengern

Ronthal
Ronthal

Ronthal im Bezirk Hollabrunn ist nicht zu verwechseln mit dem Rhonetal in der Schweiz. Dieser kleine Tippfehler hätte mir beinahe einen Umweg von 993 km hin und 993 km wieder retour gekostet. 

Mit diesem nächsten, noch lahmeren Scherz auf den Lippen hier ein Blick auf die interessante Konstellation einer kleinen Kapelle und einem daneben frei stehenden Glockenhaus. Interessant, wiewohl durchaus weit verbreitet sind diese Glockenhäusl, insbesondere aber nicht nur in Österreich und Tschechien. Für größere Exemplare reicht es, an die Campanile in Italien zu denken. Die Mini-Campanile stammen aus dem sogenannten Feuerpatent, das Kaiserin Maria Theresia am 21. August 1751 erteilte. Die Glocken dienten als Feuerglocken.

Ronthal
Ronthal

Diese Erkenntnis bringt etwas Licht ins “schattige Tal”, denn Ronthal wurde im 14. Jahrhundert Rewntal genannt, was sich vom mittelhochdeutschen Riuwental herleitet und auch als “Tal der Betrübnis” gedeutet werden kann. Ein perfekter Ort also für die fröhliche Kleinfamilie.

Das nächste Reiseziel sollte mich wieder rund 60 Kilometer weiter südlich zurück führen, weg vom Grenzgebiet zwischen Wald- und Weinviertel. Ich überquerte die Donau wieder bei Tulln und kam zurück in den Wienerwald.

Steinhäusl (S)

nennenswerte Orte: Schweinburg | Streithofen | Schwertfegen | Saudorf

Steinhäusl
Steinhäusl

Jeder Autofahrer im östlichen Österreich sowie jeder Verkehrsfunkhörer kennt den Knoten Steinhäusl, welcher seit 1971 die West Autobahn mit der Wiener Außenring Autobahn verbindet und regelmäßig, insbesondere bei Schneefall, für entsprechende Meldungen sorgt.

Steinhäusl selbst, nun, Steinhäusl hat trotz der Bekanntheit keine eigene Autobahnauffahrt und ist recht schnell wieder vorbei.

Teesdorf (T)

nennenswerte Orte: Totes Weib | Teufelhof

Teesdorf
Teesdorf

Mit Teesdorf kam ich, weiter 50 Kilometer südöstlich von Steinhäusl, wieder zurück zu den Orten in näherer Umgebung, die ich – zumindest vom Durchfahren her – schon kenne. Nicht gewusst habe ich allerdings, dass in der keltischen Sprache Tees einen „Platz, wo Hirten mit Rinderzucht beschäftigt sind“ bezeichnet. Muh!

Etwas unrühmlich ist die erste urkundliche Erwähnung 1365, nämlich in einem Gerichtsbrief. Der Kellermeister des Stiftes Heiligenkreuz erhält eine verspätete Zahlung des Heims von Teesdorf.

Nichts mit Rinderzucht zu tun hat die ehemalige, 1802 gegründete Baumwollspinnerei Teesdorf, eine von den Brüdern Johann Baptist und Carl Puthon erweiterte Fabrik und in dieser Gegend vielleicht als Sinnbild des Klassenkampfes zu verstehen.

Zwar ließen die Brüder Puthon Wohnhäuser für die Arbeiter und 1813 die erste Schule errichten, allerdings zu dem Zweck, die Kinder, die ab zwölf Jahren in der Fabrik arbeiteten, zu unterrichten.

Teesdorf - ehemalige Baumwollspinnerei
Teesdorf – ehemalige Baumwollspinnerei

Der erste Konsumverein Österreichs wurde 1856 als “Wechselseitiger Unterstützungsvereins der Fabrikarbeiter zu Teesdorf” gegründet. Später, 1873 nämlich wurde sogar ein eigenes Geschäft eröffnet, so daß der Geschäftsbesorger nicht mehr sonntäglich nach Wiener Neustadt mit dem Handwagen fahren mußte, um Waren zu holen. Hört sich gut an, allerdings ist auch zu lesen, dass die Öffnungszeiten den Arbeitszeiten angepasst wurden; da dieser 14 Stunden umfasste, war das Geschäft von 19:30-22:00 geöffnet. Heutzutage wird über Sonntagsöffnung diskutiert…

Ein Streik der Fabrikarbeiter 1906 endete mit der Vertreibung der Arbeiter aus den Fabrikwohnungen, woraufhin diese sechs Wochen lang im noch heute so genannten Zigeunergraben leben mussten. 

Unterwaltersdorf (U)

Unterwaltersdorf
Unterwaltersdorf

Äußerst bildungsaffin zeigt sich diese Ortschaft, beheimatet sie doch nicht nur eine Volksschule, sondern auch das Don Bosco Gymnasium und obendrein noch die Montessori-Privatschule.

Unterwaltersdorf - Don Bosco Gymnasium
Unterwaltersdorf – Don Bosco Gymnasium

Veitsau (V)

nennenswerte Orte: Vestenpoppen

Veitsau
Veitsau

Ich habe leider keine leicht zu findenden und zugleich interessante Fakten über Veitsau in Erfahrung gebracht, das sich scheinbar nach seiner Vereinigung mit Berndorf 1923 im Schatten der ehemaligen Krupp-Stadt befindet. Anzumerken ist jedoch der Ordnung halber, dass der Berndorfer Industrielle Arthur Krupp nichts mit der Friedrich Krupp AG zu tun hat, die durch eine Rede Adolf Hitlers final mit dem Nationalsozialismus verwoben wurde: „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“.

Veitsau - Kapelle
Veitsau – Kapelle

Wopfing (W)

nennenswerte Orte: Witzelsberg | Witzelsdorf | Waldhäuseln | Wanzenau

Wopfing
Wopfing

Ich verließ das Triestingtal wieder, überquerte wie bereits am Tag zuvor den Hernsteiner Wald und erreichte in der prächtigen Abendsonne, welche durch mein insektenverklebtes Visier schien, Wopfing.

Das erste Wasserkraftwerk des Piestingstals wurde 1908 in Wopfing errichtet, und zwar für die Metallwarenfabrik der Gebrüder Rosthorn. Dieser Familienname dürfte heute nur mehr interessierten Historikern geläufig sein, aber Wopfing kennt wohl jeder aus der Bauwirtschaft. Seit 1911 produziert die Wopfinger Baustoffindustrie GmbH Zement und Putze.

Wopfing
Wopfing

Die Wopfinger Baustoffindustrie GmbH ist ein seit 1911 hier ansässiges Familienunternehmen in der dritten Generation, das unter der Marke Baumit Zement, Kalk, Putze sowie Estriche produziert und vertreibt und zu den größten Putzherstellern in Europa gehört. Seit der Errichtung eines Zementwerks 1980 wird hier ein großer Teil des in Österreich benötigten Zements hergestellt.

Wopfing
Wopfing

Erwähnenswert finde ich noch die Pfarrkirche Wopfing, genauer gesagt das Taufbecken darin. Der kupferne Deckel besagten Beckens nämlich wurde bei der Weltausstellung in Paris 1900 mit einem 2. Preis ausgezeichnet. Zu meinem Leidwesen fand ich die Kirche verschlossen vor und auch dem Hund, der mich beständig und unnachgiebig verbellte, wäre es lieber gewesen, ich hätte ungehindert durch die hölzerne Pforte schreiten können.

Wopfing
Wopfing

Spätestens jetzt offenbarte sich ein gewisser Mangel an der Routenplanung, denn um zur nächsten Station zu kommen, fuhr ich wieder genau dorthin zurück, wo ich zwischen U wie Unterwaltersdorf und V wie Veitsau schon war – 15 Kilometer zuvor. An und für sich ist das nur ein Katzensprung, aber nach über 8 Stunden im Sattel machte sich eine gewisse Unbequemlichkeit bemerkbar.

Felixdorf (X-Ersatz)

Felixdorf
Felixdorf

FeliXDorf hielt ich für einen recht guten Ersatz für das X, das es in Niederösterreich bei keinem einzigen Ortschafterl zum Anfangsbuchstaben geschafft hat. Eine Marktlücke. 

Fast wäre es ja gar nicht Felixdorf genannt worden, hätte man die 1821 auf Initiative des Wiener Neustädter Bürgermeisters Felix Mießl gegründete Ortschaft wie geplant zu Ehren des Kaisers Franz I. „Franzensdorf“ bezeichnet. Da die glorreichen Gründer jedoch selbst nicht an die Überlebensfähigkeit der neuen Ansiedlung glaubten, wurde es, um den Kaiser beim Scheitern nicht zu beschämen, Felixdorf genannt, nach dem vorgenannten Bürgermeister. Vertrauensbildung sieht anders aus.

Felixdorf
Felixdorf

Trotzdem bildete sich in Felixdorf eine starke Industrie in Form der Felixdorfer Weberei und Appretur, die später mit der heute noch bekannten, wenn auch seit den 1990ern geschlossenen Pottendorfer Spinnerei vereinigt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg erwarb der Mautner-Konzern, immerhin zur damaligen Zeit einer der größten europäischen Textilkonzerne Europas mit ca. 23.000 Beschäftigten, die Spinnerei und erweiterte sie eindrucksvoll:

  • eine Dampfmaschine mit 2400 Pferdestärken
  • ein Wasserkraftwerk mit rund 210 Pferdestärken
  • 19.524 Feinspindeln
  • 150 Zwirnspindeln
  • 1050 Webstühle

Felixdorf wurde zu einem der einwohnerstärksten und größten Orte des Bezirkes. Man hätte es wohl doch Franzensdorf nennen sollen…

Heute ist in Felixdorf, nachdem 1942 die Spinnerei stillgelegt und während des Zweiten Weltkriegs das Fabrikgelände mit rund 80 Bomben fast vollkommen zerstört wurde, auch noch einiges zu sehen. Der Gewerbepark ist auf dem nach dem Krieg wiederaufgebauten Spinnereigelände gelegen und auch die Direktorenvilla ist in restauriertem Zustand noch zu beschauen. Leider nicht für mich, denn eine Fahrverbotstafel mit Zusatzschild „Privatstraße“ hielt mich vom Besuch erfolgreich ab. So blieb nur ein verstohlener Blick von außen.

Felixdorf - ehemliges Industrieareal
Felixdorf – ehemliges Industrieareal

St. Egyden am Steinfeld (Y-Ersatz)

nennenswerte Orte: Ybbs | Ybbssteinbach | Ybbsbachamt | Ybbsitz | Yspertal

St. Egyden am Steinfeld
St. Egyden am Steinfeld

Ein weiterer Ersatz, und ich gebe eine weitere Schummelei zu: natürlich existieren in Niederösterreich etliche Orte, die mit dem Konsonanten, der erfunden wurde, um Deutsch schwieriger zu machen, beginnen: dem Ypsilon. Um allerdings vom alphabetischen Fast-Ende der Tour nach Ybbssteinbach, Ybbsbachamt, Yspertal oder Ybbs selbst zu kommen, hätte ich mindestens 2x 100 km zu fahren gehabt. Daher ist St. Egyden am Steinfeld ein geeigneter Ort, dem Ypsilon, das hier als I verwendet wird, zu huldigen.

St. Egyden am Steinfeld - Pfarrkirche
St. Egyden am Steinfeld – Pfarrkirche

Geschichtlich oder an reißerischen Romanen von Dan Brown Interessierte werden hellhörig werden, wenn von geheimnisvollen Tempelrittern die Rede ist. Tja, dann ist die Pfarrkirche St. Egyden am Steinfeld eindeutig ein Fall für Robert Langdon.

Kreuzfahrer und Lepra führten zur Errichtung eines klosterartigen Gebäudes und einer Kapelle, die zwar damals fernab einer Siedlung, aber direkt auf einem Pilgerweg lag.

St. Egyden am Steinfeld - Pfarrkirche
St. Egyden am Steinfeld – Pfarrkirche

Es wird von Historikern angenommen, daß die Templer für den Betrieb zuständig waren, Tatzenkreuze sind heute noch auf dem Kirchturm sichtbar und auch der als einer der bedeutendsten Topografen Niederösterreichs, Franz Xaver Joseph Schweickhardt führt dies in seiner historisch-topographischen Beschreibung Niederösterreichs in 34 (!) Bänden an.

Nun, vielleicht hätte Herr Brown den Herrn Landon gar nicht nach Paris über London bis nach Schottland und zurück zum Louvre schicken müssen – sondern einfach nur nach St. Egyden am Steinfeld.

St. Egyden am Steinfeld - Pfarrhof
St. Egyden am Steinfeld – Pfarrhof

Das „kunstvolle Kapellentor“, das Schweickhart 1831 als „Tor auf dem Friedhof“ begeistert erwähnte, findet sich heute allerdings beim Rosalienbrunnen in Urschendorf. Aufgrund einsetzender Dämmerung verzichtete ich auf diesen alphabetisch ohnehin nicht gerechtfertigten Stopp. Begeistert fand ich den Hinweis auf ein Heiliges Grab, das am Ostersonntag ja spektakulär leer sein sollte, allerdings war auch diese Kirche geschlossen.

St. Egyden am Steinfeld - Pfarrkirche
St. Egyden am Steinfeld – Pfarrkirche

Erwähnen will ich noch, obwohl auch nicht mit A-Z nicht vereinbar – aber eigentlich doch, weil Y ohnehin substituiert wurde – egal also: in Neusiedl am Steinfeld befindet sich einer der größten Trinkwasserbehälter Europas.

Zillingdorf-Bergwerk (Z)

nennenswerte Orte: Zweiersdorf (Am Gottes Segen) | Ziegelofen

Zillingdorf-Bergwerk
Zillingdorf-Bergwerk

Bereits sehr unruhig im Sattel fuhr ich fast direkt bei meinem Haus vorbei, um erst nach 30 Kilometern weiter nordöstlich von St. Egyden an der Grenze zum Burgenland den allerletzten Halt zu machen.

Das “Bindestrich Bergwerk” hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Hier befindet sich nämlich das größte Lignitvorkommen im gesamten Wiener Becken. Lignit ist auch fast bekannt als Kohle; fast deshalb, weil der Prozess zur Entstehung von Kohle, die Inkohlung, noch nicht ganz abgeschlossen ist. 

Bereits im 2. Jahrtausend vor Christus war das heutige Zillingdorf besiedelt: Hockergräber aus der Wieselburger Kultur (1800–1500 v. Chr.) sowie Flachgräber mit Skeletten aus der Jüngeren Hallstattzeit (600–450 v. Chr.) sind gefunden wurden. Wenn ich nicht bald nach Hause käme, hätte ich mich, auf meinem Motorrad hockend aber zugleich seitlich liegend, durchaus in eine archäologische Fund der Zukunft verwandeln können…

Der Lignitabbau begann vermutlich bereits im 17. Jahrhundert und endete nach seinem wirtschaftlichen Höhepunkt in den 1920er Jahren im Jahr 1931. Übrig sind zwei Badeseen, die mit Hecken und Zäunen und Planen vor neugieren Blicken geschützt sind.

Ich beende den Bericht dieser Tour mit einem abendlichen Blick gen Voralpen. 30 Minuten später war ich dann endlich Zuhause. So interessant und kurzweilig die beiden Tage auch waren, es wurde zum Schluß hin dann doch sehr anstregend. Rund 750 Kilometer düste ich durch die niederösterreichischen Gemeinden: von A wie Aigen bis Z wie Zillingsdorf-Bergwerk.

Zillingdorf-Bergwerk - Abendstimmung
Zillingdorf-Bergwerk – Abendstimmung
A-Z Tour 2026 – zweite Etappe: Leodagger bis Zillingdorf-Bergwerk