Mir hat die Idee der „Laßt die Bären los!“-Tour insofern sehr gut gefallen, als dass ich es spannend und erfrischend fand, eine Motorradausfahrt unter ein Motto zu stellen. Daher grübelte ich darüber nach, welchem Thema ich meine nächste Tour widmen könnte. Die Idee kam zeitnah und spontan: meinen Ahnen. Dennoch sollte ein halbes Jahr vergehen, bis ich sie verwirklichen konnte. Der Winter war in unserer Gegend heuer außergewöhnlich kalt und langfristig nebelig, so dass an Ausfahrten nicht zu denken war.
Vor ein paar Jahren beschäftigte ich mich ein wenig mit der Herkunft meiner Vorfahren. Ich sammelte alle auffindbaren Unterlagen aus den Nachlässen und begann, darauf aufbauend, in Kirchenbüchern zu den noch unbekannten Vorfahren in jeweils direkter Linie – also ohne etwaige Brüder oder Schwestern meiner Altvorderen – zu recherchieren. Bis auf ein paar Sackgassen (tja, die unehelichen Kinder – wie konnte das nur passieren?) konnte ich die Herkunft meiner Familie bis zu einigen Ururgroßeltern und teilweise noch weiter zurückverfolgen. Es hat mir sehr viel Spaß bereitet, aber ich bin an einem Punkt angelangt, von dem aus weitere Entdeckungen sehr zeitaufwendige Nachforschungen bedeuten würden. Vielleicht finde ich einmal die Muße, das weiter zu betreiben, aber bis dahin bin ich mit den Ergebnissen durchaus zufrieden.
In die glorreiche Reihe meiner Ahnen gesellen sich unter anderem ein Fabrikshilfsarbeiter, eine Schuhmachermeistersgattin samt (vermutetem, da naheliegend) Schuhmachermeister, eine Eisenbahnarbeitertochter und somit wohl auch ein Eisenbahnarbeiter sowie größtenteils Bauern.
Viel zu spät machte ich mich an diesem frühlingshaften Märztag auf, um die Geburtsorte diverser Vorfahren in der heutigen niederösterreichisch-burgenländisch-steirischen Grenzregion zu besuchen. Je nach Jahreszahl käme auch noch das heutige Ungarn oder Slowenien dazu. Erster Halt war das nicht allzu weit entfernte Wiesmath, das ich von den Besuchen meiner Kinderzeit her noch kannte – namentlich.
Wiesmath – Wehrkirche
Ansonsten verbindet mich genealogisch mit Wiesmath eine gewisse Franziska Beisteiner, die Mutter von Johanna Tanzler, welche wiederum die Mutter von Katharina Schwarz war, welche einen gewissen Johann Schwarz gebar, der sich für Emma Maria Martha Schwarz verantwortlich zeigte: meine Großmutter mütterlicherseits.
Wiesmath – Wehrkirche
Die vorgenannten Vorfahren dieses Zweiges waren allesamt aus dieser Gegend: Hollenthon, Gleichenbach, Wiesmath – soweit ich mit meinen Erhebungen eben kam. Also kann man wohl sagen, dass ein Teil meiner Wurzeln im bäuerlichen Umfeld der Buckligen Welt verankert ist. Das erklärt jedoch nicht mein Unvermögen, Pflanzen über längere Zeit am Leben zu erhalten; im Gegenteil.
Bucklige Welt
Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen, die sonst womöglich der Vergessenheit anheimfallen könnte. Mein Onkel, also einer der Brüder meiner Großmutter, war in meiner Wahrnehmung zu jenen Zeiten, als es hilfreich war, das zu sein, ein etwas opportunistischer Schlawiner – man möge mir diesen liebevoll gemeinten Ausdruck verzeihen. Meine Geschichte, um sie erzählen zu können, beginnt mit einer wahren Begebenheit, die mir besagter Onkel erzählt hat. Der Höhepunkt jedoch, um es vorwegzunehmen, ist die Bestätigung dieser Geschichte durch eine dritte Quelle Jahre später, mir zuvor völlig unbekannt. Mein Onkel also erzählte mir sinngemäß:
In der Nachkriegszeit war das Leben hart und es gab wenig zu essen und noch weniger zu verdienen. Also bin ich regelmäßig [von Wiener Neustadt] in die Bucklige Welt gefahren und habe den Bauern ihre Katzen abgekauft. Die habe ich dann erschlagen, den Schwanz abgehackt, gehäutet und am Markt als frische Hasen verkauft.
Als Katzenliebhaber war ich schockiert, aber gleichzeitig fasziniert vom Einfallsreichtum und – als wenn ein Weltkrieg nicht reichen würde – das war mir ein Beweis dazu, wozu Menschen fähig sind, wenn sie überleben wollen. Dass das „Dachhase“ genannt wurde, erfuhr ich erst sehr viel später.
Nun, wir springen an die zehn Jahre in die vergangene Zukunft. Ich sitze im Innenhof eines alten Bauernhofes, wo eine Freundin von mir ihr Pferd auf der Sommerweide stehen hat, an einem Lagerfeuer. Geschichten werden erzählt und ich weiß nicht warum – vermutlich war es die Katze, die um meine Beine strich –, und der Bauer wurde – es muss die Katze sein! – dazu animiert, von einem „Neustädter“ zu erzählen, der nach dem Krieg immer zu den Bauern gekommen ist und Katzen gekauft hat. Alle hätten schon darüber geredet, aber niemand konnte sich so recht einen Reim auf das Ganze machen.
„Was er damit gemacht hat, weiß ich nicht.“
Es gab bisher noch keinen besseren Moment für mich zu schweigen als diesen. (Es machte aber dennoch ein kleines bisschen stolz, dass man sich von meinem Onkel offenbar auch nach 60 Jahren noch Geschichten erzählte – wenn auch makabre. So will ich, dass es war – auch wenn andere „Jäger“ „Dachhasen“ erlegt haben dürften.)
Gleichenbach
Trotz dieser Wurzeln in dieser Gegend war das mit der Orientierung so eine Sache. Fest davon überzeugt, ohne Navi zurechtzukommen, fuhr ich nicht nur Kehren in die falsche Richtung, landete auf sprichwörtlichen Holzwegen und schreckte so manchen vor sich hin dösenden Bauernhofhund aus dem Schlaf. Als ich schließlich das dritte Etappenziel Gleichenbach erreichte, reichte es mir und ich begab mich in die trügerisch sicheren Hände von Google Maps.
Gleichenbach
Nun gelangte ich mit erklärendem Bildschirm über noch nicht vom Streusplitt geräumte schmale Nebenstraßen direkt und ohne Umwege auf Schotterpisten. Danke. Nun, Streusplitt ist der Feind des Motorradfahrers – wohl immerhin leichter zu berechnen als plötzliche Dreckspuren von Traktoren – aber obwohl der grandios schlechte Film Biker Boyz das anders darstellt: Schotter und Straßenmotorrad vertragen sich nicht, insbesondere wenn die Neigung der Straße von der Horizontalen abweicht.
Hollenthon
Schließlich einigten sich mein Instinkt und dieses, von mir sonst immer für genau solche Situationen einzig gelobte, Dumbphone auf eine befahrbare Route, die überraschenderweise völlig ohne weitere Komplikationen bis zu meinem – inzwischen schon abendlichen – Ziel führte: die Landhofmühle.
Wenn Sie bereits in Saufuß sind, dann haben Sie die Abzweigung verpasst. Bitte auch nicht nach Schützengraben einbiegen. Außerhalb von Minihof-Liebau sind Sie richtig. Hier finden Sie – völlig unentgeltlich von mir beworben, vielmehr sogar von mir bezahlt – das Kleinod einer umgebauten Mühle. Leider verpasste ich am Tag meiner Anreise aufgrund der zuvor auszugsweise beschriebenen Odyssee den persönlichen Empfang und checkte mich selbst ein, aber was ich vorfand, war ein liebevoll mit Details ausgestattetes geräumiges Zimmer. Manchen, inklusive mir, mag es ein wenig zu bäuerlich sein – es hat nämlich nicht nur Reminiszenzen an die 1990er-Bauernstuben, es ist eine.
In einem liebevoll gestalteten Buch ist die Geschichte des Hauses, der 1850 von Michael Einfalt erbauten Einfaltmühle, nachzulesen und anhand alter Fotos auch nachzusehen.
Man möge mir meine persönliche Aversion gegen Bauernstuben nachsehen. Abgesehen von den geschmacklichen Differenzen gab es in dem geräumigen Gästezimmer jedoch sehr viel mehr als in den meisten Hotels, die ich sonst so bereise. So bezweifle ich die Existenz eines handgemachten ledernen Fliegenprackers in römischen Stadthäusern ebenso wie die Zurverfügungstellung eines Anti-Schnarch-Klopfers in skandinavischen Unterkünften. Zudem mangelt es nicht an zeitgemäßer Ausstattung: Kaffeemaschine, Wasserkocher samt Tee von Sonnentor, ein Fernseher mit Sennheiser-Kopfhörern – den anderen Gästen zuliebe. Ich entdeckte eine Schatulle mit Spielen, üppig ausgestattete Bücherregale im Zimmer und in den Gängen, selbstgemachte Seifen und alles in allem sehr viel Liebe zum Detail, ohne überladen zu sein. „Megad“, wie es die mir Liebste auf Waldviertlerisch ausdrücken würde.
Der Willkommensbrief ist nicht nur reine Formalität. Er beinhaltet nämlich einen wertvollen Hinweis auf einen Getränkekeller, den der Autor sogleich aufsuchte. Wow. Mit Wein allerdings geht es mir wie mit Bauernstuben: muss nicht sein, daher gönnte ich mir eine Flasche von dem „bierigen Bier“ und einen Blick in den sternenreichen Nachthimmel von der Veranda aus.
Landhofmühle – Getränkekeller
Hier, in unmittelbarer Nähe zum Dreiländereck Österreich–Ungarn–Slowenien, sind die Sterne noch nicht vom Stadtlicht überstrahlt. Mit Sicherheit hätte ich von weiter draußen einen noch besseren Blick auf die fernen Galaxien und Kugelsternhaufen haben können, aber mangels Stativ musste die Balustrade des Innenhofs als solches und der noch blattlose Baum im Geviert als vordergründiges Motiv herhalten.
Landhofmühle
Nun ist viel geschrieben worden und wenig gesagt. Es ist paradox, dass ich, obwohl interessiert an der Geschichte meiner Familie, gleichwohl kontaktscheu bin gegenüber jenen, die da noch wären und sind, irgendwo – oder eigentlich genau dort, wo sie immer schon waren. Es ist ein Charakterzug von mir, der nicht böse gemeint oder gar absichtlich, sein Dasein proklamiert; dass ich Schwierigkeiten habe, Kontakte aufrechtzuerhalten. Dies zu erklären, also in tiefenpsychologische Abgründe zu tauchen, führt hier zu weit.
Am nächsten Morgen erwartete mich ein umwerfendes Frühstück. Viel Selbstgemachtes und Regionales türmte sich förmlich vor mir auf – ich habe noch nie so viel Käse zum Frühstück gegessen. Hinzu kam z.B. Avocado mit Sesampesto, gedünstete Karotten mit – ich geb’s auf, ich habe kein Essensgedächtnis. Sehen Sie selbst …
Landhofmühle – Frühstück
Mein Weg führte mich nach Bad Radkersburg, genauer in den – inzwischen – Ortsteil Altdorf. Von dort nämlich stammte meine Großmutter väterlicherseits und aus dem wenige hundert Meter entfernten Neudörfl meine Urgroßmutter. Die historischen Hausnummern dürften nach über 130 Jahren ja wohl keine Bewandtnis mehr haben, daher versuchte ich auch gar nicht, „das“ Haus zu finden, sondern stellte mir – und bei manchen Häusern, die noch nicht renoviert sind, fiel das auch nicht schwer – vor, wie es damals gewesen sein könnte.
Altdörfl
Altdörfl
Weiter ging es an der imposanten Riegersburg vorbei bis nach Hartberg, dem unfreiwilligen Geburtsort meines Vaters, der, wie er einst erzählte, am Weg zu einer Familienfeier genau dort als Frühgeborener zur Welt kam und notgetauft werden musste. Ob das eigentliche Ziel dieser durch Entbindung unterbrochenen Reise nun das bereits erwähnte Alt- oder Neudörfl oder doch eines meiner nächsten Ziele Oberlungitz oder Wagendorf war, bleibt unbekannt. Jedenfalls fand ich an der Kapelle von Wagendorf die ersten schriftlichen Nachweise der Existenz meiner Ahnen: nämlich im offenbar in Gefangenschaft verstorbenen Johann Hatzl, zu dem ich bisher noch nichts in den Matriken gefunden hatte. In Neustift an der Lafnitz entdeckte ich ebenfalls zwei der möglicherweise Meinen, die im Zweiten Weltkrieg gestorben waren; leider wird auf dieser Tafel anstatt von Geburts- oder Sterbedaten sinnigerweise die Hausnummer angegeben, was mir bei zukünftigen Recherchen zwar nicht hinderlich, aber auch nicht sonderlich hilfreich sein wird.
Oberlungitz
Jeder Mensch ist ein Zitat aus all seinen Ahnen.
Ralph Waldo Emerson
Unterlungitz
Nun, vielleicht ist es an der Zeit, persönlich zu werden. Es war und ist ein Prozess: das Verarbeiten meiner Kindheit. Es mag für Außenstehende so wirken, als sei ich gefestigt, verankert, meinetwegen furchtlos oder auch nur mit beiden Beinen im Leben stehend. Es hat aber Jahre gedauert, Irrungen und Wirrungen, entflohene Beziehungen – was man heute wohl Ghosting nennen würde – inklusive, bis mir durch einen einfachen Satz klar wurde, dass meine Verdrängungsmechanismen mich zwar in gewisser Weise stark gemacht, aber dennoch einen verletzlichen Buben eingekapselt haben, der zuweilen entrinnen will.
Du hattest es auch nicht leicht.
M.H.
Nun, es ist so eine Sache mit der Realität. Befindet man sich zeitlebens in einem blauen Raum, so ist die Welt blau. Eine bunte Welt wäre unvorstellbar. Was wären Farben in einer blauen Welt? Meine Realität war eine jahrelang psychisch und physisch kranke Mutter mit manisch-depressiven Zügen und Suizidgedanken und -absichten und ein Vater, der mit all dem nicht umgehen konnte und dennoch das Bestmögliche tat: in seinem eigenen blauen Raum.
Wagendorf
Ich kannte es nicht anders, so erwartete ich auch nichts anderes und ich kapselte mich emotional ab von den Menschen um mich und der Welt, in der ich lebte. Nur Extreme vermochten mich aus dem Trott zu reißen und es verwundert nicht, dass ich mein Heil in Alkoholeskapaden fand, meine Heimat – und auch nicht, denn derartige Empfindungen hatte ich nicht – in den abgefahrensten Bars, deren Existenz heute so nicht mehr möglich wäre und auch damals wohl nicht ganz der Betriebsgenehmigung entsprach…
Wagendorf
Vergessen werde ich es nie, als mein Vater meine Zimmertür öffnete und sagte: „Mama ist gestorben.“ Nachfühlen kann ich es nicht, denn obwohl ich glaube, dass ich mich bemüht habe, etwas zu empfinden, so empfand ich schlussendlich so gut wie keine Regung in mir außer der Bestätigung, dass es vorbei ist. Ein Faktum, ein Datum nur: der 17.12.1997. Eine Woche vor Weihnachten, acht Tage nach meinem 17. Geburtstag.
Altdörfl
Später, zuerst mehr unterbewusst, später aktiv nachdenkend, habe ich mir die Fragen gestellt, die man sich nicht stellen sollte: Was hätte ich besser machen können? Wie hätte ich ihr helfen oder zumindest besser beistehen können? War es meine Schuld? Nun, es dauerte Jahre um Jahre, bis die Frucht der Erkenntnis gereift und endlich pflückreif war: Ja, ich hätte es besser machen können, viel besser – aber ich war zuallererst noch ein Kind und – es war definitiv nicht meine Schuld, sofern es einen Schuldigen überhaupt gab. Und ich erlaubte mir daher zukünftig mit Selbstvorwürfen – ob ausgesprochen oder nicht – aufzuhören und gefestigt in die Zukunft zu schreiten.
Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke, was ich anschaue, was ich sehe und was es bedeutet. Was ich will und wovor ich Angst habe.
Joan Didion
Neustift an der Lafnitz
Am Weg nach Hause über die B54 ist das Berichtenswerteste, dass sich zwischen Höll und Grimmenstein eine Fliege lebend in meinem Helm wiederfand und wohl ob dieser wundersamen Überlebensgeschichte panisch in selbigem umher flog, bevor ich sie nach einer eiligen Bremsung befreien konnte.
So öffnete ich kurz nach 15 Uhr das Einfahrtstor, das seit letzten November beschlossen hat, die Befehle der Funkfernbedienung zu ignorieren, und stellte mein Motorrad ab. Ich öffnete die Tür und dank einer umfassenden Renovierung wirkt es so, als wäre es mein Haus und nicht das Haus, das mein Vater mit Unterstützung meiner Großeltern erbauen ließ. Nichts zeugt mehr von der Bauernstube, in der meine Mutter dahinvegetierte; dort ist jetzt meine Musiksammlung aufbewahrt.