Archiv der Kategorie: Lyrik

[Lyrik] hautentfremdet

hautentfremdet

hautentfremdet: deine
zunge im
eifrigen mund, der
spuckt worte aus,
geschärft über trocken-
gesturmte lippen.

geschürft war: deine
haut, dein verständis
gekratzt; du: verhärtet,
doch rissig.

lass mich sickern
durch deine
sturmvergrämte haut,
von innen wirken
lass mich
wie nektar, süß
dich erfüllen; heilen
lass mich
was heillos
wund ist.

© jh 2002-2003

[Lyrik] system kältetrauma

system kältetrauma


akt I : gegenwartsblicke


durch hüllenlose steinwüsten

metropole in nacht getüncht
impressionistische farbflecken
flackern auf & brennen durch

der graue nachtschwärmer –
verlassen von ihrem du & es
& seinem ich im wir alle sie

kalte arme mit eisernen klauen
kratzen an seiner weißhaut &
reißen kleine spalten in steinquader

betonstahlriesen umzingeln
& beengen seitumwärts
die kleinen organismenschen

höhnende augenmengen starren
& tiefschwarze mäuler wispern
woher kommt das eis im geiste?

 

nebellungen

schattentanz & nebelgeister
neonlichter zerstechen die iris
werfen schleier über die welt

streifzüge unter glitzerketten
hohle egospiegel streifen
durch düsterdunkle gassen

nadelarme lungern leise
warten still auf antwort –
die frage wurde nie gestellt

rauchschwaden aus unter –
welt des gestern morgen
greifen heute nach den dürren

totentänzer balancieren
auf den eisenbalken die das
ewig endliche bedeuten

kleine wolfsjungen fressen –
reißen andersfleisch entzwei –
zerfetzen das bin ich nicht!

rotaugenblut ausgespuckt
aus napalmlungen tiefster
grund – der tod des zeitlich

gebückt unter wenigkeiten
hasten hoffen glaubensmüde
auf riß im zeitraumkontinuum

welpenleichen vom rattenkönig
zerfleischt – sieg über uns andere
nebeltanz & schattengeister

 

geschwür

poesiegeschmier
an dreckigen
u-bahn-schächten

künstlerpack
im dunkelgrauen
untergrund

zukunftsvisionen
an rotbraunen
eisenbahnwagons

stahlkolosse –
blechgeschosse
& genosse angst
im augenweiß

wo ist leben?
wo ist wahrheit?

an geschlachteten
litfassäulen –
im milchigen leib der
nackten hure –
in junkienadeln –
weinflaschen –
bücherleichen?

poesiegeschwüre
im dunkelgrauen
untergrund

 

flucht nach

die götterbauten sind
leergefegt – oxidierter
sakralmüll & zersetzende
gebetsbücher

die konsumtempel sind
aufgefüllt – glamouröser
modemüll & rasante
extaseträger

die wissenräume sind
vergammelt – statische
nichtdenker & lethargische
nichtlenker –

der wollende
seht frei –
zum abschuß –
flucht nach
zurück


akt II : zukunftsblicke


wegfährten

einbahnstraßen
keine wiederkehr
nur wiederholung
im kreisverkehr
gefangen

erkenne mich selbst
nicht mehr
habe mich verloren
was soll ich tun?
brandstifter der ewig brennenden fragen
moral und ethik und gewissen
puppenartige tänzer zwischen den sphären
hier und jetzt und gestern
weggefährten auf dem gang ins sanatorium
gut und böse und gesetz

 

grüne lunge atemlos

blattwirrwarr
astgeflecht

motorheulen
treibgasluft

grün
ein abnormer
punkt
auf dem
stadtplan

 

gedankliche nichtexistenz

eine parkbank –
altblätternde farbe
ohne kenntnis ihrer selbst
zwei buchen –
flankenartig engend
spinnen knorrige netzdächer

ich sitze –
vergessene bucht
der absoluten melancholie
weites feld –
karge trostlosigkeit
begrenzt durch nebeliges nichts
nicht weitergehen
nicht zurück
stehend im jetzt
zurück vergeht
vorwärts lockt
konfuse quälerei
meine haut
beinahe eisig erstarrt
dunkelblaue
greifinstrumente streiken
hoffen auf das leidlose ich

ein sitzender –
gesenkter hirnschrein
ohne kenntnis seiner selbst
zwei geister –
flankenartig engend
spielen mit zu großem einsatz

 

wegloses irren menschlicher perfektionen

panik
rausch panik
panik rausch
rausch

ziel
außer augen
augen außer
augen

ziel
los!

 

gruß des hoffnungsschlägers

ausgespuckte weisheitstürme –
heimatlos & kampf ums hier
thront auf einem müllberg stolz
der mann der stets nur lebte

nicht wer bin ich nicht
wer war ich nicht
wer soll ich sein
was soll ich tun

nichts als nichts
das dunkle ziel – das nebellos
gezogen

nicht das nichts
das moderpack – im treibsand
verloren

nicht denken
was soll ich denken
nichts als denken nichts
als weitergehn und nichts
als nicht umdrehen
nicht denken

 

spiegelbildnis

das kleine loch
in einer mauer aus grell
eröffnet mir unterschlupf in schwarz
so spärlich morbid
in perfider art des grauens
im hirn des eisdenkers

spiegel-
bildnis eines egolosen ichs
wasseruhr als zeitobjekt
der immer größer werdende
eisbrocken auf dem grauen boden
zeugnis der vergangenheit

ich bin nichts
mein leben ist nichts wert
was bin ich denn im steten fluß
der aktionen und reaktionen
und revolutionen und aggressionen
und multiideologischen kopulationen?

mein leben ist ein eisobjekt
im schmelzen begriffen
zum schmelzen auserkoren
ich bin die schmelzende seele
ich bin eis
eine skulptur
aus
eis

 

schattenwand

komm zu mir
reiche mir die hand
und führe mich in die schatten
nimm mich mit
tod – teufel – frau in weiß
ein kuß nur und ich sterbe gern
ein kalter gruß
absolution für leben
der eingang in die vergessenheit

 

starre

es ist
so kalt
hier so
kalt und
es ist nicht
es ist wie
gletscher
eis das
langsam
fließt
doch
friert
es ist
starre

 

kälte weiß

nichts mehr fühlen
können – wollen –
müssen
blauschwarze ober-
fläche – haut
gestählt
gedankenkreis durch-
brochen – kein
spiralband
nur mehr eiskristall
gedankenfraß
hauchstille
die frau in weiß hat
mich erhört &
ich warte
nicht mehr lange auf
das leidlose Ich
es ist nicht
es war

wenn die kälte nicht mehr weiter weiß


© jh 1997-2003 [Lyrik] system kältetrauma weiterlesen

[Lyrik] ihr dichter!

ihr dichter!

ihr dichter,
die ihr bläut so kryptisch,
wie liebt ihr doch
verdachte nächte!
wie ihr wiegt
die schatten, rhythmisch;
und eure gläser roten weins!

ihr dichter,
die ihr blauäugt arglos,
wie schwelgt ihr
doch in hellem licht!
wie ihr trinkt
so blumend sorglos,
aufs faktum eures dichterseins.

ihr dichter,
die ihr nebelt magisch,
wie fläut ihr doch
im nachtverschlag!
wie ihr ritzt,
erpicht archaisch;
mediävale zeichen ein.

ihr dichter,
die ihr blickt so zeitlos
wie geilt euch doch
das altbewährte!
wie ihr wandert,
stumpf und scheulos,
auf pfaden einst’ger wanderein.

© jh 2002

[Lyrik] italienische reflexionen

italienische reflexionen

deine schmerzlich schöne melodie
hat sich in meiner rinde eingenistet
und treibt ihre spitzen wurzeln
weiter in die untiefe meines ichs

unter fließenden lichtperlen
hast du sie lächelnd gesummt
und als sie linkswärts abtauchte
stand ich dort und sog sie auf

nun verschwimmen meine welten
und ausgeraucht schleichen leere
erinnerungen hinter mir her
wie träume im morgentaumel

– du hast deine zigaretten vergessen

ich habe die zeit gezählt
die auf den schäbigen
tapeten meines hotelzimmers
auf und abwärts kroch

unter venezianischen brücken
treibt die letzte blüte der saison
ich spinne graue spiegelbilder
im trüben wasser und wünsche
ich wäre ein stachel in deinem fleisch

– verinnerlicht von dir

flüchtige blicke zu dem abgewetzten himmel
erhasche ich durch sihouetten verwahrloster
herrenhäuser deren oberfläche genau so
abgebröckelt ist wie meine innenseite angenagt

und sie nagt weiter
höhlt mich stetig
weiter aus
baut höhlen
in mir
legt eier –
larven schlüpfen
genährt von
gedankenbrocken

in enggerückten gassen
kann dir der himmel nicht
den kopf verschleiern

die nähe der kalten mauern
wohl aber die brust schnüren
und den geist engen
und die augen schärfen:
das ziel hinter der biegung

– entrückt schrittlich weiter aus dem sichtfeld

du die flüchtige
lauerst hinter jedem strauch
in parks fern von menschen
in kirchen fern von glauben
in booten fern von kurs

– eine theatralische träne vor dem haus goethes
– fällt kopfüber in flüsterndes wasser
– vermischt sich mit den seufzern von jahrhunderten
– die mir die worte aus dem mund entwenden

ein letztes augenzwinkern
werfe ich dir zum abschied vor die füße
deiner geisterhaften gegenwart
die sich ein unabwendbar letztes mal
in meine netzhaut säuregleich brennt

– ich winke einem schatten zu
– der über eine hauswand schneit

und dann
schmerzhaft schnell

der dramatische schneevorhang
am ende des dritten aktes

ich lasse dich dort
bei palästen und
heiligen plätzen

dort gehörst du hin

© jh 2002-2003

[Lyrik] das grauen namen

das grauen namen

unser aller #2

es schleicht sich an
aus dunklen winkeln.
es seilt sich ab
von schwarzen wolken.
aus blasphemischen knospen
entströmt es! –

sekret – kondens.
es nährt die armen,
die allzu leidenden,
die allzeit jetzt sterbenden.
er nährt es.
und sie laben sich,
so königlich, ein mal;
am saft! am saft!
sekret. kondens.

aus umrandeten augen
sticht es.
aus lästernden mündern
strömt es.
es nährt uns. es süchtigt uns.
es ist uns.

unser aller
grauen namt nicht.
naht.

das grauen namen

grauzone, diffuse menschen,
unscharfe portraits.
das universale spiegelbild,
verschmutzt.

diffuse menschen,
ihr grauschild als banner.
diffuse menschen
als grauschilds prophet.

grauschild,
verdammtes!

früher nächtens,
heute tags,
beschleiert grauschild
denk & tat.

nicht nächtens graut es
dämmert täglich
wächst es
quillt hervor!

grauen namt nicht,
grauen sickert,
grauen nährt und
lähmt.

das reine schöne:
unansehnlich.
ist alpgelebt als
zeitend anzusehen.

nicht wann
nur dass
und wir.

unser aller
grauen namt
nicht.

naht.

© jh 2002

[Lyrik] tauchgang

tauchgang

ich tauch hinab : das Grab des Lichts
schwerelos und frei von Flügeln
steig hinab in Hades mein.
Kerberus leckt seine Fänge

kein Boden unter Füssen
die nicht sind wie Füsse sind
sind plump sind träge
kein Gefühl wie Wärme Kälte
nur da sie noch als Glieder
die nach ich schleife hinter mir

krieche so durch seh ich nicht
und hör sie kommen:
klein vor Augen speerbewaffnet
wilde Gesten Kriegsgeschrei
und ahnungsvoll am Boden liegend
Körper mein der nicht gehorcht

umschlungen werden von Girlanden
Myriaden von insektengleichen Fühlern
fühlen mich ich fühle sie
wie geifernd sie sich in mich nähern
schlingen sich hinauf:
durch Nase Mund und Augenhöhlen

sie kleben an sich an mein Hirn
die Masse die die Träume birgt
die Schale des Verstandes mein:
ist angezapft wird ausgelaugt
von saugend hungrig Monstern
die selbst ich einst erschuf
als ich mich glaubte da zu sein:
in Sicherheit Zufriedenheit.
doch nur die Erde weiss wohin

gar wild sie spuckt um sich
und ich mit Schleim besprüht
noch immer liegend
Opfer von den Kriegern werden
die stets weiter noch sich nähern
aber leiser werden sie
mit jedem Schritt in Richtung mein

eingesogen in die Erde
die ich dachte die mich träumt
kein Bild trügt Geist mehr
Höhlenzauber ist vergessen
sie ist es es ist hier unten
und in dieser Tiefe da
kein Krieger kommt zu holen mich
oder was er an mir gedacht

halbverdaut und durchgewrungen
schreckt der Traum aus Traum aus Traum
alle Krieger wieder lauter
nehmen ihre Chance wahr
und jagen sichten schiessen schreien
bis zur allernächten Stunde
wenn zur Erde werde ich

Ich : Dämmerung

© jh 2002-2003