KZ Auschwitz 29.10.2022
Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.
Theodor W. Adorno, 1949
Todesfuge, Paul Celan, zwischen 1944 und Anfang 1945
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Einleitung
Der Besuch im KZ Auschwitz hat mich noch lange danach beschäftigt – und er beschäftigt mich bis heute. Vermutlich wird er mich mein Leben lang begleiten. Ich verfasse diesen Text rund zwei Jahre später, doch manche Erinnerungen vergehen nicht. Manche Eindrücke bleiben unauslöschlich bestehen. Ich kann mir kaum ausmalen, mit welcher psychischen Last die wenigen Überlebenden durchs restliche Leben gehen mussten.
Mir war schon lange klar, dass ich diesen wohl schändlichsten Ort des nationalsozialistischen Regimes besuchen musste. Ich war bereits in Mauthausen – damals Mitte 20 –, und im Rahmen des Warschau-Marathons 2018 in Treblinka, 2019 in Buchenwald. Es ist erschreckend, wie viele Gedenkstätten man besuchen könnte.
Zuletzt hatte ich Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ gelesen. Die darin beschriebene unerträglich gewissenlose Gewissenhaftigkeit ließ mich schaudern.
Doch in Auschwitz, dem Inbegriff eines deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers, war ich bis dahin noch nicht gewesen. Es wurde Zeit, das zu ändern. Und rückblickend kann ich bestätigen: Etwas auf einem Fernseher, Tablet oder Handybildschirm zu sehen, ist nicht vergleichbar mit der eigenen Präsenz innerhalb der Mauern, der Zäune, des Stacheldrahts. Es ist nicht vergleichbar damit, direkt vor den Objekten zu stehen, auf die ich noch näher eingehen werde.

Der Besuch
An einem goldenen Oktobertag war es so weit. Ich nahm an einer geführten Tour teil. So informativ und bewegend diese auch war – ich möchte diesen Ort zumindest noch einmal allein besuchen und mir Zeit nehmen für jene Bereiche, für die während der Führung zu wenig Raum blieb. Die „Tour for individuals without an educator“ ist begrenzt, und man muss einige Wochen bis Monate im Voraus planen. Der Besuch – geführt wie ungeführt – ist kostenlos.

Von Wiener Neustadt nach Oświęcim fuhr ich rund fünf Stunden im Auto. Die Deportierten hingegen wurden in engen Viehwaggons transportiert. Manche Fahrten dauerten nur einige Stunden, etwa innerhalb Polens, viele jedoch mehrere Tage – unter katastrophalen Bedingungen. Ich fuhr gemütlich in meinem Volvo V40. Die 60 bis 100 Menschen, die in einen etwa 3 × 8 Meter großen Waggon gepfercht wurden, hatten keinen Komfort.
Hundert Menschen – das bedeutet pro Person etwa 50 × 50 Zentimeter Platz. Dazu ein Kübel mit Wasser (anfangs) und ein Kübel als Toilette – für alle.

Auschwitz I – Stammlager
Auschwitz bestand aus drei Hauptlagern sowie etwa 50 Außenlagern. Das Besucherzentrum befindet sich im ehemaligen Häftlingsaufnahmegebäude von Auschwitz I. Dieses Stammlager war ursprünglich eine nicht mehr genutzte polnische Kaserne. Die Backsteingebäude wurden umgebaut, aufgestockt und das Areal durch Zwangsarbeit erweitert.

Bald gelangt man zum berüchtigten Lagereingang mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Dieses Tor lag später aufgrund der Erweiterungen im Lager selbst. Ein interessantes Detail: das auf dem Kopf stehende B – eine als Protest interpretierte Handlung des polnischen Häftlings Jan Liwacz, der das Tor schmieden musste oder zumindest maßgeblich daran beteiligt war. Er überlebte Auschwitz (ab 1940), Mauthausen und auch Ebensee.

Der Rundgang führt zwischen den Lagerbaracken hindurch. Uns wird von den Furchtbarkeiten berichtet, die hier stattgefunden haben. Wir sehen die doppelte Stacheldrahtumzäunung, einst unter Strom gesetzt. Für manche Häftlinge war sie der letzte Ausweg in den freiwilligen Tod. Zwischen 150 und 300 Personen gelang tatsächlich die Flucht – was grausame Repressalien gegen die Zurückgebliebenen zur Folge hatte.

Wir betreten Ausstellungsräume, in denen Häftlingskleidung und die verschiedenen Winkel erklärt werden. Ich sehe meinen Sticker auf der Brust, der mich der deutschsprachigen Führung zuordnet, und frage mich, ob man nicht eine andere Form der Kennzeichnung hätte wählen können.

Dann stehen wir vor der Urne, gefüllt mit der Asche der Ermordeten. Während der „Ungarn-Aktion“ reichte die Kapazität der Krematorien – etwa 4.500 Menschen pro Tag (!) – nicht mehr aus, weshalb zusätzlich Verbrennungsgruben genutzt wurden. Die Asche wurde in Flüsse geschüttet oder verstreut. In Auschwitz gibt es keine Bodenfläche, auf der man nicht über die Asche verbrannter Menschen geht.

Habseligkeiten der Opfer
Wir sehen Berge von Brillen. Ich ahnte es, wusste damals aber nicht, was ich heute sicher weiß: Es sind nur jene Brillen, die vor der Befreiung nicht bereits verwertet worden waren.

Eine Vitrine mit Prothesen lässt mich an meinen Stiefgroßvater denken, dessen Prothese hier hätte liegen können. Natürlich hinkt der Vergleich gewaltig und ist wahrscheinlich sogar unangebracht. Er war als junger Wehrmachtssoldat Kanonenfutter an der Ostfront und kam mit einem Bein weniger zurück. Die einstigen Besitzer der Prothesen vor mir gingen vermutlich mit einem Bein weniger ins Gas.

Die deportierten Juden mussten Zugfahrkarten kaufen – inklusive einer sogenannten Rückfahrkarte. Die Deutsche Reichsbahn deportierte zwischen 1941 und 1945 rund drei Millionen Menschen und erhielt pro Person und Kilometer vier Reichspfennig. Kinder unter vier Jahren „durften“ gratis mitfahren und ab 400 Personen gab es einen Rabatt von 50 %. Es war also nicht nur effizienter, sondern auch günstiger, die Züge vollzustopfen. Es wurden detaillierte Packlisten ausgegeben, und die Koffer waren feinsäuberlich zu beschriften …

Ein riesiger Raum voller Geschirr: ein Leben brauner Topf, ein Leben blaue Kanne, ein Leben weißer Krug …

Dann ein Raum, der neben der Urne tatsächlich etwas zeigt, das einst menschlich war: Haare. Fotografieren verboten – selbstverständlich zu respektieren. Die Menge ist unbegreiflich: etwa zwei Tonnen Haare. Zwei Tonnen!
Das Scheren der Köpfe war nicht nur einer angeblichen Hygiene geschuldet und auch nicht nur der Entmenschlichung. Die Haare wurden zu Industriefilzen weiterverarbeitet, zu Garn versponnen und endeten mitunter als Socken an den Füßen von U-Boot-Besatzungen.
Ich fotografierte nicht alles, auch wenn es erlaubt gewesen wäre. Der Raum mit den Kinderschuhen – ich brachte es nicht über mich. Nicht alles, was fotografierbar ist, sollte man fotografieren.
Ein Mensch allein in diesem Raum, wenn er nur einen Funken Gefühl und ein Quäntchen Vorstellungskraft hat, kann verzweifeln. Erwachsenenschuhe: etwa 48.000 Paar. Ein enormer Berg. Und dennoch fehlen über eine Million Paar Schuhe, um die Zahl der Ermordeten abzubilden.

Mengele, medizinische Experimente im Lazarett
Josef Mengele ist zum Synonym des sadistischen Arztes geworden. Er war von Mai 1943 bis Januar 1945 Lagerarzt. Ich will hier nicht auf Einzelheiten eingehen. Eine Episode einer Überlebenden jedoch möchte ich wiedergeben, denn sie hat mich zutiefst berührt.
Ruth Elias, deren Geschichte man in ihren Memoiren „Die Hoffnung erhielt mich am Leben“ nachlesen kann, geht verkürzt wie folgt: Ruth schaffte es, ihre fortgeschrittene Schwangerschaft bei der Selektion durch Mengele zu verbergen und wurde als arbeitsfähig eingestuft. Schwangere wären ansonsten sofort vergast worden. Es folgten Arbeitseinsätze im KZ Neuengamme, Berlin und KZ Ravensbrück. Mengele war erstaunt, die offensichtliche Schwangerschaft übersehen zu haben – und ließ Ruth im Krankenbau von Auschwitz entbinden. Was er nicht zuließ, war das Stillen des Babys. Er wollte wissen, wie lange ein Neugeborenes ohne Nahrung überleben kann. Mutter und Tochter in einem Raum. Die Mutter dazu verdammt ihr Kind verhungern und verdursten zu sehen. Und zu hören.
Am achten Tag, aus dem Schreien waren nur mehr undefinierbare Laute geworden, gab sich Mengele zufrieden und kündigte an, Mutter und Tochter sollen sich bereit machen, er werde sie am nächten Morgen „wegbringen“.
Was das bedeutete, war Ruth klar. Mit der Hilfe einer Krankenschwester verabreichte Ruth dem todgeweihten Säugling eine Morphiumspritze. Am nächsten Morgen wurde es mit den anderen Leichen abgeholt. Mengele: „Haben Sie ein Schwein gehabt, mit dem nächsten Transport gehen Sie weg!“
Ruth Elias starb 2008. Sie überlebte Auschwitz, sie überlebte den Krieg, sie überlebte ihr Erstgeborenes und sie überlebte Josef Mengele, der 1979 unter falscher Identität in Brasilien starb; unbehelligt.

Rudolf Höß, erster und dienstältester Kommandant von Auschwitz, war – ähnlich wie Eichmann – kein personifiziertes „Ur-Böses“, sondern ein Funktionär, der gehorsam Befehle exekutierte. Seine eigenen Worte belegen, wie sehr er in der Logik des Systems gefangen war.
„Aus ihren [Anm: den Beteiligten SS-Wachen] vertraulichen Gesprächen hörte ich immer und immer wieder die Frage heraus: Ist das notwendig, was wir da machen müssen? Ist das notwendig, daß Hunderttausende Frauen und Kinder vernichtet werden müssen? Und ich, der ich mir unzählige Male im tiefsten Innern selbst die Frage gestellt, mußte sie mit dem Führer-Befehl abspeisen, damit vertrösten. Mußte ihnen sagen, daß diese Vernichtung des Judentums notwendig sei, um Deutschland, um unsere Nachkommen für alle Zeit von den zähesten Widersachern zu befreien. Wohl stand für uns alle der Führer-Befehl unverrückbar fest, auch daß die SS ihn durchführen mußte. Doch in allen nagten Zweifel. Und ich selbst durfte auf keinen Fall meine gleichen Zweifel bekennen. Ich mußte mich, um die Beteiligten zum psychischen Durchhalten zu zwingen, felsenfest von der Notwendigkeit der Durchführung dieses grausam-harten Befehls überzeugt zeigen. […] Kalt und herzlos mußte ich scheinen, bei Vorgängen, die jedem noch menschlich Empfindenden das Herz im Leibe umdrehen ließen. Ich durfte mich noch nicht einmal abwenden, wenn allzumenschliche Regungen in mir hochstiegen. Mußte kalt zusehen, wie die Mütter mit den lachenden oder weinenden Kindern in die Gaskammern gingen. […].
Kommandant in Auschwitz – Autobiografische Aufzeichnungen des Rudolf Höß
Dies ist der Galgen, an dem Rudolf Höß am 16. April 1947 gehängt wurde – vor seiner Villa, mit Blick auf das Lager. Linker Hand geht es weiter: in die Gaskammer des Stammlagers.

Hier kommt Karl Fritzsch ins Spiel, Sohn eines Ofenbauers und später SS-Hauptsturmführer in der Funktion eines Schutzhaftlagerführers. Er testete 1941, während der Abwesenheit des Lagerkommandanten Höß, erstmals das Insektizid Zyklon B als Tötungsmittel. Das Nervengas wurde eigentlich und auch überwiegend für Ungezieferbekämpfung benutzt, doch nun wurde es an sowjetischen Kriegsgefangenen ausprobiert.
Die Leichenhalle, durch welche uns auch der Rundgang führt, wurde zu einer Gaskammer umgebaut und so lange betrieben, bis die Gaskammern in Auschwitz-Birkenau einsatzbereit waren. 1944 wurde sie zu einem Luftschutzbunker umfunktioniert. Nach dem Krieg wurde die schändlichste Verwendung anhand von Zeugenaussagen rekonstruiert und die Doppelmuffelöfen des Krematoriums wieder aufgestellt.

Auschwitz-Birkenau
Das war der „verträglichere“ Teil der Führung. Wir fuhren mit dem Shuttlebus in das nahe gelegene Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Jeder kennt das Bild von Stanisław Mucha: der Lagereingang, die Schienen, die Emaille-Töpfe im Schnee. Mehr als 70 Jahre später stehe ich an derselben Stelle.

Rund 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz ermordet. Etwa 900.000 davon direkt nach Ankunft vergast. Ausnahmslos: Kinder. Alte. Kranke.
Nur Zwillinge oder Menschen mit besonderen körperlichen Merkmalen – etwa Iris-Heterochromie – wurden herausgegriffen, meist für Mengeles Experimente, was praktisch ebenfalls den Tod bedeutete, nur nach vorangegangenem Leid.

Fotos des sogenannten Auschwitz-Albums sind auf Stelen bei der Rampe zu sehen. Die Originalfotos werden heute in Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte des Holocausts und des Heldenmuts, aufbewahrt. Die Fotos zeigen den kompletten Prozess: Ankunft in überfüllten Viehwaggons, Selektion an der Rampe, Eigentumsverwertung, Weg zur Gaskammer.
Die Bilder sind mit diesem Wissen schwer zu ertragen. Dem Wissen nämlich, daß jedes einzelne Kind auf diesen Fotos in wenigen Stunden tot sein wird. So wie jedes Kind, das jemals nach Auschwitz-Birkenau kam. Jedes einzelne Kind.

Es gibt weitere Fotos, heimlich aufgenommen von Mitgliedern des Sonderkommandos.
Diese Männer – arbeitsfähig eingestufte Juden – mussten ankommende Menschen begrüßen, beruhigen … und in die Gaskammern führen. Danach mussten sie die Leichen durchsuchen, Goldzähne ziehen, Haare scheren und die Körper in die Öfen verfrachten.
Eine besonders grauenhafte Aufgabe dürfte es gewesen sein, die Massengräber zu öffnen und die darin verscharrten Leichen in die Öfen den Öfen zuzuführen.
Nach einer gewissen Zeit wurde das Sonderkommando selbst sonderbehandelt und durch ein neues Kommando ersetzt.
Das Vergasen – wie auch die Sonderkommandos – wurde nicht zuletzt erdacht, um den SS-Leuten „das Leben erträglicher zu machen“. Das Erschießen großer Menschenmengen galt als psychisch zu belastend für die SS. Das Einwerfen einer Zyklon-B-Kapsel war es offensichtlich weniger.

Einer dieser Transportwaggons steht auf den Gleisen und uns wird geschildert, wie diese Zugfahrt abgelaufen ist. Uns wird erklärt, daß etliche den Transport ohnehin nicht überlebten, daß sie erstickten, verdursteten, verhungerten. Uns wird erklärt, daß die Menschen in ihrem eigenen Dreck, neben und auf Leichen standen – nur um schlußendlich ohnehin zu sterben.
Was mir unerklärlich war in diesem Moment, das waren jene quicklebendigen Menschen vor Ort, die es für eine gute Idee hielten, sich just vor diesem Waggon fotografieren zu lassen, mit breitem Grinsen, mit Duckface oder mit einer sonstigen absurden Insta-Pose. Unbegreiflich.

Wir gehen weiter. Links und rechts Ruinen von Barackenfundamenten und Schornsteinen. Der Lagerbereich umfasste knapp fünf Quadratkilometer und etwa 600 Baracken.

Manche wenige Bauten blieben erhalten, manche wurden restauriert und weiterhin denkmalpflegerisch konserviert. Ausgelegt für je 500 Menschen, tatsächlich oft mit bis zu 1.000 belegt. Keine Dämmung, kein Boden, kaum Wasser, wenige Fenster.
Man schlief zu viert oder fünft auf einer Pritsche – und wachte neben den Toten der letzten Nacht auf.

Wir erreichen das Zentrum der Vernichtung. Vier Gaskammern mit angeschlossenen Krematorien gab es zuletzt in Birkenau. Beim Rückzug der Deutschen wurden sie von der SS gesprengt.
Ankunft. Selektion. Gas. Verbrennung. Nächster Zug.
Eine Fabrik des Todes.

Es ist anzumerken, daß die Öfen keine Bestattungsöfen waren, sondern eigens für schnelle Massenverbrennung konstruiert wurden.
Das Unternehmen J. A. Topf & Söhne tat sich hier nicht nur als gewissenhafter Lieferant und Mitwisser hervor, sondern auch, ganz im Sinne der deutschen Ingenieurskunst, als Optimierer.
Am 4. November 1942 stellte das Unternehmen unter der Nummer T 58240 Kl. 24 beim Reichspatentamt Berlin den Antrag auf ein Patent eines Durchlaufofens für die Massenverbrennung von Leichen. Der Patentanmeldung ist zu entnehmen, dass zumindest der zuständige Ingenieur Fritz Sander über den geplanten Verwendungszweck Bescheid wusste.


Der Rundgang endet. Jeder von uns hat unendlich viele Fragen, aber niemand hat Antworten. Die meisten bleiben stumm.

Eine Frau bedankt sich bei unserem Guide und bricht in Tränen aus. Ich sehe Betroffenheit, Trauer, Ratlosigkeit ob des Unbegreiflichen.

Wenn man Auschwitz besucht, denkt man unweigerlich darüber nach, wie so etwas passieren konnte. „Im Anfang war das Wort,“ heißt es in der Bibel. Es beginnt mit der Sprache.
Ich habe diesen Artikel – wie eingangs erwähnt – rund zwei Jahre nach meinem Besuch verfasst. Diesen Absatz etwa am 08.08.2024.
Es ist eine Zeit, in der Europas rechte Parteien an Stärke gewinnen, Zulauf bekommen, wählbarer werden. Die FPÖ steht aktuell bei rund 30 Prozent für die im Herbst stattfindende Nationalratswahl. Bei der EU-Wahl fanden es rund 25 Prozent (bei ca. 56 % Wahlbeteiligung) wünschenswert, von der FPÖ vertreten zu werden.
Die FPÖ: jene Partei, die seit Jahren mit Worten aufrüstet.
Herbert Kickl forderte zu seiner ruhmlosen Zeit als Innenminister 2018, Flüchtlinge „konzentriert“ unterzubringen. Die Wortwahl fiel nicht auf gesammelt oder gemeinsam oder gebündelt, nein, das Wort mußte unbedingt „konzentriert“ sein.
Eine seiner ersten öffentlich spürbaren Amtshandlungen: die Umbenennung von Erstaufnahmezentren für Asylwerber in „Ausreisezentren“.
„Für die Zukunft darf ich Ihnen versprechen, daß ein freiheitlicher, vom Volk getragener Bundeskanzler und ein freiheitlicher Präsident des Nationalrates die Interessen all jener Österreicher vertreten wird, die die rot-weiß-roten Werte einer christlich-abendländischen Kultur leben und sich nicht an den bunten Irrlichtern des internationalen Zeitgeistes orientieren.“
Herbert Kickl in einem offenen Brief am 15.06.2023
„Wenn ich als rechtsextrem beschimpft werde, dann trage ich diese Beschimpfung wie einen Orden.“
Herbert Kickl in seiner Rede beim Neujahrstreffen 2024.
Herbert Kickl will „Volkskanzler“ werden.
Es ist keine leichte Zeit. Gestern wurde in Wien die Taylor-Swift-Konzertreihe aufgrund einer unmittelbaren Bedrohung durch IS-Anhänger abgesagt. Es ist noch immer die Zeit der sogenannten Flüchtlingskrise. Eine Zeit, in der man gefühlt wöchentlich über Messerstechereien liest, mutmaßlich von Asylwerbern begangen.
Nein, das ist nicht das, was ich unter dem europäischen Gedanken verstehe.
Nein, das ist nicht das, wofür die Genfer Flüchtlingskonvention geschaffen wurde.
Nein, das ist nicht das, was die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte schützen möchte.
Die Sprache wird zunehmend vergiftet – und hier muss man einen mahnenden Vergleich ziehen zu damals.
Zu einem Damals, in dem Propaganda „die Juden“ schrittweise entmenschlichte, zu Ungeziefer erklärte und schließlich mit Insektizid im industriellen Maßstab ermordete.
Und ich ziehe den Vergleich zu einem Heute, in dem Propaganda „die Asylanten“ unisono zu vergewaltigenden, mordenden Schmarotzern erklärt.
Nein, natürlich kommen nicht alle Asylwerber mit besten Absichten. Je nach Nachrichtenlage und Kriminalitätsstatistik bin selbst ich geneigt zu sagen, dass relativ viele es nicht tun.
Aber es wird nach „Asylstopp“ gerufen, es werden Menschenrechte infrage gestellt.
„Denn der Begriff Menschenrechte ist mittlerweile schwammig. Was ist denn überhaupt ein Menschenrecht? Das müsste man einmal klären. Ich unterscheide zwischen Staatsbürger und Nichtstaatsbürger.“
Udo Landbauer, FPÖ.
Es wird offen „Remigration“ gefordert.
Ich finde es erschreckend, welche zutiefst negative Aufladung das Wort „Asylant“ alleine in den letzten Jahren erfahren hat. Und es ist erschreckend, selbst ein klischeehaftes Bild davon im Kopf zu haben.
Ich wünsche mir Abrüstung der Worte und eine strenge, aber konstruktive Politik. Und eine Diskussion, die endlich wieder unterscheidet zwischen Asylwerber, Flüchtling und Migrant.
Mein Zugang: Österreich ist ein Rechtsstaat – also hat es sich an rechtsstaatliche Verpflichtungen zu halten. Österreich kann ein strengerer Rechtsstaat werden, meinetwegen – ich befürworte das sogar in Bezug auf Kriminalität, Terrorismus und Fanatismus.
Aber:
Ein Mensch ist ein Mensch, und ein Menschenrecht ist eines jedes Menschen Recht.
All meine Gedanken hier weiter auszubreiten, würde den Rahmen sprengen. Frei nach Fred Sinowatz, ohne politischen Hintergedanken: „Es ist alles sehr kompliziert.“
Belassen wir es damit, dass ich persönlich niemals in die Verlegenheit kommen möchte, behaupten zu müssen: Davon habe ich nichts gewusst.
Denn ich weiß, wohin Propaganda führen kann – und dorthin möchte ich mich nicht verführen lassen. Ich möchte nie sagen müssen: Das ging mich nichts an.
Denn es geht mich etwas an. Es geht jeden einzelnen Menschen etwas an.
Die Hauptkriegsverbrecher, sofern man ihrer habhaft wurde, wurden wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt.
Menschlichkeit – das ist das, was uns Menschen ausmacht oder zumindest ausmachen sollte.
Seien wir also menschlich – im positiven Sinn –, auch wenn die in Auschwitz allgegenwärtige Dunkelheit ein Teil des menschlichen Charakters zu sein scheint.
Leuchten wir die Dunkelheit aus, leuchten wir das Dunkle an und vertreiben wir es.
Damit wir NIE WIEDER eine Gedenkstätte wie Auschwitz brauchen.


















